»Ich habe ein kleines Problem« - DER SPIEGEL
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»Ich habe ein kleines Problem«

Eine Stunde lang glaubte Mailand, der 11. September würde sich wiederholen, weil ein Kleinflugzeug in ein Hochhaus raste.
• aus DER SPIEGEL 17/2002
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Alles geschieht, als hätte jemand die Rewind-Taste gedrückt. Wieder dieses langsam sich nähernde Motorengeräusch, viel zu dicht und viel zu laut. Das letzte Aufheulen des Motors, dann der Knall, die herunterregnenden Papiere, der Staub, die plötzliche Stille, in die sich die Sirenen bohren.

Am Donnerstagabend starren die Mailänder auf das Pirelli-Hochhaus, an dem sie jeden Tag vorbeilaufen, und haben das Gefühl, zur Wiederholung von etwas Furchtbarem verurteilt zu sein. Plötzlich ist die Erinnerung deckungsgleich mit dem, was vor ihren Augen passiert. Feuerwehrleute rennen in das Gebäude hinein, aus dem die Angestellten bereits heraushasten. Manche bluten, alle sind verstört und verrenken die Köpfe nach oben. Steht der Turm noch? Müsste er nicht jeden Moment zusammenstürzen?

Ein Hubschrauber kreist um das rauchende Gebäude. Augenzeugen klammern sich aneinander, andere tippen auf ihre Telefonini, um ihre Angehörigen zu beruhigen, aber das Handy-Netz ist längst zusammengebrochen.

Es sind die gleichen Bilder. Die Straße bedeckt mit Glassplittern, Glaswolle und den verbogenen Alublechen der Hochhausverkleidung. Und die Kraft der Bilder ist so groß, dass sie noch die Wahrnehmung beeinflusst. Ein Zeuge berichtet, er habe noch eine zweite Maschine gesehen, über der Stadt.

Im Fernsehen spricht ein Architekt über die Statik von Stahlbetonkonstruktionen. Nein, das Haus könne nicht einstürzen wie die Twin Towers.

Mailand ist die amerikanischste Stadt Italiens, und das 1960 fertig gestellte Pirelli-Haus war das weithin sichtbare Zeichen, dass hier im Norden ein anderes Italien zu finden ist: modern, sachlich, effizient. »Il Pirellone« sagten die Mailänder zu ihrem 127 Meter hohen Wolkenkratzer, den kein Bürogebäude in Italien überragt. Er sah aus wie das MetLife Building in Manhattan.

Nach einer Stunde erklärt Innenminister Claudio Scajola, es handele sich nicht um ein Attentat, sondern um »einen tragischen Unfall«. Die Leute halten sich Radios an die Ohren. Mit jeder neuen Information löst sich der Bann der September-Bilder. Mit jeder Nachricht beginnt sich ein neues Bild zu zeigen.

Luigi Fasulo, ein 67-jähriger Geschäftsmann aus dem Tessin, startet seine einmotorige »Rockwell Commander« um 17.15 Uhr in Locarno. Eine Viertelstunde später erreicht er den Mailänder Flughafen Linate und erbittet Landeerlaubnis. Entgegen ersten Meldungen verzeichnet der Kontrollturm keinen SOS-Ruf. Der Fluglotse: »Geben Sie Acht, Sie sind dabei, die Landebahn quer anzufliegen.« Fasulo: »Ich habe ein kleines Problem mit dem Fahrwerk.« Lotse: »Empfangen, kreisen Sie um die Ata« - die für Privatflugzeuge vorgesehene Zone des Flughafens.

Wenig später meldet der Pilot, er sei dabei, das Fahrwerkproblem zu lösen, und erhält Landeerlaubnis. Doch Fasulo dreht noch einige Runden und nimmt ohne jede Erklärung Kurs nach Westen, Richtung Innenstadt.

Das Flugzeug kommt den Corso Buenos Aires entlang, viel zu tief, macht einen leichten Bogen vor dem Zentralbahnhof, als wolle es Mussolinis grandiosen Bau verschonen - und verschwindet wie ein Geschoss in dem Symbol des neuen Italien.

Die obersten drei Stockwerke des Pirelli-Gebäudes sind seit Tagen leer geräumt, wegen Asbestarbeiten. Im 31. Stock hat der Präsident der Region Lombardei sein Büro. An diesem Tag ist er mit seinem Stab in Bombay.

Doch eine Juristin in der 26. Etage, wo die Maschine einschlägt, wird von der Druckwelle aus dem Fenster geschleudert. Eine zweite Angestellte, bereits auf dem Heimweg, wird von einem Flugzeugteil erschlagen. 30 Menschen werden verletzt, die meisten durch Glassplitter.

Der Flugzeugmotor schlug auf einem Vordach auf, zusammen mit dem Körper des Piloten.

Erlitt Luigi Fasulo einen Herzinfarkt, verlor er das Bewusstsein durch Rauch im Cockpit? Die Maschine flog jedenfalls zielgenau in das höchste Gebäude der Stadt. Die Söhne Fasulos schließen ein Versehen aus. »Ich bin sicher, er hat sich umgebracht«, erklärt Marco Fasulo, ein Berufspilot. Bekannte sprechen von erheblichen finanziellen Schwierigkeiten, in die Luigi Fasulo geraten sein soll. Ein Selbstmord, doch kein Attentat. Ein Selbstmörder, der unter dem Zwang stand, die Bilder vom 11. September zu wiederholen?

Schon kurz nach Mitternacht kommen die Besenwagen der Mailänder Stadtreinigung und beginnen sich durch den Teppich von Splittern und Akten zu schieben. Am nächsten Morgen sitzen die Leute am Rande der Piazza Duca d'Aosta, hoch über sich das lädierte Antlitz ihres »Pirellone«, und lesen in den Zeitungen, aus welchem Alptraum sie gerade erwacht sind. Auf der Via Fabio Filzi liegt noch ein Teil des Hecks.

Direkt neben dem Hochhaus steht ein unscheinbares Gebäude. Es ist völlig unversehrt und trägt eine Neon-Inschrift: »New York Hotel«.

ALEXANDER SMOLTCZYK

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