FRANKREICH Ich bin Jude
Jude, Pole, Konvertit -- schwerlich kann man sich so einen Oberhirten als Erzbischof von München und Freising oder Köln vorstellen. Die Erzdiözese Paris aber bekommt jetzt so einen.
Daß die sensationellste Ernennung, die der Papst aus Polen, Johannes Paul II., bislang tätigte, auf ein Polenkind fiel, muß nicht wundernehmen -- aber ein Jude und Konvertit? Juden haben schließlich, so klagen heute noch viele Christen, Christus ans Kreuz geschlagen, ein Frevel, den ihre Ahnen durch wütende Pogrome rächten. Und Konvertiten, klagte der katholische französische Schriftsteller Georges Bernanos, »stören nur«.
Dieser offenbar nicht. Dabei bekennt sich Jean-Marie Lustiger, 54, nach dem Willen der französischen Kirche und des römischen Pontifex künftig Erzbischof von Paris, sogar noch zu seiner Abstammung, statt sie herzhaft zu verleugnen. Lustiger: »Ich bin Jude und habe das Bewußtsein, es zu sein.« Und außerdem: »Ich bin ein Pole von der Butte Montmartre.«
Er ist Sohn jüdischer Immigranten aus Polen, wurde 1926 in Paris geboren, flüchtete samt Familie mit 14 vor den deutschen Besatzern nach Orleans, wo er dann doch den Judenstern tragen mußte.
Noch im gleichen Lebensjahr trat er zur katholischen Kirche über -- gegen den Willen der Mutter, die 1943 per Transport Nr. 48 nach Auschwitz geschickt und dort umgebracht wurde. Vater Lustiger gab erst vor kurzem sein Konfektionsgeschäft in Paris auf.
Der Sohn stieg schnell in der Hierarchie auf: 1954 Priesterweihe, 1959 Anstaltsgeistlicher des katholischen »Centre Richelieu« in Paris, 1969 Pfarrer einer Gemeinde an der Pariser Porte de Saint-Cloud.
Das alles mochte noch hingehen. Dann aber, im November 1979, der große Sprung, der einen in Bonn zum »Überflieger« macht: Der Pfarrer Lustiger, Jude, Pole und Konvertit, wurde Bischof von Orleans.
Nun leistete sich Frankreich mit seiner Kirche, die sich stolz die »älteste Tochter der Kirche« nennt, schon die extravagantesten Seitensprünge -meist allerdings keineswegs zur Freude der Mutter Kirche oder in Einklang mit ihr, sondern zu deren tiefstem Kummer.
Von 1309 bis 1376 etwa hielten sich die französischen Könige, später »Allerchristlichste und Katholische Majestäten«, die Päpste aus Rom gewaltsam S.130 im heimischen Avignon. Im 17. und 18. Jahrhundert verschaffte sich die französische Kirche durch »gallikanische Freiheiten« viel Unabhängigkeit von Rom. Napoleon lud den Papst Pius VII. zur Kaisersalbung nach Paris, ließ ihn nur gegen Unterzeichnung seines Rücktritts wieder laufen und machte dem Kirchenstaat den Garaus. Frankreichs Dritte Republik vollzog, was deutsche Staaten nie wagten: die »Trennung« von Staat und Kirche, die in Frankreich seither ein Verein privaten Rechts ist.
Das hindert nicht, daß dort -- wie in Deutschland, wo die Kirche als Körperschaft öffentlichen Rechts einträgliche Privilegien genießt -- die Regierung konsultiert wird und binnen 14 Tagen Einwendungen erheben kann, bevor der Papst einen Bischof ernennt, nach einem komplizierten Vorschlagsverfahren der französischen Bischöfe.
Im Fall Paris fiel die Wahl offenbar schwer: Der bisherige Erzbischof, Kardinal Francois Marty, hatte schon im Dezember 1978 den Heiligen Stuhl wissen lassen, er wolle wegen Erreichung der Altersgrenze nicht über den Juni 1980 hinaus Dienst tun. Aber Rom rührte sich nicht.
Denn in Frankreichs Kirche wogt, viel stärker als in der deutschen, der Konflikt zwischen konservativen »Integristen«, vertreten durch den Erzbischof Lefebvre, dessen Anhänger 1977 in Paris wochenlang die Kirche Saint-Nicolas-du-Chardonnet im Quartier Latin besetzt hielten, und jungen linken, dem Marxismus nahestehenden Priestern.
In diesem Streit blieb der getaufte Jude Lustiger streng neutral, in einer Mitte, die äußeren Modernismus mit reichlich doktrinärer Prinzipientreue in Einklang zu bringen meint -- so wie es der Pole Wojtyla in Rom versucht.
In Orleans bekam Bischof Lustiger den Zorn der Integristen dennoch in einer Weise zu spüren, die Erinnerungen an die Judenverfolgungen christlicher Eiferer früherer Zeiten aufkommen ließ. »Raus mit dem Juden!«, schrie eine Schar aggressiver rechter Ultras beim Firm-Gottesdienst dem Bischof ins Gesicht. Der firmte ungerührt weiter.
Der günstigen Konstellation in der französischen Kirche verdankte Lustiger seine Berufung an die Kathedrale Notre-Dame de Paris -- geschickte Anpassung und gefälliges Wesen, kombiniert mit hoher Intelligenz, bekommen der Karriere in Kanzler-Kabinetten wie in der Wojtyla-Kirche.
Der Erzbischof von Paris hat zwar in der französischen Kirche nicht die überragende Stellung, die der Erzbischof von Warschau in der polnischen hat, einen Primas von Frankreich gibt es nicht; der Erzbischöfliche Stuhl wurde erst 1622 aus dem kleinen Sens südöstlich von Paris in die Hauptstadt übertragen. S.131
Doch im zentralistischen, hauptstadtsüchtigen Frankreich ist der Erzbischof von Paris von Ansehen her der erste Kirchenfürst, seine Erzdiözese die größte Frankreichs, ihr unterstehen acht Bistümer mit einem Viertel aller französischen Gläubigen.
Kardinal wird der Pariser Metropolit beinahe automatisch, Lustiger, der nur 15 Monate Bischof von Orleans war, mit Sicherheit bei der nächsten Kardinalspromotion -- französischer Stolz läßt anderes nicht zu.
Allerdings hat es der Pariser Erzbischof auch mit einer besonders schwierigen Lage an der Glaubensfront zu tun: Nur 50 Prozent der Neugeborenen der Erzdiözese werden getauft, im Landesdurchschnitt 80 Prozent.
Bei den französischen Juden ist der abgefallene Glaubensbruder wohlgelitten: Als Rechtsradikale voriges Jahr einen Bombenanschlag gegen die Synagoge in der Pariser Rue Copernic verübten, fand der Bischof im linken »Nouvel Observateur« mutige Worte für die Juden: »Die Haltung der Christen gegenüber den Juden enthüllt die Haltung der Christen gegenüber Christus ebenso wie gegenüber dem Heidentum, das sie in sich selbst tragen.« Und: »Wenn das jüdische Volk angegriffen wird, wird Christus verletzt.«
Einem Wunsch, den Priester Lustiger früher einmal äußerte, seinen Lebensabend S.133 im Heiligen Land zu verbringen, stände eigentlich auch nichts entgegen: Die Theokratie Israel verbietet die Einreise eines getauften Juden nicht -- auch nicht, wenn er Bischof wurde.