»Ich oder der«
PROLOG: SEMMELN MIT HONIG
Wolfratshausen, 11. Januar 2002. Angela Merkel trägt einen schwarzen Hosenanzug. Sie steht vor einer Doppelhaushälfte in Wolfratshausen, es ist acht Uhr an diesem Freitagmorgen. Edmund Stoiber öffnet ihr die Tür. Er traut ihr nicht.
Sie hatte gestern gesagt, dass sie mit ihm reden müsse. Er weiß nicht, was sie will. Verzichten? Kämpfen?
Fünf Tage vorher stand in einer Zeitung, dass Angela Merkel kämpfen wolle. Die Vorsitzende der CDU hatte gesagt, sie sei bereit, Kanzlerkandidatin der Union zu werden. Es gab nur zwei Möglichkeiten: sie oder er.
Er hatte sich nicht festgelegt. Manchmal sagte er, dass er lieber in Bayern bleiben würde. Dass es ihn nicht nach Berlin dränge. Aber sie traute ihm nicht.
Drinnen ist für das Frühstück gedeckt. Semmeln, Honig, Marmelade, Wurst, Käse, Orangensaft.
Angela Merkel geht um kurz nach neun. Das Frühstück hat eine Stunde gedauert. Sie hat verzichtet.
Er ist jetzt Kanzlerkandidat.
Das Meinungsforschungsinstitut Forsa startet eine Umfrage. Die Union gewinnt vier Punkte, sie hat jetzt 41 Prozent. Die SPD verliert zwei Punkte und kommt auf 36 Prozent. Zum ersten Mal seit zwei Jahren, seit dem Parteispendenskandal um Helmut Kohl, liegen CDU/CSU wieder deutlich vor der SPD.
Es sind noch 254 Tage bis zur Wahl.
1. KAPITEL: THEATER, THEATER
Berlin, 14. Januar 2002. Aus einem internen Papier der SPD-Wahlkampfzentrale »Kampa« über den Kanzlerkandidaten Edmund Stoiber: »Im direkten Vergleich mit Gerhard Schröder ist Stoiber bisher blass geblieben. (...) ''Berlin macht ihm Angst'', so ist aus der CSU-Landesgruppe zu hören. Stoiber flüchte nach seinen verkrampften Auftritten so schnell wie möglich zurück nach München (...) Stoiber mobilisiert seine Anhänger durch Polarisierung. (...) Um die CSU und ihre Stammwähler zu mobilisieren, verfällt er wie ein ''Alpen-Apparatschik'' in eine Bierzelt-Rhetorik, die radikal, unbesonnen und spaltend ist.«
Matthias Machnig, 42, ist Chef der Kampa. Er denkt wie ein Werbestratege und sieht auch so aus. Er kämmt seine Haare mit den Händen hinter die Ohren und raucht Gauloises.
Er glaubt daran, dass öffentliche Meinung planbar ist. Dass Politik erfolgreich ist, wenn die Strategie stimmt, die hinter der Politik steht. Seit Stoiber Kandidat ist, glaubt Machnig, dass die SPD die Wahl gewinnen wird. Weil Stoiber der leichtere Gegner ist als Merkel. Weil Stoiber einfacher zu packen ist, ein Spalter und ein Radikaler.
Gerhard Schröder ist glücklich über diesen Herausforderer, der die Grünen einmal »die schlimmste Bedrohung seit den Nazis« nannte und Willy Brandt einen »psychiatrischen Fall«. In einem SPIEGEL-Gespräch sagt der Bundeskanzler: »Ein Kandidat Stoiber wird die Gesellschaft polarisieren.«
Doch schon in der Nacht nach seiner Nominierung beginnt der Kandidat, die alten Feindbilder zu schleifen. Er kündigt an: »Ich werde bestimmt keinen polarisierenden Wahlkampf führen.«
Berlin, 20. Januar 2002. Edmund Stoiber ist Gast in der Fernsehsendung »Sabine Christiansen«. Zu besichtigen ist ein Mann, der Hilfe braucht.
Einmal sagt er Folgendes: »Das heißt also Absenkung des Nach ..., des, des, des, des, des, na, des, des Alters, des Alters der Kinder, wenn sie, des Nachzugsalters; dann kommt der fünfte Punkt, und der sechste Punkt kommt dann sicherlich die Fragen gleichge ..., äh, nicht gleichgeschle ..., sondern, äh, ob ich auch, äh, äh, Asylgründe schaffe außerhalb der politischen und der rassistischen Verfolgung, also auch Gründe, äh, wenn aus, wenn, wenn andere Gründe sozusagen also aus dem Geschlecht oder Ähnlichem, äh, stattfinden, also wenn Frauen, die irgendwie wegen ihres Frauseins irgendwo verfolgt werden.«
Berlin, 22. Januar 2002. Der Journalist Michael Spreng betreibt in Hamburg ein Büro für Medien- und Kommunikationsberatung. Er ist jetzt 53 Jahre alt. Sein Geschäft läuft nicht besonders gut. Im Oktober 2000 wurde er von seiner Aufgabe als Chefredakteur der »Bild am Sonntag« entbunden.
Man kann nicht sagen, dass Spreng als Journalist ein Parteigänger von Edmund Stoiber gewesen wäre. In einem Kommentar schrieb er einmal, der habe versucht, seinen Parteifreund Theo Waigel »nach bewährter bayerischer Heckenschützenmanier fertig zu machen«.
Für vormittags hat der Kanzlerkandidat der Union eine Pressekonferenz einberufen. Er präsentiert seinen Medienberater für den Wahlkampf. Es ist Michael Spreng.
Nach der Vorstellung sagt Spreng: »Alles, was von Stoiber öffentlich erscheint, muss über meinen Tisch gehen.« Er ist erst ein paar Minuten im Amt, aber er zimmert schon an den ersten Schlagzeilen. Er nennt Stoiber einen »ernsten Mann für ernste Zeiten«. Das merkt sich auch der Leser der »Bild am Sonntag«.
Berlin, 25. Januar 2002. Gerhard Schröder, »Kanzler der Mitte«, »Genosse der Bosse«, empfängt im kleinen Kabinettssaal des Kanzleramts das Bündnis für Arbeit.
Es geht um anstehende Tarifrunden, die IG Metall fordert 6,5 Prozent. Industriepräsident Michael Rogowski meldet sich zu Wort. Er fordert von Schröder, die Gewerkschaften zu bändigen. Aber Schröder braucht die Gewerkschaften, jetzt, ein paar Monate vor der Wahl. Er fühlt sich in die Enge getrieben und wird laut.
»Sie wollen den Bundeskanzler vors Rohr schieben«, brüllt er. »Was erwarten Sie von mir?«
Rogowski: »Ich lass mich von Ihnen nicht abbürsten.«
Schröder: »Doch!«
Ein Teilnehmer sagt anschließend: »Wenn der Rogowski Mumm gehabt hätte, wäre er aufgestanden und rausgegangen.«
Gerhard Schröder ahnt, dass er die Arbeitgeber an die Union verloren hat. Er richtet sich darauf ein, dass die Feindbilder von ehedem gültig sind. Er glaubt, dass ihm ein Wahlkampf in einer mehrheitlich konservativen Gesellschaft bevorsteht. Es wird vor der Wahl keine Sitzung des Bündnisses für Arbeit mehr geben.
Berlin, 25. Januar 2002. Matthias Machnig hat seine Leute noch mal auf die Suche geschickt. Sie sollen nach Stoiber-Zitaten fahnden, mit denen sich der Kandidat selber entlarvt, und werden fündig.
Über das Thema Atomausstieg hatte Edmund Stoiber am 11. Januar gesagt: »Der Atomausstieg ist rückgängig zu machen.« Eine Woche später sagte er: »Wir werden prüfen, was wir zurücknehmen können.« Heute zitiert ihn die »Woche": »Man kann doch nicht alle Entscheidungen rückgängig machen.«
Sie finden lauter solche Sachen. Zur Ökosteuer, zur Ausländerpolitik, zum Osten, zur Familie. Machnig lässt diese Schätze in einem kleinen Faltheft bündeln. Er nennt es »Stoibers Welt«.
Er glaubt, dass dieser Stoiber nur verlieren kann.
Neubrandenburg, 6. Februar 2002. Der Kandidat sieht zum ersten Mal im Osten des Landes nach dem Rechten. Er besucht zwei Betriebe in Mecklenburg-Vorpommern und eine Zeitungsredaktion. Er kommt überall zu spät. Eine halbe Stunde, eine dreiviertel Stunde, eine Stunde. Vor einem Betrieb, der die Insolvenz beantragt hat, warten ein paar junge Menschen. Einer ruft: »Hau ab, du Arschloch!«
In der Werkshalle redet Stoiber zur Belegschaft von einem Holzpodest herab. Er spricht vom geschundenen Mittelstand, von der »Gerechtigkeitslücke« in Deutschland, von der Bevorzugung der Kapitalgesellschaften. Manchmal redet er schon wie Oskar Lafontaine.
Machnigs Strategen haben ein neues Plakat. Es zeigt einen Teller, auf dem ein paar Kreidestücke liegen. Darüber steht: »Edmund, Essen ist fertig«.
Mexiko-Stadt, 11. Februar 2002. »Gerhard Schröder ist eine der führendsten Persönlichkeiten der Sozialdemokratie des 21. Jahrhunderts«, sagt ein Redner im Präsidentenpalais von Mexiko-Stadt. Schröders Augen leuchten. So was kann er brauchen in diesen Tagen.
