Helgoland: »Alltid en kocks bi« - DER SPIEGEL
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Helgoland: »Alltid en kocks bi«

Die Helgoländer sind in zwei Lager zerstritten. Sollen »Festländer« auf ihrem Nordsee-Felsen ein Hotel bauen oder nicht? Die Insulaner bangen außer um ihre gute Luft vor allem um Privilegien und Pfründe. Von »Machtrausch« der regierenden Sozialliberalen ist die Rede und von »Erpressung« durch eine Hamburger Reederei.
• aus DER SPIEGEL 17/1981
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Wenn Henry Kaufmann, Juwelier auf Helgoland, abends seinen Safe verschließt, lagert darin neben Perlen und anderen Pretiosen einbruchsicher auch der »wahre Bürgerwille": in einer Ledermappe gesammelte Unterschriften wahlberechtigter Insulaner.

Bis vorige Woche waren es schon 644 an der Zahl und damit bereits mehr als halb so viele Stimmen wie bei der letzten Kommunalwahl auf dem Buntsandsteinfelsen für die Parteien abgegeben wurden.

Denn daß der Wille der Bürger längst nicht mehr im Rathaus hochgehalten wird, ist für Kaufmann und jene Felsenbewohner, die seiner »Helgoländer Bürgerinitiative« ihre Unterschrift gaben, ausgemacht.

Dort, wo die SPD (mit acht von 17 Sitzen größte Fraktion) im Verein mit Liberalen (drei Sitze) das Sagen hat, ist man vielmehr »ganz offenbar blindem Machtrausch erlegen« (Initiative-Flugblatt), herrscht gar eine »Mehrheitsdiktatur«, so Helmuth Nöckel, in einer Person Herausgeber, Setzer und Drucker der je nach Aktualitäten-Anfall erscheinenden »Helgoländer Zeitung«, Sprachrohr der Insel-Apo.

Juckepunkt ist der: Die Mehrheit im Gemeinderat will auf dem »Nordostland«, einem aufgeschütteten Terrain am Fuß des Inselfelsens, von einem auswärtigen Konsortium -- bestehend aus der Hamburger Hadag Seetouristik und Fährdienst AG, der Maritim-Gruppe sowie zwei Brauereien -- ein Hotel bauen und betreiben lassen. Die Mehrheit im Panzerschrank dagegen fürchtet sich vor dem -- mit voraussichtlich 200 Betten nach Inselmaßstäben -- Großhotel wie vorm Klabautermann.

Nicht nur daß, wie Nöckel recherchierte, sein »Küchendunst mit seinen mitgeführten Sinkstoffen« vom Unterland her übers Oberland -- der bis zu 62 Meter ragenden rostigroten Klippe mit dem Leuchtturm, der Kirche und den meisten Helgoländer Wohnhäusern darauf -- wabern würde und dort beispielsweise die windzerzausten Schrebergärten ruinieren könnte.

Nicht nur daß durch »ein seelenloses Las Vegas«, wie Kaufmann das sechsgeschossig geplante Gebäude schon jetzt dastehen sieht, ein »einmaliges Fleckchen Erde« Schaden nähme, das bislang vorwiegend mit dem Sozialen Wohnungsbau aus der Wiederaufbauphase der zerbombten Insel vollgestellt ist.

Doch der überproportionale Anteil etwa von Zimmervermietern unter den Hotelgegnern läßt es leicht erraten: Es geht auch um Privilegien und Pfründe, in die sich die Inselfriesen von Fremden nicht gern hineinpfuschen lassen, und ein »Hadag-Staat auf Helgoland«, den Kaufmann und die Seinen mit dem Hotelbau kommen sehen, ist darum schon ganz und gar unerwünscht.

Dabei liefe für die Halluner, wie sich die Eingesessenen im schwerverständlichen friesischen Idiom zur Abgrenzung vom niederen Rest der Menschheit, den »Festländern« oder »Leuten vom Kontinent«, gern nennen, allerdings schon heute ohne die Hamburger Staatsreederei vieles nicht mehr.

Die Hadag unterhält beispielsweise die einzige regelmäßige Flugverbindung zum Eiland in der deutschen Bucht. 284 Mark kostet derzeit Hin- und Rückflug von Hamburg; für ein paar Mark mehr könnte man mit Neckermann schon eine Woche nach Mallorca fliegen.

Mit einem Anteil von rund 60 Prozent am Personentransport über See S.69 beteiligt, sorgt die Hadag aber vor allem dafür, daß sich in der Saison Tag für Tag gegen Mittag aus den Seitenpforten auf der Reede schwojender

( Schwojen: Drehen eines Fahrzeugs um ) ( seinen Anker, hervorgerufen durch ) ( Strömung oder Wind. )

Helgoland-Dampfer ein nach Tausenden zählender Strom von Touristen in die Börteboote der Insulaner ergießt.

Dich gedrängt, durchgeschaukelt und bisweilen auch seewassergeduscht haben Besucher in den weißgemalten Landungsbooten den letzten Teil der Reise nach Helgoland zurückzulegen, ob es ihnen nun zusagt oder nicht.

