August 1998 Hölle für die Frauen
Die Rache der Sieger war barbarisch grausam. Kaum hatten die Taliban, die Krieger des radikal-islamistischen Regimes in Kabul, am 8. August die nordafghanische Stadt Masar-i-Scharif eingenommen, machten sie systematisch Jagd auf Männer, Frauen und Kinder.
In einer drei Tage anhaltenden »Mord-Orgie« (so die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch) schlachteten sie mindestens 2000 Einwohner von Masar-i-Scharif ab, darunter vor allem männliche Angehörige der Hazara, einer ethnischen und religiösen Minderheit in Afghanistan. Frauen wurden vergewaltigt und verstümmelt, vielen Jugendlichen die Hände abgehackt.
Noch Mitte 1997 hatten Kämpfer der Hazara (die im Gegensatz zur sunnitischen Mehrheit des Landes schiitische Muslime sind und sich durch ihre mongolischen Gesichtszüge von anderen
Volksgruppen unterscheiden) den Taliban in Masar-i-Scharif eine schwere Niederlage zugefügt. Nach den Kämpfen wurden 2000 gefangene Taliban ermordet. Das zahlten die Eroberer der Stadt den Siegern von 1997 nun heim. Zu einem weiteren Massaker kam es bei der Eroberung der Stadt Bamian, insgesamt wurden laut Uno während der Offensive 8000 Zivilisten niedergemetzelt. Auge um Auge, Zahn um Zahn, Massenmord um Massenmord.
Es ist ein gespenstisches Regime, das die Taliban ursprünglich eine Horde fanatisierter Jugendlicher aus afghanischen Flüchtlingslagern in Pakistan, die vom pakistanischen Geheimdienst mit Waffen für die Eroberung des von Stammeskämpfen zerrissenen Landes am Hindukusch versorgt worden waren überall dort errichteten, wo sie ihre Gegner davonjagen oder abschlachten konnten. Und seit dem Fall der Anti-Taliban-Hochburg Masar-i-Scharif kontrollieren sie fast das gesamte Land.
Der obskure Taliban-Staat »Islamisches Emirat Afghanistan« hat zwar einen Emir, der sich nicht fotografieren läßt, aber keine klar erkennbare Regierung, keine Verwaltung, keine Infrastruktur. Angeblich ist er ein Gottesstaat, aber für seine Bürger, insbesondere die weiblichen, ist er eher die Hölle als ein Paradies.
Das Wirken der Obrigkeit beschränkt sich auf das Verkünden von Verboten und drakonischen, öffentlich vollzogenen Strafen: Amputation von Gliedmaßen, Steinigen, Auspeitschen oder Hängen. Untersagt sind unter anderem Musik, Film, Fernsehen, Fotografieren, das Zeichnen von Lebewesen, Spiele wie Fußball oder Schach.
Geschlossen wurden die Universität in Kabul, alle Mädchenschulen und die Frauenabteilungen der Krankenhäuser, Museen, Theater, Büchereien, Verlage und Radiostationen. Nur der Sender der Herrschenden, »Radio Scharia«, unterrichtet die Untertanen über Verbote, religiöse Edikte oder militärische Triumphe der Taliban.
Frauen müssen sich in zeltartige Ganzkörperumhänge hüllen, die nur in Augenhöhe von einer Art Fliegengitter unterbrochen sind. Klappernde Schuhe sind verboten, der Gang der Frauen soll lautlos sein. Generell ist jedes sichtbare Signal von Weiblichkeit unter Strafe gestellt. So können bemalte Fingernägel zum Verlust der Finger führen. Männer müssen Kopfbedeckungen und Bärte tragen.
Noch gibt es in einzelnen Provinzen Widerstand gegen die Taliban, der von Iran, Tadschikistan und Usbekistan unterstützt wird. Aber die Gotteskrieger können sich offenbar auf die mächtigeren Bataillone stützen. Hinter ihnen steht eine unheilige Allianz aus saudiarabischen Islam-Puristen, muslimischen Terrororganisationen und internationalen Drogenkartellen, die unter dem Schutz der Taliban Afghanistans Mohnfelder abernten, die ergiebigsten der Welt. Darüber hinaus wird nichts Nennenswertes mehr produziert.
Manchmal geraten die Fronten von Taliban-Parteigängern und -Feinden durcheinander. So schossen die Amerikaner, obwohl durch Waffenlieferungen des US-Verbündeten
Pakistan an die Taliban Geburtshelfer des Taliban-Regimes, im August Marschflugkörper auf dessen Ehrengast, den von Saudi-Arabien ausgebürgerten Terroristen Ussama Ibn Ladin. Den Taliban-Mitfinanzier machen sie für Anschläge auf zwei ihrer Botschaften in Afrika verantwortlich.
Kurz darauf ging der mit den USA verfeindete Iran ebenfalls gegen die Taliban vor. Er ließ 200 000 Soldaten an der Grenze Afghanistans aufmarschieren und drohte mit Krieg, weil die Gottesstreiter acht iranische Diplomaten und einen Journalisten in Masar-i-Scharif ermordet hatten.
Von Ausländern wollen sich die Taliban bei ihrem Furor islamicus nicht stören lassen. Internationalen Hilfsorganisationen haben sie jegliches Projekt verboten, das Frauen einbezieht. Die sind zu einer Art lebenslangem Hausarrest hinter geschwärzten Fenstern verurteilt. Besonders schlimm ist die Lage von 50 000 Witwen und deren Kindern in Kabul, die ohne ausländische Brosamen verhungern müßten.
In »Talibanistan« sind die Menschen zu einem Leben voller Angst verdammt. Dennoch haben Afghanen nach einem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts keinen Anspruch auf Asyl in Deutschland. Mangels »staatlicher Herrschaftsstrukturen« könne es keine staatliche Verfolgung geben.
Dafür können nach dem Rechtsverständnis der Taliban Ausländer an der Vollstreckung von Scharia-Urteilen mitwirken: Die Witwe eines in Kabul erschossenen italienischen Uno-Soldaten erhielt Bescheid, die zwei Mörder seien gefaßt. Sie könne diese nun von männlichen Familienmitgliedern hinrichten lassen. Die Italienerin verzichtete darauf, Verwandte als Henker ins Taliban-Land zu schicken.