»ICH SEHE DEN STURM AUFZIEHEN«
Am 20. Oktober 1962, einem klaren Herbstnachmittag, stand Präsident John Fitzgerald Kennedy auf dem Balkon im zweiten Stock des Weißen Hauses. Er blickte über den Potomac und sprach über Leben und Tod. Neben ihm stand sein Bruder, der Justizminister.
In dem länglichen Arbeitszimmer hinter ihnen hatte der Präsident wenige Augenblicke vorher eine historische Entscheidung getroffen. Den beiden großen Atommächten, Amerika und der Sowjet-Union, drohte ein militärischer Zusammenstoß - der erste seit beide die Macht besaßen, den Gegner zu vernichten. Grund: sowjetische Raketen auf Kuba. Die amerikanische Kriegsmarine sollte Blockade-Order erhalten. Alle sowjetischen Schiffe in der Karibischen See waren zu stoppen. »Well«, meinte der Präsident, »diesen Monat haben wir unser Geld verdient.«
In ernsterem Ton erörterten wir auf dem kühlen, übersonnten Balkon die Möglichkeit eines atomaren Krieges. Vor knapp zwei Jahren, als sein Sohn geboren wurde, hatte der Präsident Bacons Worte halblaut vor sich hin gesprochen: »Wer Weib und Kind besitzt, der hat dem Schicksal Geiseln in die Hand gegeben.« Nun sprach er nicht nur über seine, sondern über alle Kinder dieser Welt, auch über die ungeborenen. »Wenn sie nicht wären, die es noch gar nicht gibt«, sagte er, »dann würden diese Entscheidungen leichter sein.«
John Kennedy wollte keinen Krieg. Das sei »keine rationale Alternative« mehr, hatte er schon ein Jahr zuvor festgestellt. Abwehr und Verhinderung des Krieges nahmen seine Arbeitszeit im Weißen Haus mehr als alles andere in Anspruch. Und jetzt warf der Krieg seine länger werdenden Schatten schon über den Horizont. Schwäche würde ihn mit Gewißheit herbeiführen, aber auch Stärke konnte ihn nicht mit Sicherheit verhindern. Ein einziger falscher Schritt Kennedys konnte die Lichter der Zivilisation erlöschen lassen. Doch auch die richtigen Schritte mochten ins Verderben führen.
Abrupt heiterte der Präsident die Stimmung noch einmal auf: »Es ist Ihnen doch klar, daß die Luftschutzräume im Weißen Haus nicht groß genug für alle sind.« Wir scherzten, wer mit hinein dürfe. Dann folgten letzte Anweisungen: Kennedys Entscheidung sollte offen bleiben, bis er noch ein letztes Mal mit der Air Force konferiert hatte; sie sollte geheim bleiben, bis er selbst sie am Montagabend bekanntgab; die Rede an das amerikanische Volk und an die Welt sollte neu gefaßt werden.
Der Präsident zeigte keine Anzeichen großer Erregung oder Erschütterung. Die ruhige Sicherheit, die ich an ihm kannte, verließ ihn nicht. Trotz des ermüdenden Tempos der Konferenzen und Reisen, die sich in dieser Woche gehäuft hatten, war seine Stimme lebhaft, waren seine Anordnungen knapp und klar.
Ich ging zurück in mein Arbeitszimmer, um mich an die Ausarbeitung der neuen Reden zu machen. Nach wenigen Minuten rief mich der Präsident an. »Haben Sie gehört, was Doug Dillon über die Jupiter-Raketen gesagt hat?« fragte er. Ich hatte es gehört. In der Unterredung am Nachmittag war darüber gesprochen worden, wie leicht die amerikanischen Jupiter-Raketen, die von der Regierung Eisenhower in Italien und in der Türkei stationiert worden waren, von den Russen ausgeschaltet werden könnten. Kennedys Finanzminister Dillon war Unterstaatssekretär der Regierung Eisenhower gewesen und hatte in der heutigen Konferenz berichtet, die Raketen seien Italien und der Türkei eigentlich nur aufgezwungen worden, weil die damalige US-Regierung nicht wußte, was sonst mit ihnen anzufangen wäre.
»Ich wollte nur sicher sein, daß Sie das auch notiert haben - für das Buch, das wir schreiben wollen«, sagte Kennedy. Und ich erwiderte, was ich ihm schon manches Mal gesagt hatte: »Sie meinen das Buch, das Sie schreiben wollen, Herr Präsident.«
Dies ist mein Ersatz für das Buch, das er schreiben wollte.
Begegnung und Briefwechsel mit Chruschtschow
Die meisten Regierungschefs der Welt begrüßten nach der Wahl vom November 1960 den jungen amerikanischen Präsidenten, der dem Alter nach ihr Sohn hätte sein können, mit gemischten Gefühlen - gemischt aus Neugier und Bedenken. Mindestens zwei von ihnen
- Konrad Adenauer und Tschiang Kaischek - waren fast unverhohlene Nixon -Anhänger gewesen. Nikita Chruschtschow, der Führer der Sowjet -Union, hatte beide Kandidaten abgetan: »Ein Paar Stiefel - welcher ist schon besser, der linke oder der rechte?«
Alle jedoch - ob wohlgesinnt, ablehnend oder neutral - bemühten sich, 1961 Näheres über John Kennedy zu erfahren. Und um seine Position zu stärken; um ihre Bedenken zu entkräften und um »sich erneut um den Frieden zu mühen«, machte sich Kennedy sofort daran, bestehende Kontakte zu verbessern.
Chruschtschow gab dem amerikanischen Botschafter Llewellyn Thompson in Moskau zu verstehen, daß ihm an einem möglichst baldigen Zusammentreffen mit Kennedy gelegen war. Als Thompson wenig später aus Amerika nach Moskau zurückkehrte, hatte er einen Brief Kennedys bei sich, der ebenfalls diese Hoffnung ausdrückte.