Der Bundeskanzler reist durch Lateinamerika. Viel Sonne, nur Außenpolitik, es sollte ein bisschen nett werden hier. Aber aus der Heimat kommt Unheil hinter ihm hergeflogen. Ehefrau Doris berichtet per Handy, dass es vor dem neuen Reihenhaus in Hannover Ärger um die Anwohnerparkplätze gibt.
Außerdem: Die neuen Arbeitslosenzahlen sind da. Sie sind im Januar auf 4 289 900 gestiegen - das sind fast 200 000 mehr als vor einem Jahr. Und: Die Bundesanstalt für Arbeit hat ihre Statistik frisiert.
Es muss etwas passieren.
Passau, 13. Februar 2002. Der Bierausschank in der Nibelungenhalle beginnt in diesem Jahr erst eine Stunde vor der Hauptrede. Die Menschen sollen die Fakten aufnehmen.
Edmund Stoiber trägt keinen Trachtenanzug - wie sonst, wenn er beim politischen Aschermittwoch in Passau ist. Er brüllt nicht, er hetzt nicht, er spaltet nicht. Kein böses Wort über Ausländer, nicht mal was Knackiges zum Thema Homo-Ehe.
Der Kandidat spricht jetzt in ganzen Sätzen. Subjekt, Prädikat, Objekt, Pointe. Er sagt: »Ich habe nicht an den Gitterstäben des Kanzleramts gerüttelt. Meine Frau steht nicht um vier in der Früh auf und sagt: Du musst Kanzler werden.«
Unten in der Halle sitzt Michael Spreng. Stoiber redet, Spreng liest mit. Die Pointen sind im Manuskript gefettet. Sie kommen gut. Spreng lächelt still. »Was wir in den ersten Monaten verpassen, lässt sich kaum wieder aufholen«, sagt er.
Der Beraterstab kümmert sich in diesen Tagen sogar um die Saaldekoration, wenn der Kandidat zu Veranstaltungen eingeladen wird. Es gibt jetzt keine blau-weißen Tischdecken mehr und auch keine Weißwürste. Den CDU-Kreisverband Hannover lässt Stoiber wissen: »Ich will nicht immer nur der Bayer sein.«
Berlin, 22. Februar 2002. Der Regierungschef meldet sich zurück. Er ernennt den Genossen Florian Gerster zum neuen Chef der Bundesanstalt für Arbeit. Gerster behauptet von sich gern, er sei ein strammer Reformer.
Außerdem beauftragt Schröder Peter Hartz mit der Leitung einer überparteilichen Kommission. Hartz ist ein alter Bekannter des Kanzlers aus gemeinsamen Tagen beim Wolfsburger VW-Konzern. Er soll Konzepte für den Arbeitsmarkt entwickeln.
Hartz muss bis zum 16. August fertig sein. Dann wären noch fünf Wochen Zeit bis zur Wahl. Er ist noch nicht sehr bekannt in Deutschland. Aber er wird bald berühmt sein.
Berlin, 23. Februar 2002. Matthias Machnig saugt an einer Zigarette. Er sitzt in seinem Büro in Berlin-Mitte, hinter ihm stehen Bücher von amerikanischen Wahlkampfmanagern. In den Büchern geht es um Bill Clinton. In Berlin-Mitte geht es um Gerhard Schröder. Machnig hat Ratschläge von Politikberatern bekommen, die nicht bei der SPD angestellt sind. Sie haben gesagt, er solle den Versuch abbrechen, Stoiber in die rechte Ecke zu drängen.
In einer Umfrage von Infratest dimap hat Schröder im direkten Vergleich mit Stoiber fünf Punkte verloren. Aber er führt noch.
Berlin, 24. Februar 2002. In der Pressemappe des Kanzleramts finden sich auffällig viele Ausschnitte von Tageszeitungen aus Nordrhein-Westfalen. »Kölner Stadt-Anzeiger«, »Express«, »WAZ«, alles voll mit Müll. Die Staatsanwaltschaft hat eine Abfallfirma im Rheinland durchsucht. Es geht um Bestechung und Schmiergelder beim Bau einer Kölner Müllverbrennungsanlage. In Köln regiert die SPD.
Köln, 4. März 2002. Zwei Sozialdemokraten aus Köln, ein dicker Psychiater und ein schmaler Mathematiklehrer, drängen in der nationalen Nachrichtenlage nach vorn. Sie haben getürkte Spendenquittungen unter die Genossen verteilt, die Papiere waren so wertvoll wie Bargeld. Jetzt sind auch die überregionalen Zeitungen mit dem Thema beschäftigt.
Berlin, 9. März 2002. Die Affäre ist in Berlin angekommen. Gerhard Schröder muss jetzt etwas dazu sagen. Nur: was? »Die Kölner Geschichte ist eine auf Köln begrenzte Angelegenheit«, sagt er.
In Wahrheit spielt diese Affäre mitten im Herzen der SPD. Sie zeigt: Genossen können genauso korrupt sein wie Christdemokraten. Ausgerechnet in Nordrhein-Westfalen hat sich das erwiesen, wo Schröders Stammwählerschaft zu Hause ist. Bei der Wahl 1998 lag er hier um 6 Prozent über dem Bundesdurchschnitt. 22 Prozent des Wahlvolks leben im Westen. Hier wird die Wahl gewonnen - oder verloren. Eine Blitzumfrage ergibt: 61 Prozent der Deutschen sehen Schröders Chancen auf eine Wiederwahl durch diese Affäre sinken.
Frankfurt am Main, 21. März 2002. Normalerweise interessiert sich das Kanzleramt für die Einzelheiten aus der Bauindustrie eher nicht. Heute ist das anders. Der Baukonzern Philipp Holzmann beantragt Insolvenz beim Amtsgericht Frankfurt. Gerhard Schröder nimmt es von Berlin aus zur Kenntnis.
Zweieinhalb Jahre zuvor, als die Regierung so gut wie erledigt war, rettete Schröder den Konzern mit einer staatlichen Bürgschaft. Die Arbeiter standen vor der Zentrale, sie trugen Helme und riefen: »Gerhard, Gerhard.« Danach wurden die Umfragen besser. Vielleicht hat Holzmann damals den Kanzler gerettet.
Jetzt trifft ihn die Häme mit voller Wucht. »Auf dem Holzmann-Weg«, schreibt die »Welt«.
Auch Edmund Stoiber meldet sich zu Wort. Man dürfe eben Wirtschaftspolitik nicht mit spontanen Eingriffen verwechseln, sagt er. »Jetzt fällt das dem Kanzler auf die Füße.«
Berlin, 22. März 2002. Am Ende dieses Tages wird es in den Nachrichten heißen, es sei »ein denkwürdiger Tag in der deutschen Demokratie« gewesen.
Der Bundesrat muss über das Zuwanderungsgesetz abstimmen. Schröder braucht dieses Gesetz, Stoiber will es verhindern. Es geht um die Stimme der Großen Koalition in Brandenburg. Innenminister Schönbohm (CDU) votiert mit Nein, Ministerpräsident Stolpe (SPD) mit Ja. Bundesratspräsident Wowereit (SPD) wertet die Abstimmung mit Ja. Schröder hat gewonnen.
Hessens Ministerpräsident Koch (CDU) schlägt mit der Hand auf den Tisch und brüllt. Einmal grinst er dabei ein bisschen. Stoiber redet von »Verfassungsbruch«. Er verlangt vom Bundespräsidenten, dieses Gesetz nicht zu unterschreiben.
Nach zwei Tagen kommt die Rettung für die SPD, und zwar ausgerechnet von einem Kollegen der Union. Saarlands Ministerpräsident Müller erzählt, dass die Tumulte inszeniert waren. Er nennt es »legitimes Theater«.
Der Bundespräsident sitzt in seinem Garten vor Schloss Bellevue und reimt in einer privaten Runde: »Wenn du denkst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Müller her.«
Hannover, 24. März 2002. Es ist Wochenende, die Kampa hat geschlossen. Im Schreibtisch von Matthias Machnig liegen die letzten Umfragen, sie sind nicht gut, bei ihrem Hausinstitut Forsa hat die SPD 2 Prozentpunkte verloren, sie liegt jetzt bei 33 Prozent. Machnig glaubt noch, dass sich Stoiber bald entzaubern wird.
Gerhard Schröder ist in Hannover. Machnig. Kampa. Werbestrategen. Der Bundeskanzler hat dieser fixen Truppe noch nie getraut, genauso wenig wie den Funktionären der eigenen Partei.
Am Sonntagabend trifft er sich im Restaurant »Wichmann« mit den Chefs der großen Gewerkschaften. Sie vertreten acht Millionen Arbeitnehmer. Es geht um acht Millionen Stimmen.
Die Runde verständigt sich auf eine gemeinsame Linie für den Wahlkampf: Die SPD kündigt in ihrem Programm keine harten Sozialeinschnitte an. Die Gewerkschaften lassen die Regierung in Ruhe.
Der Bundeskanzler kehrt zu seinen Stammwählern zurück.
New York, 10. April 2002. Edmund Stoiber atmet die Luft der Weltpolitik. Der Kandidat ist auf Antrittsbesuch in den USA. Am Ground Zero sagt er: »Es ist schon ein erschütternder Moment, wenn man hier, sozusagen mit eigenen Augen, das World Trade Center vermisst.« Dann reist er weiter ins Weiße Haus nach Washington. Stoiber redet 30 Minuten mit Präsident Bush. Sein Sprecher erzählt, es habe eine Stunde gedauert.
