HERR SORGE SASS MIT ZU TISCH - DER SPIEGEL
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HERR SORGE SASS MIT ZU TISCH

• aus DER SPIEGEL 37/1951
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Porträt eines Spions

Das Jahr 41 ist das entscheidende Jahr in der Spionagetätigkeit Dr. Richard Sorges. Nachdem er seine sowjetischen Auftraggeber zuverlässig darüber ins Bild gesetzt hat, daß ein japanischer Angriff auf Sibirien nicht mehr zu erwarten sei, informiert er die Russen auch über den bevorstehenden Angriff auf die Amerikaner. Pearl Harbor traf die amerikanische Führung deswegen so überraschend, weil sie es sich nicht hatte vorstellen können, daß Japan es Präsident Roosevelt ermöglichen würde, in den Krieg gegen Hitler einzutreten. Zwischen dem Rücktritt des Fürsten Konoye und der Verhaftung Sorges werden Zusammenhänge vermutet.

13. Fortsetzung

Fürst Konoye hatte die Reise seines eigenwilligen Außenministers Matsuoka nach Europa dazu benutzt, in Verhandlungen mit den Amerikanern einzutreten, die Japan die lebensnotwendigen Lieferungen an Oel und Schrott gesperrt hatten.

Einen Sinn konnten solche Verhandlungen nur haben, wenn Japan sich zwar nicht offen, aber um die Ecke am Schicksal Deutschlands und am Verlauf des europäischen Krieges desinteressierte, und Fürst Konoye war tatsächlich der Ansicht, Japan habe nicht genug Rohstoffe und könne auch nicht genug Rohstoffe erobern, um Deutschland gegen die massiven wirtschaftlichen Erpressungen der USA die Stange zu halten. Japan war gebunden durch den Krieg mit China, und Frieden mit China gab es nur über Amerika.

Immerhin war Konoye bis zum Ausbruch des deutschrussischen Krieges noch manövrierfähig, er suchte diesen Verhandlungsspielraum zu erweitern durch den Neutralitätspakt in Moskau.

Da kam der 22. Juni der »Aktion Barbarossa«, und es war offensichtlich, daß Hitlers Diplomatie Japan in eine Sackgasse gefahren hatte. Japan hatte nun zu wählen zwischen einem zeitweiligen Verzicht auf jegliche Expansion und einem tollkühnen Ausfall nach Süden zur Verbreiterung der Rohstoffbasis.

Matsuoka, der wegen seiner volkstribunenhaften Ueberheblichkeit schon mehrmals Rügen des Kaiserhofes hatte einstecken müssen, war überzeugt, daß Japan sich für den Krieg gegen Rußland und die Westmächte entscheiden müsse. Hitler gegenüber war er schon Verpflichtungen hinsichtlich Singapurs eingegangen, von denen er Hitler gleich selbst mitteilte, daß er in Japan einstweilen niemandem, auch dem Kaiser nicht, darüber berichten dürfe ("Deutschland und Japan handeln fast unter einem göttlichen Befehl").

Matsuoka vertrat auch die Auffassung, daß Japan nach dem Text des Dreimächte-Paktes verpflichtet sei, Deutschland zu Hilfe zu kommen, wenn die Deutschen bewaffnete Versorgungs-Konvois der Amerikaner angriffen und es darüber zum Kriege käme. Matsuoka war ein idealer Bundesgenosse für Hitler und Ribbentrop, aber er setzte sich nicht durch. Am 15. Juli bootete Konoye ihn aus. Der Botschafter in Washington, Vizeadmiral Nomura, durfte weiterverhandeln, man gab ihm später noch den Sonderbevollmächtigten Kurusu bei, der während Oshimas Protest-Abwesenheit Botschafter in Berlin gewesen war.

Wenn Fürst Konoye trotzdem scheiterte, so schreibt er es selbst in seinen 1942 niedergelegten Aufzeichnungen den unheilvollen Eigenmächtigkeiten der japanischen Armee zu und dem »Grundsatz der amerikanischen Politik, das, was zu tun ist, ohne Rücksicht auf die Situation zu tun«. Konoyes Schrift ist nicht als Persil-Schrift zu werten, denn nach dem Zusammenbruch beging er in aller Freiheit Selbstmord, um nicht gegen seinen Nachfolger und Widersacher Tojo aussagen zu müssen.

Die Armee hatte sich, laut Konoye, damit abgefunden, daß sie neben dem China-Krieg nicht auch noch gegen die Sowjets losschlagen könne. Zum Ausgleich dafür verlangte sie den Einmarsch

in Süd-Indochina, den Konoye nicht verhindern konnte, obwohl klar war, daß er die Verhandlungen unerträglich belasten müsse. Tatsächlich froren am 26. Juli, dem Tage des Vormarschs, nicht nur die japanischen Guthaben in den USA, sondern auch die Beziehungen ein. Die japanische Armee traf Kriegsvorbereitungen, die Konoye nicht kontrollieren konnte, und die Amerikaner verlangten »grundlegende Aenderung der japanischen Politik«, ehe Roosevelt bereit sei, sich mit Konoye zu treffen.

Konoyes Rechnung war die: Wenn Amerika und Rußland siegen, ist Japan verloren. Wena aber Deutschland siegt, was Konoye angesichts des Rußland-Feldzuges für unwahrscheinlich hielt, dann hat Japan kaum etwas verloren, denn eine Weltherrschaft gegen Japan wird Deutschland niemals ausüben können. Ernsthafte Leute bezweifeln, daß es zu Pearl Harbor gekommen wäre, wenn die deutsche Niederlage vor Moskau sich schon klar abgezeichnet hätte.

