ITALIEN Hohler Kürbis
Ein dreister Kerl, dieser Vittorio Sgarbi. »Ich habe keine Lust, mit dummen Menschen zu diskutieren«, sagt er zum Beispiel mitten in einer TV-Talkshow, greift zur Zeitung und vertieft sich gelangweilt darin. »Dumm«, »dämlich« oder »schwachsinnig« sind für den Kunstprofessor und Politiker der Berlusconi-Partei Forza Italia - für die er im römischen Parlament sitzt - fast alle, zumal aus seinem Metier. Biennale-Chef Franco Bernabè sei »ein hohler Kürbis«, »ein absoluter Schwachkopf«. Die Pläne des US-Star-Architekten Richard Meier für den Umbau des Augustus-Friedensaltars in Rom hält er für »eine Beleidigung der Kunstgeschichte«. Und der vom Japaner Arata Isozaki entworfene neue Eingang der Uffizien in Florenz »sieht aus wie ein Matratzenrost«. Kurzum, so Sgarbi, 50: »Schlechter Geschmack verbreitet sich wie Aids.«
Berühmt wurde der skandalsüchtige Paradiesvogel Sgarbi vor allem durch seine provozierenden Fernsehauftritte und die prahlerischen Bekenntnisse eines erfüllten Liebeslebens: »Ich habe etwa 2000 bis 3000 Frauen verführt.« Voriges Jahr ernannte ihn Silvio Berlusconi, auf dringende Empfehlung des Fiat-Patriarchen Gianni Agnelli, zum Staatssekretär im Ministerium für die Kulturgüter des Landes.
Was der Regierungschef unterschätzte: Das populäre Ekel mit unbestrittenem Sachverstand nahm den Auftrag ernst. Doch nun biss der Verbal-Terrier sein Herrchen: Mit großem Geschrei machte er den Regierungsplan publik, die klammen Kassen durch den Verkauf von Kunstschätzen oder malerischen Küstenstreifen zu füllen. Sgarbi: »Ein himmelschreiender Skandal.«
Die Regierung feuerte ihren selbstbewussten Sekretär, aber das verschlimmerte die Sache nur noch: Sgarbi wurde, sagt er selbst, »zum Märtyrer«, zum Beziehungspunkt einer breiten Bewegung von links bis rechts gegen den »Ausverkauf des nationalen Erbes«. Auch wenn er das umstrittene Verkaufsprojekt der Regierung bisher nicht aufhalten konnte, trug der Streit mit dazu bei, den Regierungschef weiter zu beschädigen.
Und für den häufen sich die Schwierigkeiten: Nachdem Berlusconi sechs Monate den Job des Außenministers mehr schlecht als recht nebenbei gemacht hatte, kündigte er nun entnervt an, noch im Juli einen neuen Chefdiplomaten zu ernennen. Vorige Woche musste zudem einer der engsten Vertrauten des römischen Premiers zurücktreten: Sein Wahlkampf-Organisator, Innenminister Claudio Scajola, hatte den im Frühjahr vermutlich von Terroristen ermordeten Regierungsberater Marco Biagi vor Journalisten postum einen »rompicoglioni« (etwa: Er geht mir auf den Sack) genannt. Selbst Berlusconis Koalitionspartner waren entsetzt.
Die arrogante Stillosigkeit Scajolas traf denselben Nerv wie die von Sgarbi gegeißelte »kulturelle Prinzipienlosigkeit« der römischen Machthaber. Ausgerechnet eine konservative Regierung zeigt sich gefühlskalt und desinteressiert, wo es um Anstand geht, wie beim Terroropfer Biagi, oder um Nationalstolz, wie beim kulturellen Erbe von Bella Italia.
Die historischen und künstlerischen Schätze des Landes sind weltweit einmalig, und, vorsichtig taxiert, mindestens 2000 Milliarden Euro wert. Aus diesem Fundus darf sich Schatzminister Giulio Tremonti bedienen, um sein Defizit abzubauen und die im Wahlkampf von Berlusconi versprochenen Straßen-, Eisenbahn- und Brückenprojekte zu finanzieren. Um was und wie viel es gehen mag, ist noch nicht festgelegt. Zunächst werden erst mal zwei Verwertungsgesellschaften gegründet, die den Staatsbesitz veräußern sollen.
Das Gesetz lief - mit dem Segen von Kulturminister Giuliano Urbani - problemlos durchs Parlament. Zu spät griff Sgarbi ein. Sein »willenloser« Chef, Urbani, sei nicht nur »klein, schwach, hässlich«, sondern zudem »ein Dummkopf«, der »dringend einen Arzt braucht«.
Die rüden Töne (Sgarbi: »eine effiziente Form politischer Kommunikation") zeigten dennoch Wirkung - in der Öffentlichkeit. Zeitungen, Umweltverbände und Wissenschaftler griffen das Thema auf, fragten aufgeschreckt-zugespitzt: »Wird jetzt das Kolosseum an die Japaner verkauft?« Von der Privatisierung könnten, so die Sorge, die schönsten Sandstrände, die wichtigsten Museen, die herrlichsten Paläste bedroht sein. Selbst die erzkatholische Wochenschrift »Famiglia Cristiana« sorgte sich, ob nun »Italien zum Verkauf« stehe. Staatspräsident Carlo Azeglio Ciampi schrieb einen Brandbrief an Regierungschef Berlusconi. Der versicherte wortreich, man denke keinesfalls daran, hehre Kulturgüter zu verscherbeln, allenfalls die zweite Wahl.
Weil er den Versprechen seines politischen Ziehvaters Berlusconi - auf dessen Fernsehsendern er Stammgast war - nicht länger traut, denkt Ex-Staatssekretär Sgarbi nun daran, eine eigene Partei zu gründen, »eine Schutztruppe für Kultur und Ästhetik«, mit dem Namen - was sonst? - »Bella Italia«.
Ein Hauptquartier hätte er schon: Seine ererbte Wohnung, im Herzen Roms, mit Marmorbalkon zur Piazza Navona, gleicht einem riesigen Museum, mit filigranen Fresken an den Decken und Meisterwerken italienischer Malerei an den Wänden. Erbaut wurde der Palast vor 350 Jahren für einen Papst, der gleichfalls Kunstmäzen, Politiker und Frauenheld war. Er hieß Innozenz, übersetzt: der Unschuldige. HANS-JÜRGEN SCHLAMP