Hitler: »Bestellen Sie ihm, ich hab' ihn lieb!« - DER SPIEGEL
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Hitler: »Bestellen Sie ihm, ich hab' ihn lieb!«

SPIEGEL-Redakteur Heinz Höhne zum Tod von Albert Speer
• aus DER SPIEGEL 37/1981
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Er hat ein Meisterwerk publizistischer Wirksamkeit hinterlassen, das die Zunft der Vergangenheitsbewältiger noch lange irritieren wird. Denn keiner verstand sich so gut auf die Kunst des Hakenschlagens, auf das Bekennen und Wegdisputieren eigener Verantwortung wie er: Albert Speer, der Künstler-Freund und Rüstungsminister Hitlers, bis zur vergangenen Woche der letzte Überlebende aus dem innersten Kreis des Führers.

Schon früh hatte Speer begonnen, sein Leben zu stilisieren und in die Rolle des »feinsinnigen Schuldig-Unschuldigen«, wie der Psychologe Alexander Mitscherlich spottete, zu schlüpfen. Er war gut darauf vorbereitet.

Im vorletzten Kriegsjahr hatte Speer damit angefangen, obwohl es ihm damals noch gar nicht bewußt war. Das war die Zeit, als sich der Rüstungsminister Speer einer Phalanx beutegieriger Gauleiter, NS-Ideologen und SS-Führer zu erwehren hatte, die ihm die Kontrolle über seinen Apparat streitig machen wollten. Da schickte er einen dringenden Hilferuf an den Chef und Freund.

»Mein Führer«, schrieb Speer am 20. September 1944, »die Aufgabe, die ich zu erfüllen habe, ist eine unpolitische. Ich habe mich so lange in meiner Arbeit sehr wohl gefühlt, als meine Person und auch meine Arbeit nur nach der fachlichen Leistung gewertet wurde. Ich fühle mich nicht stark genug, meine und meiner Mitarbeiter zu leistende fachliche Arbeit ungehindert und erfolgversprechend durchzuführen, wenn sie mit parteipolitischen Maßstäben gewertet werden.«

An dieses Schreiben erinnerte sich Speer zwei Jahre später, als er auf der Anklagebank des Nürnberger Kriegsverbrecher-Tribunals saß, beschuldigt der Vorbereitung von Angriffskriegen und der unmenschlichen Behandlung ausländischer Zwangsarbeiter.

Er wußte, daß es sinnlos war, sich durch dumme Ausreden der Anklage entziehen zu wollen; er, Albert Speer, mußte sich zu seinen Taten bekennen, aber auch zu einer »Gesamtverantwortung«, die allerdings die spezielle, individuelle Verantwortung für Verbrechen des Hitler-Regimes ausschloß.

Da kam ihm das Dokument des 20. September 1944 gerade recht. Ja, so war er doch gewesen: ein unpolitischer Spezialist, nur an Leistung und Effizienz interessiert, der sich dem Ruf seines Führers nicht hatte entziehen wollen und dadurch ungewollt in die Verbrechen des ihm fremden Regimes verstrickt worden war.

Noch ehe am 1. Oktober 1946 das Urteil gegen Speer erging (20 Jahre Gefängnis wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit), hatte er bereits in seiner Zelle erste »Erinnerungsfetzen an die zwölf Jahre mit Hitler« notiert, in denen Speers Saga Konturen erhielt. Speer schwebte ein vierteiliger Rechenschaftsbericht über seine Tätigkeit als Minister, Architekt und Freund Hitlers vor -- »offen und ehrlich«, wie er sich vornahm.

Im Spandauer Gefängnis schrieb Speer weiter, auf Hunderten und Aberhunderten von Kassibern, die er einem langjährigen Freund und Ex-Mitarbeiter, dem Architekten Rudolf Wolters, zuspielte, der daraus ein Buch machen sollte. Wolters hatte dafür schon einen Verlag gefunden, doch es kam anders.