Die Zusammenkunft zwischen Kennedy und Chruschtschow am 3. und 4. Juni 1961 in Wien brachte keinem den Sieg und keinem eine Niederlage. Sie war, wie der amerikanische Präsident hoffte, nützlich, und wie der sowjetische Führer später sagte, notwendig gewesen.
Vor dem Treffen hatte Kennedy alle früheren Unterhaltungen mit Chruschtschow geprüft, er hatte Leute befragt, die ihn schon kannten, er hatte sich über Chruschtschows persönliche Angewohnheiten und politische. Methoden informiert; er hatte sich vor allem intensiv mit all den Problemen beschäftigt, die zur Sprache kommen konnten. Noch in Paris, eine Nacht vor dem Beginn der Konferenz, und im Flugzeug nach Wien arbeitete er daran bis zur letzten Minute.
Einige Skeptiker hatten befürchtet, Chruschtschow würde die Gelegenheit benutzen, um einen neuen internationalen Zusammenstoß zu provozieren, aber das war nicht der Fall.
Beide Männer, die einander an der Donau trafen, waren unnachgiebig, aber höflich. Beide argumentierten energisch, aber verbindlich. Durchweg behielt Kennedy die Führung; er brachte neue Probleme auf, hielt sich ans Thema, führte die Unterhaltung nach einer Abschweifung auf den Ausgangspunkt zurück und ließ nicht nach, bis er auf eine Frage eine Antwort erhalten hatte. Meist sprach Chruschtschow länger und Kennedy präziser.
Beide zitierten oft Personen oder die Histoerie, Chruschtschows Sprache war dabei ungleich farbiger und lebendiger. Und trotz der großen Unterschiede in ihren Anschauungen entstand zwischen den beiden Männern eine sonderbare Art von Verständigung, die ihnen bei der Fortsetzung der Gespräche in den folgenden Monaten und Jahren nützen sollte.
Die einzigen Gelegenheiten zu persönlicher Unterhaltung boten sich nur bei drei Mahlzeiten. Am ersten Tag war Kennedy Gastgeber beim Lunch in der Amerikanischen Botschaft. Am zweiten Mittag hatte Chruschtschow in die Sowjetische Botschaft geladen. Das dazwischen liegende glänzende Abend-Diner mit einem nachfolgenden Ballett gab die österreichische Regierung in dem prächtigen Schloß von Schönbrunn. Dort setzte sich der Präsident in einer allgemeinen Verwirrung um die Sitzordnung beinahe auf Mrs. Chruschtschows Schoß, während Jacqueline Kennedy von Chruschtschow fast ohne Pause unterhalten wurde; er versprach ihr einen Welpen der Weltraumhunde.
Während der Mahlzeiten blieb die Unterhaltung leger. Als Kennedy sich eine Zigarre anzündete und das Streichholz hinter Chruschtschows Stuhl fallen ließ, fragte der Russe: »Wollen Sie mich entflammen?« Nach Versicherungen, daß dem nicht so sei, lächelte er und sagte: »Aha, also ein Kapitalist, kein Brandstifter.«
Kennedy bemerkte, kein einziger der großen Industrie- und Finanzkapitalisten, die Chruschtschow 1959 kennengelernt hatte, habe 1960 die Demokraten gewählt. Ja, die sind schlau«, erwiderte Chruschtschow. Als er dann erzählte, der Orden, den er trage, sei der Lenin-Friedenspreis, war es an Kennedy zu lächeln: »Hoffentlich behalten Sie ihn.«
Chruschtschow sprach darüber, daß sein Land Düngemittel und Getrieide brauche, daß U-Boote jetzt wichtiger als Überwasser-Schiffe seien, und er sprach über das, was der Präsident einen Monat zuvor in einer Sonderbotschaft vor dem Kongreß gesagt hatte. Offensichtlich hatte Chruschtschow alle wichtigeren Reden Kennedys und dazu Kongreß-Debatten gelesen oder sich darüber informieren lassen. Kennedys Verlangen nach stärkerer Verteidigung, sagte er, setze ihn unter Druck, auch seinerseits die Kräfte zu verstärken, und beide ständen sie unter dem Druck ihrer Militärs und Wissenschaftler, die Atombombentests wiederaufzunehmen. »Wir werden aber warten, bis Sie wieder anfangen. Wenn Sie es tun, dann tun wir es auch.«
Der sowjetische Ministerpräsident betonte, daß er viel von Gipfelkonferenzen halte. Er wünsche so viel persönlichen Kontakt wie irgend möglich. Auch wenn die Botschafter noch so tüchtig wären, sei direkte Liebe besser als Liebe durch Boten. Es sei zwar für beide schwierig, für ihre »eifersüchtigen« Verbündeten zu sprechen, aber Kennedy werde sich hoffentlich nicht von Einwendungen eines so kleinen Verbündeten wie etwa Luxemburg beirren lassen. Auch er, Chruschtschow, habe Verbündete, »die ich lieber nicht nennen möchte«, die aber, »wenn sie ihre kriegerische Stimme erheben sollten, keinen Menschen schrecken könnten«.
Als er die Weltumkreisung durch den Sowjetkosmonauten Gagarin beschrieb, erzählte Chruschtschow, man habe gefürchtet, die psychologische Wirkung eines solchen Fluges könnte Gagarins Fähigkeit beeinträchtigen, die Kontrolle der Raumkapsel zu übernehmen. Deshalb habe man ihm versiegelte Anweisungen mitgegeben, die so verschlüsselt waren, daß nur ein normaler Mensch sie dechiffrieren konnte. Er sei, so sagte Chruschtschow, noch skeptischer hinsichtlich eines Fluges zum Mond. Vielleicht, meinte darauf Präsident Kennedy, sollten die beiden Völker das Unternehmen gemeinsam
starten. Das lehnte Chruschtschow zunächst ab, aber dann meinte er halb im Scherz: »Gut - warum eigentlich nicht?«
Chruschtschow erzählte, er habe viel Achtung für Kennedys Vorgänger gehabt. Er sei eigentlich überzeugt, daß Eisenhower von dem Flug des 1960 über Rußland abgeschossenen U-2-Aufklärers, der damals ganz offensichtlich die russisch-amerikanischen Beziehungen hätte beeinträchtigen sollen, nicht unterrichtet gewesen sei. Eisenhower habe nur in einer Geste der Ritterlichkeit die Verantwortung für diese Sache übernommen.
