Herr und Knecht - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 87 / 146

FRANKREICH Herr und Knecht

Paris im Affärensumpf: Nach wechselseitigen Beschuldigungen liefern sich Präsident und Regierungschef ein übles Duell.
Von Romain Leick
• aus DER SPIEGEL 40/2000
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Mit dem gepuderten Mozartzopf, dem Fächer und dem ausgesuchten Gewand hätte der Schöngeist am Hof von Versailles eine gute Figur gemacht. Amüsement, Esprit und Geschmack bedeuten Karl Lagerfeld alles. Stattdessen geriet der Modeschöpfer, der nach eigenem Bekunden niemals gewählt hat und über alles reden kann außer über Politik, unversehens zur Staffage einer todernsten und äußerst vulgären Auseinandersetzung zwischen den beiden Häuptern seiner französischen Wahlheimat.

Schon im Frühjahr war ein böses Gerücht aufgetaucht. Ende April hatte der Couturier seine phantastische Sammlung von Möbeln und Dekor aus dem 18. Jahrhundert durch das Auktionshaus Christie's in Monaco versteigern lassen. Er erzielte 149 Millionen Francs, deutlich weniger, als er für die Anschaffung ausgegeben hatte.

Nicht eine plötzliche Geschmacksveränderung von Rokoko zu japanischem Minimalismus habe den Meister zum Verkauf bewegt, wurde damals gewispert, sondern eine Steuerschuld von 200 Millionen Francs. Erzürnt über den Verdacht, ließ Lagerfeld Anfang Mai wissen, seine Händel mit dem Fiskus seien allesamt beigelegt; dafür habe er dem früheren Finanzminister Dominique Strauss-Kahn zu danken.

Und wie. Nachdem er 15 Jahre lang überhaupt keine Steuern in Frankreich gezahlt hatte, weil er in Monaco gemeldet war, kam der Designer (geschätztes Jahreseinkommen: 20 Millionen Mark) mit 46 Millionen Francs (knapp 14 Millionen Mark) davon. Der Minister persönlich hatte sich für einen Nachlass eingesetzt, gegen die Empfehlungen seiner Steuerprüfer, die 80 Millionen für angemessen hielten.

DSK, wie der prominente Strauss-Kahn allgemein genannt wird, schöpfte den Ermessensspielraum aus, der dem Minister in solchen Fällen zusteht. Doch nun umwabert Korruptionsgeruch den Vergleich zwischen Lagerfeld und dem Finanzamt. Die Justiz hat vorigen Dienstag gleich zwei Verfahren eröffnet - eines gegen DSK wegen Unterschlagung von Beweismitteln, eines gegen unbekannt wegen Bestechlichkeit.

Lagerfelds Anwalt, der Steuerspezialist und frühere Mitarbeiter Strauss-Kahns, Alain Belot hatte dem Minister im April 1999 die Originalkassette eines Video-Geständnisses überreicht, das die faszinierte Nation seit gut einer Woche aufwühlt. Darin schildert der inzwischen verstorbene Geschäftsmann Jean-Claude Méry - ebenfalls ein Mandant von Maître Belot - ein ausgeklügeltes System illegaler Parteienfinanzierung im Pariser Rathaus, mit dem damaligen Bürgermeister und heutigen Staatschef Jacques Chirac als Drahtzieher an der Spitze.

Über Nacht sah Frankreich, das so gern seine Fortschrittlichkeit, seinen wirtschaftlichen Erfolg und sein europäisches Engagement feiert, wie eine verkommene Bananenrepublik aus. Seine obersten Führer, der Präsident und der Premier, die bis zum Jahresende den Ratsvorsitz in der Europäischen Union innehaben, liefern sich wie balkanische Potentaten vor aller Augen einen Kampf mit allen Mitteln - »in einer Jauchegrube«, entsetzte sich der gaullistische Parteisprecher Patrick Devedjian.

Chirac, wild ergrimmt über die plötzliche Anschuldigung aus dem Grab, erklärte seinem sozialistischen Regierungschef Lionel Jospin den Krieg.

