Dieser Beitrag wurde am 01.12.2016 auf bento.de veröffentlicht.
Schwule, Lesben, Trans- und Intersexuelle werden immer häufiger angegriffen. Allein bis Ende September wurden fast so viele Übergriffe gezählt wie im gesamten Jahr 2015. Das ist das Ergebnis einer mündlichen Anfrage des Bundestagsabgeordneten Volker Beck (Grüne) an das Bundesinnenministerium ("Süddeutsche Zeitung" ).
Wie viele Übergriffe gibt es?
In den ersten neun Monaten des Jahres gab es laut Bundesinnenministerium 205 Straftaten im Zusammenhang mit der "sexuellen Orientierung". Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum ist das ein Anstieg von 15 Prozent. Auch die Zahl der Tatverdächtigen stieg. Gab es in den ersten Monaten 2015 noch 86 Verdächtige, waren es dieses Jahr bereits 99. Nur 47 Prozent der Fälle wurden aufgeklärt – also noch nicht einmal die Hälfte.
Wie hoch ist die Dunkelziffer?
Das kann niemand mit Sicherheit sagen. Klar ist nur: Sie ist sehr hoch. Ein Beispiel: Allein in Berlin hat das schwule Anti-Gewalt-Projekt "Maneo" im vergangenen Jahr 259 Fälle mit einem trans- und homophobem Hintergrund gezählt (Maneo ). Im gleichen Zeitraum zählte die Polizei nur 220 Fälle – und zwar bundesweit.
Maria Tischbier ist bei bei der Berliner Polizei Ansprechpartnerin für Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender und Intersexuelle (LSBTI). Sie sagt:
Maria Tischbier, Polizei Berlin (RBB)
Für die hohe Dunkelziffer gibt es verschiedene Gründe. Drei entscheidende:
1. Viele Opfer gehen nicht zur Polizei
Viele Betroffene fühlen sich doppelt stigmatisiert: Als Opfer einer Straftat und als Angehörige einer diskriminierten Minderheit. Zudem wird ein Großteil der Fälle nie aufgeklärt. Viele Opfer zögern deshalb, die Taten zur Anzeige zu bringen. "Die deutlich höheren Opferzahlen der Beratungsstellen zeigen, wie groß das Misstrauen gegenüber den Behörden ist", sagt Volker Beck im Gespräch mit bento.
In der amtlichen Polizeistatistik gibt es für diese Art von Straftaten bis heute keine eigene Kategorie. Und in den Statistiken des Bundesinnenministeriums tauchen die Fälle nur als "politisch motivierte Kriminalität" im Themenfeld "Hasskriminalität", Unterthema "Sexuelle Orientierung" auf.
3. Viele Fälle werden falsch eingeordnet
Nach Ansicht vieler Kritiker ist die Dunkelziffer auch deshalb so hoch, weil viele Delikte von den zuständigen Polizisten falsch eingeschätzt würden. Homophobe Übergriffe würden oft als Alkoholdelikte von Jugendlichen verharmlost und nicht als politisch motivierte Taten erfasst ("Süddeutsche Zeitung" ).
Volker Beck
Wer sind die Täter?
Wegen der hohen Dunkelziffer ist es schwierig, zuverlässige Aussagen über die Täter zu treffen. Klar ist aber, dass homophobe Einstellungen in der deutschen Gesellschaft weit verbreitet sind. In allen Bevölkerungsgruppen.
Laut einer Studie der Uni Leipzig finden es 40 Prozent der Deutschen ekelhaft, wenn Homosexuelle sich öffentlich küssen. Harald Kröger von der Berliner Polizei sagt: "Die ermittelten Täter sind überwiegend erwachsene Männer mit deutscher Staatsangehörigkeit" ("Berliner Morgenpost" ).
So kreativ protestiert die LGBT-Community
Was kann man dagegen tun?
Der Grünen-Politiker Volker Beck rät Betroffenen, jeden Vorfall bei der Polizei anzuzeigen. Er sieht aber vor allem die Behörden gefordert: "Die Polizei muss um das Vertrauen der Opfer und Zeugen werben".
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