Eisenhowers Reise in die UdSSR hätte abgesagt werden müssen, aber er, Chruschtschow, hoffe, Kennedy werde kommen, »wenn die Zeit reif ist ... Der Weg ist offen«. Kennedy könne dann sehen, wen und was er wolle, denn die Sowjets hätten nichts zu fürchten.
Eisenhowers Vizepräsident Nixon, sagte Chruschtschow, habe geglaubt, er könne das sowjetische Volk zum Kapitalismus bekehren, als er ihm (1959 auf einer US-Ausstellung in Moskau) eine Küche zeigte, die es nie gegeben habe - auch in Amerika nicht. »Ich bitte um Entschuldigung«, sagte er, »daß ich hier so von einem Bürger der Vereinigten Staaten spreche - aber nur Nixon konnte sich einen solchen Unsinn ausdenken.« Bei einer früheren Gelegenheit hatte er gescherzt, man könne den sowjetischen Außenminister Gromyko leicht kränken, wenn man ihm sage, er sehe Nixon ähnlich.
Das sowjetische Volk, plauderte Chruschtschow, bewundere die Amerikaner und deren technische Erfolge. Einige amerikanische Ingenieure, die *beim Aufbau des Landes nach der Revolution geholfen hätten, seien dafür mit Orden ausgezeichnet worden. Einer von ihnen habe später die Sowjet-Union noch einmal besucht und erzählt, er baue jetzt Häuser in der Türkei. Natürlich baue er »in Wirklichkeit Raketenbasen - aber das muß er mit seinem eigenen Gewissen abmachen«.
Chruschtschow erhob sein Glas auf Kennedys Gesundheit und sagte, er beneide ihn um seine Jugend. »Wäre ich so alt wie Sie, so würde ich mich unserer Sache mit noch mehr Energie widmen. Trotzdem: Auch mit siebenundsechzig gebe ich den Wettkampf noch nicht auf.«
In seinem Toast am zweiten Tag, als die Schwere der Probleme deutlicher als zuvor auf beiden Männern lastete, sagte Chruschtschow, er trinke »auf deren Lösung. Sie sind ein frommer Mann und werden gewiß Gott bitten, uns bei unseren Bemühungen beizustehen. Ich meinerseits hoffe, daß uns der gesunde Menschenverstand zur Seite steht«.
Kennedy beschloß seine Rede am zweiten Tag mit den Worten: »Wien ist eine symbolische Stadt, denn sie hat bewiesen, daß es gerechte Lösungen gibt. Ich hoffe, wir müssen diese Stadt nicht mit, der Befürchtung verlassen, daß eines unserer beiden Länder mit einer Bedrohung seiner lebenswichtigen nationalen Interessen zu rechnen hat.«
Zu Beginn der eigentlichen politischen Gespräche erinnerte Kennedy den Kreml-Chef daran, daß sich beide bereits 1959 während einer Amerika-Reise des Sowjet-Premiers im außenpolitischen US-Senatsausschuß begegnet seien - Chruschtschow: »Ich weiß. Sie kamen damals zu spät« - und daß Chruschtschow damals schon das jugendliche Aussehen des Senators apostrophiert habe; inzwischen sei aber auch er älter geworden. Chruschtschow bezweifelte, daß er so etwas wirklich gesagt haben könnte, denn er wisse, daß junge Leute immer älter aussehen möchten und alte Leute jünger. In seiner Jugend, meinte er, habe es ihn verletzt, wenn ihn jemand wegen seines jugendlichen Aussehens für jünger gehalten habe. Aber dann hätte er schon mit zweiundzwanzig begonnen, grau zu werden, und damit sei das Problem gelöst gewesen.
Alsbald nahm Präsident Kennedy eine Zentralthese auf: Die beiden großen Atommächte müßten vermeiden, daß ihre lebenswichtigen Interessen direkt aufeinanderstießen und es kein Zurück mehr gäbe. Immer wieder kam er in den Gesprächen der beiden Tage auf diesen Punkt zurück.
Chruschtschow beklagte, daß John Foster Dulles den Kommunismus hatte vernichten wollen. Kennedy erwiderte, das wahre Problem sei der Versuch der Sowjets, anderen den Kommunismus aufzuzwingen. Das stimme nicht, sagte Chruschtschow; denn es sei ganz sicher, daß der Kommunismus eines Tages ohnehin überall triumphieren werde. Die Sowjet-Union habe es gar nicht nötig, anderen Staaten ihr System aufzuzwingen. Feudalismus habe dem Kapitalismus Platz gemacht, und ebenso werde der Kommunismus auf den Kapitalismus folgen.
Historische Notwendigkeit, erwiderte Kennedy, könne nicht von Minderheiten bewiesen werden, die gegen den Willen des Volkes die Macht ergriffen, selbst wenn dabei von »Befreiungskriegen« gesprochen werde. Der Tod von Systemen - seien sie feudalistisch oder monarchistisch - habe in der Vergangenheit zu Kriegen geführt; heute würden beide Länder in einem neuen Weltkrieg schwer zu leiden haben. Der Wettstreit der Ideologien könne auch ohne Gefährdung der Sicherheitsinteressen beider Staaten fortgesetzt werden. Er wiederholte dann noch einmal seine Ansichten über die Gefahr einer falschen Einschätzung (miscalculation) der Kräfte des Gegners.