Speers Tochter Hildegard, Germanistik-Studentin in West-Berlin, kontaktierte den Propyläen-Verlag, der sofort einen Vorvertrag für die Memoiren des Ex-Ministers bot. Geschäftsführer Wolf Jobst Siedler wollte das Buch in Angriff nehmen, sobald Speer die Mauern von Spandau hinter sich gelassen hatte.

Siedler engagierte dazu einen brillanten Publizisten, der schon genau wußte, was für ein Mann dieser Speer sei. Joachim C. Fest hatte in seinem 1963 erschienenen Buch »Das Gesicht des Dritten Reiches« ein Speer-Porträt entworfen, das die Nürnberger Erklärungen des Hitler-Freundes kritisch weiterführte und vertiefte.

Fest sah (und sieht noch heute) Speer als Prototyp des »spezialistisch verengten Menschen«, der jedem politischen System dient und sich auf seine partielle, ausschließlich fachlich orientierte Funktion in Staat und Gesellschaft beschränkt. Einziger Orientierungspunkt für den Fachmann ist die Technik, politische Orientierungslosigkeit, ja »technizistische Unmoral« die Folge.

Fest und Siedler standen zur Formulierungshilfe bereit, als Speer im Herbst 1966 Spandau verließ. Er holte sich bei Wolters die inzwischen auf 2000 Kassiber angewachsenen Aufzeichnungen ab, doch mit dem Schreiben wollte es nicht so recht klappen. Erst zu dritt ging die Arbeit am Buch flotter voran, Absatz für Absatz wurde umgeschrieben, gekürzt, erweitert.

Nicht ohne Verwunderung beobachtete Speer, wie unter den Händen der beiden Gehilfen das Porträt des apolitischen Spezialisten immer deutlicher, seine Einsichten in den verbrecherischen Charakter des Regimes zusehends schärfer wurden. Ein bißchen unheimlich war ihm allerdings dabei. Zu Siedler: »Vor 20 Jahren war ich doch ein ganz anderer.«

Doch der riesige Erfolg von Speers »Erinnerungen«, 1969 erschienen, gab dem Verlagsleiter Siedler recht. Das Buch, dem sich 1975 noch die »Spandauer Tagebücher« hinzugesellten, faszinierte S.121 die Deutschen wie kaum ein anderes Buch eines hohen Ex-Nazis: Hier sprach ein Wissender der NS-Führung und gab Einblick in die intimsten Bereiche des Regimes, nüchtern, intelligent, freimütig und scheinbar ohne Schonung der eigenen Person.

Albert Speer hatte eine neue Karriere begonnen, die des Tatzeugen der Hitler-Ära, und die Historiker sahen es nicht ungern, allen voran Fest, der in seiner Führer-Biographie häufig auf die Erinnerungen Speers zurückgriff -ein hübscher Fall von geschichtsschreiberischem Feedback.

Nur die ehemaligen Freunde, Mitarbeiter und Gegenspieler Speers stimmten in die Begeisterung nicht ein. Das war nicht der Speer, den sie gekannt hatten. Nach der Lektüre der »Erinnerungen« maulte der ausmanövrierte Wolters: »Ein Kriminalroman könnte nicht spannender erfunden werden.«

Wolters wußte nur zu gut, daß es den »unpolitischen« Rüstungsminister Speer nie gegeben hatte. Über Speers »Mischung aus politischer Arglosigkeit und fachmännischer Beschränktheit«, über seine »Unfähigkeit, sich in der Politik zurechtzufinden«, die ihm erst jetzt wieder Fests »FAZ« bescheinigte, kann Wolters nur lächeln.

In der Tat: Wenn es je einen Intellektuellen (ausgenommen Goebbels) gegeben hatte, der im Ämter- und Kompetenzdschungel des Dritten Reiches seine Interessen derb zu wahren verstand, dann war es Albert Speer gewesen, der Künstler, der sich als »zweiter Mann im Staat« sah und sich allen Ernstes eine Chance ausrechnete, eines Tages die Nachfolge Hitlers anzutreten.