Hinterher steht Stoiber vor dem Weißen Haus. Er ist jetzt stolz auf sich, auch inhaltlich: »Ich habe deutlich gemacht, dass natürlich Bayern in ganz besonderer Weise ein Partner Amerikas immer gewesen ist, auch in außerordentlich schwierigen Zeiten, und ich habe den Eindruck gewonnen, dass dies dem Präsidenten sehr bewusst ist.«
Berlin, 10. April 2002. Ein Genosse, dem Schröder seit vielen Jahren vertraut, hat beobachtet, dass es einsam wird um den Bundeskanzler. »Weil er keine richtigen Berater hat, macht er alles allein. Jetzt macht sich die Erschöpfung im Amt bemerkbar.«
Seit Monaten regiert Gerhard Schröder im Wesentlichen mit drei Gehilfen. Mit Doris, der Ehefrau, mit Sigrid Krampitz, seiner Büroleiterin, und Frank-Walter Steinmeier, dem Kanzleramtschef. Sein wichtigster Helfer der letzten Wahl, Bodo Hombach, ist weg, sein Sozius an der Parteispitze, Oskar Lafontaine, geflüchtet. Seine Mannschaft: viel Mittelmaß und ein Scharping.
Berlin, 16. April 2002. Vor engen Mitarbeitern im Kanzleramt sagt Schröder: »Wenn die Umfragen zwei Wochen vor der Wahl noch immer so aussehen wie jetzt,
dann öffne ich eine Flasche Rotwein und lege mich zurück.«
Magdeburg, 18. April 2002. Es sind noch drei Tage bis zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. Auf dem Domplatz von Magdeburg redet sich Edmund Stoiber in die Herzen der Menschen: »Was hier im Osten geleistet wird, das wissen die Menschen im Westen Deutschlands viel zu wenig.« Der Kanzlerkandidat spricht wie ein Landesvater.
Er kommt bloß immer noch zu spät. Diesmal muss sogar die Parteichefin eine halbe Stunde warten. Nach der Veranstaltung steht Angela Merkel mit dem Kandidaten in einer Ecke und zischelt: »Was denken Sie sich dabei?«
München, 19. April 2002. Die Umfragen für Sachsen-Anhalt sind phänomenal. 34 Prozent CDU, 24 Prozent SPD. Der bayerische Ministerpräsident sitzt hinter seinem Schreibtisch in der Staatskanzlei und redigiert ein Interview, das er der Tageszeitung »Die Welt« gegeben hat. Stoiber hat Besuch, er federt durch sein Büro, »hier, lesen Sie mal, wie finden Sie das?« Er selber findet sich großartig.
Magdeburg, 21. April 2002. Es ist 16.30 Uhr an diesem Sonntagnachmittag, zwei Stunden vor der ersten offiziellen Hochrechnung, als Edmund Stoiber in München vorab erfährt, was da oben im Osten passiert ist. Er ruft Angela Merkel an und sagt: »Das ist ein großer Tag des Aufbruchs.« Sie suchen nach einer gemeinsamen Formel, die sie nachher ins Land hinausflöten werden: »Ein klares Signal für Berlin.«
Die CDU hat in Sachsen-Anhalt 37,3 Prozent bekommen. Die SPD stürzt auf 20 Prozent, 15,9 Prozent weniger als vor vier Jahren. Der bisherige SPD-Ministerpräsident Reinhard Höppner, ein Mann mit gebeugtem Gang, sagt, die unerfüllten wirtschaftlichen Versprechungen der Bundesregierung seien die Ursache für diese Niederlage. Er hätte Gerhard Schröder auch gleich zwischen die Beine treten können.
Vielleicht ist dieser Sonntag der Tag, an dem Stoiber zum ersten Mal daran glaubt, dass er gewinnen kann. Michael Spreng sagt später: »Sachsen-Anhalt ist die Schanze, von der er abhebt.«
Einer von Stoibers vielen Sprechern wird sich einmal so an diesen Tag erinnern: »Sachsen-Anhalt war die Geburtsstunde. Da war der Kopf durch.«
Es sind noch 154 Tage bis zur Wahl.
2. KAPITEL: MANN GEGEN MANN
Berlin, 22. April 2002. Noch hat Gerhard Schröder nicht verloren. Aber - und das ist das Neue seit dem Wochenende - er könnte verlieren. Sein rot-grünes Bündnis wäre eine Fußnote der deutschen Nachkriegsgeschichte.
Schröder sitzt in seinem Büro im fünften Stock des Willy-Brandt-Hauses. Er kommt von einer Präsidiumssitzung, bei der es auch um den Undank des ostdeutschen Wählers gegangen ist. Der Fraktionschef Struck hat da geklagt: »Wir haben denen doch extra eine Autobahn versprochen.«
Jetzt läuft unten im Foyer eine Pressekonferenz. Schröder will nicht hin.
Er hat Franz Müntefering geschickt, den Sprechautomaten der SPD. Der Generalsekretär sagt: »Jetzt wird der Helm fester geschnallt.« Seine Botschaft ist: Wir haben eine Wahl verloren, aber wir haben den besseren Kanzler. Er redet heute viel über ein geplantes Fernsehduell kurz vor der Wahl, Schröder gegen Stoiber live, Mann gegen Mann, so wie in Amerika. Der Kanzler sei bereit dazu, »stehend, sitzend oder liegend«. Müntefering trommelt.
Schröder zweifelt. Forsa hat für die SPD auf die Schnelle eine interne Analyse der Sachsen-Anhalt-Wahl gemacht, und darin steht: Gerhard Schröders Magie verliert an Kraft. Auch der Kanzler hätte die Landtagswahl verloren. Nur noch knapp 70 Prozent der Wähler vom September 1998 bekennen sich zum Regierungschef. Stoibers Nominierung hat das konservative Milieu in Deutschland gestärkt.
Gerhard Schröder schießt aus der Hüfte. Er sagt: »Ich oder der.«
Ich oder der. Das ist eigentlich die letzte Kugel, die er abschießen wollte, drei, vier Wochen vor der Wahl vielleicht. So hatte das auch die Kampa geplant.
Möglicherweise hat der Bundeskanzler zu früh gezogen, das weiß er selber. Aber er sieht keinen anderen Weg mehr. Auf die Partei kann er sich sowieso nicht verlassen. Noch Monate später sagt er zu Vertrauten: »Was hätte ich anders machen sollen?«
Es gibt einen Satz von ihm, der heißt: »Wir sind ja alle Umfrage-Junkies.« Die ersten Umfragen, in denen das Ergebnis von Sachsen-Anhalt berücksichtigt ist, alarmieren ihn. Allensbach, das der CDU/CSU nahe stehende Institut, sieht die Union bei 38 Prozent, die SPD bei 33 Prozent. Forsa, das der SPD zugeneigte Institut, meldet: Union 41 Prozent, SPD 32 Prozent. Seit Edmund Stoiber im Januar Kanzlerkandidat wurde, hat die Union immer nur gewonnen, die SPD im Schnitt 3 Prozent verloren.
Es sind noch 153 Tage bis zur Wahl.
3. KAPITEL: KANINCHEN
Berlin, 23. April 2002. Die Konjunkturexperten legen ihre neuen Prognosen vor. Sie sind noch einmal schlechter geworden. Im Wahljahr, sagen die Ökonomen voraus, wird die Wirtschaft kaum wachsen. Dafür bleiben die Arbeitslosenzahlen über der Katastrophengrenze von vier Millionen.
Immer näher rückt sein eigener Satz an Gerhard Schröder heran: »Wenn wir es nicht schaffen, die Arbeitslosenquote signifikant zu senken, dann haben wir es weder verdient, wiedergewählt zu werden, noch werden wir wiedergewählt.«
Berlin, 24. April 2002. Die SPD stellt ihr Wahlprogramm vor. Darin steht: »Gerhard Schröder zeigt, dass er das Leben mag.«
Edmund Stoiber hat seinen Spaß an solchen Sachen. Ein Kanzler, der so tue, als ginge es nicht um Inhalte, sondern um zwei Personen, »der tut mir fast ein bisschen Leid«, sagt er.
Es läuft, glaubt er. Aber in seiner Umgebung gibt es Leute, die nicht vergessen haben, wie es mit Franz Josef Strauß endete. »Wenn ich mir angucke, was alles bis zum 22. September noch passieren muss, dann ist die Zeit viel zu kurz. Wenn ich mir ausmale, was alles passieren kann, dann ist sie viel zu lang«, sagt einer aus der Staatskanzlei.
Berlin, 25. April 2002. Am Abend feiert Sabine Christiansen im Restaurant »Borchardt« ein Fest. Die versammelte Berliner Politikprominenz ist gekommen, der Bundeskanzler fehlt. Seinen zweiten Regierungssprecher Bela Anda überkommt später ein ungutes Gefühl; die Journalisten hätten sich vom Bundeskanzler abgewendet, glaubt er. Ein Regierungsberater verzweifelt an Edmund Stoiber: »Der fährt in unserem Windschatten und wartet darauf, dass bei uns ein Reifen platzt.«
Selbst Matthias Machnig hat etwas Schwung verloren: »Bisher war es schwer, den Pudding an die Wand zu nageln.« Aber er kriegt ihn noch, meint er. Mit seiner Kampa. »Das ist eine geschmierte Maschinerie.«
Berlin, 29. April 2002. In einem SPIEGEL-Gespräch stellt der Herausforderer sein Wahlprogramm vor. Die Formel für ein besseres Deutschland lautet: »3 mal 40.« Er will den Spitzensteuersatz, die Staatsquote und die Lohnnebenkosten auf unter 40 Prozent drücken. Das würde so etwas wie eine Revolution bedeuten. Er sagt aber nicht, wann sie ausbrechen soll; er hofft nur, dass »die Konjunktur mitspielt«.
Der Edmund Stoiber, den es vor der Kanzlerkandidatur einmal gab, hat sich vollständig verflüchtigt. »Ich bin der Mann der Mitte«, sagt er.