Hier begannen sich Chruschtschows Nackenhaare leicht zu sträuben. Die Vokabel »miscalculation« und ihre wiederholte Anwendung gefalle ihm nicht. Wolle der Präsident damit sagen, daß der Kommunismus nur in kommunistischen Ländern Existenzberechtigung habe und daß die USA sein Anwachsen in anderen Ländern als feindselige Handlung der Sowjet-Union betrachten würden? Amerika wünsche offenbar, daß Rußland wie ein Schuljunge mit auf dem Tisch gefalteten Händen dasitze. Aber gegen Ideen gebe es keine Immunisierung. Lächelnd meinte er dann, man könne ja die Deutschen dafür verantwortlich machen, daß sie Marx und Engels hervorgebracht hätten. Es gehöre, wiederholte er, jedenfalls zur sowjetischen Politik, niemandem Ideen durch Krieg oder Waffengewalt aufzuzwingen.
Hier warf Kennedy ein, Mao Tse tung habe gesagt, der Sitz der Macht sei an der Mündung eines Gewehrs. Nein, erwiderte Chruschtschow, das könne Mao nicht gesagt haben. Er sei Marxist, und die Marxisten seien von jeher gegen den Krieg.
Der Präsident kam zum Thema zurück. »Miscalculation«, »Fehlrechnung« bedeute einfach eine irrige Voraussage über die nächsten Schritte des Gegners. Das treffe im gleichen Maße auf alle Länder zu. Er selbst habe damals (im Frühjahr 1961 bei der mißglückten Kuba-Invasion) in der Schweinebucht eine Fehlrechnung angestellt. Chruschtschow müsse seinerseits ohne Unterlaß den Westen beurteilen. Der ganze Zweck ihrer Zusammenkunft sei es, solchen Beurteilungen größere Präzision zu verleihen.
Von nun an kam Chruschtschow immer wieder darauf zurück, daß man der Sowjet-Union nicht jeden spontanen Aufstand oder jede kommunistische Entwicklung anlasten dürfe. Nasser, Nehru, Nkrumah und Sukarno, so betonte er, hätten alle den Wunsch geäußert, ihre Länder sollten sich nach sozialistischen Gesichtspunkten entwickeln. Was aber stelle sich Nasser unter Sozialismus vor, wenn er Kommunisten ins Gefängnis stecke? Und auch bei Nehru sei die kommunistische Partei in Indien nicht beliebt gewesen. Trotzdem erhielten sie alle Hilfe von der Sowjet-Union, das sei ein Beweis für die russische Nichteinmischungspolitik.
Dem Iran prophezeite er, das Volk werde den Schah stürzen; gleichzeitig versicherte er, Rußland habe damit nichts zu tun. Kuba habe sich gegen Amerika gewendet, weil amerikanische Kapitalisten den Diktator Batista gestützt hätten. Die Landung in der Schweinebucht habe die Befürchtungen der Kubaner, daß die Amerikaner ihnen einen neuen Batista aufzwingen würden, nur noch verstärkt; Castro sei kein Kommunist, könne aber durch die Politik Amerikas zu einem Kommunisten gemacht werden.
Chruschtschow ergänzte, er als Marxist - wozu ihn nicht die Geburt, sondern erst die Kapitalisten gemacht hätten - könne nicht voraussagen, welchen Weg Castro einschlagen werde. Aber wenn die Vereinigten Staaten sich von dem winzigen Kuba bedroht fühlten, was solle dann wohl Rußland zum Iran und zur Türkei sagen?
Kuba allein sehe man nicht als Bedrohung an, entgegnete Präsident Kennedy, wobei er keinen Hehl aus seiner Geringschätzung für Batista machte. Gefährlich sei jedoch Castros offen verkündete Absicht, die ganze Hemisphäre zu untergraben. Wäre Castro frei gewählt worden und hätte er sich bei der Wahl anderer nicht eingemischt, so hätte er vielleicht die Unterstützung Amerikas gefunden. Was würde wohl Chruschtschow zu einer prowestlichen Regierung in Polen sagen, die sehr wohl das Resultat freier Wahlen sein könnte?
Darauf antwortete Chruschtschow, Kennedy zeige wenig Achtung vor den Polen, wenn er so von einem Land rede, dessen Wahlsystem demokratischer sei als das Amerikas.
In Amerika können wir wirklich wählen, warf der Präsident ein, worauf Chruschtschow wiederum behauptete, die politischen Parteien in Amerika seien nur dazu da, das Volk zu täuschen. Sie unterschieden sich in Wahrheit überhaupt nicht voneinander. Und wie stehe es denn mit der amerikanischen Unterstützung reaktionärer, undemokratischer Regierungen in Nationalchina, Pakistan, Spanien, im Iran, in der Türkei und mit der Unterdrückung der Kolonien? Der Schah von Persien gebe vor, seine Macht sei ihm von Gott verliehen worden; jeder wisse aber, daß diese Macht vom Vater des Schahs ergriffen wurde, der keineswegs Gott gewesen sei, sondern Sergeant in der iranischen Armee.
Die Waffen, die Amerika nach dem Zweiten Weltkrieg zur Bekämpfung der Kommunisten an China lieferte, fuhr der Ministerpräsident fort, hätten keinen Erfolg gehabt, weil das Heer nicht gegen das Volk kämpfen wollte. Tschiang Kai-schek sei nur eine Art Umschlagplatz für amerikanische Waffenlieferungen an Mao Tse-tung gewesen. Amerika solle sich hüten, in China einen Präzedenzfall zu schaffen und sich in die internen Angelegenheiten anderer Länder einzumischen.
Der Präsident widerstand der Versuchung, wie er mir später erzählte, an diesem Punkt Chruschtschows Präzedenzfall Ungarn anzuführen.
Einst, sagte Chruschtschow hätten die Amerikaner den Freiheitskampf mit angeführt. Sie seien so revolutionär gewesen, daß sich der russische Zar sechsundzwanzig Jahre lang geweigert habe, ihr Land anzuerkennen. »Heute weigern sich die Vereinigten Staaten, das neue China anzuerkennen - so ändern sich die Zeiten.
Kennedy räumte ein, daß nicht alle
amerikanischen Verbündeten so demokratisch seien wie Amerika. Einige Bindungen hätten strategische Zwecke - er nannte außer Spanien, auch Jugoslawien, was Mr. Chruschtschow unangenehm berührte. Umgekehrt entsprächen die »Befreiungskriege«, denen Chruschtschow in einer Rede im Januar Unterstützung zugesagt habe, nicht immer dem Willen der Völker und könnten leicht zu einer Gefahr auch für die Großmächte werden.