Er überließ nichts dem Zufall, er plante gern voraus. Zahlen und Kalkulationen hatten ihn von Jugend an fasziniert; der Architekten-Sohn, am 19. März 1905 in Mannheim geboren, wollte Mathematiker werden, doch der auf die Familientradition versessene Vater verhinderte das und ließ ihn werden, was auch der Großvater schon gewesen war: Architekt.

Es waren keine sonderlich schönen Erinnerungen, die Speer an das eher lieblose Elternhaus mit den 14 Zimmern, den vielen Wagen, Kindermädchen und Dienern verband. Die Mutter war dem ältesten Sohn zugetan, der Vater dem jüngsten -- für den mittleren, Albert, war kein Platz in dem kargen Seelenhaushalt der Speers.

Albert zog sich verbittert in seine eigene Welt, die Welt der Zahlen und Statistiken, zurück. Scheu, gehemmt, stets auf Distanz zu den Menschen, schloß er sich von seiner Umwelt ab -bis Margarete kam, die Tochter des Schreiners Weber. An sie klammerte sich der liebebedürftige Oberrealschüler bald so heftig, daß er mehr in der Wohnung der Webers weilte als im eigenen Elternhaus.

Prompt fuhr Vater Speer dazwischen, dem die ganze Liaison mit der Handwerkerstochter nicht paßte. Margarete mußte in ein Mädchenpensionat, Albert wurde zum Architekturstudium an die Technische Hochschule in Karlsruhe abgeschoben. Die beiden ließen dennoch nicht voneinander; 1928 heirateten sie -- ohne Anwesenheit der Eltern Speer. Unter dem wohltätigen Einfluß seiner Frau versöhnte sich Speer nun auch mit dem ungeliebten Architekturstudium, ja er erwärmte sich jetzt sogar für das Fach, zumal er inzwischen an Berlins Technischer Universität Schüler und Assistent eines der originellsten Interpreten deutscher Baukunst, des Professors Heinrich Tessenow, geworden war.

Speer malte sich schon eine Zukunft als privater Architekt aus, da schwappten die Wellen der nationalsozialistischen Agitation auch in die TU über. Die Masse der Studenten stand längst im Lager der nationalistischen Republikfeinde, einige Kommilitonen drängten Speer, doch bei der »nationalen Erneuerung« mitzumachen.

Er ließ sich eines Tages im Herbst 1930 überreden, zu einer Kundgebung Hitlers mitzugehen. Was er dort hörte, gefiel ihm. Auch Speer teilte, wie so viele kurzdenkende Deutsche seiner Zeit, die Sehnsucht nach dem »ordentlichen«, dem autoritären Staat, der Schluß mache mit dem wirtschaftlichen Elend und dem Leerlauf des Parteiensystems.

Albert Speer wurde Nationalsozialist, am 1. März 1931 trat er in die Partei ein. Da er einen kleinen Sport-BMW besaß, überwiesen ihn die Parteioberen zum »Nationalsozialistischen Kraftfahrerkorps« (NSKK), für das Speer in seiner Freizeit Kurierfahrten unternahm, unter anderem zu der NSKK-Kreisleitung West.

Dort lernte er den Organisationsleiter Karl Hanke, einen Spezi des späteren Propagandaministers Goebbels, kennen, dem Speer gefiel. Eines Tages hatte er einen Auftrag für den arbeitslosen Architekten: eine Villa im Berliner Grunewald umzugestalten, die S.122 Hanke für seine Organisation gemietet hatte.

Speer machte seine Sache so gut, daß sich auch Goebbels von dem neuen Mann bedienen lassen wollte: Speer baute das neue Gauhaus der NSDAP in der Voßstraße um. So konnte es gar nicht ausbleiben, daß schließlich auch der Möchtegern-Architekt Hitler von Speer erfuhr und ihm im Herbst 1933 anbot, seine Berliner Amtswohnung neu zu gestalten und zu möblieren.

Speer ging an die Arbeit, schweigend von dem immer wieder auftauchenden Hitler beobachtet. Auf einmal sagte er zu Speer: »Kommen Sie heute mit zum Essen?« Speer wollte zunächst nicht mitgehen, da er sich auf dem Baugerüst seine Jacke schmutzig gemacht hatte, doch Hitler ließ das nicht gelten. Er schickte nach einem Diener, der Speer eine Jacke Hitlers verpaßte.