Das Monopol für die strapaziöse Beförderung hat der »Fischerverein Helgoland e. V.«, und über die Gemeindeverwaltung kassiert er von den Dampfer-Reedereien für jeden Passagier, den sie zum Ausbooten dem Zugriff der Fischer überlassen, zur Zeit 3,30 Mark.

Auf die leidige Frage, ob denn das heilige Land, wie der Name Helgoland gedeutet wird, nicht auch bequemer zu erreichen wäre, verweisen die Einheimischen pikiert darauf, schneller als mit den Fährbooten könne man den Besucheransturm kaum bewältigen. Überdies fehle es an ausreichend tiefem und strömungsfreiem Wasser, wo große Seebäderschiffe direkt an Land festmachen könnten. Aber um den Bau einer geeigneten Landungsanlage hat sich wohl auch noch niemand ernstlich Sorgen gemacht.

Schon fast ein Sakrileg begeht, wer ein anderes Vorrecht in Frage stellt, das die Halluner aus alten Zeiten herübergerettet haben, bevor das Deutsche Reich die Felseninsel 1890 bei den Engländern gegen Sansibar eintauschte und die britische Kronkolonie preußisch wurde:

Es ist der Status als Zollausschlußgebiet, der den Boutiquen, Läden mit zoll- und mehrwertsteuerfreier Optik aus Fernost und Duty-free-Shops voll Schnaps und Zigaretten beiderseits des Lung Wai (nordfriesisch für »Langer Weg«, Helgolands Hauptstraße) und der Nebengasse alltäglich ein zwar kurzes -bis die Dampfer am frühen Nachmittag wieder Anker auf gehen --, aber einträgliches Geschäft beschert.

Daß die Gemeinde dabei mitkassiert und Alkoholika wie Zigaretten, und zwar das Stück mit vier Pfennig, mit einer, auch so eine Helgoländer Einmaligkeit, »Gemeindeeinfuhrsteuer« belegt, bleibt Touristen, die sich oft schon vor Ort reichlich mit hochprozentigem Schluck bedienen, meist verborgen.

Vom »Fusel-Felsen« mögen die Helgoländer zwar nichts hören. Doch unstrittig ist: Außer auf schöne Aussicht, mildes Seeklima und die -- noch -reinste Luft über deutschem Boden gründete sich der Inselruf bislang vor allem auf unverzollte Buddeln und Zigarettenpackungen ohne Steuerbanderole.

Nur zu gerne genehmigen sich schließlich auch die Einheimischen selbst einmal einen in den zahlreichen Vereinen und vielen Stammtischrunden, etwa der »Floiter-Taffel«, die alljährlich in der hohen Nordsee einen Karneval ausrichtet, oder auch nur, weil »der Helgoländer ein geselliger Typ ist«, wie Helmuth Nöckel sagt, der als Leiter eines »Archivs für wissenschaftliche Heimatforschung« Insel-Brauchtum und Insulaner-Psyche kennt.

Aber auch archaische Urtriebe treiben den Halluner nach Mutmaßungen des aus Essen Zugereisten an die Theke: S.71 Heil vom Tagwerk auf dem Wasser heimgekehrt, »erfüllt ihn das Gefühl, über die See einen Sieg errungen zu haben, und dann ballert er eben einen«.

Wird auf der geselligen Insel, wo seit 1719 -- als eine Hallunerin die Nachbarin mit der Forke erstach -- kein Mord mehr geschah, schon mal Kriminelles ruchbar, ist denn auch häufig eine Rauschtat zu vermuten: Etwa als dem Wirt vom »Felsenkrug« unlängst Buchstaben seiner Gaststätten-Beschriftung abhanden kamen.

Oder als aus einer Schafherde, mit deren Hilfe der Helgoländer Broder Feddersen für Heilung suchende Heuschnupfer das Gras auf der Insel kurz hält, ein Lamm samt Muttertier verschwand -- Richtung Holland, wie sich später ergab. Niederländische Fischer hatten Schaf und Lämmchen bei einem Inselbesuch auf ihren Kutter eingeschifft.

Doch im Verhältnis zwischen Hallunern und ihren Hauptlieferanten für Inselkundschaft »laid alltid en kocks bi«, ist, sinngemäß ins Hochdeutsche übersetzt, schon immer einiges faul.

Die Fährleute von den Börtebooten fühlen sich traditionell von der Hadag wie auch den anderen Reedereien unterbewertet und meinen, man könnte ihnen für ihre Dienste schon ein bißchen mehr zahlen. Helgolands Gastronomen kam es bitter an, und die Gemeindeverwaltung mußte deshalb sogar schon in Hamburg vorstellig werden, daß Hadag-Besatzungen ihre Passagiere gelegentlich aufgefordert hatten, das Mittagessen statt auf der Insel lieber an Bord einzunehmen: Auf Helgoland hätten sie keine Zeit dazu, und die Lokale wären doch alle voll.

