HÖRNSE MAL - DER SPIEGEL
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Briefe

HÖRNSE MAL
• aus DER SPIEGEL 47/1966
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

HÖRNSE MAL

Die »Diskussion« zwischen Berliner Gymnasiasten und Gerstenmaier ist beschämend für den Bundestagspräsidenten und vernichtend für die Demokratie. Auf die gescheiten Fragen der jungen Leute erfolgten nur unsachliche und überhebliche Zurechtweisungen. Es wäre interessant zu erfahren, was die Gymnasiasten jetzt von der Demokratie im allgemeinen und von Gerstenmaier im besonderen halten.

Engenhahn (Hessen) KARL LINNMANN

Gerstenmaiers Schülerdiskussion war die gelungenste Vorstellung eines demokratischen Kanzlerkandidaten!

Heidelberg RUTH MEISER

Wie erschreckt und hilflos die Erwachsenen immer sind, wenn sie plötzlich sehen, daß die gepredigten demokratischen Grundsätze, die der Schuljugend in 1006 Deutschaufsätzen eingebleut wurden, von den Jungen auch praktiziert werden.

München GERT RAEITHEL

Die Rechthaberei und Ichbezogenheit maßgeblicher Politiker unserer Republik ist derart penetrant, daß man mit Verlaub das große K... vor dieser abgewirtschafteten Generation bekommt. Mit hohlen Phrasen vom Vaterland kann man zum Glück unsere geistig rege und kritische Jugend nicht hinter dem Ofen hervorlocken; denn gerade diese Jugend ist ein Stück - wie ich meine, das beste - unseres Vaterlandes, von dem Herr Dr. Gerstenmaier so gern tönt.

Braunschweig KARL H. THEIS

Wenn man das, was da gesagt wurde, wenigstens noch als Unsinn abtun könnte - dafür ist es jedoch viel zu ernst und leider auch noch symptomatisch.

Schulensee (Schlesw.-Holst.)

ANDREAS MECKEL

Für die Schüler wäre eine Wanderung im Tegeler Forst nützlicher gewesen.

Bad Salzuflen DIETER KESPOHL

Als Bundestagspräsident von Volkes Gnaden sollte der Lutheraner Gerstenmaier doch besser dem Jung-Volk aufs Maul schauen, statt ihm den Mund verbieten zu wollen.

Köln D. FRANKE

Herr Gerstenmaier hat sich blamiert von A bis Z und dürfte ein schlechtes Beispiel gegeben haben in Umgang mit der Jugend.

Ebersbach (Bad.-Württ.) GÜNTHER HUBER

Die Diskussion (nicht allein) zwischen dem Bundestagspräsidenten und den Primanern aus Berlin hat gezeigt, daß man Dr. Gerstenmaier nicht unter die besonders profilierten Politiker einreihen kann. Er verliert sich in Phrasen und besitzt nur wenig diplomatisches Geschick. Sollte der neue Bundeskanzler Gerstenmaier heißen, käme die Bundesrepublik vom Regen in die Traufe.

Offenburg REINHARD STEIN

Mit diesem arroganten, eitlen und alles besserwissender Gerstenmaler kämen wir ja nach Professor Ludwig Erhard vom Regen in die Traufe! Denn eins muß man Herrn Erhard lassen: Er handelte oft recht unglücklich und ungeschickt, aber was er tat, das tat er wohl fast nie aus selbstsüchtigen Motiven, sondern immer mit den besten Absichten für sein Volk. Ich glaube, es wäre ein Segen für unser Land, wenn der Herr Oberkonsistorialrat Gerstenmaier sein auffälliges Geltungsbedürfnis, seine beispiellose Intoleranz und sein unübersehbares Machtstreben in seinen kirchlichen Gremien abreagierte. Wenn er seine Gesprächspartner dort auch so niederquatschte, würde ihm wahrscheinlich (und hoffentlich) das widerfahren, was sich wohl die erwachsenen Schüler aus purer Anständigkeit zunächst verkniffen: Sie würden ihn mit Verachtung strafen. Und das mit Recht.

