HERBERT WEHNER
- am 11. Juli 1906 als Sohn eines Schuhmachers in Dresden geboren - spielt in der SPD heute kraft seines Amtes als stellvertretender Parteivorsitzender und seines Einflusses auf die Funktionäre in den Landesverbänden die entscheidende Führungsrolle.
SEINER PASSION für die Politik und der überragenden Stellung in der eigenen Partei entspricht das Maß der Abneigung, die er bei seinen Kontrahenten in der Bonner Koalition auf sich gezogen hat. Kanzler Adenauer spielt bei seinen stereotypen Ausfällen gegen Wehner auf dessen kommunistische Herkunft an: »Wehner spricht die Sprache der SED.« Wehner hingegen apostrophiert den Kanzler, den er für einen Widersacher der deutschen Einheit hält, als »Nachgeburt des Führers«. Die Nachricht von Adenauers Präsidentschafts-Kandidatur kommentiert er: »Es ist so schön, daß es kaum wahr sein kann.«
Der Politik ergab sich Wehner schon mit sechzehn Jahren, damals kaufmännischer Lehrling, bald darauf Kursant einer Verwaltungsschule und Studierender der Betriebs- und Volkswirtschaftskunde. Seine Berufswahl führt ihn aus dem Kaufmännischen in die Journalistenbranche; das Leitbild des Klassenkampfes lockt ihn von der Sozialistischen Arbeiter-Jugend, einem Anhängsel der SPD, in die radikale Syndikalistische Arbeiterföderation und zum Salon-Anarchisten Erich Mühsam.
1927 orientiert sich Wehner auf die KPD, »um aktiv arbeiten zu können«. Im Kader reüssiert er blitzschnell: 1928 Bezirkssekretär Ostsachsen der Roten Hilfe; 1929 Sekretär Ostsachsen der Revolutionären Gewerkschafts-Opposition; 1930 (24 Jahre alt) stellvertretender politischer Sekretär des KPD-Bezirks Sachsen, sächsischer Landtagsabgeordneter, stellvertretender Vorsitzender der Landtagsfraktion; 1931 im Zentralkomitee der KPD ständiger Begleiter des KPD-Chefs Ernst Thälmann.
NACH HITLERS Regierungsantritt zunächst in Deutschland, danach in Frankreich, Belgien, Holland und der Tschechoslowakei illegal aktiv, wird Wehner 1935 von der Prager Polizei in die Sowjet-Union abgeschoben. Dort, auf einem Parteitag der nach Moskau exilierten KPD, rückt er als stimmberechtigtes 'Mitglied ins Zentralkomitee auf.
1936, unmittelbar nach Ausbruch des spanischen Bürgerkriegs, sammelt Wehner in Paris die ersten
KPD-Freiwilligen für eine »Centurio Thälmann«. Ein halbes Jahr später zwecks Rechtfertigung nach Moskau zitiert, gerät er in die Fänge des sowjetischen NKWD. Komintern-Generalsekretär Dimitroff rehabilitiert ihn und schickt ihn 1941 nach Stockholm, wo Wehner eine neue KPD-Zentrale einrichtet. Das Stockholmer Amtsgericht verurteilt ihn zu einem Jahr Zuchthaus; Grund: »Versuch, die Regierung eines mit Schweden freundschaftlich verbündeten Landes (Deutschland) zu stürzen.«
DIE KARRIERE Wehners in der SPD beginnt im Oktober 1946 Dank der Protektion Kurt Schumachers, des ersten Nachkriegs-Parteiführers, der sich dem zum liberalen Sozialismus Konvertierten freundschaftlich verbunden fühlt, rangiert Wehner alsbald in der Spitzengruppe der Partei. Gleich im ersten Bundestag sitzt er dem Bundestagsausschuß für Gesamtdeutsche und Berliner Fragen vor. Überdies ist er seither meistbeschäftigter Multi-Funktionär im Parlament und in der Partei. Der Stuttgarter Parteitag der SPD, im Mai vorigen Jahres, wählte ihn - neben dem Bayern von Knoeringen - zum Stellvertreter des Parteivorsitzenden Ollenhauer.