DOKUMENTATIONEN »Heute muss man schneller arbeiten«
SPIEGEL: Herr Grabe, Sie haben in vier Jahrzehnten mehr als 60 Dokumentarfilme gemacht, darunter eine Langzeitbeobachtung über das Leben eines Vietnamkrieg-Opfers. Könnten Sie heute einen solchen Film auch über ein Opfer des Afghanistan-Krieges drehen?
Grabe: Nein. Erstens ist in Afghanistan die Berichterstattung weitgehend eingeschränkt. Und zweitens müssen die Kollegen heute sehr viel schneller arbeiten als ich damals. Ich wollte Filme drehen, die über den Tag hinaus ihre Kraft behalten. Deshalb wird mein erster Vietnam-Film ständig wiederholt.
SPIEGEL: Heißt das, die Nachfolger des nun in Ruhestand gehenden Reporters Grabe haben kaum die Chance, ähnlich lange, präzise Dokumentarfilme fürs Fernsehen zu machen?
Grabe: Im ZDF jedenfalls war ich der letzte Festangestellte, der solche Sendungen produzieren konnte. Die Zeit dafür können sich vielleicht heute nur freie Produzenten nehmen, die zur Selbstausbeutung bereit sind. Wer so arbeitet wie ich, muss länger an einem Ort verweilen und eine Beziehung zu den Menschen aufbauen. Meine ZDF-Kollegen müssen dagegen im Prinzip sofort die Kamera laufen lassen.
SPIEGEL: Sind heute nicht auch die Zuschauer mehr an Schnelligkeit als an Gründlichkeit interessiert?
Grabe: Das scheint so zu sein. Aber die Frage ist: Weshalb hat der Zuschauer seine Sehgewohnheiten geändert? Vielleicht ist er ja vom Fernsehen selbst umerzogen worden, nachdem die Marktforscher behauptet hatten, das Publikum wünsche es kurz und flott.
SPIEGEL: Längere Dokumentarfilme laufen heute allenfalls im Spätprogramm - auch Ihre Filme werden vom ZDF in dieser Woche nach Mitternacht gezeigt.
Grabe: Richtig, was aber daran liegt, dass ich nicht bereit war, halbstündige Dokumentationen zu machen. Da bin ich lieber mit einem 90-minütigen Film im Nachtprogramm vertreten.