Speer und Hitler verstanden sich auf Anhieb. Beiden war die Distanz zu den Menschen gemeinsam, beide fühlten sich als Künstler, weit über die Konventionen der Gesellschaft hinausgehoben, beide schwärmten in der Baukunst für eine pseudoklassizistische Gigantomanie.

In schier endlosen Nachtgesprächen tauschten Hitler und Speer ihre Gedanken aus, zeichneten einander Bauskizzen und Grundrisse vor und planten bald, zunächst nur auf dem Reißbrett, den radikalen Umbau ganzer Städte und Landstriche: Stadien für 400 000 Zuschauer, Kuppelhallen von 220 Metern Scheitelhöhe, Kolossalpaläste und Aufmarschplätze von nie geahnter Dimension -- schauerliche Dokumente des Größenwahns oder, wie es der braune Ideologie-Papst Alfred Rosenberg nannte, »steingewordene Ideen der Volksgemeinschaft«.

Je fanatischer sich der Künstlerpolitiker Hitler ereiferte, desto mehr steigerte sich Speer in die Vorstellung hinein, ein neuer Mansart zu sein: Wie einst der Pariser Architekt Jules Hardouin-Mansart als Erster Baumeister Ludwigs XIV. die Versailler Herrschaftsarchitektur geschaffen hatte, so sah sich Speer bereits als alleiniger Baumeister Adolf Hitlers die Einschüchterungsarchitektur des Dritten Reiches konzipieren.

Und Hitler ließ keinen Zweifel daran, daß er Großes mit dem Auch-Künstler Speer vorhatte, dem er sogar »Genie« attestierte. Von Stufe zu Stufe schob er ihn die Treppe nationalsozialistischer Hierarchie hinauf: Amtsleiter der Reichspropagandaleitung, Baubeauftragter im Stab des Führer-Stellvertreters, Abteilungsleiter in der Deutschen Arbeitsfront, Generalbauinspektor für den Ausbau Berlins und Nürnbergs, schließlich Preußischer Staatsrat, Professor und Träger des Goldenen Parteiabzeichens.

Er war aus der raffinierten Massenpropaganda des Regimes nicht mehr wegzudenken, die bombastische Selbstdarstellung Hitler-Deutschlands verband sich vor allem mit seinem Namen. Die Massenfeiern mit ihren Lichtdomen und Fahnenwänden, die Inszenierung der Reichsparteitage, die Herrschaftsbauten wie die neue Reichskanzlei -- immer wieder gingen sie auf einen Mann zurück: Speer.

Hemmungslos entwarf er einen Plan nach dem anderen, immer phantastischere Projekte verließen die Zeichentische seines Büros. Er war, so der Speer-Chronist Gregor Janssen, zum »einflußreichsten Architekten« Deutschlands geworden.

Doch wehe, wer sich den Plänen und Ideen des Führer-Architekten widersetzte! Als sich Berlins Oberbürgermeister Julius Lippert gegen den aberwitzigen Plan wehrte, seine Stadt zur Welthauptstadt »Germania« mit zehn Millionen Menschen umzumodeln, intrigierte Speer bei Hitler so lange gegen ihn, bis der Diktator den »Nichtskönner, Idioten« (Hitler über Lippert) absetzte. Auch den Architekten Hermann Giesler, einen seiner schärfsten Kritiker, wollte Speer kaltstellen, doch daran hinderten ihn dann doch Gieslers Freunde in der Partei.

Erst der Zweite Weltkrieg machte dem Baueifer Speers ein Ende. Doch Hitler hatte neue Aufgaben für ihn, wußte er doch, was später Speer gerne zitierte: »Ich brauche einen, der auch nach meinem Tode mit der von mir verliehenen Autorität weitermachen kann. Den habe ich in Ihnen gesehen.« S.123 Speers große Stunde kam, als der Rüstungsminister Fritz Todt im Februar 1942 mit einem Flugzeug tödlich verunglückte. Sofort stand für Hitler fest, den arbeitslos gewordenen Speer zum Nachfolger Todts zu ernennen, den »einzigen Mann, der in der Lage ist, das große Erbe des Toten seinem Sinn und seinem Programm gemäß zu verwalten«, wie sich Speer-Bewunderer Goebbels notierte.