Erstaunlich bleibt freilich, daß auch Konoye sich nie mit der Möglichkeit auseinandersetzt, England und Holland allein anzugreifen. Die wirtschaftliche Abhängigkeit von Amerika war offenbar solch ein Alpdruck, daß ein Bruch mit Amerika in japanischer Sicht nur Krieg gegen Amerika bedeuten konnte.

Zugespitzt hatte sich der Konflikt zuletzt auf die Frage, ob Japan China räumen wolle oder nicht. Kriegsminister Tojo, Kwantung - General, lehnte ab, wegen der »Stimmung in der Bevölkerung«. Die Armee wollte noch nicht einmal auf die Pro-forma-Räumung eingehen, die Konoye als letzten Kompromiß vorschlug. »Das ist eine Frage des Charakters«, sagte der Kriegsminister Tojo zu Konoye.

Vier Jahre hatten die Japaner zur Bezwingung Chinas einen blutigen Krieg geführt. Vier Jahre hätten die Amerikaner es in der Hand gehabt, die Japaner durch wirtschaftliche Sanktionen - 70 Prozent der kriegswichtigen japanischen Einfuhren kamen 1937 von den USA - aus China zu vertreiben. Jetzt bestanden sie starr auf der »Räumung Chinas«, allerdings nicht Mandschukuos. Im »Bewußtsein ihres guten Rufes« (Roosevelt) hatten sie den Japanern die Oel- und Schrottlieferungen gesperrt. Japan konnte zurückweichen oder ausbrechen. So kam es zu Pearl Harbor*).

Nach der Kaiserlichen Konferenz vom 6. September, die den Krieg mit Amerika beschlossen hatte für den Fall, daß sich in der ersten Dekade des Oktobers keine Einigung abzeichne, war das Verhängnis nicht mehr aufzuhalten. Konoyes Schilderung liest sich hier für den Memoiren-geprüften Mitteleuropäer besonders eindrucksvoll:

Seine Majestät gab Auftrag, die Chefs des Armee- und des Marine-Generalstabes sofort herbeizuholen. Auch ich wurde aufgefordert, anwesend zu sein. Als General Sugiyama, der Chef des Armee-Generalstabes, und Admiral Nagano, Chef des Marine-Generalstabes, kamen, fragte Seine Majestät Sugiyama: »Wenn wir in einen amerikanisch-japanischen Konflikt geraten, wie viele Monate glaubt die Armee mit Sicherheit auf diese Auseinandersetzung verwenden zu müssen?«

Sugiyama antwortete: »Soweit es die Südgebiete betrifft, so gedenken wir die Angelegenheit in den ersten drei Monaten in Ordnung zu bringen.«

Seine Majestät entgegnete: »Zur Zeit des Ausbruchs der Auseinandersetzung in China waren Sie Kriegsminister, und ich erinnere

*) Churchill unterschrieb seine Kriegsmitteilung an den japanischen Botschafter in London mit: »Ich verbleibe, Herr Botschafter, mit dem Ausdruck meiner Hochachtung Ihr ergebener Diener Winston S. Churchill«. »Manchem«, kommentiert Churchill, »sagte diese zeremonielle Wahrung der Form nicht zu. Wenn man aber schon jemanden umbringen muß, kostet es nichts, höflich zu sein.« mich, daß Sie in dieser Eigenschaft sagten: ''Die Sache wird etwa innerhalb eines Monats in Ordnung sein.'' Und dennoch dauert die Angelegenheit jetzt seit Jahren und ist immer noch nicht in Ordnung.«

Sugiyama eiklärte schwer betroffen, daß China ein großes Gebiet als Hinterland habe, und gab eine Reihe weitläufiger Erklärungen ab

Seine Majestät sagte: »Wenn Sie sagen, China habe ein großes Hinterland, so müssen Sie doch zugeben, daß der Pazifische Ozean noch größer ist nicht wahr? Woher nehmen Sie die Gewißheit zu sagen, daß Sie drei Monate brauchen?« +

Auf der Kaiserlichen Konferenz, die am nächsten Tage stattfand, erklärte Baren Yoshimichi Hara, der Präsident des Thronrates:

»Mich bedrückt die Tatsache, daß in dem vorgeschlagenen Plan größeres Gewicht auf den Krieg als auf die Diplomatie gelegt wird. Ich bitte um eine Klarstellung der Anschauungen der Regierung und des Oberkommandos.«

Daraufhin ergriff der Marineminister als Vertreter der Regierung das Wort, während die Mitglieder des Oberkommandos schwiegen.

Seine Majestät wandte sich daraufhin plötzlich an die Versammlung mit den Worten: »Die Frage, die Präsident Hara gestellt hat, ist durchaus berechtigt, und ich bedauere außerordentlich, daß das Oberkommando keinerlei Antwort gegeben hat.«

Hierbei zog Seine Majestät ein Blatt Papier aus der Tasche, auf dem ein Gedicht von Kaiser Meiji, dem Großvater des Herrschers, geschrieben war:

»Obgleich ich das Meer ringsum als meinen Bruder ansehe, warum doch heben sich seine Wogen so hoch?«

Nachdem Seine Majestät dieses Gedicht vorgelesen hatte, sagte der Kaiser:

»Ich lese dieses Gedicht immer wieder und schätze es sehr. Ich bemühe mich, mein Leben nach dem Geist des großen Kaisers auszurichten, der ein solcher Freund des Friedens war.«

Für einige Minuten wagte niemand zu sprechen.

