TSCHECHIEN Heldengeburt an der Moldau
Oben, hinter dem Eisengitter im ersten Stock, steht er im Fensterrahmen - ein kleiner, bärtiger Mann in grün-braun gefleckter Armeehose, die Arme in Siegerpose himmelwärts gestreckt. Unten stehen Menschen, die ihm zujubeln. Der Bärtige spricht mit starker Stimme zum Volk: »Wir bleiben unbeugsam. Wir arbeiten weiter. Bleiben Sie mit uns, wir sind mit Ihnen.«
Die Menschen klatschen. Ein roter Plastikeimer mit Proviant wird am Seil hochgezogen wie in eine belagerte Festung. Der Kommandant in der Armeehose nimmt ihn entgegen und dankt.
Adam Komers ist Sprecher und Verhandlungsführer der Redakteure des tschechischen Fernsehens (CT), die am 23. Dezember begonnen haben, sich im Nachrichtenraum zu verschanzen. Weil sie unter ihrem neuen Intendanten nicht arbeiten wollen, weil sie für Pressefreiheit sind, für Meinungsfreiheit, für Freiheit überhaupt. Sie filmen sich gegenseitig beim Ausharren und senden davon Bilder an die Nation. Jetzt, am zwölften Tag des Konflikts, sehen sie schon aus wie Sieger.
Im öffentlich-rechtlichen Programm bleiben wiederholt die Bildschirme schwarz. Ein Text verkündet dann, dass der Intendant die Behörden um Auskunft bitte, »welches Programm des Tschechischen Fernsehens« legal und autorisiert sei - seines oder das der Rebellen. Verfolgungswahn? Ausgerechnet auf den Prager Kavcí-Bergen, am Sitz der Fernsehleute?
Wer hinauf will zu Adam Komers und seinen Kollegen aus der Nachrichtenredaktion, der muss ein Sperrgitter überwinden sowie sechs vom Intendanten bezahlte, aber nur mäßig kriegerische Herren mit Sheriff-Stern an der Uniformbrust. Dann öffnet sich eine Eisentür. Die TV-Nachrichtenzentrale des Nato-Mitglieds und EU-Aspiranten Tschechien ähnelt einem Rebellenlager.
Hinter den Moderatoren, die live Nachrichten verlesen, hat sich todernsten Blicks das Redakteurskollektiv aufgebaut wie ein Sandinisten-Kommando im Rücken der Contra-Geisel. Auf einem gegenüberliegenden Bildschirm ist eine andere Moderatorin zu sehen. Auch sie verliest Nachrichten - jene des Intendanten-Lagers. Kabelnutzer sehen das Rebellenfernsehen, über Antenne kommt Mainstream.
Der Charta-77-Unterzeichner Jan Urban, der smart und grauhaarig als väterlicher Ratgeber das Rebellenlager durchstreift, hat schon massivere Attacken auf die Meinungsfreiheit erlebt als die Bestellung eines Fernsehintendanten, der mit Václav Klaus, dem Chef der konservativen Partei ODS verbündet sein soll. Urban ist trotzdem hier - weil er glaubt, dass Klaus und der sozialdemokratische Regierungschef Milos Zeman mit Hilfe des neuen Intendanten das öffentlich-rechtliche Fernsehen abschaffen wollen.
Aber muss als Reaktion gleich ein Aufstand dieses Kalibers inszeniert werden? Urban, nach Václav Havel einer der großen Führer der Samtenen Revolution, blickt duldsam durch das, was auch Tschechen inzwischen »newsroom« nennen, und sagt über die mehrheitlich in Socken herumwieselnden Redakteure: »Die waren alle blutjung, als sie hier angefangen haben. Sie haben diese Krise gebraucht.«
Die Krise ist offensichtlich. Die Gründe dafür sind es nicht. Jirí Hodac, der neue Intendant, ist von seinen Bodyguards bewusstlos nach einem Schwächeanfall in der eigenen Wohnung gefunden worden und derzeit abgetaucht im Krankenhaus.
Kaum einer in Prag kennt Hodac, fast jeder weiß etwas. Ein Freund von Herrn Klaus, sagen die meisten. Václav Klaus war Premier und ist jetzt in der Opposition. Er will Präsident werden.
Das ist derzeit noch Václav Havel. Der mag Herrn Klaus nicht und auch nicht Herrn Zeman, den sozialdemokratischen Minderheitspremier von Herrn Klaus' Gnaden. Herr Klaus und Herr Zeman dulden einander aus politischer Vernunft und verachten gemeinsam Journalisten, die dieses unappetitliche Verhältnis beschreiben.
»Die tschechischen Journalisten - intellektuell unterentwickelt - führen sich zwar auf wie die Wachhunde der Demokratie, sind in Wahrheit aber nur degenerierte Straßenköter«, hat Herr Zeman unlängst kundgetan. Herr Klaus hat Ähnliches, aber immerhin eleganter zum Ausdruck gebracht. Im Fernsehrat dürfen unbedarfte Parteigänger beider Lager den Intendanten des öffentlich-rechtlichen Fernsehens bestimmen.