Dabei ging es gar nicht um die Verwaltung eines Erbes, Speer sollte vielmehr radikal Neues schaffen. Bis dahin war die deutsche Rüstungsmaschine, getreu Hitlers Blitzkrieg-Strategie, auf halben Touren gelaufen; jetzt verlangte der Diktator Höchstleistungen von seiner Kriegswirtschaft und deren neuem Manager.

Speer schaffte, was sich der Freund von ihm erwartete, und zeigte dabei ungeahnte Manager-Talente. Er erhöhte alle Rüstungsprogramme, befahl die rücksichtslose Mobilisierung auch der letzten Arbeitskräfte, steigerte die Waffen- und Geräteproduktion und ließ die Konzentrationslager nach einsatzfähigen Arbeitssklaven durchkämmen.

Selbst mancher Veteran der Produktionsschlacht erschrak vor dem kalten Funktionärseifer des neuen Ministers. Sein Staatssekretär erkannte: »Er ist kühl bis in das Herz hinein.« Speer wurde nicht müde, von jedem seiner Mitarbeiter Höchstleistungen zu fordern, und drohte Saumseligen schärfste Strafen an.

Ende Februar 1942 ließ Speer seine Mitarbeiter wissen, daß er »in mehreren Fällen wegen Schädigung der Kriegswirtschaft die Überführung in ein KZ anordnen mußte«, und im Oktober formulierte er noch schärfer: »SS und Polizei könnten hier ruhig hart zufassen und die Leute, die als Bummelanten bekannt sind, in KZ-Betriebe stecken.«

Er hielt sich sogar eine Art Privat-Gestapo, die »Transportbrigade Speer«, mit der er dienstunwillige Mitarbeiter oder »Gerüchtemacher« zu disziplinieren versuchte. Die Brigade nahm zuweilen ungehorsame Beamte wie etwa den Personalreferenten des Rüstungsministeriums in »Sicherungsverwahrung« oder überwies sie gleich, wenn von Speer befohlen, einem Konzentrationslager.

Es gab (außer Himmler) kaum einen Minister des Dritten Reiches, der so häufig selbst engste Mitarbeiter mit einer Einweisung ins KZ bedrohte wie Speer. Die »unerträgliche Atmosphäre in der Führungsspitze des Rüstungsministeriums« (Janssen) sprach sich rasch im Führerhauptquartier herum, doch sie kümmerte Hitler nicht, solange Speer Erfolge vorweisen konnte.

Und er konnte: Die Rüstungsproduktion steigerte Speer um das Dreifache, den Arbeitskolonnen in den KZ preßten seine Beauftragten schier unvorstellbare Leistungen ab, Kenner sprachen von einem deutschen Rüstungswunder. Solche Erfolge, weiß der Chronist Janssen, »schufen ihm ein Leistungsprestige und ein Vertrauen, das bald grenzenlos und blind wurde«.

Sein Erfolg hatte anfangs einen ganz einfachen Grund: Der nüchterne Speer beseitigte den Schlendrian und Kompetenzwirrwarr, der das Rüstungsministerium zu einer Karikatur des angeblich effizienten NS-Staates gemacht hatte.

Albert Speer stand auf dem Höhepunkt seiner Macht -- und wollte noch mehr. Das Gerede von einer Führer-Krise verlockte ihn im Sommer 1943, sich als Nachfolger Hitlers ins Gespräch zu bringen. Er befragte ernsthaft seine Amtschefs, ob sie ihn für »führerfähig« hielten (Antwort: ja), und verband sich mit Goebbels, der zumindest das Interesse hatte, gemeinsam mit Speer die Vorzimmer-Macht Martin Bormanns zu brechen.