Die Vereinigten Staaten, sagte daraufhin Chruschtschow, litten an Überheblichkeit. Sie seien so reich und mächtig, daß sie glaubten, besondere Rechte zu haben und die Rechte anderer nicht anerkennen zu brauchen.
Die Sowjet-Union könne den Grundsatz des »Kümmere dich um deine eigenen Sachen« nicht akzeptieren. Denn wo immer die Rechte anderer Völker verletzt werden, werde Rußland Hilfe leisten. Die Kommunisten hätten viel Erfahrung im Partisanenkrieg. Wenn Guerillas von außen her in ein Land geschickt werden, dessen Bevölkerung sie nicht unterstütze, so wäre das ein hoffnungsloses Unterfangen. Seien sie jedoch einheimische Truppen, so würde jeder Busch ihr Verbündeter.
Zweimal betonte Chruschtschow, er spreche weder mit Billigung noch auf Verlangen Rotchinas, er wünsche jedoch seiner Überzeugung Ausdruck zu verleihen, daß Rotchina sowohl in die Vereinten Nationen wie nach Formosa gehöre.
Nein, erwiderte Präsident Kennedy, ein Abzug der US-Streitkräfte von Formosa und die Einstellung unserer Hilfe würden unsere strategische Position in Asien schwächen. Das bedeute, daß Rotchina um Formosa kämpfen müsse, sagte Chruschtschow, und das sei überaus betrüblich. Er müsse deshalb Amerikas Aufrichtigkeit in der Frage friedlicher Koexistenz anzweifeln. Kennedy könne dann ja ebensogut die Krim besetzen mit dem Argument, das stärke seine strategische Position. Das sei Politik nach dem Muster von Foster Dulles. Die Zeiten hätten sich
aber geändert; solche Methoden müßten heute versagen. Wäre er in der Lage Rotchinas, sagte er, so hätte er bereits um Formosa gekämpft. Rußland sei nach der Revolution schon mit stärkeren Ländern fertig geworden, die ihm ebenfalls hätten Gebiete streitig machen wollen. Solche Kriege seien heilige Kriege.
Drei Themen beherrschten die Gespräche: Laos, die Einstellung der Kernwaffenversuche und Berlin. In der Laos -Frage half Kennedys Beharrlichkeit, Chruschtschow in dem einzigen Punkt festzulegen, in dem eine Abmachung getroffen wurde - ein nicht sehr großer, aber unerwarteter Pluspunkt: Chruschtschow stimmte zu, daß für keine der beiden Mächte Laos einen Krieg wert sei, daß man eine für beide Teile akzeptable Regierung finden müsse und daß die Waffenruhe kontrolliert werden sollte.
In der Frage der Einstellung der Kernwaffenversuche kam es zu keiner Einigung. Jede Untersuchung, die über drei jährliche Inspektionen hinausgehe, sei für Spionagezwecke bestimmt, sagte Chruschtschow, und nach seiner Ansicht sei es auch genau dies, was das Pentagon immer beabsichtigt habe; Eisenhowers Vorschlag eines »Offenen Himmels« sei Teil dieses Plans. Wenn Amerika wolle, daß er zu Hause rausgeschmissen werde, so scherzte er, dann solle es nur in diesem Punkt weiterdrücken.
Präsident Kennedy dagegen meinte, Rußlands angebliche Furcht vor Spionage müßte verblassen gegenüber dem Problem, das drohe: ein halbes Dutzend anderer Länder, die ebenfalls Atomwaffen bauten, während sich die Abrüstungskonferenzen hinzögen. Er zitierte ein chinesisches Sprichwort: Eine Reise von tausend Meilen beginnt mit dem ersten Schritt. Und er drängte Chruschtschow, diesen Schritt zu tun. »Sie kennen anscheinend die Chinesen recht gut«, meinte Chruschtschow, »aber ich kenne sie auch ganz gut.« »Sie werden sie vielleicht noch besser kennenlernen«, erwiderte der Präsident. »Ich kenne sie schon jetzt sehr gut«, schloß Chruschtschow.
Die grimmigsten Gespräche galten jedoch Deutschland und Berlin*. Chruschtschow war kriegerisch, Kennedy unnachgiebig. Dieser Teil der Konferenz stimmte den Präsidenten am düstersten.
»Ich verließ die Konferenz«, sagte er später, »nicht mit dem Gefühl, daß es leicht sein werde, den Schritt über den Abgrund zu verhindern.« Mehreren Presseleuten schilderte er Chruschtschows Forderungen und seinen eigenen- Entschluß, nicht nachzugeben. Wenn Chruschtschow gesagt hatte, was er meinte, dann war die Gefahr eines Atomkrieges nah. Denn Kennedy hatte gemeint, was er gesagt hatte.
Er, dem nun keine sechs Monate mehr blieben, um sich auf einen möglichen Atomkrieg wegen Berlin vorzubereiten, wollte keinen Journalisten oder Bürger seines Landes noch länger in dem Glauben lassen, daß die von ihm seit Anbeginn bekämpfte Selbstzufriedenheit weiter geduldet würde oder daß es irgendwelche Zaubermittel gäbe, die Stoßkraft der Russen aufzufangen.
Er wollte den Kongreß, der mit der Auslandshilfe und damit zusammenhängenden Programmen herumtrödelte, aufrütteln, damit er die kommenden Schritte des Präsidenten unterstütze. Er wollte jedermann den Eindruck nehmen, die oberflächliche Höflichkeit von Wien entspreche einem neueren »Geist von Genf« (1955) oder einem neuen »Geist von Camp David« (1959).
