Die Welt im 21. Jahrhundert HIPHOP DER HORMONE
Mit großer Gelassenheit bewegt sich der Zeitgenosse durch die mit Reizen hoch gesättigte Sphäre des öffentlichen Sex. Auf der Straße begegnet er Gestalten, die sich sexy inszenieren, die Werbung konfrontiert ihn mit raffiniert präsentierten Körpern, in den visuellen Medien konsumiert er schamlose Bekenntnisse und Schaustücke.
Beim Anblick eines Softpornos im Fernsehen wären seine Vorfahren nicht so gelassen gewesen: Der wilhelminische Mann hätte vermutlich die Kontrolle verloren, die Gattin sich von dem Schock kaum erholt. Der moderne Typus des Flaneurs ist eher gelangweilt, vielleicht auch dazu animiert, nach anderer Erregung zu suchen.
Er ist der Erbe einer sexuellen Revolution, die Generationen vor ihm erkämpft und durchlitten haben. Nach der Zwei-Welten-Theorie des Hamburger Sexualforschers Gunter Schmidt hält er die beiden Bereiche - einerseits den entgrenzten Sex-Kosmos mit seiner wahnsinnigen Vielfalt von Körpern und Vorlieben, andererseits das bescheidene eigene Kämmerlein - recht sorgfältig getrennt, sonst würde er verrückt werden. Und dann ist da noch der Typus des Lustlosen, eine in der westlichen Industriegesellschaft wachsende Kategorie: Er reagiert gar nicht, klagt darüber oder hat klaglos keinen Sex.
Am Beginn des 21. Jahrhunderts wird Sex nicht mehr als bloß naturgegeben, sondern auch als eine soziale Konstruktion verstanden. Sexualität erscheint »flüssig und veränderbar«, so der britische Soziologieprofessor Ken Plummer. Wandel durchzieht die Lebensläufe der Menschen, wirkt sich auf ihre Identität aus und auf ihren Sex, der in kulturelle Szenarien eingebettet sich vollzieht.
Im den kommenden Jahrzehnten wird sich das sexuelle Verhalten vermutlich stärker verändern als jemals in allen sich wandelnden Zeitströmungen zuvor: Die Techniken der modernen Biologie - von der künstlichen Befruchtung über die Manipulation des Erbgutes bis hin zur (einstweilen noch nicht realisierbaren) Vision vom geklonten Menschen - rücken Sexualität und Fortpflanzung immer weiter auseinander. Wird so der Mensch in der Zukunft zum hemmungslosen Lustgewinnler, sinkt er gar ab zur seelenlosen Sexmaschine?
Dass hinter allen wechselnden Moden die Sexualität sui generis existierte, gleichsam als eine ahistorische Konstante, die sich von der Steinzeit durch alle Epochen zieht, darüber wird zwar immer wieder spekuliert. Aber ob es so ist oder nicht, kann mit Gewissheit niemand sagen.
Die Neurobiologie geht davon aus, dass es im Gehirn, dem übergeordneten Sexual-
organ, gewisse Programmschaltungen gibt, schon wenn Jungen und Mädchen geboren werden. Was aber im Laufe des Lebens hinzukommt, sind unzählige Möglichkeiten im Netzwerk der hundert Milliarden Nervenzellen, und das im Zusammenspiel mit der Chemie Hunderter von Signalsubstanzen und dem HipHop der Hormone. Nicht von den Geschlechtsorganen wird der Orgasmus gemacht, sondern aus ihren Impulsen gestaltet das Hirn den sexuellen Höhepunkt.
Was allerdings die Leute empfinden, lässt sich allenfalls aus ihren Mitteilungen erschließen - eine riesig angewachsene Summe, die, wie der französische Philosoph Michel Foucault zu bedenken gab, »die ''Wahrheit des Sexes'' nicht abbildet, sondern schafft«.
Schon der Begriff Sexualität ist ein Zeitphänomen. Um 1800 tauchte er in der Biologie und Zoologie auf. Dann verging fast ein ganzes Jahrhundert, bis er auf den Homo sapiens übertragen wurde: 1889 in einer Abhandlung über hysterische Krankheiten von Frauen, als deren Ursache die weibliche »Sexualität« angesehen wurde.
Inspiriert von dem Psychopatriarchen Sigmund Freud, sahen weite Teile der Gesellschaft die größten Kulturleistungen - seien es die vornehmen Klänge einer Symphonie oder bedeutende Gemälde - als Ausdruck sublimierter Sexualität an. Alles falsch: Das ist jedenfalls heutzutage die vorherrschende Linie der professionellen Sexbetrachter.