So vertagte sich die Kaiserliche Konferenz in einer unerwartet gespannten Atmosphäre. +

Die amerikanisch-japanischen Verhandlungen hatten zeitweise einen schnellen Fortschritt genommen, aber jetzt schienen sie endgültig ins Stocken geraten zu sein. Mein Vorschlag für ein Treffen der Staatschefs hatte den amerikanischen Präsidenten interessiert und dennoch war es ein Fehlschlag geworden. Ich beschloß daher mit Botschafter Grew persönlich zu sprechen, um zu sehen, was ich damit erreichen könnte.

Am 6. September, an dem Tage, da wir die erwähnten »Grundprinzipien der nationalen Politik« festgelegt hatten, traf ich mit dem Einverständnis des Kriegs-, Marine- und Außenministers in äußerster Geheimhaltung den amerikanischen Botschafter. Mit Botschaftsrat Douman als Dolmetscher sprachen wir miteinander während eines Essens. Ich betonte, daß mein Kabinett gemeinsam mit der Armee und der Marine auf den Erfolg der Verhandlungen hoffe, und daß sich später keine bessere Gelegenheit bieten werde. »Wenn wir die jetzige Chance verpassen, werden wir in unserem Leben keine solche Möglichkeit mehr finden.«

Ich enthüllte ihm auch, daß die Armee, die Marine und das Auswärtige Amt bereits die Auswahl ihrer Delegationen getroffen hätten und daß sie die Notwendigkeit betonten, die Konferenz zwischen mir und dem Präsidenten zum Meinungsaustausch über die wichtigsten Fragen so schnell wie möglich durchzuführen. Botschafter Grew anerkannte meine Auffassungen im Hinblick auf die vier Grundprinzipien des Außenministers Hull. Ich sagte:

»Grundsätzlich sind sie ganz richtig, aber in dem Fall ihrer praktischen Anwendung werden Probleme auftreten, deren Lösung nur durch das Treffen mit dem Präsidenten behandelt werden kann.«

Nach einem offenen Gespräch von anderthalb Stunden versprach Botschafter Grew den Inhalt unserer Unterhaltung als seine direkte Botschaft an den Präsidenten zu übermitteln. Der amerikanische Botschafter war durch die Bedeutung meiner Ausführungen stark beeindruckt und bemerkte:

»Dieser Bericht wird das wichtigste Telegramm sein, das ich seit Beginn meiner diplomatischen Karriere meiner Regierung gesandt habe.«

Obgleich ich alle Anstrengungen für den Erfolg der Verhandlungen machte, so setzte doch die »nationale Politik« die auf der Kaiserlichen Konferenz vom 6. September festgelegt worden war, eine Zeitgrenze für diese Verhandlungen. Und man fühlte deutlich, daß wir schließlich in das letzte Stadium kamen. +

Am 12. Oktober lud ich, obgleich es Sonntag und mein 50. Geburtstag war, die drei Minister für Krieg, Marine und Aeußeres und auch den Präsidenten des Planungsamtes Suzuki in meine Privatwohnung nach Ogikubo und hielt praktisch die letzte Konferenz über Krieg und Frieden ab. Vor der Besprechung machte der Direktor des Büros für Marine-Angelegenheiten dem Generalsekretär des Kabinetts folgende Eröffnung:

»Die Marine wünscht nicht einen Abbruch der amerikanischjapanischen Verhandlungen. Die Marine ist bestrebt, den Krieg nach Möglichkeit zu vermeiden, aber sie kann es nicht offen aussprechen. Auf der heutigen Konferenz wird daher der Marine-Minister vorschlagen, ''dem Premierminister die Entscheidung über Krieg oder Frieden anzuvertrauen''. Bitte verstehen Sie unsere Haltung.«

Wie erwartet, sprach zu Beginn der Konferenz zuerst der Marineminister im Rahmen der obigen Erklärung. Er sagte: »Jetzt ist die Zeit gekommen, daß wir uns entweder für den Krieg oder für den Frieden entscheiden. Wir möchten dem Premierminister diese Entscheidung anvertrauen. Wenn der Friede erhalten werden soll, so sollte er auch mit allen Mitteln erhalten werden. Mit anderen Worten, wir sollten auch gewisse Konzessionen zugestehen, um die Verhandlungen zum Erfolg zu bringen. Wenn aber die Verhandlungen noch für zwei oder drei Monate weiter andauern, und dann erst nach ihrem Fehlschlagen über den Krieg entschieden wird, würde die Marine beunruhigt sein.«

Als Antwort auf die Rede des Marineministers sagte ich: »Wenn heute eine Entscheidung getroffen werden muß, so erkläre ich mich für die Fortsetzung der Verhandlungen.«

Daraufhin sagte der Kriegsminister: »Diese Entscheidung des Premierministers ist voreilig. Wir kommen in eine schwierige Lage, wenn wir die aussichtslosen Verhandlungen fortführen und dadurch die Chance verpassen. Hat der Außenminister irgendeine Zuversicht auf den Erfolg der Verhandlungen?«

Der Außenminister antwortete: »Das hängt von den Umständen ab. Die größte Schwierigkeit, der wir meiner Meinung nach gegenüberstehen, ist das Problem der Stationierung von Truppen in China. Wenn die Armee auch gegen die geringsten Konzessionen ist, so haben die Verhandlungen keine Aussicht auf Erfolg. Wenn die Armee aber zur Nachgiebigkeit bereit ist, so kann ich nicht sagen, daß die Aussichten auf einen Erfolg der Verhandlungen absolut hoffnungslos sind.«