Ganz hinten in einer Ecke des Zimmers sitzt Michael Spreng. Er guckt wie früher der Fußballtrainer Udo Lattek auf der Trainerbank. Spreng ist zufrieden mit dem Spiel.
Hannover, Anfang Mai 2002. Schröder trifft Bodo Hombach und nervt anschließend seine Mitarbeiter mit den neu gewonnenen Erkenntnissen. Denn die Crew im Kanzleramt wollte mit einer stolzen Regierungsbilanz den Wahlkampf bestreiten, wovon Hombach abriet. Der Kanzler solle den Leuten ehrlich gegenübertreten, so berichtet Schröder von dem Treffen: »Es war nicht leicht in diesen vier Jahren, wir haben nicht alles erreicht, was wir erreichen wollten. Wir brauchen eine Verlängerung der Spielzeit - vier Jahre sind nicht genug.« Die Schröder-Truppe grummelt, Monate später wird der Hombach-Rat zur Grundlage der Kanzlerreden.
Berlin, 6. Mai 2002. Während der Präsidiumssitzung der SPD mault der Niedersachse Sigmar Gabriel über die schlechten Umfragewerte. Die SPD liege bei 32 Prozent, sagt er. »31«, raunt Schröder. Gabriel fragt: »Gibt es nicht noch ein Kaninchen, das wir aus dem Hut zaubern können?« Ministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul antwortet ihm: »Wir brauchen nicht eins, wir brauchen drei.« Am nächsten Tag teilt Franz Müntefering in einem Hintergrundgespräch mit: »Es gibt kein Kaninchen.«
Kabul, 9. Mai 2002. Der Kanzler fliegt nach Afghanistan. Er versorgt die Menschen mit dem Nötigsten: Begleitet von Franz Beckenbauer, zieht Gerhard Schröder durch die staubigen Straßen der kaputten Stadt und verteilt Fußbälle an Schulkinder. Natürlich ist er auch gekommen, um die Arbeit der deutschen Soldaten zu besichtigen. Er steht in einem Zelt der Bundeswehr und sagt: »Mein Eindruck ist, dass man angesichts der klasse Arbeit, die gemacht worden ist, nicht einfach sagen kann: Das war es.«
Es geht dabei um die Bundeswehr. Aber es klingt, als habe Schröder sich und seine Regierung gemeint.
Auf dem Rückflug berichtet ein Journalist von Franz Müntefering und dem Kaninchen. Er möchte wissen, was der Kanzler dazu sagt. Schröder steht auf und geht.
Es ist für ihn der emotionale Tiefpunkt eines Wahlkampfes, in dem immer nur der Gegner die Punkte machte. Er selber fühlt sich umgeben von Parteiidioten, die ihn allein lassen, von einer Kampa, die alles falsch macht, und von Journalisten, die ihn nicht mehr lieben.
Es ist die Zeit, in der Gerhard Schröder selbst für Joschka Fischer nicht mehr erreichbar ist. Manchmal ruft der Außenminister Vertraute an: »Wisst ihr, was mit dem los ist? Ich verstehe ihn nicht mehr.«
Berlin, 13. Mai 2002. Edmund Stoiber holt seinen besten Mann hervor: Lothar Späth zieht in das Kompetenzteam als Mann für Wirtschaft, Arbeit und Aufbau Ost ein. Dass der Baden-Württemberger Späth sein erstes politisches Leben mit einer handfesten Affäre beendete - vergessen. Er gilt heute als Wirtschaftsweiser, weil er den Jenoptik-Konzern saniert hat. Außerdem hat er im Osten gelebt, er kennt sich aus in dieser fremden Welt. Er ist Stoibers Schmiermittel zwischen West und Ost.
Sogar Franz Müntefering ist beeindruckt: »Das war kein schlechter Schachzug, das kann man nicht bestreiten.«
London, 16. Mai 2002. Der Kandidat stellt sich in London vor. Bei einem Mittagessen mit Tory-Politikern und deutschen Wirtschaftsvertretern wird Stoiber gebeten, eine kurze Begrüßungsansprache zu halten. Er redet fast eine Stunde. Er ist in Hochstimmung. Die Gäste warten auf den Hauptgang. »He obviously likes to talk«, flüstert ein Tory-Schattenminister.
Wenn nur diese Umfragen mit den Sympathiewerten nicht wären. Sie nerven den Mann aus Bayern. Schröder führt immer noch, mit 50:37.
Günzburg, 17. Mai 2002. Er kommt aus der Luft mit dem Helikopter, unten wartet seine blonde Tochter Constanze mit den Enkeln Benedict, zehn Monate, und Johannes, zweieinhalb Jahre.
Die Journalisten sind auch schon da. Edmund Stoiber besucht das Legoland.
Er besteigt mit dem kleinen Johannes eine Bimmelbahn. Das Kind schaut aus dem Fenster. Der Großvater sagt: »Ja, schau, Johannes, jetzt musst du winken. Grad wenn du die Journalisten siehst, musst du winken.«
Berlin, 28. Mai 2002. Franz Müntefering ist jetzt klar: So geht es nicht weiter. »Bis Ende Juni darf der Abstand nicht mehr als vier Punkte betragen«, sagt er. »Online-Campaigning«, »Unterstützergruppen«, »Junge Teams für Schröder« - der ganze Schnickschnack aus Machnigs Wahlkampfzentrale reicht nicht mehr. »Die Leute wollen uns schwitzen sehen.«
Ein enger Berater von Finanzminister Hans Eichel sagt: »Wir haben zwar kein Kaninchen, aber wir könnten eins schlachten.« Welches? »Machnig.« Es weiß nur keiner, wie man den jetzt noch ohne Schaden entfernen kann.
Berlin, 29. Mai 2002. Der Deutsche Gewerkschaftsbund hat mittlerweile einen neuen Vorsitzenden. Michael Sommer führt sich vier Tage vor dem SPD-Parteitag nachhaltig ein. Auf der Dachterrasse des Berliner Kongresszentrums verrät er CDU-nahen Gewerkschaftern: »Ich glaube persönlich nicht daran, dass es für Rot-Grün reicht.«
Berlin, 2. Juni 2002. Im großen Saal des Berliner Hotels »Estrel« warten hoffnungsvolle Genossen auf die Rede ihres Kanzlers auf dem Wahlparteitag. Es muss eine gute Rede werden. Sie ist vielleicht die letzte Chance, diese Partei noch einmal zu mobilisieren. Es geht heute nicht um »ich oder der«. Es geht um »wir«.
Bevor Gerhard Schröder ans Rednerpult geht, zieht er sein Jackett aus. Es geht darum, zu kämpfen. Er drischt auf »die anderen« ein, »die Amateure von der CDU und FDP«, und redet viel von Willy Brandt. Am Ende sagt Schröder: »Geht zu den Menschen und sagt ihnen, selbstbewusst und frei heraus: Der Mut wächst.« Es ist auch eine Antwort auf Oskar Lafontaine, der ein neues Buch geschrieben hat ("Die Wut wächst").
Als Schröder fertig ist, guckt sein Redenschreiber Reinhard Hesse auf die Uhr. Er stoppt die Zeit. Neuneinhalb Minuten Applaus. »Gut«, sagt Hesse.
Berlin, 3. Juni 2002. Gerhard Schröder steht auf der Terrasse im achten Stock des Kanzleramts und redet sich Mut zu. Er sagt: »Wir haben jetzt fünf Punkte Abstand. Das ist innerhalb der Fehlertoleranz. Ich musste ein Signal geben, das Optimismus verbreitet. Wir haben ja nur auf die Fresse gekriegt.«
Im direkten Vergleich mit Stoiber führt er nach wie vor. Er klammert sich an diese Werte. »Stoiber ist bruchlos, der will in das Amt befördert werden«, sagt er. »Ich habe drei Scheidungen hinter mir und der eben nicht. Die Alltagserfahrungen der Leute ähneln diesen Brüchen. Ganz tief unten in sich sagen sich die Leute: ''Der passt zu einer normalen Gesellschaft besser''. Wir haben keine Stimmung, die heißt: Der soll weg.«
Nur: Das reicht nicht. Die Partei steckt weiter im Loch. Sie hängt bei 35 Prozent, 6 Prozent weniger als bei der Wahl 98. Es fehlen also 2,9 Millionen Stimmen.
Berlin, 8. Juni 2002. Im Kanzleramt sitzen die Spitzen der Koalition zu Rate. Schröder, Struck, Steinmeier für die SPD, Fischer, Schlauch, Müller und Kuhn für die Grünen. Sie fragen sich: »Was haben wir noch?«
Es geht doch noch mal um ein Kaninchen. Das letzte vor der Wahl.
Die Runde beschließt, dass die Ergebnisse der Hartz-Kommission zur Reform des Arbeitsmarkts schnell bekannt werden müssen. Eigentlich sollte das Konzept erst am 16. August vorgestellt werden. Aber das wäre zu spät. Die Regierung braucht einen Knalleffekt, und zwar bald.
Frankfurt am Main, 17. Juni 2002. Der erste Tag des CDU-Parteitags ist rund gelaufen. Es ist jetzt zwei Uhr in der Nacht, die CDU feiert Party in einer Messehalle. Generalsekretär Laurenz Meyer tanzt. Eine Band spielt Nenas vergangenen Hit: »Irgendwie, irgendwo, irgendwann«. Meyer sagt: »Oh, das klingt ja wie unser Wahlprogramm.«
Frankfurt am Main, 18. Juni 2002. Edmund Stoiber redet, und er ist in Form. »Vor Jahren rief Schröder: Ich wil l da rein! Liebe Freunde: Der muss da wieder raus!« Früher hat er bei solchen Gelegenheiten seinen Zeigefinger ausgefahren, was immer so aussah, als wollte er das Publikum damit erstechen. Das hat er sich abgewöhnt.