Der Verdacht schien ja auch auf der Hand zu liegen: Hatte nicht der Anwalt Belot dem Finanzminister Strauss-Kahn Munition gegen den Präsidenten geliefert und dafür einen Steuerdeal ausgehandelt? Und war es vorstellbar, dass DSK seinem Freund Jospin von dem brisanten Video nichts erzählt hatte?

»Das Elysée hat die Hunde von der Leine gelassen«, erregte sich ein Berater Jospins über gaullistische Abgeordnete, die solche Insinuationen kräftig schürten. Denn für den Präsidenten kam der unvermutete Auftritt Strauss-Kahns in der Video-Affäre wie ein Gottesgeschenk. Der von Mérys Enthüllungen schwer Belastete sah die Chance zum Gegenangriff, in der von ihm so geschätzten Husarenmanier.

Schneidend verlangte er am frühen Montagmorgen von Jospin eine unverzügliche Untersuchung im Finanzministerium »wegen der möglichen Verwicklungen des früheren Ministers«. Der Premier gab nicht minder eisig zurück, seine Regierung denke nicht daran, sich in die Arbeit der Justiz einzumischen.

Die Richter sputeten sich in der Tat, und ihr erstes Opfer wurde nicht der durch die Immunität seines Amtes geschützte Staatschef, sondern der ohnehin vorbelastete DSK, der jetzt den Traum von einem Comeback aufgeben muss: »Ich stecke in einer Affäre, die mir über den Kopf wächst.«

Er habe sich die Kassette nie angeschaut, erklärte Strauss-Kahn den verblüfften Ermittlern und der ungläubigen Öffentlichkeit, er wisse auch gar nicht, wohin er sie gelegt habe, einen Zusammenhang mit Lagerfeld gebe es nicht. Eine Durchsuchung seiner Wohnung und seiner Büroräume förderte nichts zu Tage.

Die Beteuerungen des Ex-Ministers ähnelten der legendären Versicherung Bill Clintons, er habe Hasch geraucht, aber nicht inhaliert. Doch sie klingen auch so hilflos und unplausibel, dass sie fast schon wieder stimmen könnten. Denn DSK scheint von der Kassette tatsächlich keinen Gebrauch gemacht zu haben, nicht einmal andeutungsweise unter Freunden. Von der Veröffentlichung des Wortlauts in »Le Monde« wurde er am 21. September ebenso wie Jospin kalt erwischt.

Wie starr vor Zorn wirkt der Premier über den Versuch des Präsidenten, ihn in eine Sache mit hineinzuziehen, »die mich überhaupt nichts angeht«. Bei einer Krisensitzung mit seinen Getreuen wetterte er unverblümt gegen den Staatschef: »Chirac steht das Wasser bis zum Hals, er schlägt heftig auf uns ein, um seine eigenen Schandtaten vergessen zu machen. Was für eine monströse Dreistigkeit!«

Jospin, verheiratet mit einer Philosophieprofessorin, hat längst erkannt, dass sein Verhältnis zum Präsidenten durch die Hegelsche Dialektik von Herr und Knecht bestimmt ist: Befreien kann er sich nur, wenn er sich nach erfolgreicher Arbeit zu einem tödlichen Duell stellt.

Dazu ist er entschlossen, doch die Frist bis zum regulären Showdown - noch gut anderthalb Jahre - erscheint immer mehr Franzosen als unerträglich lang angesichts der vergifteten Kohabitation. Schon rufen Kolumnisten und Politologen nach einer raschen Entscheidung, um das nationale Interesse zu wahren, die Handlungsfähigkeit des Staates zu erhalten und das Ansehen der Politik wiederherzustellen.

Dazu müsste Chirac allerdings zurücktreten und in vorgezogenen Präsidentschaftswahlen neu für fünf Jahre kandidieren. Freilich verlöre er dann im Wahlkampf für einige Wochen seine Immunität - und ohne die, so hat Jospin vor seinen Knappen festgestellt, »stünde er schon vor einem Richter«. ROMAIN LEICK

Zur Ausgabe
Artikel 87 / 146