Sie glauben lieber an einen vitalen Elan, der sich vielfältig ausdrücken kann: unter Umständen in großer Kunst - und unter anderen Umständen im Bett. In der postmodernen Deutung schrumpelt die kolossale Kraft, die einst Freud am Werk sah, zu einer »fusseligen Matrix« zusammen, wie der Sexualforscher Schmidt sagt.
Der Soziologieprofessor Plummer von der University of Essex beschreibt die für die westliche Kultur typischen vielfältigen Kategorien, die heutzutage an dieser Matrix haften: »Sex ist, unter anderem, eine Leistung, ein Akt, eine Aggression, eine Langweiligkeit, eine Körperlichkeit, eine Jagd, eine Ware, eine Form von Beschmutzung, ein Ausdruck von Liebe, ein Gefühl, ein Spiel, eine Geschlechtlichkeit, ein Hormon, eine Identität, eine Verfolgung, ein Hobby, ein medizinisches Problem, ein Mikrobild, eine Pathologie, ein Schauspiel, eine Selbstdar-
stellung, eine Perversion, ein Besitz, ein Drehbuch, eine traumatische Erfahrung, eine Therapie, eine Methode der Grenzüberschreitung, eine Form von Gewalt, eine Form von Arbeit, eine Art Krieg.«
Dagegen erfuhren die Triebe einen epochalen Niedergang. Das Modell vom Dampfkessel, der sich durch Reize auflädt und regelmäßig Druck durch das Ventil der Triebentladung ablassen muss, hat keine Chance im 21. Jahrhundert. Die zivilisierte Mehrheit weiß, dass Gelüste kommen und gehen, aufschiebbar und verdrängbar sind. Dass ein Pärchen unter einem Muss-Diktat in die nächste Ackerfurche fällt, mag in ländlichen Regionen noch vorkommen. Der in die Zukunft weisende Designer-Sex ist dagegen sorgfältig inszeniert - als besonderer Thrill für den übersättigten Großstadtmenschen, vielleicht auch mal in der Ackerfurche, aber überwiegend in komfortabler Umgebung, die sich den Errungenschaften der hoch industriellen Gesellschaft verdankt.
Als die Soziologen Arne Dekker und Silja Matthiesen für ihre Diplomarbeit die sexuellen Konzepte von Studenten analysierten, fanden sie trieborientierte Vorstellungen ("Abreaktion körperlicher Gelüste") auf der absteigenden Linie. Auch die Verknüpfungen von Eros mit Rausch und Ekstase haben sich verflüchtigt. Das bürgerliche Drama von Verheißung und Verderbnis steht nicht mehr auf dem Spielplan. Dagegen stieg als Metapher für den Neosex der »große Spaß« auf, genossen als »beste Unterhaltung« oder gar als »unvergleichliche Glücksgefühle«, aber leider nicht immer zu haben »wie ein Luxus« oder noch seltener: »wie Schnee am 24. Dezember«.
Ernüchterung ist eingetreten. Der Same, einst Inbegriff des geheimnisvollen Vorgangs der Prokreation, kann im Versandhandel bestellt werden. Der von Klassikern wie Shakespeare bis in die Sphäre der Entrückung hochgepuschte Liebesbund ist abgestürzt in schale Tristesse: Zum Kultautor steigt auf, wer, wie der Franzose Michel Houllebecq, den Sex zur bloßen Ware herabstuft, die man sich am besten bei thailändischen Prostituierten holt (siehe Seite 198).
Die transformative Kraft der Sexualität, wie sie der Sexpapst der Apo, der Psychoanalytiker Wilhelm Reich ("Die Funktion des Orgasmus"), einst herbeisehnte, ist ausgeblieben. Herausgekommen ist nicht die große Befreiung, sondern eine kleine Freiheit, die der postmoderne Mensch ins neue Jahrtausend mitnimmt.
Und dann kam auch noch die Chemie zu Hilfe und brachte die Kehrseite des modernen Leistungssex ans Licht. Leuchtend stieg der »blaue Diamant«, die Viagra-Pille, als Männertröster auf und brachte die Impotenz aus kultureller Verdrängung in den öffentlichen Diskurs: Acht Millionen deutsche Männer sollen darunter leiden. Mit dem chemischen Verstärker begann die Zukunft der Designerdrogen für den verbesserten Sex von Mann und Frau.
Mit unzähligen Stimmen und Auftritten hat sich der Sex in den Medien hören und sehen lassen: Davon, wie es das erste Mal war und wie es im Alter sein wird, war die Rede, von sagenhafter Lust und unerträglichem Leid; die ganze Palette der Probleme wurde durchbuchstabiert. Das Fernsehen lieferte die Freakshow, das Kuriositätenkabinett und Revue der Exoten. Die zwölfjährige Mutter hat gesprochen, die Hure, die gern Hure ist, und die drogensüchtige Kinderprostituierte, die ihren Selbstekel herausschreit.