Stoiber bekommt zwölf Minuten Applaus von den Delegierten; er irrlichtert über die Bühne und weiß nicht, was er mit seinen Händen machen soll. Dann zieht er einen Kamm aus dem Jackett und frisiert sich im Licht der Scheinwerfer seine Haare.
Zwei Jahrzehnte lang hat dieser Edmund Stoiber gegen die große CDU gestänkert und von München aus Intrigen gesponnen. Jetzt sagt Angela Merkel: »So viel Union war nie.«
Berlin, 24. Juni 2002. Der SPIEGEL veröffentlicht das Konzept der Hartz-Kommission. Sein Kern sind die Förderung von Selbständigkeit und die Reduzierung von Sozialleistungen. Arbeitsämter sollen in Zukunft »Job-Agenturen« heißen und Arbeitslose ähnlich wie Zeitarbeitsfirmen an Unternehmen verleihen. Peter Hartz behauptet, mit seinen Maßnahmen könne die Arbeitslosigkeit bis 2005 halbiert werden.
Die Union ist verunsichert. »Das ist ein Irrweg, den ich nicht mitmache«, sagt Edmund Stoiber. »Die Vorschläge sind revolutionär«, sagt Lothar Späth, Stoibers Schattenmann für die Arbeit. Er meint das positiv. »Wahlkampfklamauk«, sagt Horst Seehofer, der Mann fürs Soziale.
Fürth, 29. Juni 2002. Michael Spreng hat schon seit einigen Wochen das richtige Gefühl. Edmund Stoiber, sagt er in einer kleinen Konferenz, habe ein Problem mit den Frauen. Sie mögen ihn einfach nicht. Bei Allensbach mögen ihn 29 Prozent, bei Forsa 28 Prozent.
Deshalb wird nun immer mal wieder die Familie des Kandidaten in Stellung gebracht. Ehefrau Karin, die Töchter Constanze und Veronica und die kleinen Enkel steigen vergnügt durch die Seiten von »Bunte«, »Bild am Sonntag« und »Welt am Sonntag«. Man kann sie vorzeigen; die »Welt am Sonntag« schreibt über Constanze: »Das lange, weißblonde Haar schmeichelt ihren schmalen Gesichtszügen mit den sorgfältig nachgezogenen Augenbrauen, der hohen Stirn, Vaters Stirn.«
Nur der Sohn Dominic, den der Vater für einen ziemlichen Tunichtgut hält, war noch nirgends zu sehen - doch heute, beim Kleinen Parteitag der CSU in Fürth, darf auch der Junge ran. Er hat jetzt eine Freundin, die hochgeschlossene Kleidung trägt. Das Paar sitzt in der ersten Reihe, zwischen den ganzen Ministern. Staatskanzleichef Erwin Huber kommt zu spät in den Saal. Er hat eigentlich einen Platz in der ersten Reihe. Aber der ist nicht mehr frei. Huber muss sich nach hinten setzen, an einen Pressetisch.
Yokohama, 30. Juni 2002. Rudi Völlers Nationalelf steht im Finale der Fußball-Weltmeisterschaft in Japan. Man kann die Sieger jetzt nicht allein lassen. Gerhard Schröder fliegt vom G-8-Gipfel in Kanada ein, Stoiber kommt aus München.
Deutschland verliert gegen Brasilien 0:2. Es ist in jeder Beziehung unglücklich gelaufen: für Oliver Kahn, für Gerhard Schröder und für Edmund Stoiber.
Nach dem Finale gibt der Deutsche Fußball-Bund einen Empfang. Irgendwann kommt auch der Teamchef Völler mit seiner Elf. Schröder schiebt die Fotografen zur Seite und drängt nach vorn. Er umarmt jeden, der nicht schnell genug wegläuft. Als er gerade der Ehefrau Völlers am Hals liegt, kommt von der Seite Edmund Stoiber. Stoiber umarmt Rudi Völler. Schröder ruft: »Ach, der Herr Kandidat. Hat hier keiner ein Bier für den Kandidaten?«
Dann gibt es ein Gruppenfoto. Es geht schnell, die Fotografen ziehen weiter. Und Schröder fragt: »Was, will denn keiner mehr ein Bild von dem Kandidaten?«
So mag es der Kanzler. Im Zweikampf Mann gegen Mann fühlt er sich seinem Herausforderer überlegen. Er setzt auf die letzten Wochen. »Dann wird sich zeigen, wer die stärkeren Nerven hat«, sagt er.
Köln, 2. Juli 2002. Gerhard Schröder bereist das Krisengebiet der SPD. »Aus einem verzagten Arsch kommt kein fröhlicher Furz«, ruft er den Genossen aus Nordrhein-Westfalen von der Bühne des Kölner Tanzbrunnen-Theaters zu. »Ihr müsst mindestens das Ergebnis von 1998 wiederholen, sonst komme ich nicht wieder.«
1998 waren es hier 46,9 Prozent. Im Moment sind es laut Umfrage noch 42 Prozent.
Berlin, 3. Juli 2002. Der Kanzlerkandidat bemüht sich um die Frauen. In Berlin präsentiert er ein neues Mitglied seines Kompetenzteams. 28 Jahre jung, aus dem Osten, große Augen, im achten Monat schwanger, unverheiratet. Katherina Reiche ist jetzt zuständig für Frauen, Jugend und Familie.
Der Einfall stammt von Spreng, der wusste, was die Kampa plant. Werbeplakate mit Frauen, die mit Kochlöffeln und Putzeimern hantieren. Darunter: Stoibers Welt. Ein Gesellschaftsbild aus den sechziger Jahren. Darin, sagte Spreng, liege das größte »Verhetzungspotenzial«. Deshalb Frau Reiche. Schwanger, wilde Ehe, berufstätig.
Doch Spreng hatte die Union überschätzt. Natürlich gab es einen Aufstand. Von der Frauen-Union, von den Konservativen, vom Zentralkomitee der deutschen Katholiken. Stoiber wird von Parteifreunden gewarnt: »Edmund, das gibt Probleme.« Und beginnt zu flattern. Er will Frau Reiche die Zuständigkeit für die Familie wieder abnehmen. Erst eine Stunde vor der Präsentation entscheidet er sich anders. Er möchte vermeiden, als reaktionär zu gelten.
Jetzt sitzt Katherina Reiche vor der Bundespressekonferenz. Sie teilt mit, dass sie übrigens bald heiraten werde, und Stoiber nickt.
Anfang Juli kommen die neuen Ergebnisse zur Sonntagsfrage. Allensbach: Union 38 Prozent, SPD 33 Prozent. Forsa: Union 39 Prozent, SPD 36 Prozent. Im Vergleich zum Vormonat gewinnt die Union im Schnitt ein Prozent, die SPD legt zwei Prozent zu. Gerhard Schröder hofft weiter - auf sich und die Hartz-Kommission.
Es sind noch 81 Tage bis zur Wahl.
4. KAPITEL: ABSCHIEDE
Oberhausen, 5. Juli 2002. Aus Nordrhein-Westfalen zieht eine neue Katastrophe heran. Der Anlagenbauer Babcock Borsig aus Oberhausen muss Insolvenz . 22 000 Arbeitsplätze stehen weltweit auf dem Spiel, 8600 davon in NRW.
Der Bundeskanzler gibt noch mal den Krisenmanager. Er stellt Hilfen des Bundes »in begrenztem Maße« in Aussicht. Aber die Pleite lässt sich nicht verhindern.
Bonn, 7. Juli 2002. Die Zeitungen berichten, Ron Sommer werde auf Betreiben der Bundesregierung als Telekom-Chef abgelöst. Er solle noch vor der Wahl geopfert werden, um der SPD bei den verarmten Kleinanlegern Stimmen zu besorgen.
Berlin/München, 9. Juli 2002. Forsa-Chef Manfred Güllner hat neue Zahlen für die Kampa. In Nordrhein-Westfalen hat das Umfrageinstitut einen »überdurchschnittlichen Rückgang« der Sympathien für die SPD festgestellt. In Nordrhein-Westfalen muss etwas passieren.
Matthias Machnig reagiert sofort. Noch mehr Plakate, noch mehr Prominenten-Termine, noch mehr Kanzler-Auftritte werden nach Nordrhein-Westfalen verlegt. »Ich bin aber guten Mutes, dass es in NRW am Ende einen Anti-Stoiber-Effekt geben wird«, sagt Machnig. 30 Prozent der Wähler seien noch unentschlossen.
Fiebrig erwartet der Stratege das Fernseh-Duell im August: »Das wird ein gigantischer Medien-Hype sein. Wer flößt mehr Vertrauen ein, wer kriegt das besser hin? Das ist die eigentliche Botschaft dieses Duells.«
Stoibers CSU ist schon weiter. Sie fürchtet jetzt nur noch, dass der Sieg zu hoch ausfallen könnte. »Das kann zur Belastung werden«, berichtet ein übermütiger Berater.
Nürnberg, 9. Juli 2002. Die Zahl der Arbeitslosen ist im Juni um knapp 8000 auf 3,954 Millionen gestiegen. Es ist der höchste Juni-Wert seit 1998 und ein Desaster für den Bundeskanzler.
