Kuba Hohes Risiko
Silvester und den 34. Jahrestag der Revolution konnten die Kubaner nicht so recht feiern:
Auf der Zuckerinsel in der Karibik ist das Bier ausgegangen und der Rum rationiert; es gibt kein Schweinefleisch und nichts zu rauchen, für mindestens acht Stunden wird täglich der Strom abgestellt. Batterien, Kerzen oder andere Brennstoffe, natürlich auch Feuerwerkskörper, sind seit langem vom Markt verschwunden.
Doch das Leben könnte bald besser werden. Der Regierung in Havanna gelang vor wenigen Wochen ein unerwarteter Coup: Sie schloß ein Handelsabkommen mit den abtrünnigen einstigen Schutzherren in Moskau. Wenn die sich an die Abmachungen halten, wird das bereits totgesagte Regime Fidel Castros länger leben. »Wir reichen Castro die Sauerstoffflasche«, kommentierte die russische Zeitung Iswestija die Wiederannäherung.
Die kubanischen Unterhändler haben sich für 1993 die Lieferung von 3,3 Millionen Tonnen Erdöl garantieren lassen. Im Austausch dafür sollen 1,5 Millionen Tonnen Zucker nach Rußland gehen. Da Havanna auch mit Kasachstan und dem Iran Vereinbarungen über die Lieferung von weiteren zwei Millionen Tonnen Erdöl getroffen hat, könnte in diesem Jahr der Kraftstoffbedarf der Insel erstmals seit 1990 wieder gedeckt werden.
Nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Systeme in Osteuropa war Castro gezwungen gewesen, durch harte Sparmaßnahmen den Energieverbrauch seiner zehn Millionen Untertanen um mehr als die Hälfte zu senken. Das Land fiel ins vorindustrielle Zeitalter zurück: Ochsenkarren ersetzten Traktoren, Fahrräder Autos und Busse, Menschenkraft Maschinen. Dabei schrumpfte die Wirtschaft zwischen 1989 und 1992 um 45 Prozent.
Früher hatte die Sowjetunion ihren Statthalter in der Karibik - nur durch eine 140 Kilometer breite Wasserstraße von den Vereinigten Staaten getrennt - mit bis zu fünf Milliarden Dollar jährlich subventioniert, damit Fidel Castro dem US-Embargo trotzen konnte. Jahrzehntelang wickelte der Inselstaat 75 Prozent seines Handels mit der UdSSR ab: Kuba lieferte Nickel, Zitrusfrüchte, Tabak und, zu überhöhten Preisen, vier Millionen Tonnen Zucker jährlich; im Gegenzug erhielt es Lebensmittel sowie Öl und Maschinen.
Die sowjetischen Erdöllieferungen von 13 Millionen Tonnen zu Vorzugspreisen waren Hauptdevisenquelle. Die Kubaner durften auf dem Weltmarkt verkaufen, was sie nicht selbst verbrauchten; auf diese Weise nahm die Regierung jährlich bis zu 500 Millionen Dollar ein.
Schon Gorbatschow kürzte die Öllieferungen und stellte den Handel mit Kuba auf reguläre Weltmarktpreise um. Sein Nachfolger, Boris Jelzin, versprach 1991 den neuen Freunden in den USA, jede Vorzugsbehandlung für das Castro-Regime zu unterbinden. Moskau beschloß damals auch, seine rund 8000 Soldaten aus Kuba abzuziehen.
Doch nun haben beide Seiten vereinbart, daß die Russen ihre elektronische Abhörstation in Lourdes nahe Havanna behalten. Es ist ihre größte Lauschzentrale in der westlichen Hemisphäre, nötig zur »Verbindung mit unseren Botschaften in Lateinamerika«, wie der russische Vizepremier Alexander Schochin behauptete.
Die wahre Aufgabe stellte die Iswestija klar: Die Station habe »den Start amerikanischer Raketen zu verfolgen« und werde als »wichtige Komponente des strategischen Gleichgewichts zwischen Rußland und den USA« gesehen. Zur Belohnung erhalten die Kubaner Ersatzteile für ihre sowjetischen Waffen.
Als wichtigster Fürsprecher der Kubaner in Moskau gilt das Lateinamerika-Institut der Akademie der Wissenschaften, eine Bastion der alten Führungsriege des KGB.
Die Mehrheit der russischen Reformer dagegen fürchtet, die Amerikaner zu verärgern und so die Auszahlung von zugesagter Wirtschaftshilfe - 2,5 Milliarden Dollar in diesem Jahr - aufs Spiel zu setzen. Ersatzteile für kubanische Panzer seien eine ähnliche Provokation wie der Verkauf von U-Booten an den Iran oder von Raketentriebwerken an Indien, sorgte sich die Iswestija.
Tatsächlich bringt das neue Engagement für Kuba den Russen nur Verluste. Erst vor kurzem haben die USA mehrere Häfen für russische Handelsschiffe geöffnet. Dieser Zugang könnte schon bald wieder gefährdet sein. Denn neue amerikanische Embargo-Bestimmungen belegen Frachter mit einer sechsmonatigen Sperre, die Ladung auf Kuba gelöscht haben.
Auch der vereinbarte Tauschhandel bietet kaum Vorteile: Zwar wird Moskau ein Drittel seines bisherigen Zuckerimports aus Kuba devisenfrei decken und somit die Forderungen der ukrainischen Zuckerproduzenten umgehen können. Doch auf dem Weltmarkt herrscht Überproduktion, der süße Stoff wäre anderswo günstiger zu erstehen.
Am meisten beunruhigt russische Castro-Kritiker die Zusage, das Atomkraftwerk in Juragua nahe der Stadt Cienfuegos 200 Kilometer südöstlich von Havanna fertigzubauen. Das Projekt, in das Moskau seit 1980 schon eine Milliarde Dollar investiert hatte, galt als Castros Prunkstück. Es sollte neuen Aufschwung ermöglichen. Anfang September befahl der Maximo LIder schließlich schweren Herzens, die Arbeiten einzustellen. Seinen Sohn, der seit langem zum Baustopp riet, hatte er noch im Juni als Leiter der Atomenergiebehörde abgesetzt - angeblich wegen Unfähigkeit.
Nun soll bis zum 1. Februar ein dritter Partner gefunden werden, der 300 Millionen Dollar aufbringt, damit das Kernkraftwerk ans Netz gehen kann.
Das dürften die USA als weitere Provokation auffassen: Nach Florida geflohene kubanische Atomspezialisten haben vor dem hohen Sicherheitsrisiko des Kraftwerks, einer verbesserten Version des Tschernobyl-Typs, eindringlich gewarnt.