Und was wählt der heterosexuelle Mensch von heute aus diesem kakophonischen Überangebot? Vorzugsweise die serielle Monogamie, eine Beziehung nach der anderen mit zeitlich mehr oder minder langer Überlappung.
Minderheiten weichen von diesem Schema ab. Umfragen ist zu entnehmen, dass in festen Beziehungen, egal ob mit oder ohne Trauschein, 29 Prozent der Frauen und 41 Prozent der Männer zu Affären neigen, mit dem Unterschied, dass die Frauen eher innigere und längere Beziehungen zu einem Geliebten bevorzugen, die Männer sporadisch mit mehreren Bekanntschaften fremdgehen.
Das alles geschieht zumeist mit großer Heimlichtuerei und führt zu Dramen, wenn es herauskommt. Aber die Bereitschaft, zu verzeihen, ist gewachsen. Offene Beziehungen ohne sexuelle Besitzansprüche an den Partner (nach Schätzungen maximal 10 Prozent) erwiesen sich als brüchig und gingen vorüber: Meist trennte man sich, manchmal bekannte man sich zueinander mit sexueller Exklusivität. Auch das aufregende Sexleben von »Swinging Singles« erwies sich als Mär: Es soll trostlos sein, es sei denn, dem Single gelingt nach frustrierender Suche eine feste Beziehung, ohne die beiden Haushalte gleich zusammenzuschmeißen.
In allen Untersuchungen zeigt sich der aufsteigende Wert von Treue. Sie wird aber nicht als moralisches Konzept gewählt, sondern aus pragmatischen und praktischen Überlegungen eingehalten. Der gut informierte und erfahrene Mensch kann sich ausrechnen, dass die anderen auch nicht viel besser sind. Auch spielt ein gewachsener Anspruch auf Offenheit, Vertrauen und Loyalität dem Seitensprung entgegen.
Mehr noch und stärker ist unter Jugendlichen die Verbindung von Sex mit Liebe und Treue angewachsen. Im Vergleich zu den jetzt 50- bis 60-Jährigen, die ihre ersten Erfahrungen zur Zeit der Studentenbewegung Ende der sechziger Jahre machten ("Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment"), sind vor allem die jungen Männer romantischer geworden und unterscheiden sich kaum noch von den Mädchen. Eine Liebe nach der anderen zu haben ist für die Jugend normal, nur nicht nebeneinander, sondern nacheinander.
Nach wie vor gibt es im sexuellen Verhalten Unterschiede zwischen den Geschlechtern, aber die Ähnlichkeiten werden immer größer und überwiegen. Die Emanzipation der weiblichen Lust und die Zivilisierung der männlichen Sexualität sind entschieden vorangekommen. Junge Männer schlafen überwiegend mit Frauen, die auch als längerfristige Partnerinnen in Frage kämen, und nicht mit von vornherein deklassierten Sexualobjekten wie ihre Vorfahren um die Jahrhundertwende. So wird aus allen Untersuchungen deutlich, dass Überwältigungsstrategien bei der Partnerwahl mega-out sind. Der aggressive Teil der Sexualität ist nicht zuletzt durch die Emanzipationsdebatte der vergangenen Jahrzehnte abgeklungen - jedenfalls beim sexuellen Normalbürger.
Die feministischen Schauergeschichten vom Elend unter dem Rollendiktat des Patriarchats haben den Jahrhundertprozess der Auflösung starrer Muster sichtlich vorangetrieben.
Aus den biologischen Wissenschaften kam Unterstützung: In den Persönlichkeitseigenschaften von Männern und Frauen gibt es sehr viel mehr Ähnlichkeiten als Differenzen. In ein und demselben Individuum können sowohl Femininität als auch Maskulinität stark ausgeprägt sein, in einem anderen Individuum können beide Kategorien nur schwach vorkommen. Daher setzte sich in der Wissenschaft ein mehrdimensionales Modell durch.
Mit einer zunehmenden Verwirrung der Rollen, aber auch mit aufregenden Chancen, das individuell richtige Muster zu finden, geht die Gesellschaft ins 21. Jahrhundert. Mit der sozialen Konstruktion der Geschlechter und des Geschlechtlichen wird sie auch weiterhin beschäftigt sein. ARIANE BARTH
* Von links nach rechts: Computeranimation des polnischenKünstlers Piotr Wyrzykowski; Postkarte um 1920; Stripperin voreiner Web-Kamera.* Östradiol-Kristalle unter dem Mikroskop.