Edmund Stoiber hat auf diesen Tag gewartet. Er kündigt für die folgende Woche ein Beschäftigungsprogramm der Union an. Es würde Milliarden kosten. Auf die Frage, wie er sein Konzept finanzieren will, antwortet er: »Die Durchführung des Einzelnen muss der Finanzminister machen.«
Ludwigshafen/Nürnberg, 9. Juli 2002. Gerhard Schröder zieht an den Strippen. Aber er will nicht erwischt werden. Bei einer Pressekonferenz in Ludwigshafen fragt ihn eine Journalistin: »Vielleicht noch einen Kommentar zur Entwicklung bei der Deutschen Telekom ...« Schröder dreht sich um und geht. »Wiedersehn«, sagt er.
Es ist nicht oft passiert in seinen vier Jahren als Kanzler, dass er nicht mehr weiß, was er sagen soll.
Die Regierung kannte schon Tage vorher die Zahlen, die heute aus Nürnberg kommen. Sie wollte deshalb heute einen neuen Telekom-Chef präsentieren, aber es gibt niemanden, der diesen Job machen will. Und es gibt zugleich niemanden, der die Spekulationen über den Einfluss der Politik auf die Personalie Ron Sommer stoppen könnte. Sowohl Regierungssprecher Uwe-Karsten Heye als auch sein Stellvertreter Bela Anda sind im Urlaub.
Geseke in Westfalen, 13. Juli 2002. Michael Spreng ist in Siegerlaune: »Die SPD kann die Wahl nicht mehr gewinnen, die CDU nur noch verlieren.«
Während einer Podiumsdiskussion der CDU erklärt er, wie der Herausforderer dem Kanzler mit dem Thema Telekom eine Falle gestellt habe: Während eines gemeinsamen Interviews für die »Bild«-Zeitung habe Stoiber der Bundesregierung vorgeworfen, sie habe dem Debakel tatenlos zugesehen. Spreng: »Das hatte zur Folge, dass die SPD und die Regierung in Panik geraten sind, und sie haben am Freitag den Medien die Nachricht gesteckt, Schröder wolle Sommer ablösen, damit er nicht als Getriebener der Äußerungen Stoibers aussieht, sondern als aktiv Handelnder. Er hat die Ankündigung streuen lassen, ohne einen Nachfolger zu haben. Die ganze Telekom-Geschichte gilt jetzt als Ausweis von Unprofessionalität und Dilettantismus, wie Schröder das gefahren hat.« Dann grinst Spreng für einen Moment und sagt: »Das würde ich jetzt als gelungene Wahlkampfaktion bezeichnen.«
Bonn, 16. Juli 2002. Während einer Sitzung des Telekom-Aufsichtsrats erklärt Ron Sommer seinen Rücktritt. Eine Stunde danach wird der frühere Aufsichtsratschef Helmut Sihler als Nachfolger vorgestellt.
Sihler ist 72 Jahre alt. Der Global Player, 26 Milliarden Euro Umsatz, 64 Milliarden Schulden, zu 43 Prozent im Besitz des Bundes, wird jetzt von einem Rentner mit einer großen Hornbrille geführt.
Hannover, 17. Juli 2002. Der »Stern« veröffentlicht eine Geschichte, die Gerhard Schröder seit dem Vorabend kennt. Rudolf Scharping soll von dem windigen PR-Berater Moritz Hunzinger 140 000 Mark Honorar für Vorträge und bisher unveröffentliche Memoiren erhalten haben. Das Geld wurde 1999 überwiesen, als Scharping schon Verteidigungsminister war und deshalb keine Honorare beziehen durfte. Außerdem soll Hunzinger für Scharping eine Rechnung über 55 000 Mark beglichen haben, die beim Einkauf des Ministers in einer Frankfurter Herrenboutique zusammenkamen.
Kanzleramtschef Steinmeier bittet den SPD-Ehrenvorsitzenden Hans-Jochen Vogel, Scharping zum freiwilligen Rücktritt zu bewegen.
Der Minister befindet sich auf einer Sommerreise zu den Bundeswehrstandorten. Scharping ruft zweimal bei Fraktionschef Struck an und fragt: »Was ist denn los?« Struck sagt: »Wir können uns keine lange Hängepartie leisten. Du musst das ausräumen.«
Am Abend beraten Schröder, Steinmeier, Struck und Müntefering in Schröders Haus die Lage. Scharping ist auch eingeladen, aber er kommt nicht. Schröder erreicht ihn am Telefon. »Es geht nicht, du musst herkommen.« Der Minister sagt, er wolle vom Hotel aus zurückrufen - und meldet sich nicht mehr. Die Runde beschließt, Scharping zu entlassen und Struck zum Nachfolger zu ernennen. »Der Beste muss es jetzt machen«, sagt Müntefering. Der Fraktionschef sträubt sich nur kurz.
Berlin, 18. Juli 2002. Rudolf Scharping wird abserviert. Gerhard Schröder benötigt für die Pressekonferenz 39 Sekunden.
Dann meldet sich Edmund Stoiber, der die »Zerfallserscheinungen der rot-grünen Koalition« beobachtet.
München, 20. Juli 2002. Otto Schily feiert seinen 70. Geburtstag im Münchner Rathaus. Auf dem Weg zum Festakt sehen Schröder und seine Frau einen Straßenmusikanten. Der spielt das Lied: »Freut Euch des Lebens«. Schröder grinst. Doris wirft etwas Kleingeld in den Hut.
Schröder hat in den letzten Tagen häufig mit seiner Frau darüber gesprochen, wie das Leben sich anfühlte, wenn er nicht mehr Kanzler wäre. Bei diesen Gesprächen nehmen sie Abschied von der Vorstellung, dass sich seine Wiederwahl von selbst versteht, weil die Leute ihn mögen. Er glaubt jetzt, dass jedes Unheil dieser Welt ihm persönlich angehängt wird, während an dem anderen nichts kleben bleibt. Schröder vermutet eine Presseverschwörung gegen sich.
Bayreuth, 25. Juli 2002. Die Festspiele in Bayreuth werden eröffnet. Edmund Stoiber ist im Smoking gekommen, FDP-Chef Guido Westerwelle auch. In der Pause führen die beiden Politiker eine Unterredung. Sie haben sich in eine Ecke gestellt, und zwar so, dass sie jeder sehen kann. Die Fotografen machen Bilder. Stoiber und Westerwelle sehen aus, als würden sie gerade den Koalitionsvertrag aushandeln. Einige Gäste reden den Herausforderer mit »Herr Bundeskanzler« an.
Hannover, 27. Juli 2002. Zu Hause bei Schröders in Hannover liegen die Tageszeitungen. Es gibt Artikel mit den neuen Zahlen vom »Politbarometer«. Die SPD hat 5 Prozentpunkte verloren, es sind nur noch 35 Prozent. Die Union steigt von 41 auf 43 Prozent. Bei der Frage »Wen hätten Sie lieber als Bundeskanzler?« verliert Schröder 6 Punkte, Stoiber gewinnt 3 Punkte dazu.
Schröder will jetzt Wahlkampf machen »um alles oder nichts«.
Auf dem Brocken, 29. Juli 2002. Bei einem Besuch des höchsten Bergs im Harz sagt Stoiber: »Ich war immer Bayern-Trainer. Jetzt will ich Bundestrainer werden.«
Er nennt Schröder seinen »Amtsvorgänger«.
Hannover, 5. August 2002. 5000 Menschen hören dem Kanzler auf dem Opernplatz in Hannover zu. Er spricht vom »deutschen Weg«. Der Begriff erinnert an Helmut Schmidts »Modell Deutschland«, der einen gesellschaftspolitischen Aufbruch bündeln sollte. Schröder bezieht das aber nicht nur auf die Innenpolitik. Er baut eine neue Kampflinie auf. Sie zielt auf die Vereinigten Staaten von Amerika.
George Bush droht mit einem Krieg gegen den Irak - und der deutsche Bundeskanzler stemmt sich dagegen. »Derjenige, der irgendwo reingeht, muss sehr genau wissen, was er dort will und wie er wieder rauskommt.«
Die Zeit der »uneingeschränkten Solidarität« ist vorbei. Der Kanzler ist jetzt ein Friedenskanzler. Er steht auf der Seite der Mehrheit: 51 Prozent der Deutschen lehnen einen Krieg ab.
Für Willy Brandt war die deutsch-amerikanische Freundschaft »ein Eckpfeiler im turbulenten Geschehen der Weltpolitik«. Für seinen Enkel Gerhard soll sie das letzte Thema in diesem turbulenten Geschehen des Wahlkampfs werden.
Oberaudorf, 5. August 2002. Er trägt eine Trachtenjacke, ihm ist nach Folklore. »Grüß Gott dahoam«, ruft Edmund Stoiber. Der bayerische Ministerpräsident besucht seinen Geburtsort Oberaudorf. Die Journalisten wollen aber eher wissen, was er von einem Krieg gegen den Irak hält. Er sagt: »Der Nahe Osten ist ein ungeheurer Brennplatz für unseren Frieden.«
Stoiber will sich nicht festlegen. In einer Telefonkonferenz hat er angeordnet: Zum Thema Irak wird geschwiegen. In einer E-Mail an die Unionsspitze heißt es: »Weitere Auslandseinsätze der Bundeswehr stehen nicht auf der Tagesordnung.«
Es sind noch 48 Tage bis zur Wahl.
5. KAPITEL: GUMMISTIEFEL
Berlin/Juist, 12. August 2002. Es regnet in Deutschland. Seit fast 24 Stunden schon. Über Berlin wird der Himmel nicht hell. In Passau steigt die Donau. Gerhard Schröder sitzt an seinem Schreibtisch und arbeitet. Dann geht er zur SPD-Präsidiumssitzung.