Aber vielleicht übertrieb er seine Warnungen. Seine persönlichen Informationen an die Presse waren düster im Gegensatz zu dem sich heiter gebenden Chruschtschow, so daß bald das Gerücht entstand, Wien sei für Kennedy zum schrecklichen Trauma geworden. Chruschtschow habe ihn grob angefahren und eingeschüchtert, und er sei jetzt deprimiert und mutlos geworden.
Tatsächlich erfuhr man später, daß Chruschtschow in Interviews Kennedy als »hart« bezeichnete, besonders in der Berlin-Frage. Persönlich habe ihm Kennedy, seine Offenheit und sein Humor gefallen, sagte Chruschtschow, aber Eisenhower sei vernünftiger und
- bis zu dem U-2-Zwischenfall - auch
leichter zu nehmen gewesen.
Weder für Kennedy noch für Chruschtschow gab es in Wien Sieg oder Niederlage. Keiner war erfreut und keiner erschüttert. Jeder hatte beim andern Schwächen gesucht und nicht gefunden.
Chruschtschow hatte sich weder von Kennedys Logik noch von dessen Charme beeinflussen lassen, und das hatte der Präsident auch nicht anders erwartet. Kennedy hatte sich von Chruschtschows harten Worten nicht ins Bockshorn jagen lassen; und falls Chruschtschow das erhofft haben sollte, so mußte er umlernen. »Als wir uns verabschiedeten«, sagte Chruschtschow zu - einem Reporter, »da hielt jeder an seiner eigenen Meinung fest.«
Auf dem Wege zur Beendigung des Kalten Krieges hatte man keinerlei Fortschritte gemacht - was beide auch nicht anders angenommen hatten. Aber jeder hatte auf den andern einen tiefen und nachhaltigen Eindruck gemacht. Jeder war unnachgiebig geblieben, wo die Interessen seines Landes betroffen waren. Jeder hatte sich, wie es für einen Führer notwendig ist, mit seinem Gegner und dessen Argumenten vertraut gemacht. Und mehr als zuvor kannte jetzt jeder die Festigkeit des gegnerischen Standpunktes und die Schwierigkeit einer Verständigung.
Während der folgenden Monate blieb Kennedy taub gegenüber Chruschtschows angedeuteten Einladungen zu einer Reise nach Rußland, obgleich
von einem außerordentlich herzlichen Willkommen des russischen Volkes und von einer Bärenjagd mit dem Ministerpräsidenten gesprochen wurde.
Nachdem dann 1963 die Einstellung der Atomwaffenversuche und andere Vereinbarungen erreicht worden waren, wäre die Reise möglich gewesen. In den Jahren 1961 und 1962 jedoch, als die beiden Mächte die gefährlichen Konflikte Berlin und Kuba noch nicht überwunden hatten, wollte Kennedy nicht reisen. Wenn es die Lage zulasse, schrieb er an Chruschtschow, werde er mit Vergnügen kommen; er habe 1939 die Sowjet-Union schon einmal kurz besucht und freue sich, die seit damals eingetretenen Veränderungen kennenzulernen.
Der persönliche Kontakt zwischen den beiden Männern blieb erhalten, ohne daß sie sich noch einmal trafen. Die Verbindung bestand in einer Privatkorrespondenz, die Chruschtschow am 29. September 1961 mit einem Brief aus seinem Ferienort am Schwarzen Meer eröffnete.
Die Veröffentlichung dieser Korrespondenz hätte zwar heute keinerlei Einfluß mehr auf die Macht oder die Pläne beider Männer. Es ist aber wichtig, künftigen sowjetischen Führern, die noch einmal diesen Weg beschreiten möchten, das Gefühl zu geben, daß sie dabei nichts zu befürchten haben. Ich werde mich daher darauf beschränken, Art und Zweck dieser Briefe zu beschreiben, ohne jene Teile aus Chruschtschows Briefen zu zitieren, die direkte Vorschläge enthalten.
Er hätte, schrieb Chruschtschow in seinem ersten Brief, schon früher im Sommer schreiben wollen, nachdem Kennedy in Washington mit seinem Schwiegersohn (Adschubej) und einem sowjetischen Presseoffizier zusammengetroffen war. Kennedys Juli-Rede an die amerikanische Nation zur Berlin -Frage sei jedoch in ihrem Tenor so kriegerisch gewesen, daß sie zu militärischen Maßnahmen geführt habe, die in beiden Ländern unter einem Druck erfolgt seien, den man künftig vermeiden müsse. Mit einem Anflug von Stolz verwies Chruschtschow auf die besondere Verantwortung, die auf ihnen beiden als den Führern der mächtigsten und einflußreichsten Staaten ruhe. Ein persönlicher Briefwechsel, so schrieb er, der in beiden Ländern die bürokratischen Kanäle des Außenministeriums umgehe, die übliche Propaganda für den öffentlichen Gebrauch auslasse und ohne den abwägenden Blick auf die Presse die jeweiligen Positionen abstecke, könnte doch von Nutzen sein. Wenn Kennedy dieser Ansicht nicht sei, so solle er diesen ersten Brief als nicht existent betrachten. Chruschtschow werde jedenfalls die Korrespondenz offiziell nicht erwähnen.
Der Brief begann mit den Worten »Dear Mr. President« und schloß »Mit dem Ausdruck meiner Hochachtung, N. Chruschtschow, Ministerpräsident der UdSSR«.
Der Brief kam nicht durch die üblichen diplomatischen Kanäle und rief, als er eintraf, bei den wenigen Beratern, die der Präsident einweihte, Sensation und Spekulation zugleich hervor.
Der vorgeschlagene Briefwechsel paßte zu Kennedys Vorstellung von direkter Kommunikation. Ein Austausch optimistischer Briefe konnte die Gefahr eines Zusammenstoßes über Berlin verringern. Aber Kennedy wußte wohl, daß es noch andere Gefahren gab.
Eine eindeutig negative Antwort in Sachen Berlin mochte die sowjetische Gegenaktion beschleunigen. Schrieb Kennedy jedoch eindeutig positiv, so würde seine Antwort vielleicht heimlich den Deutschen und Franzosen gezeigt als Beweis dafür, daß Amerika hinter ihrem Rücken konspiriere.
