Hübsche Überraschung - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 52 / 94

TSCHECHOSLOWAKEI / SVOBODA Hübsche Überraschung

• aus DER SPIEGEL 20/1970
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der letzte Führer des tschechoslowakischen Regimes von 1968, der seinen Pasten behalten hat«, so meldete die ägyptische Nachrichtenagentur »Mena« aus Ostblock-Quellen, werde »wahrscheinlich in naher Zukunft auf sein Amt verzichten": CSSR-Präsident Ludvik Svoboda, 74.

Der Staatschef mit dem weißen Haupthaar ist nach dem Sturz von Parteichef Dubcek, Parlamentschef Smrkovský und Regierungschef Cernik der letzte Prager Reformer im Amt; er soll laut »Mena« dem Parteiführer Husák Platz machen.

Prager Beobachter erwarten den Ämtertausch als Folge des Besuchs der sowjetischen Führungsspitze in der Tschechoslowakei: Vorige Woche noch tauschte Sowjet-Parteichef Breschnew in Prag mit Svoboda den Bruderkuß.

Die Sowjets bestätigten Svoboda (zu deutsch: »Freiheit") schon im April, er habe seine Schuldigkeit getan: Sie verliehen ihm den Lenin-Friedenspreis. Die sowjetische Presse schrieb, er sei

* »ein flammender Patriot seines Landes« ("Prawda"),

* »ein leidenschaftlicher Kämpfer für die Festigung der Freundschaft zwischen den Völkern« und

* »ein der Lehre Lenins ergebener Kommunist«.

Bauernsohn Svoboda war anfangs nur flammender Patriot. Im Ersten Weltkrieg lief er bei der ersten Gelegenheit als österreichischer Offizier zu den Russen über und trat der aus Kriegsgefangenen gebildeten »Tschechischen Legion« bei, die gegen Lenins Kommunisten kämpfte und den jungen Sowjetstaat fast zum Zusammenbruch brachte.

In der Tschechoslowakischen Republik diente Svoboda, politisch den Sozialdemokraten zugeneigt, als Berufssoldat; nach der deutschen Okkupation im März 1939 ging er in den Untergrund: Im polnischen Krakau organisierte er wieder eine tschechische Legion und kämpfte nach dem deutschen Angriff gegen Polen auf polnischer Seite.

Nach Polens Niederlage ging Svoboda in die Sowjet-Union und gründete das erste selbständige tschechoslowakische Bataillon, aus dem bald eine Brigade und 1943 ein Armeekorps wurde.

In Moskau soll Svoboda schon 1940 zur Rechenschaft gezogen worden sein, weil er sich zu oft in Gesellschaft des slowakischen Diplomaten Dr. Krno sehen ließ.

Krno arbeitete In der Moskauer Gesandtschaft des von den Deutschen 1939 errichteten Satellitenstaats Slowakei, den am 16. September 1939 auch die Sowjet-Union völkerrechtlich anerkannte. Sowjet-Gesandter in Preßburg: Georgij M. Puschkin« später Botschafter in der DDR.

Diplomat Krno war angeblich Verbindungsmann der Gestapo. Nach einem Bericht, den Svoboda später engen Freunden erstattet haben soll, konnte Svoboda jedoch beweisen, daß er diesen Kontakt in sowjetischem Auftrag geknüpft hatte.

Svobodas Familie war in Mähren geblieben, seine Frau Irina leitete den Transport von Freiwilligen ins Ausland, versteckte Fallschirm-Agenten und betrieb einen illegalen Sender; Sohn Miroslav wurde im deutschen KZ Mauthausen von der SS mit einer Spritze ermordet.

Oberst Svoboda wollte ein der Lehre Lenins ergebener Kommunist werden, aber er durfte nicht. Als er im Frühling 1945 in Moskau als Verteidigungsminister auf die Regierungsliste der künftigen Tschechoslowakei gesetzt wurde, nahm ihn der KP-Chef Gottwald -- künftig Vizepremier -- beiseite.