Der Kriegsminister erklärte: »Die Frage der Truppenstationierung ist für die Armee eine Lebensfrage und die Armee kann absolut keine Konzessionen machen.«

Ich sagte daraufhin: »Wenn wir nicht von der Form, sondern von der Sache sprechen, so mag das richtig sein. Mit anderen Worten, wenn wir den formellen Wünschen der Amerikaner folgen, aber in der Praxis ein Resultat erreichen, das uns die Stationierung von Truppen erlaubt, so würde das doch in Ordnung sein, nicht wahr?«

Der Kriegsminister wollte jedoch meinem Vorschlag nicht zustimmen. Die Konferenz dauerte von 2 bis 6 Uhr, aber vertagte sich, ohne einen Beschluß gefaßt zu haben. +

In meinen Gesprächen mit dem Kriegsminister wurden von Tojo folgende Worte gebraucht: »Es ist manchmal notwendig, die Augen zu schließen und von dem Dach des Kijomizo-Tempels zu springen.«

Ich antwortete: »Für eine Einzelperson mag solch eine Entscheidung ein- oder zweimal im Leben auftreten. Wenn man aber eine 2600jährige nationale Gemeinschaft und ein Hundert-Millionen-Volk vertritt, so kann kein Mensch in verantwortlicher Stellung eine solche Entscheidung treffen.«

Damals hörte man vielfach solche Ausdrücke wie »alles riskieren« oder »das Kriegsglück erproben«. Auch Außenminister Matsuoka gebrauchte häufig solche Redensarten, aber mir fielen sie jedesmal auf die Nerven. Der Gebrauch solcher Worte mag wohl aufmunternd sein, aber wenn jemand die unbefleckte Vergangenheit eines 2600 Jahre alten Staatswesens zu vertreten hat, dann kann man nicht leicht in einen Krieg mit ungewissem Ausgang ziehen. +

Am gleichen Nachmittag ging Direktor Muto vom Büro für militärische Fragen im Kriegsministerium zu dem Generalsekretär des Kabinetts, um ihm zu sagen:

»Wir haben den Eindruck, daß der Premierminister unentschlossen ist, weil die Marine sich nicht entscheiden kann. Wenn die Marine ernstlich keinen Krieg wünscht, dann muß die Armee darauf Rücksicht nehmen. Aber die Marine äußert sich darüber nicht offen und sagt nur, sie habe den Premierminister mit dieser Sache betraut. Die Entscheidung des Premierministers allein aber würde für die Männer in der Armee nicht bestimmend sein. Wenn die Marine aber der Armee offiziell erklärt: ''die Marine wünscht zur Zeit keinen Krieg'', so würde die Armee ihre Leute leicht in Zucht halten können. Kann das Kabinett nicht irgend etwas unternehmen, um die Marine zu einer solchen Aeußerung zu bewegen?«

Der Generalsekretär des Kabinetts berichtete hierüber Direktor Oka vom Büro für Marine-Angelegenheiten, von dem er folgende Antwort erhielt: »Die Marine ist nicht in der Lage in formeller Weise zu erklären, daß sie keinen Krieg wünsche. Die Marine kann nicht mehr sagen, als daß sie die Angelegenheit dem Premierminister zur Entscheidung überlassen habe.«

Am gleichen Abend besuchte mich der Leiter des Planungsamtes Suzuki in meinem Privathause im Auftrage des Kriegsministers und brachte mir eine Botschaft des letzteren mit folgendem Inhalt: »Wir haben feststellen können, daß die Marine keinen Krieg wünscht. Wenn dem so ist, warum sagt der Marineminister das nicht? Wenn der Marineminister es offen ausspricht, dann muß ich darauf Rücksicht nehmen.« +

Als seit September 1941 wilde Reden über den Krieg gegen die USA geführt wurden, erklärte Prinz Higashikuni, einer der Befürworter einer vorsichtigen Haltung, daß der Kaiser allein die Situation retten könne. Seine Majestät erklärte mir wie auch Prinz Higashikuni, daß Seine Majestät durch die Handlungen der militärischen Stellen mehrfach beunruhigt worden sei. Seine Hoheit Prinz Higashikuni erklärte daraufhin Seiner Majestät, es sei unratsam, wenn Seine Majestät in der Rolle eines Kommentators verbliebe. Wenn Seine Majestät, so soll Prinz Higashikuni erklärt haben, irgend etwas für unzweckmäßig halte, so solle das Seine Majestät auch aussprechen.

Der Kaiser hält nämlich seine Anschauungen meistens zurück. Fürst Saionji und Graf Makino hatten Seiner Majestät geraten, in Uebereinstimmung mit der britischen Verfassung keine eigene Initiative zu ergreifen. Aber die japanische Verfassung ist von der britischen fundamental verschieden, sie beruht auf der Voraussetzung von der persönlichen Staatsführung durch den Kaiser. Besonders bezüglich des Oberkommandos hat die Regierung keinerlei Einfluß. Der Kaiser allein kann sowohl die Regierung wie auch das Oberkommando führen.

Es ist zweifellos richtig, wenn man sagte, daß der Kaiser in Friedenszeiten sich passiv verhalten solle. Wenn aber das Land am Scheidewege zwischen Aufstieg und Fall steht, so können schwere Unruhen auftreten. Wenn der Kaiser nur Zustimmung oder Ratschläge erteilt, wie in England, so können Militärs und Politik nicht in Einheit vorschreiten. Diese Tatsache machte sich stark fühlbar im Laufe dieser amerikanisch-japanischen Verhandlungen.

