Hu nach Hua - DER SPIEGEL
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CHINA Hu nach Hua

Über den toten Mao und auch über dessen Nachfolger Hua siegte jetzt Teng Hsiao-ping - aber nicht ganz.
• aus DER SPIEGEL 28/1981
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Im Sozialismus machen Männer die Geschichte, und ihre Erben müssen sie dann neu schreiben.

Drei Jahre nach Stalins Tod wurde der Volksvater von der KPdSU als Massenmörder entlarvt. Doch als der Mann, der Rußland industrialisiert und den Krieg mit den Deutschen gewonnen hat, wird er heute noch offiziell verehrt.

Fünf Jahre nach Maos Tod beschuldigte die KP Chinas den Staatsgründer der Selbstzufriedenheit, Arroganz und Entfremdung von den Massen. Er trage die Verantwortung für ein großes »Unglück«, das Jahrzehnt der Kulturrevolution mit angeblich einer Million Toten. Doch die Lehre des »Nationalhelden« mit »unsterblichen Verdiensten« soll weiter als Richtschnur dienen.

Der Genosse Hua Kuo-feng, 60, den Mao eigenhändig zum Nachfolger gekürt und für den er selbst auch noch einen besonderen Personenkult -- neben der Anbetung Maos -- verordnet hatte, ist nun für den Parteivorsitz »ungeeignet«, weil er »linke Fehler« beging, Diskussionen unterdrückte, sich einer Bewältigung der Vergangenheit widersetzte und Maos Worte allzu wörtlich auslegte.

So urteilte vorige Woche das Partei-Zentralkomitee in Peking. Hua wurde als Parteichef abgesetzt, jedoch zum Stellvertreter gewählt. Mit maskenhaftem Gesicht, bar jeder Emotion, saß der Gedemütigte während der Sitzungen, bei der Verlesung seines Sündenregisters, am Vorstandstisch.

Sein Nachfolger als Parteichef wurde der Genosse Hu Yaobang -- nachdem der Genosse Zhao Ziyang schon im Vorjahr Huas Amt als Premier übernommen hatte. Den dritten Posten des einst allmächtigen Hua, Vorsitzender der ZK-Militärkommission und damit oberster Befehlshaber der 4,5 Millionen Soldaten, übt Teng Hsiao-ping, 76, aus, formal zwar auch nur Vize-Parteichef, in Wahrheit aber jener großer Anti-Maoist, der mit Huas freigewordenen Funktionen zwei enge Freunde bedacht hat: der Sieger.

Ganz von seinem Schlage ist Freund Hu, der neue Vorsitzende -- ein weltoffener Pragmatiker. Hu meidet jeden Kult. Sein Name erschien nicht, wie bei Mao und bei Hua üblich, in den rot gedruckten Schlagzeilen der Zeitungen. Jubel-Chinesen auf den Straßen fehlten zu seiner Wahl. Der Tag seiner Inthroniserung, zugleich 60. Stiftungsfest der Partei, war ein gewöhnlicher Arbeitstag in der Volksrepublik.

Am Himmelsfriedensplatz waren lediglich wieder einmal die Ikonen der Deutschen Marx & Engels und der Russen Lenin & Stalin aufgestellt, dazu das Porträt des bürgerlichen Revolutionärs Sun Jat-sen, der auch von Antikommunisten verehrt wird. Kein Bild, kein Wort vom neuen Hu.

Die offizielle Biographie (42 Zeilen) schreibt ihm auch keinerlei Heldentaten oder Tugenden zu, sondern schildert schlicht eine Funktionärskarriere.

Hua, 66, stammt aus der Provinz Hunan, der Heimat Maos wie des früheren Staatschefs Liu Schao-tschi. Das Kind armer Bauern riß schon mit 14 zu den Roten aus und diente Maos Partisanen in einer Kinder-Abteilung als Kurier und Kundschafter. Mit 18, im Jahre 1933, nahm ihn die Partei auf.

Wichtig fürs Prestige: Hu nahm am Langen Marsch teil, Maos Rückzugsexpedition nach Nordchina, und studierte am Zielort Jenan an der Militärakademie (Chef: Lin Piao). Nach der Machtübernahme 1949 war er Sekretär des Jugendverbandes -- wie zur selben Zeit Erich Honecker in der DDR.

Die Kulturrevolution von 1966 erlebte Hu als Parteichef der Provinz Schensi. Die Rotgardisten denunzierten ihn als »Mitglied des konterrevolutionären bourgeoisen Hauptquartiers von Liu Schao-tschi und Teng Hsiao-ping": Er habe zu den Bridge-Partnern Tengs gehört, die von Teng per Flugzeug zum fröhlichen Spiel geholt worden seien.

