Hirn und Arm - DER SPIEGEL
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ITALIEN Hirn und Arm

Mit der Verhaftung von Mario Moretti, dem meistgesuchten Terroristen Italiens, gelang der Polizei ein schwerer Schlag gegen die Roten Brigaden. Ist Moretti der Mörder Aldo Moros?
• aus DER SPIEGEL 16/1981
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Sie nannten ihn »Primula Rossa«, zu deutsch »Den Unauffindbaren«, oder »Das rote Gespenst« oder »Buchhalter des Todes«. Denn neun Jahre lang machten Polizei und Carabinieri vergebens Jagd auf den Terroristen Mario Moretti.

Mehrmals gelang es ihm, im letzten Augenblick zu entwischen. So 1975, als er über die Dächer von Pavia floh. »Er verschwand ins Nichts«, ärgerte sich ein Carabinieri-Feldwebel.

Doch dann, vor wenigen Monaten, beging »Der Unauffindbare« einen verhängnisvollen Fehler. Um wieder Nachwuchs für die stark geschrumpften Roten Brigaden zu gewinnen, nahm er in Mailand Kontakt zu einem gewöhnlichen Kriminellen namens Silvano auf. Über dessen Treffs aber wußte auch ein festgenommener Heroin-Fixer und Dieb Bescheid. Er brachte die Kripo auf die richtige Fährte: Am 4. April wurde Moretti, 35, in Mailand gefaßt, zusammen mit dem Literatur-Professor Enrico Fenzi, 42.

»Wir sind politische Gefangene«, erklärten die beiden unisono und verweigerten beim Verhör jede Auskunft. In ihren Taschen fanden die Fahnder falsche Ausweispapiere, über 19 Millionen Lire (etwa 40 000 Mark) sowie neue Dokumente der Brigate Rosse (BR).

Morettis Verhaftung ist der bedeutendste Erfolg der italienischen Terroristen-Jäger seit Jahren. Denn viele Indizien, besonders aber die Enthüllungen des reuigen Top-Brigadisten Patrizio Peci, lassen den Verdacht zu, Moretti leite die römische Kolonne der BR, auf deren Konto die Entführung und Ermordung des christdemokratischen Parteipräsidenten Aldo Moro 1978 gehen. Er war, so ein hoher Justizbeamter, »das Hirn und der Arm der umstürzlerischen Vereinigung«. Insgesamt legt ihm die Anklage zehn Morde und drei Dutzend weitere Verbrechen zur Last.

Wie viele italienische Ultras stammt auch Moretti -- Deckname »Nico«, später »Maurizio« -- aus einer gutkatholischen Bürgerfamilie in der Provinz. Sein Vater, ein Viehhändler, starb früh, die Mutter, eine fromme Harfenlehrerin im Adria-Ort Porto San Giorgio, schickte den Jungen ins Internat.

Mit einem Empfehlungsbrief des Pfarrers, der ihm »gesunde religiöse und politische Ideen« bescheinigte, reiste Moretti dann nach Mailand, wo er einen Job als Radiotechniker in einer großen Fabrik erhielt und der Gewerkschaft beitrat.

Im Sog der Unruhen von 1968/69 driftete Moretti politisch weit nach links und schloß sich dem BR-Gründer Renato Curcio an. 1972, als die Carabinieri erstmals ein Mailänder BR-Versteck aushoben, tauchte er in den Untergrund.

Bald erwarb er sich den Ruf eines »Capo«. Wo immer die Roten Brigaden ein spektakuläres Attentat verübten, wo immer man eine Verschwörerwohnung aufstöberte -- überall sah die Polizei Spuren von Mario Moretti.

Er war Mitglied des sogenannten Exekutivausschusses der Umstürzler, er hielt auch die Verbindung zu ausländischen Ultras. So traf er sich angeblich mit dem Deutschen Willy Peter Stoll, den die Polizei 1978 in einem Düsseldorfer China-Restaurant erschoß.

Zweimal, so berichtete der als glaubwürdig angesehene Patrizio Peci, steuterte Moretti auf einer Jacht ins östliche Mittelmeer, wo ihm Palästinenser vor der libanesischen Küste Waffen übergaben: unter anderem Handgranaten, Minen und sogar Raketen vom Typ »Strela« (Sam 7). Vom ersten Trip 1977 brachte er möglicherweise auch die tschechoslowakische Maschinenpistole Marke »Skorpion« mit, mit der die Terroristen später Aldo Moro töteten.

In dem Entführungsdrama um den italienischen Ex-Premier, davon sind die Ermittler überzeugt, war Moretti der eigentliche Regisseur. Nach allen Indizien scheint: Er

* mietete unter dem Namen »Ingenieur Borghi« jene römische Wohnung, die als Basis für das Attentat diente;

* gab die Anweisungen beim Überfall am 16. März 1978, bei dem Moro entführt und seine fünf Leibwächter erschossen wurden;

* verhörte den Politiker während dessen 55tägiger Haft im »Volksgefängnis«;

* sorgte für den Druck der meist von ihm selbst verfaßten Brigaden-Kommuniques;

* rief am 30. April 1978 bei der Familie Moro an, um die »Vollstreckung des Todesurteils« anzudrohen.

Der kaltblütige Terrorist gab möglicherweise auch am 9. Mai 1978 den Befehl, Aldo Moro zu erschießen. Überdies ist Moretti, laut Staatsanwaltschaft, mitverantwortlich für weitere seither begangene Verbrechen, so Ende 1980 für die Entführung des hohen Justizbeamten Giovanni D'Urso.

Die Roten Brigaden rächten sich für die Verhaftung ihres Capo: Am vergangenen Dienstag frühmorgens erschossen sie den römischen Gefängniswärter Raffaele Cinotti. »Der Krieg gegen den Terrorismus«, klagte die KPI, »ist noch lange nicht gewonnen.«

In der Tat. Obschon die Roten Brigaden derzeit wohl keine organisatorisch schwierige verbrecherische Großaktion wie im Fall Moro zustande brächten -- zu Attentaten auf »Volksfeinde« sind sie allemal in der Lage.

Terror-Experten unter den Carabinieri schätzen, daß die wichtigsten Kolonnen der BR in Rom und Mailand »erst zu 40 Prozent erledigt sind«.

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