Hilflose Retter
Der Einsatz von Narkosemitteln bei der Moskauer Geiselbefreiung war nicht improvisiert: Nach Einschätzung westlicher Experten müssen die russischen Streitkräfte jahrelang an der Dosierung und Verbreitungstechnik von schnell wirkenden Betäubungsstoffen geforscht haben. »Das lief äußerst professionell ab«, urteilt Jan van Aken, Experte für Chemie- und Biowaffen aus Hamburg.
Ganz im Gegensatz zur dilettantischen medizinischen Versorgung der bewusstlosen Geiseln: Ein Großteil von ihnen ist offenbar noch lebend aus dem Musicaltheater getragen worden. Bis sie aber in Krankenhäusern ärztliche Hilfe erhielten, hat es mitunter über eine Stunde gedauert, weil es an Helfern und Krankenwagen mangelte - das kostete vermutlich vielen das Leben.
Versprüht wurden offenbar zwei verschiedene Betäubungsmittel: das synthetische Opiat Fentanyl und das Narkosegas Halothan. Beides sind Substanzen aus dem Standard-Repertoire jedes Krankenhaus-Anästhesisten.
Schon während des Kalten Krieges erforschten amerikanische und sowjetische Militärs das Potenzial von Narkosemitteln im Kampfeinsatz. Der amerikanische Anästhesist Theodore Stanley von der University of Utah empfahl 1982 als Berater der US-Streitkräfte Carfentanyl als geeignete Substanz: »Wenn ich ein Bierglas voll mit Carfentanyl hier auf den Boden schmeiße, sind alle in diesem Raum sofort bewusstlos.«
Das Fentanylderivat ist allerdings kein Gas, sondern ein Feststoff. Deshalb benötigten die russischen Sicherheitskräfte spezielle Geräte, um den Stoff in mikrometerkleine Partikel zu zerstäuben. Vermutlich brachten sie Großtechnologie aus dem ehemaligen Biowaffen-Programm der Sowjets in Stellung. »Aus Unterlagen und Augenzeugenberichten wissen wir, dass die Sowjets damals riesige Aerosol-Maschinen entwickelt haben, um etwa Anthrax-Sporen über große Flächen zu verteilen«, berichtet Biologe van Aken.
Halothan, das zweite mutmaßliche Narkosemittel, ist einfacher zu verteilen: Die Flüssigkeit verdampft bei Zimmertemperatur von selbst zu einem Gas. Der Münchner Toxikologe Thomas Zilker konnte Halothan im Blut und Urin der zwei deutschen Geiseln nachweisen. Den Einwand, das Narkosegas sei womöglich erst bei der künstlichen Beatmung der befreiten Geiseln in deren Körper gelangt, hält der Wissenschaftler für wenig stichhaltig. Zilker: »Im Gegensatz zu dem 18-jährigen Mädchen ist der 43-jährige Mann überhaupt nicht beatmet worden.«
Dass der Münchner Experte im Körper der Geiseln hingegen kein Fentanyl gefunden hat, liegt an der kurzen Zerfallszeit des Opioids: Nach rund sechs Stunden ist es im Blut abgebaut. Allerdings untersucht das Wehrwissenschaftliche Institut der Bundeswehr in Munster derzeit noch die Kleidung der Geiseln auf Fentanylspuren.
Auch die Rettungskräfte wussten oft nicht, welche Narkosemittel verwendet worden waren und agierten daher reichlich hilflos. Gegen Fentanyl hätte sofort das Gegengift Naloxon gespritzt werden müssen; dabei hätte es gereicht, die Nadel einfach in einen Muskel zu stechen - wozu jeder Sanitäter in der Lage gewesen wäre.
Um die Wirkung von Halothan abzumildern, hätte mit simplen Beatmungsbeuteln Luft in die Lungen der Opfer gepumpt werden müssen. Rasch wäre die Konzentration der Narkosemittel gesunken, die Atmung hätte wieder eingesetzt.
Damit ihre Zunge nicht die Luftröhre blockiert oder Erbrochenes in die Lunge läuft, hätten die Geretteten auch sofort in die stabile Seitenlage gebracht werden müssen - eine Übung, die jeder Autofahrer im Erste-Hilfe-Kurs lernt.
Stattdessen hockten viele der Bewusstlosen auf den Sitzen Moskauer Stadtbusse - den Kopf lebensgefährlich nach hinten verrenkt. GERALD TRAUFETTER