Hu verlor alle Posten und mußte sich für zweieinhalb Jahre der Pflege von Rindvieh widmen, dessen Stall er S.98 als Wohnstatt teilte. Hu damals zu seinem Sohn: »Entweder werde ich getötet, oder die Radikalen überleben nicht mehr als zehn Jahre.«

Neun Jahre später holte ihn der (zum erstenmal) rehabilitierte Teng in die Akademie der Wissenschaften zu Peking; im Jahr darauf stürzte Hu, gemeinsam mit Teng. Nach dessen zweiter Rehabilitierung 1977 wurde Hu ZK-Mitglied und Vizepräsident der Zentralen Parteischule.

Als Teng auf einer Versammlung sagte, Mao sei zu 70 Prozent in Ordnung und zu 30 Prozent fehlerhaft gewesen, warf Hu ein, diese Relation sei zu günstig. Damit empfahl er sich für höhere Weihen. Er wurde, was Teng vor der Kulturrevolution gewesen war (und Honecker heute in der SED ist): Generalsekretär der Partei.

Als zur Neujahrsfeier 1981 Parteichef Hua die Honoratioren des Reiches in die Pekinger »Große Halle des Volkes« geladen hatte und selbst nicht erschien, eilte Gast Hu in Huas Residenz und fand ihn lesend im Garten. Hu: »Denkst du wirklich, daß der Globus ohne dich aufhört, sich zu drehen?«

Ganz ohne Hua geht es wirklich nicht. Jene Hälfte der Parteigenossen, die erst in der Kulturrevolution beigetreten sind, hat der Mao-Verweser wohl auf seiner Seite. So ist die vorige Woche vom ZK beschlossene Resolution zum 60. Partei-Jubiläum ein Kompromiß zwischen Tengs Rechten und Huas Halblinken (die ganz Linken, Maos Witwe und ihre Gefährten, sitzen im Gefängnis). Das Dokument enthält, wie von zwei Händen in zwei verschiedenen Kalligraphien geschrieben, tiefe Widersprüche, so daß jede Richtung sich auf Passendes berufen kann.

Zum Beispiel über Mao: Der Gott, der keiner war, unterminierte demnach den demokratischen Zentralismus, verursachte den ernstesten Rückschlag mit den schwersten Verlusten seit der Staatsgründung -- die Kulturrevolution, und er beging politische, ideologische, organisatorische Fehler, wie etwa den Sturz Tengs.

Doch das waren zweitrangige Fehler eines »großen proletarischen Revolutionärs«. Er war, erläuterte nun Mao-Feind Hu, ein »großer Marxist«, »großer Politiker«, »großer Stratege«.

»Klassenkampf«, die gängige Umschreibung für Repressionen, ist laut ZK nicht mehr das Hauptproblem in China, wird aber fortgesetzt und kann sich noch verschärfen. Die große Säuberung von 1957 nach dem Hundert-Blumen-Frühling, die Millionen Menschen ins Lager brachte, war denn auch »völlig korrekt und notwendig«, nur zu breit angelegt, mit »unglücklichen Konsequenzen«.

Über Hua befand das ZK: »Unter seiner Führung ist es unmöglich, linke Irrtümer in der Partei zu korrigieren.« Aber er wurde eben nur herabgestuft. Wie man unter weit schlimmeren Beschuldigungen S.99 viel tiefer fällt und trotzdem wieder aufsteht, hat Gegenspieler Teng selbst zweimal vorgeführt.

Nach Bekanntgabe der ZK-Entscheidungen brachte das Pekinger Fernsehen eine Straßenumfrage. Ein Arbeiter äußerte Genugtuung über die Wahl des neuen Vorsitzenden Hu Yaobang und des Vize Zhao, des Premiers. Die nächsten Befragten sagten dasselbe. Am Ende aber kam ein Soldat ins Bild, der seine Freude kundtat, daß Hua Kuofeng Vize geworden ist.

Der ranghöchste Soldat der Volksrepublik nämlich, der alte Marschall Jeh, hatte Hua einst als den Mann empfohlen, der »China in das 21. Jahrhundert führen« würde. Im Jahr 2000 wäre Hua wenig älter als Teng heute, der Vorsitzende Hu aber 85.

S.97Das Gemälde (in Schanghai, Flughafen, 1979) zeigt die Übergabe einerVollmacht für die Nachfolge von Mao an Hua.*

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