SCHULEN Höchste Werte
Vor fünf Jahren durften Baden-Württembergs Oberprimaner für ihren Abituraufsatz das Thema wählen: »Macht -- eine Notwendigkeit, eine Lust, eine Last, eine Gefahr«. Einer von ihnen schrieb: »Es gilt darauf hinzuarbeiten, daß »Hinz und Kunz« nicht in alle Regierungssachen hineinreden, von denen sie überhaupt nichts verstehen, sondern daß sie Ehrfurcht vor der Macht haben.«
In diesem Jahr gehörte zur Reifeprüfung in Deutsch-Südwest das Thema: »Man kann sagen, daß drei Qualitäten vornehmlich entscheidend sind für den Politiker: Leidenschaft -- Verantwortungsgefühl -- Augenmaß.« Und nun schrieb ein Abiturient unter anderem: »Mit Leidenschaft verfolgte Hitler das Ziel der Reinerhaltung der arischen Rasse.«
Die Fachkonferenz der Deutschlehrer an den beiden Gymnasien im südwürttembergischen Städtchen Biberach will derartigen Unsinn nicht länger mehr schreiben lassen und lesen müssen. Sie schickte jüngst einen offenen Brief an das Stuttgarter Kultusministerium, in dem sie den Themen der diesjährigen Reifeprüfung die Note »ziemlich schlecht« erteilte, und empfahl, »die von Oberlehrern. Schulämtern und Sonntagsrednern gleichviel geschätzten moralischen Abhandlungen abzuschaffen«.
In Baden-Württemberg wie im Saarland und in Bayern (wo das Abitur vergangene Woche begann) werden die Aufsatzthemen landeseinheitlich im Kultusministerium gestellt. In Bayer; waren die Kultusbeamten um Zeitnähe bemüht. Die Reifeprüflinge konnten wählen zwischen literarischen und aktuellen Themen wie Umweltschutz und Drogenmißbrauch. In Baden-Württemberg hingegen gab es auch diesmal wieder moralische Abhandlungen genug: vom orientalischen Teespruch ("Es gibt Wahrheiten, boshafte, niederträchtige, und Unwahrheiten, fromme, gesegnete") über ein nöliges Lamento Ortega y Gassets ("Daß ein Mensch dem anderen dient, erscheint uns heute als eine untergeordnete und in gewisser Weise erniedrigende Handlung") bis hin zum pfiffig-geschäftstüchtigen Sprüchlein des US-Verfassungsvaters und Blitzableiter-Erfinders Benjamin Franklin ("Sei höflich zu allen, gesellig zu vielen, Kamerad mit wenigen, Freund mit einem, Feind mit keinem").
»Mit solchen Aufgaben«, konstatiert schon vor Jahren der Göttinger Germanist Walther Killy, »wird lediglich Geschwätz provoziert, Hochstapelei kultiviert und die würdige Beschäftigung mit würdigen Gegenständen unmöglich gemacht.«
Doch Themen dieser Art sind offenbar nicht auszurotten. Dank dem Dogma, »Dichtung habe auf angenehme und unterhaltsame Weise zu belehren«, so analysierte der im vergangenen Jahr verstorbene Kölner Germanist Herbert Singer. »konnte es kaum ausbleiben, daß das Schulfach Deutsch das universelle Bildungsfach schlechthin sein wollte, daß das fatale Wort »Lebenshilfe« nach wie vor in den Lehrplänen umhergeistert«. Ein solcher Unterricht klopft Literatur auf Zeitlosigkeit und ewige Werte ab.
Die so gewonnenen bürgerlichen Begriffe von hohen und höchsten Werten erprobt der deutsche Pennäler dann im allzeit beliebten Besinnungsaufsatz -etwa wenn er Stellung nehmen darf zum Thema »Anpassung, Mäßigung, Harmonie werden heute vielfach als Zielsetzungen abgelehnt« (Baden-Württemberg 1971, siehe Kasten).
