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Kurden Hello, hello

Die Alliierten haben die Schutzzone im Irak ausgedehnt. Allmählich wagen sich die Flüchtlinge zurück.
• aus DER SPIEGEL 19/1991
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hauptmann Peter Kemp von den Royal Marines genießt das Gefühl, endlich geliebt zu werden. Vor zwei Wochen noch mußte er mit seinem Zug in Nordirland Streife gehen. »Da hörte man nur Verwünschungen«, sagt der Brite, »sogar die Kinder spuckten vor uns aus.«

In seinem neuen Einsatzort Sacho im Nordirak winken die Bürger freundlich, wenn Kemp mit seinen Männern durch die Stadt zieht. »Hello, hello«, schallt es von allen Seiten. Kemp ist kein geächteter Besatzer mehr wie in der britischen Provinz Ulster, sondern ein Beschützer des Volkes.

»Hier ist es schön, Soldat zu sein«, strahlt der Offizier. Kleine Jungs betteln um Süßigkeiten, die zur Verpflegung der Patrouille gehören. In der Hauptstraße reicht hin und wieder ein Ladenbesitzer einem Briten ein Gläschen Tee. Da wirkt die Marschordnung, die sich in Nordirland bewährt hat - Schützenlinie auf beiden Seiten der Straße, Schnellfeuergewehr vor der Brust - fast unsinnig.

Die Briten passieren einen Platz am Tigris, auf dem US-Soldaten Lebensmittel verteilen. Beim Krankenhaus, am Rande der Stadt, winken die Engländer holländischen Kameraden zu, die dort Ordnung in die Menge der Hilfesuchenden bringen.

Vier Soldaten öffnen das Tor immer nur dann für einige der rund hundert Wartenden, wenn schon versorgte Patienten das Gebäude verlassen. Die Niederländer entrüsten sich über die traditionelle einheimische Hackordnung, nach der Männer überall bevorzugte Behandlung erwarten, während sich Frauen und Kinder hinten anstellen müssen.

Französische Ärzte sowie Sanitäter und Schwestern der kanadischen Streitkräfte haben das im Krieg teilweise zerstörte und geplünderte Krankenhaus notdürftig wiederhergerichtet. Jetzt behandeln sie täglich 600 Patienten ambulant und pflegen etwa drei Dutzend Schwerkranke, vorwiegend Mütter mit Kleinkindern.

»Heute morgen mußte ich einen Imam für eine Beerdigung ausfindig machen«, berichtet ein kanadischer Unteroffizier. Ein Flüchtlingsbaby, das am Vorabend zusammen mit seiner Mutter aus den Bergen zurückgebracht worden war, hatte die Nacht nicht überlebt.

Nur wenige Patienten im Krankenhaus von Sacho sind Heimkehrer. Denn von den rund 60 000 Menschen, die aus der vorwiegend von Kurden bewohnten 80 000-Einwohner-Stadt geflohen waren, harren die meisten noch in den Bergen aus.

»Solange Saddam Hussein regiert, sterben wir lieber hier, als daß wir heimgehen«, sagt Mohammed Butani, 65, ein pensionierter Angestellter aus Sacho. Zuerst per Auto und dann zu Fuß waren 15 Angehörige der Butani-Großfamilie ins Hochtal von Yakmal geflohen. In einem Elendslager hausen sie im primitiven Zelt unter 80 000 Kurden, von denen viele aus Sacho und Umgebung stammen.

Die Flüchtlinge halten nichts von den Gesprächen des Kurdenführers Talabani mit Saddam Hussein. Gerüchte über Repatriierungspläne beunruhigen sie. Wohin sollen sie gehen? Daß sie in der Türkei nicht willkommen sind, demonstriert den Kurden die Postenkette schußbereiter Truppen am nördlichen Lagerrand.

Im nordirakischen Kurdengebiet haben die Alliierten zwar eine provisorische Schutzzone errichtet. Aber die Zukunftsangst der Kurden ist geblieben. »Die Amerikaner werden gehen«, _(* In der Polizeistation von Sacho, wo ) _(sie neue Ausweispapiere von den ) _(US-Streitkräften bekamen. ) sagen sie. »Wir können nicht zurück«, bekräftigt der alte Butani und zeigt auf einen seiner Söhne: »Der war Leutnant in der irakischen Armee und ist zu den Kurden übergelaufen. Unter Saddam ist unsere Familie dem Tod geweiht.« Saddams Spitzel, so sagen die Flüchtlinge in Yakmal, seien noch überall, auch in Sacho.

Es ist leicht, sie zu finden, schwieriger, mit ihnen zu sprechen.