Hodac, ein Mann mit Leninbart und Halbglatze, ist im Dezember zum dritten CT-Intendanten binnen eines Jahres ernannt worden und hat die Krise nicht verschuldet. Schlimmstenfalls ausgelöst. Hodac hat Auslandserfahrung als BBC-Reporter und im tschechischen Fernsehen seiner ruppigen Art wegen wenig Freunde. Als Nachrichtenchef feuerte er einen inkompetenten Kollegen, als Intendant hat er knapp zwei Dutzend der rebellierenden Redakteure den Laufpass gegeben.
Traf es Kämpfer für die Pressefreiheit? Der ehemalige Dissident Václav Zak, heute Chefredakteur des Intellektuellenblatts »Listy«, sagt: »Vor 1989 gab es keine Journalisten im Fernsehen, nur Vorleser. Also mussten danach die 20-Jährigen her. Sie waren gegen Kommunismus, also zuallererst für Havel.« Später haben die jungen Redakteure mehrheitlich den Thatcheristen Klaus gestützt - den schnellen Weg zu Freiheit und Wohlstand im Auge.
Spätestens 1998, als Klaus seinem Rivalen Zeman ins Amt verhalf, fand in der Nachrichtenredaktion ein neuer Schwenk statt - weg von Klaus, hin zur oppositionellen Vier-Parteien-Koalition, einem Zusammenschluss von ehemaligen Bürgerrechtlern, Christdemokraten und Liberalen.
Ausgewogene Berichterstattung, sagen Kritiker, habe es nie gegeben. Und der Journalistikprofessor Jan Culik zieht ironisch den Hut vor jenen Redakteuren, »die jahrelang nicht fähig waren, eine kritische Analyse« maßgeblicher Politiker zu Wege zu bringen, und nun den Coup landen, einen »internen Arbeitsstreit in eine politische Krise« umzudeuten: »Es gelang ihnen, den Eindruck zu vermitteln, als ob sich wieder der November 1989 abspiele.«
CNN, ARD, ZDF, alle filmen derweil, wie die Kinder der Revolution von 1989 kameratauglich klarmachen, dass sie sich nicht fressen lassen - eingebunkert zwischen Schlafsäcken, Limoflaschen und Chemieklos der Marke toitoi. »Sie wollten ihren Intendanten nicht. Aber allein damit hätten sie keine 100 000 Menschen auf den Wenzelsplatz gebracht. Also mussten sie sich was anderes einfallen lassen. So kamen sie auf die Idee mit der bedrohten Pressefreiheit«, sagt der alte Bürgerrechtler Zak.
Diese Krise erzählt mehr über das Volk als über das Fernsehen. Auf dem Wenzelsplatz war am vergangenen Mittwoch vieles wie zur Zeit der Revolution, nur ging es gegen neue Technokraten, nicht gegen alte Kommunisten. Es gab wieder die vertrauten »Freiheit«-Rufe zu Füßen des steinernen Heiligen aller Tschechen, es gab wieder Wenzelshymne und Warnung vor der »Arroganz der Macht«. Der Drehbuchautor des mit einem Oscar ausgezeichneten Films »Kolya«, Zdenek Sverák, hat ausgerufen: »Wir sind aufgewacht. Guten Morgen, ihr Bürger!«
»Es gibt Dinge, für die lohnt es sich zu leiden«, hat der 1977 ermordete Dissident Jan Patocka gesagt, doch auf dem Prager Mythenbazar ist die Schwelle, jenseits derer gelitten werden darf, inzwischen gesunken. Benebelt vom revolutionären Pathos, büßt mancher mit dem Durchblick: »Ein Konzentrationslager« statt ordentlicher Arbeitsbedingungen sei ihm bereitet worden, sagt ein TV-Redakteur.
Selbst der einst ziseliert urteilende Präsident Havel scheut längst grobes Kaliber nicht mehr und nennt die Bestallung des Intendanten Hodac eine Analogie zur Machtübernahme der Kommunisten 1948. In der spontanen Heldengeburt an der Moldau, im Widerstand der Fernsehredakteure gegen das System, glaubt er hingegen die Idee seiner Bürgergesellschaft erneuert. Wäre es so, wäre es schön.
Havels Intimfeinde Zeman und Klaus, Anhänger einer Parteiendemokratie, die dem Bürger nur alle vier Jahre das Wort erteilt, tun inzwischen alles, um den lodernden Volkszorn zu löschen. Ein neues Mediengesetz soll her, am besten schon diese Woche. Der Fernsehrat soll unabhängiger von den Parteien werden. Soll.
»Das Ergebnis der gegenwärtigen Krise wird zeigen, wie weit wir uns dem zivilisierten Europa angenähert haben«, sagt der ehemalige Dissident und Außenminister Jirí Dienstbier. Skeptisch verweist er darauf, dass auch »rechter Bolschewismus« zum Erbe des alten Regimes gehöre.
Adam Komers, der kleine Kommandant in der Armeehose auf dem Fernsehgelände, war drei, als die Tschechen 1968 Blumen auf die linksbolschewistischen Panzer warfen, und er war 24, als er unter hunderttausend anderen mit klingelnden Schlüsselbunden den Abschied der Kommunisten eingeläutet hat. Jetzt steht er selbst im Mittelpunkt, und die Schlacht, die er gewinnen will, soll nicht umsonst geschlagen sein.
»Ich hoffe, dass das, was jetzt hier auf den Straßen passiert, neue Leute in die Politik bringt«, sagt der kleine Kommandant: »So wie damals bei Havel.«
RENATA HANUsOVá, WALTER MAYR