Dem Oberstudienrat und Fachleiter für Psychologie am Studienseminar Bremen, Dr. Rolf Gutte, sind Aufgaben dieser Art ein Beweis für die »unpolitischen Bildungsziele einer angepaßten Mittelstandsmentalität«. In einer Analyse von rund 4500 Reifeprüfungsthemen hat Gutte Einschlägiges aus dem Arsenal deutscher Gymnasien verschiedenen Kategorien zugeordnet*:
* Themen, »die zur Besinnung auf die »eigentlichen', die »wesentlichen«, die »höheren' Werte auffordern« (Beispiel: »Ordnen Sie die Begriffe Verehrung, Respekt, Ehrfurcht, Achtung!");
* Themen, die den »Rückzug ins Private« emporstilisieren »zu einer tieferen Welterfahrung und zur Erfüllung menschlichen Lebens überhaupt« (Beispiel: »Alles Unglück des Menschen kommt daher, daß er nicht ruhig in einem Zimmer verweilen kann");
* Themen, die beweisen, »daß das wahre Glück der Erdenkinder, die erfüllte Innerlichkeit, bedroht ist« (Beispiel: »Am Übermaß zerbricht der Mensch");
* Themen, die »den Verlust an »Persönlichkeit«, beklagen und beim Schüler ein »Ausweichen auf privatistische Scheinlösungen« provozieren (Beispiel: »Kann der Mensch im Zeitalter der Massenproduktion seinem Leben noch eine persönliche Note geben?");
* Themen, die »auf Überparteilichkeit, Ausgleich, geistige Mitte« zielen (Beispiel: »Kritik -- ein Recht, eine Pflicht, eine Gefahr"); > Themen, die »eine Elite autonomer Persönlichkeiten, deren Ideal eine moralisch gedachte Vervollkommnung ist«, anvisieren (Beispiel: »Drei Feinde hat die Freiheit: das Geld, die Macht, die Masse"), und schließlich
* Themen, die »zur Unterwerfung unter die Ordnungsfunktion des Staates und damit zur Anerkennung des Bestehenden« hinführen (Beispiel: »Ist die selbstlose Hingabe an eine Idee oder an eine dem Wohl der Allgemeinheit dienende Sache heute noch eine selbstverständliche, sinnvolle und sittliche Forderung?"). Zwar räumt Gutte ein, daß »offensichtlich vor allem die jungen Kollegen nicht mehr bereit sind«, solche Themen und damit den »Wertekatalog des mittelständischen Gymnasiums kritiklos hinzunehmen und weiterzugeben«; zwar lassen inzwischen Kultusministerien, Oberschulämter und Studienräte häufiger als früher über aktuelle politisch-gesellschaftliche Probleme schreiben.
In vielen, allzu vielen Abiturklassen bleibt aber die Frage aktuell, ob gymnasiales Halbwissen, gepaart mit dem durch universitäre Zulassungsbeschränkungen geschärften Blick für das, was der Lehrer wohl gern hört und gut zensiert, die Oberprimaner nicht immer noch zu heuchelnder Schwafelei verführt.
Den Biberacher Lehrern jedenfalls ist die herkömmliche Aufgabenstellung mehr als suspekt. Ihr Vorschlag: »die moralischen Abhandlungen -- durch die Arbeit an einem Text zu ersetzen« -- und da »nicht mehr nur Belletristisches von Goethe bis Wondratschek, sondern auch: ein politischer Leitartikel, eine halbe Seite aus Mitscherlichs Friedensrede ... ein Abschnitt aus Friedrich Engels' Bericht über die »Lage der arbeitenden Klasse in England' ... die erste Seite eines Kriminalromans«.
Solche Anregungen erregen freilich prompt den Verdacht von Bürokraten. Siegfried Arzt, 51, Referent für Gymnasien im baden-württembergischen Kultusministerium: »So ein festgelegter Friedrich Engels -- das geht schon ein wenig in Richtung auf Politisierung. Das wollen wir nicht.« Die Biberacher Kritiker weiß Arzt denn auch einzuordnen: »Es ist doch klar, woher da der Wind weht.«
* Abgedruckt in: Heinz Ide (Herausgeber): »Bestandsaufnahme Deutschunterricht«. J. B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung, Stuttgart; 256 Seiten 16,80 Mark.