»Jetzt kommt das Klima-Thema auf uns zu«, sagt er. »Das ist das Thema der Grünen. Was machen die eigentlich?«
Im Innenministerium kommen die ersten Alarmmeldungen aus der Republik an. Keller und Straßenunterführungen sind voll gelaufen, in Passau gibt es einen Katastrophenalarm. Otto Schily ruft den Kanzler an. »Wir müssen da was machen«, sagt er.
Schröder beauftragt seinen Kanzleramtschef Steinmeier, die Hilfe des Bundes zu organisieren - falls das nötig ist.
Abends sind in Bayern Gebirgsjäger und Panzergrenadiere der Bundeswehr mit Sandsäcken unterwegs. Das Wasser drückt auf die Dämme.
Edmund Stoiber ist mit seiner Ehefrau auf der nordfriesischen Insel Juist angekommen. Er möchte eine Woche Urlaub machen. Der Hotelier hat ihm einen Bayern-Wimpel auf den Tisch gestellt, aber er muss ihn wieder entfernen. Stoiber will keinen Bayern-Wimpel. Auf Juist scheint die Sonne.
Berlin/Passau/Juist, 13. August 2002. Im Kanzleramt wird Gerhard Schröder mit den Nachrichten aus Bayern und Sachsen versorgt. In Passau steht die Altstadt unter Wasser, in Dresden läuft die Semperoper voll, die ersten Dämme sind gebrochen. 500 Bundeswehrsoldaten evakuieren Kranke mit Hubschraubern. Otto Schily ist unterwegs in zerstörte Dörfer.
Auf Juist besteigt Edmund Stoiber eine Pferdekutsche, die ihn zum Flugplatz bringt. Er muss den Urlaub unterbrechen, es geht nicht anders. »Schau mal, dass du heute Abend wiederkommst«, sagt seine Frau noch. Ein Helikopter bringt ihn nach Passau. Zwei Stunden lang guckt er hier ins Wasser, dann fliegt er zurück zur Familie.
Am Abend erzählt Schily im Kanzleramt von Obdachlosen und Plünderungen. In der Nacht setzt Frank-Walter Steinmeier ein nationales Hilfsprogramm auf.
Grimma/Berlin/Juist, 14. August 2002. In Deutschland beginnt die größte Evakuierung der Nachkriegsgeschichte. Während einer Kabinettssitzung stimmt der Bundeskanzler das Hilfspaket mit seinen Ministern ab. Es besteht aus zwölf Punkten, 385 Millionen Euro kommen von der Regierung als Soforthilfe.
Dann fliegt Schröder ins sächsische Grimma. Er trägt Gummistiefel und eine grüne Jacke vom Bundesgrenzschutz. Er sieht zusammengebrochene Häuser und weinende Menschen. Er fliegt zurück nach Berlin und gibt eine Pressekonferenz. Es sei eine »nationale Katastrophe«, die nach einer »nationalen Kraftanstrengung« verlange. Er sagt, er persönlich werde dafür sorgen, dass »Barmittel, also cash, ganz schnell an die Menschen rankommen«. Er ruft das Land zu Spenden auf.
»Hier vibriert es«, sagt einer aus dem Kanzleramt.
Gerhard Schröder hat zugepackt. Es ist der Moment, den ihm die Geschichte geschenkt hat. Das hier ist seine Chance.
Edmund Stoiber, der Herausforderer, der auf Wahlplakaten mit dem Slogan »Zeit für Taten« wirbt, spaziert über die Dünen von Juist. Er hat den Moment verpasst.
Berlin, 15. August 2002. Der Regierungschef sitzt auf seiner Terrasse im Bundeskanzleramt. »Wenn die Manege offen ist und der Zirkusgaul die Trompeten hört, dann trabt er los«, sagt er.
Beim Reden fliegen seine Hände durch die Luft, er fegt ein Glas Wasser um. Er glaubt jetzt wieder, dass er es schaffen kann. Stoiber? »Der kommt hier nicht rein.«
Dresden, 16. August 2002. Jetzt hat es auch der Herausforderer noch in den Osten geschafft. Edmund Stoiber besucht in Dresden ein paar Männer von den bayerischen Hilfsorganisationen. Er trägt auch Gummistiefel. »Ich bin nur hier, um mal ein herzliches Dankeschön zu sagen, gell?«
In seinem Kompetenzteam gibt es niemanden für das Thema Umwelt. Ein Journalist will wissen: Warum nicht?
»Ja, wir werden, wir werden natürlich einen hochqualifizierten oder eine hochqualifizierte Umweltministerin haben ...«
Wen?
»Tja«, sagt Stoiber, »das, glaube ich, sollte man erst abwarten, wenn wir die Wahl gewinnen. Aber zum anderen kann ich das nicht ganz nachvollziehen. Umweltschutz ist natürlich eine Querschnittsaufgabe von höchstem Ausmaß. Und die ist in besonderem Maße bei allen angesiedelt, aber besonders bei mir und bei Frau Merkel.«
Dann fährt der Kandidat noch an die Deiche und hebt einen Sandsack in die Luft. Es werden auch Fotos gemacht.
Berlin, 16. August 2002. Neben der Orgel steht ein Videobeamer. Er wirft Schautafeln nach vorn, dahin, wo der Altar steht. Peter Hartz steht hinter einem Pult, an dem normalerweise Prediger sprechen. Im Französischen Dom am Gendarmenmarkt präsentiert Schröders Helfer sein Konzept gegen die Arbeitslosigkeit. Es sind nicht viele Journalisten gekommen. Hartz und die Arbeitslosen sind im Moment nicht mehr so wichtig.
Berlin, 19. August 2002. Der Osten entlang der Elbe ist kaputt. Städte, Dörfer, Straßen, Schienen, Existenzen, alles im Wasser abgesoffen. Es wird Milliarden kosten.
Bis vier Uhr nachmittags wird im Finanzministerium gerechnet. Dann trifft sich das Kabinett zu einer Sondersitzung. Am Abend verkündet der Bundeskanzler das Ergebnis: Die Regierung will zur Finanzierung der Flutkatastrophe die zweite Stufe der Steuerreform um ein Jahr verschieben. »Alle müssen ihren Teil beitragen zu diesem nationalen Kraftakt«, sagt er.
Der Vorschlag soll die Stimmung im Volk treffen - die Deutschen spenden ohnehin gerade wie noch nie. Dieses Opfer können sie jetzt auch noch bringen.
Edmund Stoiber und seine Parteifreunde sind wieder einmal nicht vorbereitet. »Skandal«. »Verkappte Steuererhöhung«. Auch der Kompetenzmann Lothar Späth ist erst mal dagegen. Edmund Stoiber nörgelt, der Vorschlag gehe zu Lasten des kleinen Mannes. Aber er will sich »nicht widersetzen«.
Außenminister Joschka Fischer spaziert am frühen Nachmittag über den Berliner Gendarmenmarkt. Er hat das Jackett über die Schulter gehängt und doziert: »So, der Osten ist jetzt verloren für Stoiber. Und Nordrhein-Westfalen holen wir auch noch.«
Das fürchtet offenbar auch die »Bild«-Zeitung. Sie will Stoiber siegen sehen. Uschi Glas war gestern - jetzt kommt Schröder dran. »Steuer-Schock! Warum geht''s nur den Kleinen ans Geld?«, wird bald auf der ersten Seite stehen.
Leipzig, 20. August 2002. Ein Helikopter bringt den Regierungschef zur Eröffnung eines Porsche-Werks in Leipzig. Als er über die überschwemmten Gebiete fliegt, ballt er die Faust wie einst Boris Becker auf dem Tennisplatz und lässt seinen Unterarm durch die Luft zucken.
»Ich hab die neuen Zahlen«, sagt Schröder. Er will sie aber noch nicht verraten.
Berlin, 22. August 2002. Im Foyer des Konrad-Adenauer-Hauses steht eine Schautafel mit dem Satz: »Nur noch 31 Tage Rot-Grün«. Edmund Stoiber geht daran vorbei, er hält ein paar Zettel in der Hand. Dann stellt er sich hinter ein Mikrofon und trägt das Konzept der Union zur Finanzierung der Flutschäden vor. Angela Merkel ist bei ihm.
Die Union ist gegen den Vorschlag der Regierung; sie will ihn aber mittragen und gleich nach dem Wahlsieg wieder abschaffen. Stattdessen sollen dann die Gewinne der Bundesbank angezapft werden.
Die »taz« schreibt: »Jetzt denkt er, wie er redet.«
Berlin, 23. August 2002. Das ZDF veröffentlicht die Zahlen des neuen »Politbarometers«. In der politischen Stimmung gewinnt die SPD drei Punkte und kommt auf 40 Prozent. Die Union verliert vier Punkte und landet bei 39 Prozent.
Zum ersten Mal, seit Edmund Stoiber Kanzlerkandidat wurde, liegt die SPD wieder vorn.
Es sind noch 30 Tage bis zur Wahl.
6. KAPITEL: LETZTE SCHÜSSE
Berlin, 25. August 2002. »Schönes Wetter hier« - Edmund Stoiber steigt aus einer BMW-Limousine und guckt in den Himmel. Er ist eben von Berlin-Mitte nach Berlin-Adlershof gefahren. Aber er tut so, als wäre er mit dem Flugzeug aus einem fernen Land gekommen. Schönes Wetter hier - seht her, der Kandidat ist locker.
Dann fährt das Auto von Gerhard Schröder vor. Er kommt gerade von einem Trauergottesdienst für die Flutopfer. Genau so sieht er auch aus.
