Heulendes Entsetzen - DER SPIEGEL
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Briefe

Heulendes Entsetzen
• aus DER SPIEGEL 16/1998
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Heulendes Entsetzen

Nr. 14/1998, Titel: Sind die Grünen noch zu retten?

Mir sind die tolpatschig vorgetragenen Wahrheiten der Grünen lieber als die falschen Versprechungen derer, die den deutschen Michel mit Hilfe von Schreckgespenstern wiederholt zum dummen August machen wollen. Eine ökologische Steuerreform hat in Dänemark wesentlich zum Abbau der Arbeitslosigkeit beigetragen, während hier alle Geschenke an Konzerne die Arbeitslosigkeit nur erhöht haben.

BERLIN DR. ROLF LINDNER

Die »Bild«-gemäße Titelfrage »Sind die Grünen noch zu retten?« erstaunte mich sehr, weil ich keinen gewichtigen Grund erkennen kann, überhaupt danach zu fragen (haben sie was verbrochen?). Statt dessen kommt niemand auf die Idee, nach der »Rettung der Altparteien« zu fragen, die immerhin Rekordarbeitslosigkeit, Rekordschulden, Rekordsteuern, Rekordpleiten zu verantworten haben!

HAMBRÜCKEN (BAD.-WÜRTT.) JOHANN HEIL

Weil die Grünen heute noch für richtig halten, was sie schon 1990 verkündeten, wird ihre Standhaftigkeit zur Zumutung. Dabei bleibt von ihren Gegnern unbeantwortet, warum die Tarife für die öffentlichen Verkehrsmittel für Wenigverdienende kaum mehr bezahlbar sind. Es kann ebensowenig den Grünen angelastet werden, wenn die Bürger im Auto ihre beschränkte Existenzgrundlage sehen, weil immer mehr Bahnstrecken stillgelegt werden.

NUTHE-URSTROMTAL (BRANDENBURG)

HANS-PETER SCHNEIDER

»Alle wollen zurück zur Natur, aber keiner zu Fuß.« Dieser saloppe Graffitispruch gilt anscheinend auch für die Wählerschaft von Bündnis/Die Grünen, die prompt ihre Stimme versagt, wenn konkrete Forderungen an sie gestellt werden. Aber wie soll eine Partei denn zeigen, daß sie sich für die Umwelt einsetzen will? Wenn die Wähler bisher die Politiker kritisiert haben, weil diese vor der Wahl viel versprechen und anschließend aus den Sachzwängen heraus anders handeln, so fordern sie jetzt geradezu dieses Verhalten bei den Grünen: ein unverbindliches Programm mit Wunderwirkung zur Rettung der Umwelt.

BALINGEN (BAD.-WÜRTT.)W. WILLIG

Frei nach Fontane in »Archibald Douglas": »Ich hab' sie gewählt zweimal sieben Jahr, und ich kann sie nicht wählen mehr.« Die Umsetzung der Träumereien einiger Öko-Freaks kann nur mit Verordnungen durchgeführt werden und wird in einer Diktatur enden: Grün - nein danke!

BÜTTELBORN (HESSEN) PHILIPP KOHL

Als Gründungs-Grüner habe ich Ihren Titel natürlich mit Interesse gelesen. Er ist gut recherchiert, aber er krankt an einem Kardinalfehler, der sich in dem Satz kondensiert: »Sie (die Grünen) fühlen sich als Opfer einer Realität, die sich ihrem Weltbild partout nicht unterwerfen will.« Hier wird die Wahrheit auf den Kopf gestellt. Das äußere (und innere) Dilemma der Grünen besteht gerade darin, daß die irdischen Realitätsgrundlagen - die thermodynamischen Gesetze, die Entropie und die ihr entgegenarbeitende Syntropie der Lebensprozesse einschließlich des Todes - nicht mehr erlebt werden, ja kaum mehr erlebbar sind. 95 Prozent der Bevölkerung (einschließlich vieler Grünen-Wähler) paßt das nicht ins Weltbild. Und die Riesen-Interessen, die sich um den Realitätsverlust herum gebildet haben, unterstützen solche Wahnvorstellung nach Kräften. So kommt es, daß selbst so schüchterne Ablaßkrämereien wie das Fünf-Mark-Benzin und die Kerosinbesteuerung heulendes Entsetzen auslösen, wobei man hintenherum zugibt, daß es ja »eigentlich« ganz vernünftig wäre. MÜNCHEN CARL AMERY

Hier wurde den Grünen vorgeworfen, was auch der Frauenbewegung anhaftet: Sie richteten sich in ihrer Opferrolle ein. Dabei sind es gerade die grünen Frauenpolitikerinnen, die unübersehbare Erfolge erzielt haben, und das so gründlich, daß sie schon Allgemeingut geworden sind. Ohne die grünen Frauen gäbe es keine Quotierungsregelung, keine Gleichstellungsgesetze und keinen Straftatbestand der Vergewaltigung in der Ehe.

KIEL BIRGIT MÜLLER

FRAUENMINISTERIUM SCHLESWIG-HOLSTEIN

Wenn die Grünen einen anderen Weg gehen als den, den sie gehen, und nur auf die Koalition als Heilsbringer schielen, werden sie bald auf das Niveau der FDP fallen.

BAD PETERSTAL (BAD.-WÜRTT.) DR. K.-H. BAYER

Wie jedes andere Produkt ist auch Politik zu verkaufen. Es ist offensichtlich, daß dies die Grünen noch nicht verstanden haben. Wie sollten sie auch, denn eine Partei, die sich zum Großteil aus beamteten Lehrern zusammensetzt, muß damit überfordert sein.

MÜNSTER (HESSEN) PETER BURKARD

Als seit 18 Jahren aktivem Mitglied der Grünen fällt einem zu deren Rettung nur noch die Perspektive ein, daß »mediale Genies« vom Kaliber Saibold zügig in der politischen Versenkung verschwinden sollten. Und so kann denn auch hoffnungsfroh davon ausgegangen werden, daß Halo Saibold selbst zu den ersten Opfern ihrer unsinnigen Volkserziehungsversuche zählen wird, hat sie doch erfolgreich für eine sichere Option auf eine politische Pause gesorgt.

DARMSTADT DANIELA WAGNER

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