Wenn Kennedy seinen nicht verschwiegenen Verbündeten die Korrespondenz zeigte, so war das gleichzeitig das Ende des Briefwechsels. Tat er es nicht, so konnte Chruschtschow die Korrespondenz dazu benutzen, den Westen zu spalten.
»Die Antwort auf dieses Schreiben«, sagte Botschafter Charles Bohlen, »wird vielleicht der wichtigste Brief sein, den der Präsident jemals schreibt.«
Etwa zwei Wochen später war Kennedy in Cape Cod mit seiner Antwort fertig. Er begann seinen Brief wie Chruschtschow mit ein paar freundlichen Worten über seinen Ferienort, die Kinder, deren Vettern und Cousinen und über die Gelegenheit, hier, entfernt von dem Trubel in Washington, einen ruhigeren und klareren Überblick zu gewinnen.
Er begrüßte den Gedanken eines privaten Briefwechsels, erwähnte jedoch, daß der Außenminister und einige andere davon erfahren würden. Ein persönlicher und nicht formeller Gedankenaustausch in offenen und realistischen Worten könne, so schrieb er, die offiziellen Kanäle sinnvoll ergänzen. Die Briefe seien privater Natur und hätten niemals den Zweck, den Partner zu bekehren; so könne man in ihnen auch auf die Polemik der Debatten des Kalten Krieges verzichten. Natürlich würden diese Debatten fortgesetzt; die Briefe jedoch seien nur für den Partner bestimmt.
In seinem Brief - wie auch in den folgenden - ging der Präsident auf einige Punkte Chruschtschows ein, mit denen er übereinstimmte; er wiederholte sie oder gab ihnen eine Auslegung, die ihm mehr zusagte.
Für seine Verhältnisse wurde - es ein langer Brief, fast zehn eng beschriebene Seiten. Aber Chruschtschows Brief war erheblich länger. Kennedy schrieb freundschaftlich und hoffnungsvoll, mit einer persönlichen Note und mehreren Sätzen in Ich-Form, die er in seinen Reden nur selten anwandte.
Er pflichtete dem bei, was der Ministerpräsident über ihre besonderen Verpflichtungen gegenüber der Welt gesagt hatte. Sie seien zwar, fügte er hinzu, nicht persönlich verantwortlich für die Ereignisse am Ende des Zweiten Weltkrieges, die zu der heutigen Lage in Berlin geführt hätten, aber man werde sie zur Verantwortung ziehen, wenn sie mit dieser Lage nicht auf friedlichem Wege fertig würden.
Sein Brief begann mit »Dear Mr. Chairman«, und er schloß mit den besten Wünschen seiner Familie an die Familie Chruschtschows und mit der Hoffnung, daß auch durch diesen Briefwechsel die Beziehungen zwischen beiden Nationen sich bessern und konkrete Fortschritte auf dem Wege zur Herstellung eines gerechten und dauerhaften Friedens erzielt werden würden. Das, sagte er, ist unsere größte gemeinsame Verantwortung und unsere größte Chance.
In den nächsten beiden Jahren blühte die Korrespondenz, selbst als ihre Existenz nach der Kubakrise 1962 bekannt wurde. Von Chruschtschow kamen manchmal verschiedene Briefe zu verschiedenen Themen fast gleichzeitig an. Der Briefwechsel erreichte im wesentlichen wenig greifbare Resultate, wenn man von den besonderen Briefen absieht, die über die Kubakrise gewechselt wurden.
Die Argumente, die ausgetauscht wurden - über Laos, Kernwaffenversuche, Kuba, Vietnam, Berlin -, unterschieden sich nicht im Kern, wohl aber zuweilen im Ton von den Argumenten, die von den Botschaftern der Absender ausgetauscht wurden.
Chruschtschows Briefe waren sehr unterschiedlich. Manchmal war ihr Ton noch härter als in seinen offiziellen Auslassungen. Einige Briefe schienen von einem Referenten aufgesetzt worden zu sein und enthielten die üblichen Vorschläge. Andere waren offener, farbiger, ausführlicher und mit Anekdoten geschmückt. Er schrieb dann von seiner Verantwortung und von seinen Aufgaben. Diese hatte er selbst diktiert, davon waren wir überzeugt. Was er über amerikanische Presseberichte und Kongreßdebatten schrieb, zeugte oft von überraschender Detailkenntnis. Amüsant waren immer wieder seine illustrierenden Vergleiche.
Die Position, die Amerika und Rußland in Berlin eingenommen hatten, verglich er mit zwei dummen und starrsinnigen Ziegenböcken, die sich Kopf an Kopf auf einer schmalen, über den Abgrund führenden Brücke gegenüberstanden: Keiner wollte nachgeben, beide mußten in der Tiefe zerschmettert werden. De Gaulles Einfluß auf Adenauer erinnerte ihn an einen russischen Bauern, der mit bloßen Händen einen Bären eingefangen hat, ihn aber dann - weder heimführen noch laufenlassen kann, weil auch der Bär ihn umarmte.
Chruschtschows Sprache war zuweilen scharf, blieb jedoch immer höflich. Vorwürfe machte er gewöhnlich nicht Kennedy, sondern »gewissen Kreisen« oder »Hitzköpfen« in Amerika und im Westen.
Kennedys Briefe waren ebenfalls freundlich, aber kürzer und direkter, und obwohl sie keine greifbaren Resultate erzielten, gehörten sie zu den überzeugendsten Briefen, die er je geschrieben hat. Er überfiel Chruschtschow mit dringenden Fragen, auf die er Antworten erwartete; nannte die Gründe für die Verzögerung eines Friedensvertrages mit Deutschland und machte hoffnungsvolle Äußerungen für eine endliche Übereinstimmung.
