SCHWEIZ Himmlische Ruhe
Dunkel und drohend erhebt sich hoch über den Tennisplätzen des Hotels Grand Regina in Grindelwald die Nordwand des Eiger. Und düster klingt auch, was Direktor Joachim Müller über das Sommergeschäft seines Hauses sagt, eines Orts eleganter Zeitlosigkeit mit Antikmöbeln und wertvollen Wanduhren.
»Der deutsche Gast fehlt«, lautet das Resümee des gebürtigen Münchners, die Lage sei schlimmer als während des Ölschocks Anfang der siebziger Jahre.
Von ähnlichen Krisenzeichen berichten auch andere Top-Häuser im Berner Oberland, mit 3,5 Millionen Logiernächten jährlich eine Wetterfahne des Tourismus in der Schweiz. Das Palace in Gstaad verzeichnet 20 Prozent weniger Gäste aus Nordamerika, und das gilt auch für das Flaggschiff der Fünf-Sterne-Hotels in der Region, das Victoria-Jungfrau in Interlaken.
Wenigstens stellten sich seit dem Ende der Sars-Epidemie wieder Gäste aus Japan ein, bemerkt Emanuel Berger, Herr über eine stolze Sonderwelt von Bankettsälen mit Marmorsäulen, Terrassen und 400 Betten, die im Doppelzimmer zu 620 Franken angeboten werden. Tröstlich sei auch, dass nun wieder vermehrt Schweizer bei ihm abstiegen und Firmen Tagungen abhielten, »die früher dazu auf die Fidschi-Inseln fuhren«.
Die Probleme seiner Kollegen aus der Beletage des Luxustourismus sind dagegen Erich Balmer fremd. Er betreibt in Interlaken eine Herberge für Reisende mit Rucksäcken, vor der keine Kutschen vorfahren und in der es kein Wellness-Center mit Sauna und Gletscherdampfbad gibt wie im Grindelwalder Grand Regina.
Man logiert hier im Chaletgebäude und schläft unter rotweiß karierten Bettdecken, auf Wunsch auch im Doppelzimmer zu 34 Franken je Person - Fernsehapparat und Frühstück inklusive. Im Erdgeschoss gibt es eine Bar mit Holztischen und desgleichen im Garten, wo als Spezialität Balmer-Burger mit Speckstreifen und Bier vom Fass serviert werden.
»Sars hin, Rezession her: Die Jugend will reisen«, lautet Balmers tägliche Erfahrung. Als Botschafter in eigener Sache ist er dabei, sich neue Märkte zu erschließen. Dreimal hat er Vorträge an der Universität im südkoreanischen Seoul gehalten. Demnächst reist er nach Shanghai, und zuletzt hat er in Dallas und Honolulu um amerikanische »backpackers« geworben.
Dem Herbergier, wie er sich nennt, kommt es gelegen, dass Billig-Fluglinien wie zum Beispiel EasyJet seinem Metier behilflich sind. So etwa im Fall der sommersprossigen Wirtschaftsstudentin Karen Chisholm, die von Glasgow für 50 Pfund nach Genf geflogen ist. »EasyJet ist bei allen das Fortbewegungsmittel der Wahl«, meint sie, »und die pittoreske Herberge in Interlaken schlägt mit dem Preis jedes Hotel.«
Das ist nicht nur für Erich Balmer von Bedeutung, der sogar ein riesenhaftes Zelt mit Schlafkojen errichten ließ, um des Andrangs Herr zu werden. Andere Privatherbergen profitieren ebenfalls von der neuen Sparsamkeit der Reisenden. In seinem Mountain Hostel seien auch schon Verwaltungsräte von Basler Konzernen registriert worden, versichert Godi Egger, Eigner des rustikalen Anwesens in Grindelwald.
Und im Anbau des Landhauses in Bern, das sich gleichfalls auf Rucksackträger konzentriert, steigt doch immer wieder mal ein Deutscher ab: Werner Müller, Ex-Wirtschaftsminister im Kabinett von Kanzler Gerhard Schröder.
Auch die Jugendherbergen ziehen davon Nutzen, dass im Reiseland Schweiz Rucksäcke die Welt der Louis-Vuitton-Koffer bedrängen: Mit 32 Millionen Übernachtungen im vergangenen Jahr hat die so genannte Parahotellerie - Campingplätze, Ferienwohnungen und Herbergen - mit dem angestammten Schweizer Hotelwesen gleichgezogen. Und die Frequenz nimmt zu, weil beispielsweise in den 61 Jugendherbergen des Landes ein hotelähnliches Angebot den alten Militärdrill ablöste. Es gibt keine Massenduschen und Filzdecken mehr.
Auch die Altersbeschränkung ist aufgehoben, so dass sogar Rentner wieder die Rucksäcke packen. »Wir sind während der ganzen Sommerferien ausgebucht«, meldet Marion Pfisterer, Leiterin der Jugendherberge im romantischen Leissigen am Thuner See. Das verträumte Anwesen mit Rosentor und manikürter Hecke befindet sich direkt am Ufer und gehörte einst dem Ovomaltine-Fabrikanten Wander.
»Wir gelten als Einsteigerherberge für Leute, die vorher noch nie in einer Jugendherberge übernachtet haben«, erklärt Marion Pfisterer, die gerade das Abendessen vorbereitet: Kräutercremesuppe, Schnitzel vom Rind mit Teigwaren samt Salat und Dessert. Der Preis: 12,50 Franken - Schwindel erregend wenig im Vergleich zu den Menükosten in einem Schweizer Restaurant.
Das Ehepaar Ute und Michael Schulz aus Bremen, beide 62, hat die Jugendherberge schon zum zweiten Mal besucht und ist begeistert. »Früher wäre ich nie darauf gekommen«, sagt Ute Schulz, »die himmlische Ruhe in den Liegestühlen: wie im Paradies.«
Und anders als in einer Ferienwohnung müsse man bei dieser Art Urlaub nicht selbst kochen. »Es ist wie im Hotel - nur schöner und preiswerter.«
JOACHIM HOELZGEN