Zum Abschluß möchte ich folgendes aussprechen: Obgleich die Haltung Seiner Majestät als eines konstitutionellen Monarchen passiv war, galten alle Sorgen Seiner Majestät stets der Erhaltung des Friedens im Pazifik. Seine Majestät bemühte sich, den Sturz in einen ungewissen großen Krieg zu vermeiden und war ernsthaft besorgt um die Erhaltung einer 2600 Jahre langen unbefleckten staatlichen Entwicklung. Es war für mich sehr schmerzlich, Seine Majestät in so viel Sorge verstrickt zu sehen.

Fürst Konoye war noch keine zehn Tage abgetreten, da rumorte es schon innerhalb japanischer Regierungskreise, er sei wegen der Verstrickung in den Sorge-Fall verhaftet worden. Sein Schützling Ozaki war am Tage von Konoyes Rücktritt verhaftet worden, Sorge selbst drei Tage später. Aehnliche Hinweise finden sich von Zeit zu Zeit heute noch in der japanischen Presse.

Wie kam es zur Entdeckung und Verhaftung Sorges?

Tatsache ist, daß die Funksprüche Funker Klausens, so regelmäßig sie aufgefangen wurden, keinerlei Verdacht auf irgend jemanden fallen ließen, da sie nicht zu entziffern waren und da man die Sendestelle nicht entdecken konnte. Der Verdacht richtete

sich also auf Unbekannt. Zeitweise glaubte man auch, die Funksprüche kämen von U-Booten.

Bei Funker Klausen nahm es trotzdem seinen Anfang. Klausen war mit der japanischen Militärgendarmerie einmal auf harmlose Weise zusammengeraten, was die Polizisten immerhin bewog, bei ihm eine Haussuchung vorzunehmen. Sie verlief ergebnislos, aber man fand einen Kurzwellenempfänger, dessen Besitz in Japan verboten war, und man fand heraus, daß er mit Ausländern verkehrte Aber man unterließ es, bei diesen Ausländern Haussuchung zu halten. Das war im November 1940.

Im Dezember, zwei Tage vor Weihnachten, ging morgens um 1 Uhr ein Ausländer an einer Polizeistation vorbei. Der Polizist trat heraus und fragte ihn, wer er sei und was er suche. Der Passant gab sich als der Kaufmann Klausen zu erkennen, der Blaupausen-Maschinen herstelle und mit großen Firmen wie Mitsui, Mitsubishi zusammenarbeite. In der Hand hielt er ein kleines Köfferchen. Als der Polizist ihn fragte, was es enthalte, sagte er ohne Zögern, eine Warenmusterkollektion. Der Polizist gab sich damit zufrieden.

Danach passierte derselbe Ausländer noch zwei- bis dreimal zu später Stunde dieses Wachhäuschen. Dem Polizisten war sein Gesicht nun schon vertraut. Von sich aus kam Klausen in das Häuschen, machte in komischem Japanisch Späße mit dem Polizisten, bot ihm Zigaretten an und zeigte sich liebenswürdig und umgänglich.

1941 Mitte Februar kam er wieder spät nachts, diesmal ziemlich angetrunken, in das Wachhäuschen. Er sprudelte seine Späße und Schnurren und sagte schließlich, seine Frau sei Japanerin und er darum auch wie ein Japaner. Geschäftlich reise er manchmal nach Schanghai, er bringe seiner Frau von dort Geschenke mit, diesmal wolle er auch dem Polizisten etwas mitbringen. Er war äußerst liebenswürdig. Schließlich sagte er, er sei Kaufmann für die »Zyanotypie-Mikrokopie«, und ob der Polizist so etwas schon einmal gesehen habe, damit zeigte er ihm eine etwa 2 cm große, kunstgerecht verkleinerte Fotokopie, die Zeichnung eines Flugzeugmotors.

Das war dem Polizisten denn doch zuviel. Damals war es nicht erlaubt, daß gewöhnliche Sterbliche Zeichnungen von Flugzeugen oder gar von Flugzeugmotoren, ja selbst Teilen davon besaßen. Trotzdem hatte sie dieser Ausländer. Es war nur natürlich, daß der Polizist mißtrauisch wurde. Während er dem betrunkenen Ausländer, so gut es ging, gut zuredete, verstand er es, eine Visitenkarte von ihm zu bekommen, überließ seinen Posten einem Kameraden, der zur Ablösung kam, und begleitete den Betrunkenen unter mancherlei Vorwänden bis zu seinem Hause.

Nachdem er ihn glücklich abgeliefert hatte, ging er sofort zu seinem Revier und machte dem diensttuenden Vorgesetzten Meldung. Früh am nächsten Morgen wurde der Fall dem Polizeipräsidium gemeldet. Von der Abteilung für Aeußere Angelegenheiten ging sofort ein Detektiv und Abteilungsleiter zum Geschäft dieses Ausländers in Torimori. Es war Hirano. Er war schon von früher her für die Deutschen zuständig und kannte daher auch Klausen etwas, der sich leicht sprechen ließ und keine Schwierigkeiten machte.

Hirano fing damit an, über die Kriegslage in Deutschland ganz allgemein zu sprechen, über die Geschäftslage, über einige Ereignisse der letzten Zeit und versuchte in dieser Weise möglichst unauffällig die Sprache auf die Mikrokopien zu bringen.

Klausen unterhielt sich auch seinerseits mit aller Liebenswürdigkeit, als aber das Gespräch auf den Kern kam, wich er mit Späßen und, den Unwissenden spielend, geschickt aus.