Klement Gottwald sprach Svoboda mit »Ludvik« an und bat seinen neuen Kabinettskollegen, zu ihm doch »Klima« zu sagen. Darauf Svoboda: »Klima, ich bitte dich, was hindert euch daran, mich in die Partei aufzunehmen?«

Gottwald nahm seine Pfeife aus dem Mund und lachte: »Ludvik, weißt du, was Parität ist?«

Svoboda: »Ich weiß, was Parität ist, aber was habe ich denn mit der Parität zu tun?«

Gottwald: »Und weißt du, daß du sehr wohl damit zu tun hast?«

Svoboda berichtete den Dialog im September vorigen Jahres vor dem Prager Zentralkomitee. Gottwald »machte mir klar, was es bedeuten würde, falls man mich in die Partei aufgenommen hätte -- daß die Kommunisten bei einer Kampfabstimmung in der Regierung unterliegen würden: Eine Stimme, das wärest du, die zweite Stimme, das wäre Nejedlý, ferner war da noch der Hasal, Jan Masarýk ...«

In der ersten tschechoslowakischen Nachkriegsregierung sollten acht Kommunisten und 13 Vertreter anderer Parteien sitzen -- und eben vier Parteilose, darunter der Außenminister Jan Masarýk, Sohn des Staatsgründers Tomás Masarýk; er starb nach dem Putsch der Kommunisten 1948 eines gewaltsamen Todes.

Svoboda über Jan Masarýk: »Wenn es zu einer Kampfabstimmung kommen sollte, so sagte er stets: »Jungs, schlagt euch da nicht tot, ich muß gehen«, und ging. Auf diese Weise gewann die Partei vier Stimmen -- so hat mir das Genosse Gottwald klargemacht.«

»Wir sind also im Mai 1945 in die CSR zurückgekehrt und haben diesen Kampf mit Erfolg beendet. Und da sagte mir Gottwald: »Keinen Beitrittsantrag in die Partei mehr. Wenn der Tag kommt, werden wir dich schon dazu einladen. Aber wir rechnen mit dir.«

Svoboda fuhr In seinem Rapport fort: »Ich war ein getreues und diszipliniertes Parteimitglied« -- er war ein geheimes. Nach außen spielte Svoboda weiter den Parteilosen, dessen Votum Nichtkommunisten überzeugen sollte, als die Kommunisten die Alleinherrschaft übernahmen.

Svoboda: »Als der Februar 1948 kam, da konnte ich schon weit mehr der Partei und dem Staat behilflich sein als mit jenem Bataillon oder jener Brigade oder schließlich mit dem Armeekorps. Da gab es bereits eine ganze neue tschechoslowakische Armee.«

Zu der entscheidenden Kabinettssitzung, in der die Regierung mit Mehrheit den Putsch der Kommunisten billigte, erschien der parteilose Svoboda mit zwei Generälen. Freund Gottwald hatte geraten: »Kommt etwa acht bis zehn Minuten später, des Effekts wegen.« Svoboda darauf: »Klima, ich bitte dich, wir sind Soldaten, wir können doch nicht später kommen.«

Svoboda kam später. »Als wir die Tür aufmachten, haben wir begriffen, was Effekt ist. Bis zu jener Zeit war die Armee nicht aufgetreten, jetzt kamen drei Generäle. Das war natürlich eine hübsche Überraschung. Ich erklärte, das Heer gehe mit dem Volk.«

Svobodas Militärdemonstration gab den Ausschlag -- seither herrscht in Prag die Kommunistische Partei allein. Sie nahm den heimlichen Helfer nun offen als Mitglied auf.

1952 enthob die Partei auch ihn aller Ämter. Svoboda wurde verhaftet, arbeitete in einer Kolchose bis 1955, dann wurde er voll rehabilitiert -- 1965 erhielt Svoboda von Moskau den Titel »Held der Sowjet-Union«. Die Reformkommunisten sahen in ihm ein Terror-Opfer und wählten ihn im Prager Frühling, am 30. März 1968, zum Staatsoberhaupt.

Nach der Sowjet-Intervention im August wurde er zum Helden der CSSR: Im Kreml drohte Svoboda mit Selbstmord, falls die Sowjets sich weigerten, die nach Moskau verbrachten CSSR-Reformer freizulassen. Sie gaben nach -- und aus dem Patrioten wurde wieder der ergebene Kommunist: Er unterschrieb das Moskauer Diktat zur Unterwerfung unter die sowjetische Okkupation. Svoboda vor dem ZK: »Die offenen, genossenwürdigen Verhandlungen zwischen der sowjetischen und unserer Führung, deren Ergebnisse ihren Ausdruck im gemeinsamen Protokoll gefunden haben -- das war der richtige Weg ... Er ging von den engen Bündnis- und Freundschafts-Beziehungen zwischen der Tschechoslowakei und der Sowjet-Union aus.«

Und: »Für mich persönlich war eine andere Lösung nicht denkbar.«

Zur Ausgabe
Artikel 52 / 94