Nellingen (Bad.-Württ.) SIEGFRIED KNEPPER

Die Berliner Schüler haben gleichsam stellvertretend für den größten Teil des Volkes demonstriert, was unseren Politikern inklusive Gerstenmaier offensichtlich abhanden kam: gradlinige und folgerichtige Denkweise. Und diesen Gerstenmaier, gegen den man weithin nur Antipathie findet, soll die Volksmehrheit laut Umfrage angeblich als Bundeskanzler wünschen? Wie kam das wohl zustande?

Fürth (Bayern) GUNTHER HERRMANN

Das geradezu abstoßend arrogante »Ich frage mich, ob eigentlich für einen Parlamentspräsidenten eine solche Unterhaltung mit Ihnen legitim ist...« auf durchaus berechtigte Fragen der Berliner Gymnasiasten demaskierte Eugen Gerstenmaler eindeutig. Was versteht denn der »Ellipsen-Konstrukteur« und »Schießen mit allem was er hat«-Texter eigentlich unter Diskussion? Meine Frage: Wenn »mit einem großen Teil der deutschen Presse ... eine öffentliche Diskussion nicht mehr möglich ist«, warum gab denn Gerstenmaier eben dieser Presse dauernd Interviews? - Gerstenmaiers »Was ist denn das für ein Deutsch!« (Gerstenmaier: »Ah, das ischt Unsinn, Unsinn«, »hörnse mal«, »Wissense was?") war ein klassischer Rohrkrepierer. Heinrich Bölls Worte »Dort, wo der Staat gewesen sein könnte oder sein sollte, erblicke ich nur einige verfaulende Reste von Macht, und diese offenbar kostbaren Rudimente von Fäulnis werden mit rattenhafter Wut verteidigt!« sind erschrekkend prophetische Worte für diese »Diskussion« mit unserem Parlamentspräsidenten.

Dülken (Nordrh.-Westf.)

JOHANNES RIBUTSCH

Zufällig hörte ich am Freitag im »Rias« einen Ausschnitt aus besagter Sendung. Ich kannte Herrn Dr. Gerstenmaier bisher als ruhigen, sachlichen und besonnen urteilenden Menschen, der sich einer Diskussion mit gekonnter und überlegener Rhetorik stellte. Dieser Eindruck muß wohl auf Grund seines Amtes entstanden sein. Herausgerissen aus seiner Schiedsrichtertätigkeit offenbarte er sich und hoffentlich einer breiten Öffentlichkeit seine Schwächen.

Berlin JOCHEM PFRIEM

Ah, das ischt Unsinn, Unsinn, Herr Gerstenmaier, die Jugend ohne Duldsamkeit, Verständnis, pädagogisches Fingerspitzengefühl überzeugen zu wollen. Gerade dieses sucht die Jugend bei uns Erwachsenen, erst recht bei Politikern! Schade.

Wiesens (Nieders.) HEINRICH BECKHUIS

Wer so wie Gerstenmaier mit jungen, intelligent fragenden Staatsbürgern »diskutiert«, hat offenbar vom Wesen der Demokratie nicht mehr verstanden (oder verstehen wollen) als Abiturientensucher Strauß.

Stuttgart MANFRED BÖHM

Wie mag er sich erst vor Berufs-Diplomaten verhaspeln und ins Stottern geraten, wenn er bei Fragen dieser Jungen schon ins Schwimmen gerät. Abgesehen von der Unhöflichkeit, die Fragesteller oftmals zu unterbrechen. Ganz abgesehen von Gerstenmaiers Gewäsch über Moral, Loyalität und so weiter. Wie hätte er wohl die Frage nach dem Jagdhaus beantwortet?