Doch die sich steigernden Bombenangriffe der alliierten Luftflotten auf deutsche Rüstungswerke unterminierten auch Speers politische Position. Die Produktionsziffern sanken rapide, mit ihnen das Zauberer-Image des Rüstungsministers.

Es war nicht ohne Ironie, daß der Zahlenfanatiker Speer anfing, die Produktionsziffern seines Hauses zu frisieren, was freilich dem mißtrauischen Diktator nicht lange verborgen blieb. Selbst Goebbels wurde hellhörig: »Ich glaube dem Speer kein Wort mehr. Er macht uns alle mit seinen Zahlen besoffen.«

Am Ende flüchtete sich Speer im Januar 1944 in eine Krankheit, die ihn monatelang vom Ministerium fernhielt. Das machte seine Lage noch schlimmer: Unter der Führung des Ministerialdirektors Xaver Dorsch brach im Rüstungsministerium eine Revolte von Speer-Gegnern aus, die mehr Selbständigkeit verlangten und sogar das Gehör Hitlers fanden, der allmählich an seinem Minister irre wurde.

Dorsch verbreitete das Gerücht, »daß Speer unheilbar krank sei und daher nicht wieder zurückkäme« (Speer-Notiz vom 17. Mai 1944) -- Grund genug für Hitler, die Ablösung Speers durch den Generalfeldmarschall Erhard Milch zu planen.

Doch der Speer-Freund Milch hatte keine Lust, den Schleudersitz einzunehmen. Er schlug Hitler vor, Dorsch S.124 mehr Selbständigkeit zu geben, Speer aber auf seinem Posten zu belassen. Hitler war einverstanden; Milch sollte Speer die gute Nachricht überbringen.

Milch wußte jedoch, daß Speer wegen Hitlers kühler Zurückhaltung heftig verstimmt war. Er bat daher Hitler, ihm noch eine persönliche Botschaft für den Minister mitzugeben. Erst wollte der Diktator gar nicht, dann sagte er unwillig: »Bestellen Sie Speer, daß ich ihn lieb habe!«

Doch der Patient Speer kehrte den Beleidigten hervor, als ihm Milch das Wort Hitlers ausrichtete. Speer raunzte: »Der Führer soll mich am Arsch lecken!« Darauf Milch: »Um dem Führer gegenüber in solcher Form aufzutreten, bist du viel zu klein!« Erst nach ein paar Stunden gab Speer nach.

Speer kehrte ins Ministerium zurück, doch die Welt war für ihn nicht mehr in Ordnung. Ob er damals innerlich mit Hitler gebrochen hat, wie eine Version behauptet, ist fraglich; auch die Tatsache, daß er auf einer Liste der 20.-Juli-Männer als künftiger Minister stand, besagt nicht viel -- er hat den Anschlag auf Hitler immer abgelehnt.

Selbst als er im Februar 1945 plante, Hitler in dessen Berliner Bunker durch Giftgas umzubringen und damit den Krieg zu beenden, konnte er sich nicht von dem einstigen Freund lösen. Er gab den Plan auf. Und trat wenige Wochen später wieder vor ihn, um zu versichern: »Mein Führer, ich stehe bedingungslos hinter Ihnen!«

Erst Hitlers Tod machte Speer frei. Als er am 1. Mai in Flensburg, diesmal Minister in der Regierung des Großadmirals Dönitz, in seinem provisorischen Amtszimmer ein Bild Hitlers aufstellte, überfiel ihn ein Weinkrampf. Wie er es später in seinen Memoiren beschrieb: »Das war das Ende meiner Beziehung zu Hitler, jetzt erst war der Bann gelöst, seine Magie gelöscht.«

So einfach, wie es sich hier liest, wird es wohl kaum gewesen sein. Speer brauchte viel Zeit, um in den Gefängniszellen von Nürnberg und Spandau seine Vergangenheit zu ordnen und einen Plan für die Zukunft zu fassen.

Wie Millionen Deutsche begann auch er damals, seine Vergangenheit zu verdrängen, sich besser zu geben, als er gewesen, klüger, gütiger, menschlicher. Allerdings: Er machte es intelligenter als die meisten seiner Landsleute.