Nach drei Tagen suchte Hirano in Begleitung eines anderen Abteilungsleiters namens Saida nochmals Klausen auf. Da man ihn diesmal in aller Ruhe vernehmen wollte, gingen sie nicht in sein Geschäft, sondern in seine Wohnung. Er war zu Hause, begrüßte sie freundlich und bewirtete sie mit Kaffee und Zigaretten. Wie üblich machte er in seinem komischen Japanisch seine Schnäcke. Nachdem dies und das gesagt war, schnitt Saida die Sache mit dem Kurzwellen-Empfänger an, in die Klausen seinerzeit verwickelt war. Unterdessen beobachtete Hirano Klausens Gesicht.

Bei dieser Gelegenheit warf Hirano ein: »Sie waren doch bei der Haussuchung dabei!« Einen Augenblick Schweigen, Klausen machte ein gequältes Gesicht, öffnete schwer den Mund und sagte: »An diesem Tag war ich in Ushigome bei einem Freund, genauer gesagt, im Hause des Berichterstatters der französischen Havas-Nachrichtenagentur Voukelitch.«

Es galt nun, sich zunächst mit dem Havas-Berichterstatter zu befassen.

Etwas war unerklärlich, nämlich wie der deutsche Kaufmann dazu kam, mit dem Berichterstatter einer Zeitung zu verkehren, besonders mit dem einer französischen, da Deutschland sich doch im Kriegszustand mit Frankreich befand.

Während sich die beiden Polizisten über diese Frage stritten, eilten sie weiter, ohne zu einem rechten Schluß zu kommen. Schließlich kamen sie zum Hause von Branko de Voukelitch in Ushigome Sanaichê 22. Man hatte verabredet, daß Hirano draußen die Wache übernehmen solle. Saida ging hinein und klopfte an die Eingangstür. Voukelitch war gerade zu Hause. Saida setzte ihm sofort das Messer auf die Brust, indem er fragte, ob Klausen ihn am 3. August des vorigen Jahres in seinem Hause besucht hätte.

Voukelitch war es klar, daß es sich bei dem Besuch um einen Angehörigen der Polizei handelte. Er bewirtete ihn liebenswürdig und sagte dann, er wolle in seinem Kalender nachsehen, der Herr möge sich einen Augenblick gedulden. Damit verließ er das Zimmer. Es dauerte drei Minuten, fünf Minuten, da kam Voukelitch wieder. Ja, Klausen sei am nämlichen Tage bestimmt bei ihm gewesen, er habe sich lange aufgehalten und sei erst nach dem Abendbrot nach Hause gegangen. Bei dieser Antwort hielt er Saida einen französisch geschriebenen Kalender vor die Nase. Leider konnte Saida nicht Französisch. Da jedoch die Aussage paßte, war für Klausen zunächst das Alibi da. Saida gab dem Gespräch eine andere Richtung und fragte, wann und wie beide miteinander bekannt geworden seien. Voukelitch sagte darauf, ein deutscher Kollege von der Presse habe sie bekannt gemacht, und seither hätten sie freundlich miteinander verkehrt. Da Saida nichts mehr erreichen konnte, ging er wieder.

Wer war nun der deutsche Journalist von der Presse, der beide zusammengebracht hatte?

Im September 1940 hatte der Korrespondent Fushimi, der für eine große Zeitung in Tokio gerade über die Beziehungen zu Sowjet-Rußland schrieb, auf der Deutschen Botschaft zu tun. Er sprach bei dem deutschen Botschafter im Botschaftsgebäude vor.

Als er gerade beim Botschafter mit seinem Anliegen fertig war und sich zum Gehen anschickte, klopfte es an die Tür, und es trat sofort jemand ein. Der Botschafter glaubte sich wegen des plötzlichen Eindringens entschuldigen zu müssen und stellte den Mann vor Er sei Berater der Deutschen Botschaft und Sonderberichterstatter der Frankfurter Zeitung, eigens von der deutschen Regierung herausgeschickt. Er sei auch ordentliches Mitglied der NSDAP und Fushimi möge mit ihm so rückhaltslos und offen verkehren wie mit ihm, dem Botschafter. Er fügte hinzu, daß er in offiziellen und privaten Dingen sein Vertrauter sei und somit auch Erlaubnis habe, nach Gutdünken in seinem Zimmer aus- und einzugehen. Darum möge Fushimi sein plötzliches Eindringen entschuldigen.

Man setzte sich und sprach nun zu dreien über die internationale Lage, über den Krieg, über innerpolitische Zustände und über verschiedenes andere. Dieser Mann Sorge war sicher im Urteil und hervorragend informiert. Die Lage an der Front, die inneren Verhältnisse in der Sowjet-Union, die Lage im Innern von Japan, über all das sprach er rückhaltlos seine sehr bestimmte Meinung aus.

Fushimi war maßlos erstaunt, besonders über seine neuen Informationen und ausführlichen Berichte über die inneren Verhältnisse in der Sowjet-Union. Sorge sagte, er könne sich als Berater der Deutschen Botschaft direkte Informationen vom Generalstab holen und sah ihn dabei direkt an. Fushimi hatte das Gefühl, in die Augen einer Schlange zu sehen, und er glaubte, das Gesicht schon gesehen zu haben. Wo hatte er es nur gesehen?

Fushimi wurde ein seltsames Gefühl nicht los und sprach mit dem Abteilungsleiter für Aeußere Angelegenheiten im Polizeipräsidium. Im Polizeipräsidium war man geteilter Meinung, doch wurde der Detektiv und Abteilungsleiter Hirano, der Spezialist für Klausen, mit der Ueberwachung betraut.