Kennedy betrachtete kommunistische Aggression und Subversion als unerträglich, nicht jedoch den Kommunismus selbst. »Was Ihre Regierung glaubt«, schrieb er 1961 an Chruschtschow, »ist ihre Sache. Was Ihre Regierung in der Welt tut, ist Sache der Welt.«
Beide Schreiber vermieden in ihren Briefen die rauhe Atmosphäre der Wiener Tage, in denen beide das Gefühl gehabt hatten, mit Bitten und Drängen sei nun nichts mehr getan; es müsse zu einem, Zusammenstoß kommen.
Da Chruschtschow wußte, daß unser Außenminister und der Botschafter in Moskau über den Briefwechsel unterrichtet waren, überlegten wir manchmal, ob er die von ihm eingeschlagenen Übermittlungswege - die er zuweilen mit geradezu spionageähnlicher Geheimnistuerei umgab - etwa benutzte, um den Schriftverkehr vor jemandem in seiner Regierung zu verheimlichen, vielleicht auch vor jemandem in der Armee oder im Präsidium.
Bei einer Gelegenheit diente ich als Mittelsmann. Georgij Bolschikow, ein nicht sehr bedeutender sowjetischer Funktionär in Washington, gab mir auf einem Spaziergang in der City der Hauptstadt eine zusammengefaltete Zeitung, die einen bereits übersetzten Brief enthielt. Er sagte dabei, der in dem Schreiben dargelegte Vorschlag (eine kleine, aber hoffnungsvolle Konzession in der Berlin-Frage) stamme von Chruschtschow persönlich. Chruschtschow sei der Ansicht, die besten Leistungen kämen aus seiner Feder und nicht von Diplomaten, »die auf die Frage spezialisiert seien, warum irgend etwas vor vierzig Jahren nicht geklappt habe«. Chruschtschow nehme an, daß Kennedy ähnlich arbeite:
Mit Hilfe dieser Briefe waren beide Männer besser imstande, einander zu beurteilen. Chruschtschow äußerte gegenüber (Kennedys Pressechef) Salinger und anderen, er hege jetzt Respekt und Zuneigung für Kennedy, trotz ihrer Meinungsverschiedenheiten. Ein Informant berichtete, Chruschtschow habe zu Castro gesagt: »Kennedy ist ein Mann, mit dem man reden kann.« Er schätzte Kennedys undemagogische Haltung und war
- spätestens nach dem Oktober 1962 von dessen Unbeugsamkeit überzeugt.
Kennedy seinerseits hatte sich von den populären Vorstellungen gelöst, Chruschtschow sei entweder ein grober Possenreißer oder eine liebenswerte Kreatur. »Daß er sich so gibt«, sagte Kennedy, »liegt an seinem nationalen Minderwertigkeitskomplex.« Nach Kennedys Ansicht War der Russe ein kluger, zäher und gewitzter Gegner, vergleichbar höchstens den geschickten und aggressiven Racketeers, die vor den Senatsausschuß gegen das Gangsterunwesen zitiert worden waren.
Kennedy war aber auch davon überzeugt, Chruschtschow sei sich - mindestens seit der Kubakrise 1962 - bewußt, daß sie beide im Zeitalter ihrer atomaren Möglichkeiten mit äußerster Vorsicht vorgehen müßten.
Kennedy fand Chruschtschow bewundernswert uninteressiert an Gesprächen über Dinge, die zu geringfügig waren, um ihn zu berühren, oder zu bedeutend, um geändert zu werden.
Chruschtschow, so meinte der Präsident, leide wie er unter dem Druck, den seine Militärs, andere Politiker und verbündete Länder auf ihn ausübten. Er interessierte sich für einen Bericht von Sonderbotschafter Harriman, der nach einem Besuch in Moskau 1963 geschrieben war und in dem es hieß, der sowjetische Ministerpräsident zögere nicht - im Gegensatz zu dem Harriman gleichfalls bekannten Stalin -, sich unter das Volk zu mischen. Er scheine die Zuneigung der Bevölkerung zu erwidern und dabei eine strenge diktatorische Disziplin aufrechtzuerhalten, bei der die Terror-Atmosphäre Stalins gänzlich fehle.
Auf die Frage, wie er Chruschtschows politische Stellung einschätze, erwiderte der Präsident nur: »Ich glaube nicht, daß wir es genau wissen, aber ich möchte annehmen, er hat seine guten und schlechten Monate - wie wir alle.«
IM NÄCHSTEN HEFT:
Krieg um Berlin? - Ulbricht kündigt die Schließung Tempelhofs an - General Taylor vergleicht Berlin mit Stalingrad - Bonn verrät US-Pläne
* Ultimativ forderte Chruschtschow in Wien den Abschluß eines Friedensvertrages mit Gesamtdeutschland oder mit der Bundesrepublik und der DDR getrennt, die Umwandlung West-Berlins in eine demilitarisierte »Freie Stadt«, den Abzug der alliierten Truppen und die Anerkennung der bestehenden deutschen Grenzen. Er setzte dafür eine Frist von sechs Monaten. Sollten die Westmächte ablehnen, würde die Sowjet-Union mit der DDR einen separaten Friedensvertrag abschließen und dem Ulbricht-Staat die Kontrolle der Zugänge nach West-Berlin überlassen. Die Berlin-Krise wird in der nächsten Fortsetzung der SPIEGEL-Serie behandelt.
Präsident Kennedy, Berater Sorensen: Haben Sie das auch notiert?«
Chruschtschow, Kennedy in Wien 1961: »Sie sind ein frommer Mann«
Wiener Gesprächs-Obiekt Powers
Geste der Ritterlichkeit
Wiener Gesprächs-Objekt Gagarin
Verschlüsselte Botschaft
New York Herald Tribune
Chruschtschow in Wien: »Stört es, wenn ich weiter esse?«
Nina Chruschtschowa, Jacqueline Kennedy, Tischherren: »Wollen Sie mich entflammen?«
Wiener Gesprächs-Objekt Atomstopp
»Ein falscher Schritt...
... und die Lichter verlöschen": Wiener Gesprächs-Objekte Laos, Berlin
Wien-Heimkehrer Kennedy im Weißen Haus: Ein Brief von Chruschtschow in einer zusammengefalteten Zeitung