Speer konnte nicht wegdisputieren, wohin ihn Ehrgeiz, Machtrausch und Unterwerfungstrieb gegenüber einem vermeintlich genialen Tyrannen gebracht hatten. Aber er konnte durch Freimut überraschen, durch Schuldbekenntnisse für sich einnehmen, deren laute Eindringlichkeit den »letztlich apologetischen Ansatzpunkt und Anspruch« Speers (so der Historiker Karl Dietrich Bracher) übertönte.

Er verblüffte bald die Welt mit Selbstbezichtigungen, die ihn in den Ruf brachten, der einzige reuige Hitler-Paladin zu sein. Er halte es, so Speer, »für richtig, die Verantwortung und damit die Schuld für alles auf mich zu nehmen, was nach meinem Eintritt in die Hitler-Regierung an Verbrechen, in generellem Sinne, begangen wurde«.

Der Nürnberger Prozeß war ihm auch noch lange nach seiner Verurteilung »ein Versuch, zu einer besseren Welt vorzustoßen«. Und er ließ nicht ab, immer wieder zu betonen, daß auch er sich an dem ungeheuerlichsten Verbrechen Deutschlands, der Judenvernichtung, mitschuldig gemacht habe.

Er beteuerte zwar jahrelang, von der »Endlösung« erst nach Kriegsende erfahren zu haben, aber schließlich ließ er auch diese Vorsicht noch fallen. Speer 1977: »Meine Hauptschuld sehe ich immer noch in der Billigung der Judenverfolgungen und der Morde an Millionen von ihnen.«

Nur wenige beachteten dabei freilich, daß all seine Bekundungen immer mit einem kleinen Vorbehalt abgegeben wurden: daß er, der apolitische Manager, schuldig-unschuldig in die Netze der Nazi-Diktatur geraten, trotzdem mitgeholfen habe, das Schlimmste zu verhüten.

Und je sicherer er sich als die von Wissenschaft und Medien hofierte Hauptauskunftsperson in Sachen Hitler etabliert wußte, desto deutlicher wurde seine Tendenz, möglichst viel von seiner Vergangenheit wieder zu retten -»mit verwundertem und erschrecktem Stolz«, wie Speer das vieldeutig nannte.

1979 ließ er seine Architekturarbeiten aus der Zeit des Dritten Reiches in einem Buch veröffentlichen, in dem Speers Selbstkritik nur noch recht schwach klang. Da stand der fatale Satz: »Ich will es kritisieren, ich kann mich von ihm nicht distanzieren.«

Als Speer sich aber gar vornahm, nun auch noch sein eigener Historiograph zu werden, und aus Akten des Bundesarchivs die Geschichte seiner »Auseinandersetzungen mit der SS« ("Der Sklavenstaat") schrieb, wurde es dem bayrischen Zeitgeschichtler Michael Hepp zuviel.

In einer Untersuchung, die demnächst die »Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte« veröffentlichen werden, wies der Historiker dem Autor Speer unseriösen Umgang mit Zahlen und Fakten nach. Hepp: »Er hat hier Akten verdreht, falsch gerechnet und ein Schreckensbild gemalt, das die Wirklichkeit weit in den Schatten stellt.«

Hepp ist nicht der einzige, der am Speer-Mythos kratzt. In Berlin schreibt soeben der junge Zeitgeschichtler Mathias Schmidt an dem Schlußkapitel eines Buches, das »ein völlig neues Speer-Bild« (Schmidt) zeichnen wird. Es soll beenden, was der Autor »die wohl raffinierteste Apologie eines führenden Mannes des Dritten Reiches« nennt.

So hat denn doch die Saga des Albert Speer wenig Aussicht, ihren in der vergangenen Woche gestorbenen Schöpfer zu überleben. Wie hat er doch einmal gesagt? »Ich wollte einfach die Wahrheit nicht wissen, ich wollte der Wahrheit ausweichen.«

S.122In einem Berliner Rüstungswerk, 1943.*

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