Damals wohnte Sorge noch immer im Azabu-Bezirk, Nagasaka-Straße. Hirano versteckte sich drei Tage und drei Nächte unter der Veranda von Sorges Haus. Es gelang ihm jedoch nicht, irgend etwas festzustellen. Morgens ging Sorge sehr früh fort, abends kam er spät nach Haus. Kaum blieb er einmal auswärts über Nacht. Es kamen auch keine Gäste, die besonderes Interesse erregten. Es geschah wirklich nichts Aufregendes.

Hirano argwöhnte, daß er eine Funkanlage besaß. Während Sorges Abwesenheit nahm er eine genaue Untersuchung des Hausinneren vor, aber es fand sich absolut nichts dergleichen.

Es fanden sich auch keine Schnitzel von Geheimdokumenten, wie er vermutet hatte.

Hirano kehrte ins Präsidium zurück und erstattete Bericht. Seine Vorgesetzten fanden seinen Mißerfolg nur selbstverständlich. Hirano nahm sich indessen vor, Sorges Tätigkeit und Bewegungen weiter zu überwachen.

Zunächst pflegte Sorge morgens früh zur Deutschen Botschaft zu gehen, wo er den ganzen Vormittag blieb. Am Nachmittag nahm er an Konferenzen des Informationsbüros teil oder ging zur Domei-Nachrichtenagentur oder aber suchte den einen oder anderen ausländischen Pressevertreter auf. Um 8 Uhr kehrte er zum Abendessen nach Haus zurück. Wenn es 9.30 Uhr wurde, ging er wieder aus, und zwar geraden Weges zum Imperial-Hotel und zeigte sich dort in der Lobby. Er traf sich dort gelegentlich mit jemandem, oder aber er döste auch allein vor sich hin.

In der Lobby zeigte er sich jedenfalls jeden Abend Tag für Tag. Nach Verlauf von etwa dreißig Minuten lenkte er seine Schritte zum Rheingold auf der Rückseite der Ginza. Auch hier zeigte er sich so gut wie jeden Abend. Gelegentlich ging er von dort auch zu der etwa 100 Meter weiter liegenden Fledermaus. Selbstverständlich wurde auch gleichzeitig wie bisher Klausen überwacht. Eines Tages war Hirano Zeuge, wie Sorge und Klausen sich in der Lobby des Hotels trafen.

»Verdammt«, dachte Hirano bei sich, »hier geht etwas vor!« »Die Lobby des Hotels«, sagt der Polizeibericht, »war der gegebene Ort für geheime Zusammenkünfte, ohne daß diese irgendwie auffielen. Schon aus diesem Grunde mußte die Polizei ihr ganz besondere Aufmerksamkeit widmen.«

Der bedingungslose Einsatz und die Hingabe Hiranos an seine Sache verfehlten nicht, die Gegenargumente innerhalb des Polizeipräsidiums zum Schweigen zu bringen. Schließlich verstand man sich dazu, in der Lobby des Hotels ein Tonaufnahmegerät anzubringen.

Jegliche Konversation, die in der Lobby stattfand, konnte nun aufgenommen werden. Da das Mikrophon jedoch heimlich und unauffällig angebracht werden mußte, konnte man kein sehr leistungsfähiges Gerä t einbauen. Man konnte nur ein schwächeres aufstellen, das die Gespräche im Umkreis von einigen Metern aufzeichnete. Es kamen viele Störgeräusche hinein, tiefe und leise Stimmen ließen sich kaum aufnehmen. Der mit der Aufnahme Betraute hatte die größten Schwierigkeiten.

Sorge pflegte nun gerade an einem Tisch in der Mitte Platz zu nehmen. Er war damit vom Tonaufnahmegerät, das an der Wand angebracht war, zu weit entfernt. Er konnte also mit jedem reden, ohne daß das Gesagte auch nur im geringsten zu fassen war. Es ließ sich auch nicht machen, das Kabel einfach zu verlängern und unauffällig am Tisch eine Anlage anzubringen. Sie mußte Argwohn erregen und konnte bemerkt werden. Die Anlage des geheimen Tonaufnahmegerätes endete schließlich mit einem Fehlschlag.

Da jedoch Sorge und Klausen augenscheinlich sehr vertraulich miteinander sprachen, bestand hinreic hend Grund zu der Annahme, daß zwischen ihnen enge Beziehungen bestanden. Hirano setzte die Ueberwachung der beiden auch weiterhin fort und ließ sie nicht aus den Augen.

Hirano leerte oft seinen schmalen Geldbeutel, um Klausen etwas Besonderes zu kaufen und ihm als Geschenk zu bringen, oder wenn er etwas hörte, was nicht gerade ein Staatsgeheimnis war, ihm zu berichten. Er versuchte es auf jede erdenkliche Art und Weise, ihm näher zu kommen. Die Folge davon war, daß er im Hause gern gesehen wurde und auch im Geschäft ohne weiteres mit ihm sprechen konnte.

Auf diese Weise hatte er schließlich Erfolg. Während Hirano sich ungezwungen mit ihm Klatsch und Frauengeschichten erzählte, brachte er in Erfahrung, daß Klausen ursprünglich Ingenieur und Fachmann für drahtlose Telegraphie war und seine besondere Stärke auf dem Gebiet des Gerätebaues lag, und daß Sorge der Ausländer war, der ihn mit Voukelitch bekannt gemacht hatte.

