POLEN Hoffen auf Gott
Beide Seiten hatten mobil gemacht, der Zusammenstoß zwischen kommunistischer Staatsmacht und Opposition schien unausweichlich.
Denn Geheimpolizisten hatten in der ersten Dezember-Hälfte in mehreren Städten Polens die 200 bekanntesten Regimekritiker aus ihren Wohnungen geholt und sie unter der vagen Anklage, sie gehörten »kriminellen Vereinigungen« an, ins Gefängnis gesperrt.
Über Nacht verloren die landesweit bekannten Dissidenten-Gruppen wie das sozialdemokratisch orientierte »Komitee zur gesellschaftlichen Selbstverteidigung« (KOR) oder die extrem nationalistisch ausgerichtete »Bewegung für die Verteidigung der Menschen- und Bürgerrechte« (ROBCIO) ebenso wie die »Unabhängigen Bauern«, die »Freien Gewerkschaften« oder die »Komitees Freier Studenten« ihre Führer.
Tatenlos aber wollte Polens organisierte Opposition (nach Schätzungen von Eingeweihten inzwischen rund 10 000 Aktive) die Nacht-und-Nebel-Aktion der Staatsschützer nicht hinnehmen.
Allein in Warschau hielten die Regimegegner Hunderte von Spraydosen mit roter und schwarzer Farbe bereit, dazu Tausende von Flugblättern und Protest-Plakaten. Die Dissidenten wollten der Staatsmacht einen »heißen Dezember« bescheren.
Gerüchte in Warschau und Danzig heizten die Gemüter der Regimekritiker zusätzlich an: Angeblich gebe es bereits einen Beschluß der Parteiführung, die Verhafteten ebenso wie in der Sowjet-Union und in der CSSR als Staatsfeinde zu mehrjährigen Gefängnisstrafen zu verurteilen.
Doch die polnische Parteiführung tat überraschend genau das Gegenteil und nahm damit der drohenden Kraftprobe vorerst die Schärfe: Kurz vor Weihnachten wurden die letzten der Inhaftierten ohne Anklage wieder freigelassen -- und die Polen warten auf die nächste Krise.
Denn eine Staatskrise, wenn auch eine zurückliegende, war der eigentliche Anlaß für die präventive Verhaftungswelle gewesen. Polens Parteichef Edward Gierek fürchtete nicht ohne Grund, daß die Opposition den neunten Jahrestag des Arbeiteraufstandes in den Ostseestädten dazu nutzen würde, dem Volk die Unfähigkeit auch der neuen Partei- und Staatsführung drastisch vor Augen zu führen.
Damals, im Dezember 1970, hatten Werftarbeiter und Hausfrauen gegen die schlechte Versorgung und die geplanten Erhöhungen der Lebensmittel-
* Vor einem achttägigen Hungerstreik Anfang Oktober 1979 in der Warschauer Heiligkreuzkirche.
preise revoltiert, Parteihäuser in Brand gesteckt und Parteichef Gomulka zum Rücktritt gezwungen. Über 50 Tote und Tausende von Verletzten forderten die Straßenschlachten mit der Polizei.
Gierek der Gomulka als Parteichef ablöste, versprach, es besser zu machen -- und die Arbeiter glaubten ihm. Doch nach anfänglichen Erfolgen in der Lohnpolitik steckt Polens Wirtschaft wieder in einer tiefen Krise, kann die Staatspartei die Versorgung der Bevölkerung nicht garantieren, gehören lange Käuferschlangen vor den Konsumläden in Polen immer noch zum tristen Alltagsbild.
Die Parallelen zum Krisen-Winter 1970 waren zu offensichtlich, die Hoffnung auf baldige Besserung war zu gering, als daß sich die polnische Führung noch erlauben konnte, mit Härte gegen die berechtigte Kritik der Dissidenten vorzugehen.
Denn die Wirtschaftslage Polens ist trostlos wie selten zuvor, und die Partei, die im Februar ihren Parteitag abhält, hat außer Spar- und Austerity-Parolen keine wirksamen Mittel gegen die Misere anzubieten. Trotz gegenteiliger Beteuerung ist die Inflation inzwischen auf eine Marke zwischen 11 und 19 Prozent gestiegen, die genaue Zahl wird geheimgehalten.
Teuerungen, wie kürzlich beim Verkauf der in Polen besonders beliebten Weihnachtskarpfen, wurden mit der Erklärung kaschiert, die gestiegene Nachfrage habe teure Importe notwendig gemacht. In Warschau kostete vor Weihnachten das Kilo Karpfen 120 Zloty (offizieller Kurs: 7,20 Mark) -- im Jahr davor noch 48 Zloty.
Auch die von der Parteiführung kurzfristig auf den Markt gebrachten Reserven an raren Nahrungsmitteln verbesserten die Versorgungslage nicht. Die an ständige Engpässe gewöhnten Geschäfte verkaufen -- so die polnische Nachrichtenagentur »Pap« -- fast die Hälfte der Waren nur unter dem Ladentisch, meist gegen andere Mangelwaren. Allein in 38 Läden im oberschlesischen Kattowitz gingen dem Normalverbraucher dabei 1,7 Tonnen Fleisch und 600 Kilo Karpfen verloren.