Und selbst Hotelbefürworter empörte es, als Hadag-Chef Jens Jacobsen, weil die Hotel-Geschichte im Gemeinderat nicht so recht weiterkam, Anfang des Jahres öffentlich bemerkte, Helgolands Fremdenverkehrs- und Touristik-Angebot sei unattraktiv. Es biete etwa Tagungsgästen mit Komfortansprüchen nichts und Dauergästen außerhalb der Hauptsaison nur »ein tristes Bild« geschlossener Läden und Lokale. Das Eiland anzulaufen sei für die Hadag zwar eine liebe Tradition, aber eine Beförderungspflicht habe sie nicht. Der Reeder ließ durchblicken, es könne schon geschehen, daß man sich genötigt sähe, das Beförderungsangebot auszudünnen.

Wer solcher »Erpressung« (Bürgerinitiative) fähig sei, dem trauen Insulaner nun natürlich alles zu. Habe sich die Hadag erst mal mit dem Maritim-Hotel auf dem Fels eingenistet, sorgen sich etwa Fischer von der »Dampferbörte«, die in Juwelier Kaufmanns Liste besonders zahlreich vertreten sind, könnten womöglich auch bald die Tage ihres Monopols gezählt sein.

Bekomme Hadag-Maritim ihr Haus beispielsweise außerhalb der Saison mit Kongreßteilnehmern nicht voll, sorgen sich etwa Zimmervermieter, deren Betten im Winterhalbjahr ohnedies meist leer bleiben, werde die Gesellschaft »günstige Pauschalangebote machen, mit denen wir nicht mithalten können« -- so Peter Hardersen, als Inhaber von Haus »Wiesbaden« und zwei weiterer Pensionen bislang größter Beherberger der Insel und neben Kaufmann Sprecher der Bürgerinitiative.

Natürlich, es sprechen auch gute Gründe dafür, Helgolands Fremdenverkehrswirtschaft unter anderem durch ein großes Haus »mit gehobenem Standard«, für zahlungskräftiges Publikum also, auf ein, wie Bürgermeister Klaus Degenhardt sagt, »zweites Bein zu stellen«.

Mit 5000 Mark pro Kopf der 2500 Einwohner gehört Helgoland zu den höchstverschuldeten Gemeinden im Lande. Teils weil es die Einheimischen in ihren Sozialwohnungen selbst ein wenig kommoder haben wollten, ging das Fremdenbetten-Angebot über die Jahre von 2800 auf 2400 zurück, und ein großer Teil der Zimmer hat nur Einfachqualität und kein Bad.

Ärger noch: Die Zahl der Tagestouristen, früher über 7000, heute maximal 5000, ist seit längerem rückläufig, und folglich auch das zollfreie Geschäft ebenso wie das Aufkommen an Gemeinde-Einfuhrsteuer (gegenwärtig S.74 3,6 Millionen, fast zwei Drittel der Gemeindeeinnahmen).

Billige Butterfahrten sind für potentielle Helgoland-Touristen eine reizvolle Alternative zum Insel-Trip für 51 Mark (von Cuxhaven und zurück), und es hat sich wohl auch herumgesprochen, daß, zumindest im Sonderangebot, etwa ein britischer Whisky im Supermarkt auf dem Kontinent fast genauso preiswert ist wie zollfrei am Lung Wai.

Schließlich gibt es auch Realisten im heiligen Lande. Der liberale Gemeinderat Wilhelm Janssen etwa, der unlängst in einer öffentlichen Sitzung ein Tabu-Thema zur Sprache brachte: Man müsse »hinarbeiten auf die Zeit, daß die Zollfreiheit für Helgoland wegfallen sollte«. In Frage gestellt wurde der Status der Insel als Zollausschlußgebiet in der EG schon oft genug.

Daran denkt Kaufmann, wie die meisten seiner Landsleute, lieber nicht. Mit seiner Unterschriftensammlung als Rückhalt will er bei den Kommunalwahlen im nächsten Frühjahr mit einer freien Wählergemeinschaft und an der Seite der CDU die sozialliberale Mehrheit mitsamt dem ganzen Hotel-Spuk aus dem Rathaus fegen.

Mag auch sein, daß das dann gar nicht mehr nötig ist. Nachdem der Gemeinderat unlängst nach monatelanger Überlegung für ein Hotel mit maximal 200 Betten in 140 Zimmern gestimmt hat, Hadag-Maritim aber eher 220 Einbett-Appartements, ausgestattet mit einem zusätzlichen Klappbett, im Auge hatte, will man den Fall erst einmal wieder, so Hadag-Sprecher Jürgen Tietjen, »in aller Ruhe durchprüfen«.

Daß »wir kein Wohlfahrtsinstitut zugunsten Helgolands« sind, steht für die Hamburger dabei außer Zweifel.

S.69Schwojen: Drehen eines Fahrzeugs um seinen Anker, hervorgerufendurch Strömung oder Wind.*

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