»Sorge hatte für Detektive ein zweites Gesicht«, stellt der Polizeibericht, dem dieser Gang der Untersuchung entnommen ist, fest. Ende Frühling 1941 hatte auf der Deutschen Botschaft ein Empfang stattgefunden. Sorge hatte daran teilgenommen. Nachher ging er mit einigen japanischen Mitgliedern der Botschaft ins »Yoshiwara« (= »Sumpf des Glückes"), eine Art Freuden-Viertel. Damals hatte der Detektiv Kanazawa vom Kojimachi-Revier die Aufgabe der Ueberwachung. Ihm blieb nichts anderes übrig, als auch dorthin zu folgen.

Als sie in das große Tor eingefahren waren, stieg Sorge aus, ging ein paar Schritte zurück, hielt den völlig verdutzten Kanazawa an und sagte: »Tut mir leid, daß Sie sich solche Mühe machen müssen. Wir gehen jetzt ins Yoshiwara und übernachten dort. Für Sie wird es draußen zu kalt werden, kommen Sie rein und trinken Sie eins mit uns!« So wurde Kanazawa, ohne daß er wußte wie, gegen seinen Willen in die Gesellschaft gezogen. In eins der Häuser ging man dann hinein.

Während Kanazawa mit den japanischen Mitgliedern der Botschaft in einem Zimmer trank, war Sorge im Nebenzimmer mit einem der Mädchen als Partnerin. Nach etwa 30 Minuten öffnete er die Papierschiebetür zwischen den Zimmern und sagte grinsend: »Das Mädchen ist hin, die nächste bitte!« Das wiederholte sich wohl siebenmal. Die Mädchen, die Sorge als Partnerinnen gehabt hatte, machten alle einen völlig erschöpften Eindruck. Sogar Kanazawa war das schließlich zuviel, er mußte einsehen, daß dieser Mann mit allen Hunden gehetzt war, und ging fort.

Die Beziehungen zwischen Klausen und Voukelitch waren etwas verständlicher geworden, die Beziehungen zwischen Sorge und Voukelitch dagegen blieben nach wie vor problematisch. Sorge war Deutscher und Voukelitch Berichterstatter einer französischen Zeitung. Daß sie auf Grund ihres Berufes miteinander bekannt waren, war keineswegs verwunderlich, aber Deutschland und Frankreich standen im Krieg miteinander.

Saida hatte sich den gleichen Mühen wie Hirano unterzogen. Nachdem er Voukelitchs Vertrauen gewonnen hatte, konnte er vorsichtig mit der eigentlichen Untersuchung anfangen. Nach unbeschreiblichen Mühen konnte er jedenfalls von ihm erfahren, daß er auf dem Gebiet des Photographierens ein ganz hervorragender Fachmann war, daß er Sorge schon, als er noch in Europa war, gekannt hatte, daß er nicht nur genaueste Informationen über Frankreich, sondern auch über England und Amerika hatte. Besonders auffällig war, daß er immer von den neuesten Ereignissen unterrichtet war. Bisher stand er nur unter dem Verdacht, anti-japanisch-deutsch zu sein, jetzt bildete sich auch der Verdacht, daß er anti-englischamerikanisch war.

Wenn man so die verschiedenen Informationen zusammenstellte, so schien auf der Linie Sorge - Voukelitch - Klausen irgend etwas Dunkles zu liegen.

In dieser Zeit nahmen die verdächtigen Funksendungen überhand. Die Stärke der Sendungen war außerordentlich gering und konnte allenfalls bis Korea oder Wladiwostock reichen. So viel hatte man herausfinden können. Die Radio-Suchwagen des Telegraphenamtes waren unablässig bemüht, den Sendeort zu finden. Glaubte man schon fast, ihn lokalisiert zu haben. wurde die Sendestelle wieder in teuflischer Weise verlegt.

Die japanische Militärpolizei glaubte annehmen zu können, daß es sich dabei um wichtige Nachrichten aus Japan selbst handelte, die nach dem Ausland gegeben wurden, und fing geradezu an, die Achsenbeziehungen zu beargwöhnen.

»Damals«, sagt der Bericht, »wurden die GPU der Sowjets, die Gestapo der Deutschen und die Kempeitai von Japan als die drei großen Schrecken dieser Welt bezeichnet. Ihre rücksichtslos grausamen Untersuchungsmethoden und ihre Macht, die sich auf die Armee im Hintergrund stützte, suchten ihresgleichen. Alle Ränke und Listen, jedes Mittel überhaupt erschien ihnen recht, um zum Ziel zu gelangen. Die deutsche Polizeiabwehr in Japan unterstand dem Oberst Meisinger und unterhielt ständig engste Beziehungen zur Kempeitai und betrieb auch ihre eigenen dunklen Machenschaften.«

Auch Ozaki als einer der Leute, die mehrmals mit Sorge gesehen worden waren, wurde beschattet. Aber unter seinem Bekanntenkreis war keiner, bei dem man etwas Verdächtiges wie im Kreis von Sorge, Voukelitch und Klausen vermuten konnte. Unerwartet stellte sich dabei heraus, daß er vor allem Verkehr mit dem rechten Flügel hatte, besonders mit Militärs und Beamten, die den jüngsten Reformbestrebungen nahestanden, d.h. mit den sogenannten »fortschrittlich eingestellten Polemikern«. Unter ihnen war kaum einer, gegen den etwas einzuwenden gewesen wäre. Man hatte sich also völlig festgefahren. Es blieb nichts anderes übrig, als auf eine gute Gelegenheit zu warten.

Fortsetzung folgt

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