Oberhausen (Nordrh.-Westf.) W. BEVER

Wenn unsere Jugend in allen Schulen und Betrieben ähnliche Fragen auf dem Herzen hat wie die Berliner Gymnasiasten, dann kann Herr Dr. Gerstenmaier auf seine Vorträge über noch diskutable Formen der Demokratie getrost verzichten und sollte statt dessen lieber einen längeren Erholungsurlaub antreten, den er, wie dem Niveau seiner Antworten zu entnehmen ist, offenbar dringend benötigt. Wir sind dann nämlich ohnehin auf dem besten Wege, zu einer echten Demokratie.

Bad Dürkheim (Rheinland-Pfalz)

GÜNTHER SCHEUMANN

Ein großes Verdienst des Bundestagspräsidenten ist es, daß er nun - aus der Praxis geschöpft - den schon zahlreichen Begriffen der Demokratie (totalitäre, repräsentative, unmittelbare und so weiter Demokratie) einen weiteren hinzugefügt hat: Demokratie i. G. S. (gleich: Demokratie im Gerstenmaiersehen Sinne). Nun, was ist das? Demokratie i. G. S. herrscht dort, wo demokratisch gehandelt wird. Demokratisch handelt, wer nicht zwischen Zeilen liest, wer uninformiert ist und bleibt, wer nicht eigenständig (!) denkt (besonders undemokratisch, ja gefährlich ist es, wenn die Jugend »denkt«!).

Dudweiler (Saarland) DETLEF KRISTEN

Wir freuen uns, auch den Bundestagspräsidenten in die Reihen der entschiedenen Gegner der Notstandsgesetzgebung aufnehmen zu können. Wie anders sollte man seine in der Diskussion mit Primanern des Arndt-Gymnasiums Berlin geäußerte Ansicht verstehen, daß »für den Präsidenten des Deutschen Bundestags im Zweifelsfall der Wortlaut des Grundgesetzes« gilt - und nicht die Rechte der Alliierten.

Sollte diese Schlußfolgerung auf einer »Interpolation« oder gar einem »Taschenspielertrick« beruhen, so möge er uns in seinem nächsten Auftritt vor dem Fernsehen öffentlich geißeln.

Tübingen FRANZ-OTTO MÜLLER

Preußendichter und Geschichtsprofessor Ernst Moritz Arndt - vor 146 Jahren ob freier Rede ausgerechnet in Bonn suspendiert und inhaftiert - schuf ja nicht nur Büchmann-Zitate wie »Frischauf, Kameraden« und »Was blasen die Trompeten?«; er reimte auch unter dem Titel »Deutscher Trost":

»Wohl steht dir das grade Wort,

Wohl der Speer, der grade bohrt,

Wohl das Schwert, das offen ficht

Und von vorn die Brust durchsticht.«

Dies dem Kirchenmann aus Kirchheim nachträglich ins parlamentarische Poesie-Album.

Berlin HANS-JOACHIM KNOSPE

Der West-Berliner Kabarettist Jo Herbst kommentierte das politische Palaver zwischen Gymnasiasten und Gerstenmaier in der humorigen »Rias«-Sendung »Die Rückblende«. Unter dem Titel »Die Abgründe des Herrn Gerstenmaier« reimte Herbst:

»Es ist kein schöner Zug der Großen,

der Jugend vor den Kopf zu stoßen.

Auch wenn was faul im Bonner Staat,

bleibt man doch fair und Demokrat.

Und fehl am Platz ist Paukerdrill,

wenn man gar Kanzler werden will«

Vielleicht finden das nicht nur die »Rias«-Hörer, sondern auch die Leser der von Ihnen veröffentlichten Diskussion lustig?

Berlin

JÜRGEN HABERMALZ

Schlage vor, die Diskussion auf Platten zu pressen. Eugen Gerstenmaier wird als »Jürgen von Manger der deutschen Politik« binnen kurzem eine goldene Schallplatte sicher sein.

Frankfurt MANFRED BERGER

Gerstenmaier

Herbst

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