»Ich bin heute Königin«
Heute ist ein schwieriger Tag - vielleicht der schwierigste im ganzen Jahr. Heute hat Sarah Geburtstag. Noch lächelt sie übers ganze Gesicht, aber ihre Mutti mag das nicht richtig beruhigen. »Mein Wonneproppen ist einen gewissen Luxus gewohnt«, sagt Sarahs Mutter, eine 42-jährige Gastro-Unternehmerin. »Heute müssen wir ihr was bieten.« Sarah wird sechs.
Happy Birthday. In einer Villa in Berlin-Steglitz feiern Sarah und ihre sechs Freunde das »Fest der sieben Meere« - so nennt sich das Kinderparty-Komplettangebot der Berliner Firma Fiestas con Fettzi. Die drei Stunden inszenierter Kinderspaß sind der letzte Schrei auf dem Dienstleistungsmarkt für gehätschelte Kinder und gestresste Eltern: 687 Mark, alles inklusive, auch Windelnwechseln.
Schiffskanonen, Papp-Papageien, Plastiktotenschädel, ein Verbandskasten: Partymacherin Angelika Dettloff, 34, und ihre Assistentin Claudia, 26, schleppen kistenweise Material heran. Zum Glück sind in ihren Kundenkreisen die Wohnzimmer groß genug, so dass bei schlechtem Wetter wie heute das Piratenzelt auch in der guten Stube Platz hat.
»Mutti, leg das zu den anderen Sachen hin!« Sarah hat kaum Zeit, sich länger mit einem Geschenk ihrer Freunde zu befassen, immer das nächste neue ist interessanter. Und Mutti legt wie geheißen den Stereo-Kassettenrecorder von Lukas aufs Sommerkleidchen von Sabine, die batteriebetriebene Puppe von Jessica auf das Filofax aus Krokodilleder von Sabrina - moderne Kinder brauchen keine Märchen, sie brauchen Terminkalender. Der Gabenberg wankt bedrohlich. »Immer zuerst die Geschenke«, seufzt Partymacherin Dettloff, »die schöne Dekoration interessiert nicht.« Sie und der Papagei stehen allein im Piratenzelt.
Ein wenig Sackhüpfen, ein paar Papierschlangen - das reicht nicht mehr. Ein Kindergeburtstag muss heute - zumindest in den besseren Kreisen - ein Event sein: professionelle Unterhaltung mit Wow-Effekten, Soundteppich, Showeinlagen und vor allem viel Tempo. Sonst zappen die Kleinen weg, nörgeln rum und killen die Stimmung. »Mit den einfachen Dingen geben sich Kinder ja nicht mehr zufrieden«, sagt Dettloff.
»Sarah, hast du dir überhaupt schon die Torte angeguckt?« Die Torte ist in Form eines Piratenschiffs gebacken, auf dem Vorderdeck steht in Zucker gegossen »Sarah« - ein Spezialservice von Fiestas con Fettzi. Die Erwachsenen bedienen, die Kinder sitzen bei Tisch: Kerzen anzünden, pusten - »Oh, sechs auf einmal!« Sarah lebt hoch - und weiter im Programm.
Anna, Sarahs beste Freundin, mag sich nicht als Seeräuberin verkleiden, auch das Windsbrautkostüm gefällt ihr nicht. Matthias fuchtelt mit einer Hakenhand und hänselt, Anna sei nicht nur verwöhnt, sondern auch dick. Aus den Lautsprechern schmettert der Titelsong des Films »Treasure Island«. Sarah schubst Jessica vom großen Schiffsteuerrad - »Ich bin heute Königin.«
Löffelduelle, Luftballonschlachten, Mumienwickeln, Wackeltanz. Dettloff und Assistentin Claudia animieren, die Action im Fünfminutentakt hält die Kinder in Partylaune. Claudia meint, heute würden die Kids eben zum Konsumieren erzogen.
Fiestas con Fettzi lässt Feten mit bis zu 25 Kindern steigen. Die kosten über 2000 Mark, und oft mieten die Eltern gleich einen Hotelsaal dazu. »Diese Leute wollen keinen Finger krumm machen oder meinen, sie müssten ihren Kindern ein Riesenspektakel bieten«, beobachtet Dettloff. Seit drei Jahren ist sie im Geschäft, der Markt expandiert, mittlerweile hat Fiestas con Fettzi mehrere Konkurrenten; in den USA und England sind Kinderparty-Veranstaltungen bereits ein blühender Wirtschaftszweig. Es sind nicht bloß die Reichen, die Dettloffs Dienste in Anspruch nehmen, auch der Mittelstand muss seinen Sprösslingen etwas bieten. Generell gilt: »Heute sind die Eltern von den Wünschen ihrer Kinder meist überfordert.«
Sarahs Mutter, deren Schwägerin und die 41-jährige Hausangestellte Karin sitzen in der Küche. Die Frauen reden übers Abnehmen, dann über Kinder. »Die haben ja schon alles - was wollen sich die noch wünschen?«, fragt Karin. An Sarahs viertem Geburtstag engagierte ihre Mutter einen Zauberer. Die Show war langatmig, zu wenig Action. Letztes Jahr gab's ein »Dschungelfest«, ebenfalls von Fiestas con Fettzi veranstaltet - das war ein richtiger Event. Die Schwägerin murmelt: »Wenn's dieses Jahr keine Party für Sarah gegeben hätte - das wäre eine echte Geburtstagsüberraschung gewesen.«
Dann der Höhepunkt, die Schatzsuche im Garten: Im Buschwerk ist eine Piratenkiste versteckt, für jedes Kind liegt ein Geschenkbeutel drin - Süßigkeiten, Spielsachen, ein Plastikgebiss mit Vampirzähnen. Sarah aber greift nach glitzernden Goldkugeln. »Lass das, Kind!«, sagt Dettloff, »die gehören zur Dekoration.« Sieben Kinder fletschen ihre Vampirzähne. Die Blutsauger stolpern über den Rasen, fallen hin, beginnen zu flennen. Die Kundschaft ist müde.
Abendbrot, endlich. Die Sonne zeigt sich doch noch, scheint durchs Fenster auf Sarahs Gesicht. »Die Erdbeeren sind weich!« Das Geburtstagskind nörgelt, Partyfrau Dettloff läuft dunkelrot an, sie muss sich beherrschen: »Kind, ich kann nicht in die Dinger reinsehen.« Das Obstdessert bleibt fast unberührt - der Reissalat, das Fleisch, die Buletten, die Pumpernickelbrote ebenso. Nach drei Stunden Kindergeburtstag verlieren die Kleinen die Lust, die Erwachsenen den Nerv. »Vielleicht isst Luisi das Zeugs«, sagt Sarah. Luisi ist das Kaninchen, das Sarah zu ihrem fünften Geburtstag geschenkt bekam. Es hockt in seinem Käfig unter dem Bang-&-Olufsen-Fernseher neben Bergen von Spielzeug im Kinderzimmer.
Die Party ist zu Ende. »Wer fährt mich nun nach Hause?«, fragt Anna, durchs Fenster schauend, als warte sie auf eine Limousine. Und draußen, an dem blühenden Busch, hängt ein schlapper Geburtstagsballon. MICHAEL MARTI