Polens Planungsminister Wrzaszczyk mußte eingestehen, daß der Jahresplan für 1979 -- außer im Außenhandel -- nicht erfüllt wurde. Auch das Nationaleinkommen, das um 2,8 Prozent steigen sollte, blieb »beträchtlich unter dem Plan«. Wirtschaftsexperten unter den Dissidenten fürchten sogar, daß es unter die Nullgrenze gesunken ist.
Deshalb blieb auch eine Gedenkfeier von 5000 Dockern für die Opfer von 1970 vor der Nordwerft in Danzig ungeahndet; die Werftleitung hatte den Arbeitern für die unerlaubte Demonstration arbeitsfrei gegeben. Hauptredner war der Dissident Lech Walesa, der vor neun Jahren zum Streikkomitee auf der Werft gehört hatte und inzwischen arbeitslos ist. Um ihn dem Zugriff der Polizei zu entziehen, hatten ihn Kollegen in einem Container zur Kundgebung geschmuggelt.
Auch Seelenmessen für die Dezember-Toten in Krakau, Posen, Danzig, Lublin und Breslau blieben von der Polizei ungestört. Nur in Warschau kam es zum Zusammenstoß, als militante Anhänger der Bürgerrechtsbewegung nach dem Gottesdienst in der Kapuzinerkirche zum Denkmal des Nationalhelden Jan Kilinski ziehen wollten, jenes Schustermeisters, der 1794 seine Landsleute gegen die russische Fremdherrschaft angeführt hatte.
Wie stets in kritischen Situationen, mußte Premier Jaroszewicz vor den verstörten Parteikadern die widerspruchsvolle Taktik der Führung gegenüber der Opposition begründen. In einer Rede vor Warschauer Genossen wußte der Premier, der im polnischen Politbüro als der Vertraute des Kreml gilt, offensichtlich mehr, als er sagte: Es gibt in unserem Lande Kräfte, die dem Sozialismus feindlich gesinnt sind. Diese Tatsache muß uns nicht nervös machen und nicht zu heftigen Reaktionen und Handlungen bewegen ... Von unterschiedlichen Motiven geleitet, versuchen die Vertreter dieser Kräfte, den heutigen Polen und insbesondere unserer jungen Generation Konzepte und Vorschläge zur Entwicklung Polens und seiner Politik gegenüber seinen Nachbarn zu unterbreiten, die in der gesamten modernen Geschichte unseres Volkes immer nur der Quell nationaler Unglücke und dramatischer Entwicklung waren.
Doch die Furcht, Polens Dauermisere könnte wie in den Jahren 1956, 1968, 1970 und zuletzt im Juni 1976 beim Arbeiteraufstand in den Städten Ursus und Radom erneut zur Explosion des Volkszorns führen und damit die ohnehin nervöse Sowjet-Union zum Eingreifen provozieren, teilen auch die meisten Dissidenten.
Und nicht nur die. Wie stets, wenn die Staatsmacht auf dem Spiele steht, pocht die Kirche, Polens zweitstärkste Macht, auf die Staatsräson und bemüht sich, dem ungeliebten Partner, der Partei, aus der Patsche zu helfen. Schon zum Jahrestag des Danziger Aufstandes hatte die polnische Bischofskonferenz in einem Kommuniqué zwar »Sicherheit und Rechtsschutz« auch für Andersdenkende gefordert, aber an deren Adresse warnend hinzugefügt: »Jeder, der eine Handlung unternimmt, muß sich von Besonnenheit und dem Gefühl der Verantwortung für die Nation leiten lassen, die Umstände von Ort und Zeit berücksichtigen.«
Noch deutlicher wurde Polens Oberhirte Kardinal Wyszynski in seiner Weihnachtspredigt. Wyszynski, bislang Galionsfigur des friedlichen Widerstandes gegen die kommunistische Staatsallmacht, hatte bei so mancher Kontroverse auch Parteichef Gierek deutlich die Meinung gesagt; jetzt nahm er ihn vor seinen Kritikern in Schutz.
Er glaube nicht, so der Kardinal, daß die Mühsal und die Mängel auf der bösen Absicht der Führung beruhten, sondern auf der Unfähigkeit unterer Organe. Wyszynski rief die Gläubigen dazu auf, diesen Verantwortlichen zu vergeben: »Wir hoffen, daß Gott diese Vergebung uns irgendwie anrechnet und so die ungewöhnliche Geduld belohnt, die unsere Nation zeigt.«
Und auch jener Pole, der weit mehr Macht und Autorität als Parteichef Gierek besitzt, hütete sich davor, Öl in die Flammen des Volkszorns zu schütten: Papst Johannes Paul II., einst der Krakauer Kardinal Wojtyla, sprach in seiner Weihnachtsandacht vor dem Petersdom in Rom von den Armen, den Hilflosen, den Entrechteten, vom bedrohten Weltfrieden -- doch von der polnischen Misere sprach er nicht.