15 Millionen Menschen sehen beim ersten TV-Duell bei RTL und Sat.1 zu. Schröder gegen Stoiber. Ich oder der.
Am Ende ist es keiner von beiden. Schröder hat nicht gewonnen, weil er vor lauter Staatsmannsstarre vergisst, wie der Medienkanzler geht. Der ewig lächelnde Stoiber hat nicht verloren, weil seine Sätze einen Anfang und ein Ende hatten.
Nach der Sendung trägt sein Helfer Spreng einen Stapel DIN-A4-Blätter durchs Pressezentrum. »Schröder - das ging daneben! Seine zehn größten Fehler im 1. TV-Duell«, steht darauf. Das Land, sagt er, habe »einen neuen Stoiber« erlebt. Manche im Saal rechnen nach: Der wievielte Stoiber wäre das jetzt eigentlich?
Matthias Machnig hat nichts Schriftliches vorbereitet. Er hatte gedacht, das wäre nicht nötig, und hofft jetzt auf das nächste Duell in zwei Wochen.
Berlin, 27. August 2002. »Ein torloses Unentschieden«, schreibt die »Süddeutsche Zeitung«. So sehen das die meisten, nur ausgerechnet die Ted-Anrufer bei der »Bild«-Zeitung nicht. 75 Prozent finden Stoiber besser. »Stoiber Sieger«, frohlockt »Bild« auf der ersten Seite.
Berlin, 27. August 2002. Der Nachrichtenticker im Bundeskanzleramt meldet Neuigkeiten aus Amerika. US-Vizepräsident Dick Cheney hat an der Kriegstrommel gedreht: »Ein Präventivschlag gegen den Irak ist zwingend notwendig.« Amerika will nicht mehr warten.
Sofort ist Gerhard Schröder zur Stelle. Er sagt: »Jetzt über einen Angriff auf den Irak zu sprechen ist falsch. Deutschland wird sich unter meiner Führung nicht daran beteiligen.«
Die Flut ist aus Deutschland abgezogen, die Angst vor dem Krieg kommt. Und Schröder steht. Ein Mann aus dem SPD-Präsidium sagt: »Wir haben einen großen Wahlkämpfer für uns im Weißen Haus sitzen.« Vielleicht wird es jetzt so wie 1976, als Helmut Schmidt Plakate mit dem Aufdruck »Den Frieden wählen« kleben ließ. Und Helmut Kohl im letzten Moment besiegte.
Und Stoiber? An der Seite von Kriegstreibern wird man nicht Kanzler. Jetzt ist auch Stoiber gegen »Abenteuer«. Er sagt nicht mehr »Ja«, er sagt aber auch nicht »Nein«. Er macht den Eindruck, als könne er sich nicht entscheiden.
Berlin, 29. August 2002. Sie tragen kurze Kleider, sie sehen gut aus, und sie warten auf den Kandidaten. Sie nennen sich »Initiative junge Frauen für Stoiber«. Im Weinhaus Huth am Potsdamer Platz spricht der CSU-Matador über die Rolle der Frau in der Gesellschaft.
»Frauen«, formuliert er, »haben eben ein Strukturproblem. Wenn sie Kinder haben, tun sie sich schwer, eine Funktion zu übernehmen.« Er macht sich Gedanken darüber, wie Mütter nach der Geburt ihrer Kinder »volkswirtschaftlich eingesetzt werden können«.
Jeder Satz ist ein kleines Fest für Matthias Machnig. »Spreng«, sagt Machnig, »hat sich schon zu sicher gefühlt. Der hat die Sektkorken zu früh knallen lassen.«
Düsseldorf, 1. September 2002. Der Kampf um Nordrhein-Westfalen geht in seine letzte Phase. Der Herausforderer tritt in der Düsseldorfer Rheinhalle auf. Er möchte jetzt Schwung demonstrieren und die Stufen zur Bühne mit Anlauf nehmen. Auf der letzten rutscht er aus und fängt den Sturz mit den Händen ab.
Jetzt gibt es dieses Bild: Stoiber gestrauchelt, am Boden. Auf allen Vieren. Wie einer, der sich ins Ziel robben muss.
Am Mikrofon sagt er: »Das Spiel ist aus! Das Spiel ist aus!« Er meint Schröders Spiel.
New York, 5. September 2002. Die »New York Times« ist die bedeutendste Tageszeitung Amerikas. Sie druckt ein Interview mit dem deutschen Bundeskanzler.
»Hands off«, sagt er darin, »Hände weg« vom Irak. Es erinnert an Gary Cooper in dem Western »High Noon«. Schröder ist der Sheriff. Der letzte Mann mit Mut.
Der Berliner Regierungschef sagt in dem Interview auch, seine Position habe nichts mit Wahlkampf zu tun. »Wir werden die Wahlen gewinnen, und dann werde ich zu meiner Entscheidung stehen müssen. Und ich weiß, was das bedeutet.«
Edmund Stoiber erklärt, es sei »ein hohes Maß an Arroganz«, dass Gerhard Schröder nur mit Zeitungen spricht und nicht mit George Bush.
Berlin, 8. September 2002. Edmund Stoiber trägt einen dunklen Anzug, Gerhard Schröder auch. Stoiber hat eine rote Krawatte mit hellen Streifen am Hals, Gerhard Schröder auch. Es ist 20.30 Uhr, Sonntagabend. In der ARD heißt es, es handele sich um »das Finale«.
Entscheidet es sich hier? Beim zweiten TV-Duell in einem Fernsehstudio?
Es geht um die Arbeitslosen. Stoiber sagt: »Da müssen Sie nur mal den Arbeitsamtsbezirk Freising hernehmen ...« Schröders Augen zucken, dann fasst er zu: »Aber wir wollen hier doch nicht über Freising reden - oder?«
Es geht um das Sechshundertdreißig-Mark-Gesetz. »Sechssssdreißig Mark ...«, sagt Stoiber, er fängt noch mal an, »das, das Sechssssdreißig-Mark-Gesetz ...«, Schröder guckt ihn an, milde wie einen kleinen Deppen, der vorn an der Tafel steht und nicht mehr weiter weiß - dann geht er dazwischen: »Das heißt: Sechshundertdreißig.«
Und es geht um künftige Minister. Stoiber sagt: »Ich habe bewusst kein Schattenkabinett aufgestellt, weil ich immer gesagt habe: Ein Schattenkabinett ...«, er guckt Schröder an, »... das haben wir ja schon.« Schröder grinst mit etwas Verzögerung. Dann sagt er: »Das war aber ein geglückter Gag, Herr Stoiber, gratuliere.«
Ein paar Minuten vor dem Ende steht Matthias Machnig von seinem Stuhl auf und sagt: »Jeder hat gesehen: Stoiber besitzt kein Kanzlerformat.« Michael Spreng verteilt diesmal keine Zettel. Er erklärt den Herausforderer aber zum »Punktsieger«.
Infratest dimap startet eine Blitzumfrage. 50 Prozent finden, dass Schröder gewonnen hat. 28 Prozent sind für Stoiber.
Dann fährt der Kanzler in das italienische Restaurant »Sale e Tabacchi« in Kreuzberg. Doris ist dabei, Müntefering, Steinmeier. Machnig nicht.
Die Runde feiert in die Nacht. Schröder hat seit ein paar Wochen ohne Alkohol gelebt. Jetzt trinkt er Rotwein. Es könnte reichen bis zur Wahl.
Edmund Stoiber fährt nach Berlin-Mitte, ins Zentrum der Macht. Seine Gehilfen sind bei ihm. Sie sitzen im Innenhof des »Borchardt«, an einem langen Tisch. Die Gesellschaft ist ein bisschen freudlos. Stoiber trinkt zwei Gläser Weißwein, und Michael Spreng liest ein paar Reaktionen auf den Abend vor. Sie lachen nicht oft.
»Noch zwei Wochen«, sagt Edmund Stoiber, »bereitet''s euch drauf vor.«
Berlin, 13. September 2002. Die Uhr im Deutschen Bundestag steht auf zwei Minuten nach neun. Edmund Stoiber steht hinter dem Rednerpult. Vor ihm liegt sein Manuskript. Es hat 26 Seiten. Es ist seine letzte große Rede vor der Wahl.
Vielleicht ist es seine wichtigste Rede der letzten neun Monate.
Er redet fast 40 Minuten lang. Über Zahlen, über Statistiken, über Bilanzen. Vom Krieg, vom Niedriglohnsektor, vom Weltwirtschaftsforum und von der Tabaksteuer.
Dann geht Gerhard Schröder an das Pult. Er stopft eine Hand in die Hosentasche, er dreht den Kopf zum Kandidaten und sagt: »Herr Stoiber, Ihre Rede hat eines deutlich gemacht: Sie wollen vielleicht Kanzler werden, aber Sie haben nicht die Fähigkeiten dazu.«
Um 15.31 Uhr meldet die Deutsche Presse-Agentur: »Eine Woche vor der Bundestagswahl hat die rot-grüne Koalition die Kombination CDU/CSU und FDP in der Wählergunst überholt. Erstmals in diesem Jahr sehen Umfragen SPD und Grüne gemeinsam vor Union und Freidemokraten. Der Vorsprung beträgt - je nach Institut - 1,0 bis 2,5 Prozentpunkte.«
MATTHIAS GEYER; HORAND KNAUP,
JÜRGEN LEINEMANN, RALF NEUKIRCH, CONNY NEUMANN, CHRISTIAN REIERMANN, CHRISTOPH SCHULT, GABOR STEINGART
* Von links: die in die Kölner Schmiergeldaffäre verwickeltenNorbert Rüther, ehemaliger Kölner SPD-Fraktionsvorsitzender,Hellmut Trienekens, Müllunternehmer, Karl Wienand,Ex-SPD-Fraktionsgeschäftsführer im Bundestag.