In der Polizeistation von Sacho an der Hauptstraße hinter dem Hotel Bagdad sitzen Männer in makellos gebügelten olivgrünen Uniformen untätig herum. Offiziell gehören sie zu dem Kontingent von 50 Ordnungshütern, das die Alliierten dem irakischen General Nuschwan Danun für die Stadt zugestanden haben. Die Einheimischen behaupten, daß die Polizisten - denen die Amerikaner zur Kontrolle neue Ausweise gaben - in Wahrheit Geheimdienstler seien.

Einer der Polizisten, der Englisch spricht, erlaubt sich gegenüber den Reportern einen Scherz: »Sie sind illegal eingereist, eigentlich müßte ich Sie festnehmen lassen«, sagt er und grinst. Ganz offenkundig hofft er, daß die Zeit bald wiederkommt, wo er seine Macht ausspielen kann.

Im Augenblick haben die Amerikaner das Sagen. Durch Sachos Hauptstraße rattert eine ihrer motorisierten Patrouillen: fünf gepanzerte Mannschaftswagen, drei Lastwagen mit Marines, dazwischen vier Autos mit kurdischen Peschmerga-Kämpfern. Als sie an der Polizeistation vorbeikommen, richten alle ihre Waffen auf das Gebäude. Von der Veranda im ersten Stock verschwinden drei Olivgrüne.

Türkische Journalisten haben den Nordirak nach dem US-Präsidenten in »Bushistan« umbenannt. In Ankara wächst das Unbehagen über die Präsenz der Kurden-Beschützer; nach türkischer Sprachregelung sind die Kurden nur »nordirakische Flüchtlinge«.

Amerikaner, Engländer und Kanadier werden ultimativ aufgefordert, ihre Flaggen auf türkischem Territorium einzuziehen. 15 kanadische Sanitätssoldaten mußten aus dem Lager Yesilova nach einer Konfrontation mit türkischem Militär abgezogen werden. Die Türken hatten versucht, Material zu beschlagnahmen, das für die Flüchtlinge bestimmt war. Bei dem Zwischenfall, in den auch US-Marines verwickelt wurden, standen sich die Kontrahenten mit entsicherten Waffen gegenüber. »Die Kurden müssen hungern«, sagt ein türkischer Soldat, »dann werden sie nicht aufsässig.«

Britische Soldaten, behaupten die Türken, hätten den Gouverneur der Region belästigt, als der das Lager besichtigen wollte. Türkische Zeitungen werfen den Briten vor, »eine pro-kurdische Atmosphäre anzuheizen, in der Hoffnung, damit eigene Interessen zu fördern«.

In Verdacht geraten auch die hilfsbereiten Deutschen. So fragt die Zeitung Milliyet, weshalb wohl Bonn nach seiner Zurückhaltung im Golfkrieg nun »auf die Gefahr, die eigene Verfassung zu verletzen«, sich so sehr für die Flüchtlinge engagiere. »Ist das ein Komplott, einen kurdischen Staat zu gründen?«

Staatspräsident Turgut Özal und sein iranischer Kollege Haschemi Rafsandschani erklärten am vorigen Mittwoch in Ankara, daß die fast zwei Millionen Flüchtlinge in der Türkei und im Iran »so schnell wie möglich repatriiert« werden müßten, um »Instabilität in der Region vorzubeugen«.

So sollen denn die Hubschrauber-Schwärme von der alliierten Basis beim türkischen Grenzort Silopi allmählich weniger Hilfsgüter in die Berge fliegen und statt dessen von dort Füchtlinge in den Irak zurückbringen. Nach dem Camp von Tel Kebir bei Sacho eröffneten die Alliierten ein weiteres Durchgangslager für Rückkehrer 100 Kilometer weiter im Osten bei Amadijah.

Die Soldaten in Sacho sind den Einwohnern nicht nur deshalb willkommen, weil sie Saddams Schergen fernhalten. »Wenn hier die Peschmerga herrschen würden«, sagen viele, »würden wir uns auch nicht vor Willkür sicher fühlen.«

Hauptmann Kemps Männer passieren gerade die christliche Kirche von Sacho auf der Ostseite des Tigris, als eine schwere Explosion die Stadt erschüttert. Hühner gackern, Hunde jaulen. Aber die Menschen bleiben ruhig. Es ist zwölf Uhr mittags. Jeden Tag um diese Zeit sprengen die Amerikaner vor der Stadt Minen, Handgranaten und andere Sprengkörper, die in den vergangenen 24 Stunden gefunden oder abgeliefert wurden.

Der Zwölf-Uhr-Knall gehört zum täglichen Leben in Sacho wie der Ruf der Muezzin zum Gebet. »Hier werden wir noch lange zu sprengen haben«, sagt ein amerikanischer Pionier.

* In der Polizeistation von Sacho, wo sie neue Ausweispapiere vonden US-Streitkräften bekamen.

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