BUNDESWEHR Herr Kamerad
Hans Peter von Kirchbach hat sich zum vorzeitigen Abschied vom Posten des Generalinspekteurs der Bundeswehr einen frommen Wunsch erfüllt. Vor der Amtsübergabe und dem obligatorischen Großen Zapfenstreich ("Helm ab - zum Gebet!") mit Pfeifern und Trommlern im Fackelschein lädt der General zum Gottesdienst in das Kirchlein St. Louis in der Berliner Julius-Leber-Kaserne.
»Nun danket alle Gott« sollen sie am Donnerstag für den protestantischen Offizier singen, der im schwarzen Anzug glatt als Bischof durchginge und oft auch so pastoral redete: Das ist fast so wie bei einem Staatsbegräbnis.
Weder Verteidigungsminister Rudolf Scharping noch Kirchbach-Nachfolger Harald Kujat, 58, stehen im Ruf, brave Kirchgänger zu sein. Auch sonst wird die Kongregation ganz schön scheinheilig: Da werden Generäle in Unschuld die Hände falten, die hintenherum immer wieder ein ziemlich gnadenloses Urteil geflüstert hatten: »Der kann es nicht.«
Tatsächlich hatte der beliebte und brave Troupier ("Papa Kirchbach") den Aufstieg zum Vier-Sterne-General nicht mit Ellbogen-Einsatz geschafft, sondern durch glückliche Zufälle: Weil er 15 000 Soldaten einer Division der DDR-Volksarmee »mit Herz und Hand« (Kirchbach) ins Zivilleben gelotst und 1997 als umsichtiger Befehlshaber die Oder-Deiche verteidigt hatte, erfreute er sich der Wertschätzung des CDU-Kanzlers Helmut Kohl.
Verteidigungsminister Volker Rühe nominierte den Helden vom Oderbruch im Februar 1998 weit vor der üblichen Zeit für den Spitzenjob - als ihm selbst im Untersuchungsausschuss zu rechtsradikalen Umtrieben in der Bundeswehr das Wasser bis zum Halse stand. Dass dem gemütvollen Pfadfinder und CDU-Mitglied Erfahrung auf Spitzenposten für Strategie und Planung fehlte, spielte in dieser Not keine Rolle. Nachfolger Scharping sah später darüber hinweg.
Kirchbach, 58, kannte seine Schwächen. Er trat erst an, als ihm die Chefs von Heer, Luftwaffe und Marine ausdrücklich Hilfe bei der schwierigen Reformarbeit versprochen hatten. Dass Scharping Kirchbachs Werk später als »nicht schlüssig« verwarf, verdankt der Glücklose auch dem Beharrungsvermögen der Kameraden: »Keiner wollte etwas hergeben«, so ein ziviler Minister-Gehilfe, »die Stäbe nahmen ihn nicht ernst und ließen ihn auflaufen.«
Auf solche Widrigkeiten ist Nachfolger Harald Kujat schon gefasst. Der stämmige Luftwaffengeneral war bisher Chef des Planungsstabs, einer internen Frühwarninstanz für den Minister. Scharpings Reformplan trägt in weiten Teilen seine Handschrift. Er hat viele Gegner und Neider. Aber der Minister traut seinem engsten Berater zu, »hinhaltenden Widerstand« des Apparats zu überwinden.
Kujat ist für Scharping die personifizierte Verbindung zu seinen Minister-Vorbildern Georg Leber und Helmut Schmidt. Schon Leber hörte 1977 auf den Stabsoffizier, der damals gerade 35 Jahre alt war. Später holte Schmidt den Experten für Sicherheitspolitik ins Kanzleramt. Kollegen machen sich gern mit der Botschafteranrede »Exzellenz« über den umgänglichen Militärdiplomaten und Genussmenschen lustig, der mit verschmitztem Augenblitzen ebenso gern erwidert: »Herr Kamerad, wie ist die Lage?«
Bis auf ein kurzes Intermezzo als Kommandeur eines Ausbildungsregiments blieb Kujat der Truppe fern. Er zwirbelte an den Nahtstellen von Militär und Politik. Anders als Kirchbach, der Gewaltmärsche nebst Lagerfeuerromantik genoss, verfasste der Schreibtisch-General im Ministerium und bei der Nato Strategiepapiere.
Sogar Volker Rühe ("Ein Minister lebt vom Widerspruch seiner Mitarbeiter!") schätzte den Denker eine Weile. Er hatte Kujat 1995 zum Leiter der militärpolitischen Abteilung berufen - aber wegen Aufmüpfigkeit bald wieder gefeuert. Dabei hatte Kujat nur dagegen protestiert, dass Rühe Presseleuten ein Dokument mit rotem »Geheim«-Stempel geben wollte. Kurz darauf besaß er ("Ich bin nur ein einfacher Soldat") einen neuen Marschbefehl: zurück zur Nato.
Pulverschmauch ist nicht Kujats Metier. Bei dem arbeitswütigen Scharping-Vertrauten qualmt nur die Zigarre. Weil er gute Kontakte zur Nato-Vormacht Amerika hat, schickte Scharping ihn wegen des Kosovo-Kriegs zu heiklen Mittler-Missionen nach Moskau. Nun soll der General in die Praxis umsetzen, was er in seiner Theoriestube erdacht hat. Scharping will ihm dazu mehr Kompetenzen zuweisen.
Nur das nötige Geld für die Erneuerung fehlt noch. Das Kabinett blieb am vergangenen Mittwoch auf Sparkurs. Der Wehretat wird weiter schrumpfen. Immerhin soll der Generalinspekteur Geld für neues Gerät ausgeben dürfen, das er durch Rationalisierung oder den Verkauf unnützer Panzer und Kasernen erlöst.
Ob Scharpings Hoffnung aufgeht, im nächsten Jahr schon gut eine Milliarde Mark zu erwirtschaften, wird sich zeigen. Investoren, die Militärareale beispielsweise in Freizeitparks umwandeln, muss Kujat erst noch finden. »Wer mag schon«, fragte neulich ein »Herr Kamerad« scherzhaft, »Ferien auf dem Kasernenhof?« ALEXANDER SZANDAR