»Ich werde mich mit Hanoi nicht aussöhnen« - DER SPIEGEL
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»Ich werde mich mit Hanoi nicht aussöhnen«

SPIEGEL-Interview mit dem früheren kambodschanischen Staatschef Prinz Sihanouk
• aus DER SPIEGEL 28/1981
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL: Monseigneur, in Pnom Penh sind Plakate zu sehen, die Sie mit blutbefleckten Händen zeigen. Die vietnamesische Propaganda behauptet, Sie seien Komplice der Roten Khmer geworden. In der Vergangenheit haben Sie selbst die Roten Khmer des Völkermords bezichtigt. Jetzt dagegen wollen Sie mit ihnen in einer Vereinten Front

( Zusammenarbeit zwischen den Roten ) ( Khmer, Sihanouk-Anhängern und Guerillas ) ( des Antikommunisten Son Sann. )

gemeinsame Sache machen. Haben Sie Ihre Meinung geändert?

SIHANOUK: Nein. Der änderungsfreudige Prinz hat sich nicht geändert. Die Roten Khmer sind entsetzlich und haben Entsetzliches getan. Jetzt aber kämpfen sie gegen die vietnamesischen Besatzer in meinem Land. Ich weiß, daß mein Volk sie haßt und fürchtet.

SPIEGEL: Wenn das kambodschanische Volk die Wahl hätte zwischen dem vietnamesischen Protektorat und der Rückkehr Pol Pots, für was würde es sich entscheiden?

SIHANOUK: Für das Protektorat. Es gibt aber auch andere Kambodschaner, Intellektuelle und Politiker, die außerhalb Kambodschas leben und die Realitäten des Landes nicht genau kennen. Es sind Superpatrioten, die mich jetzt des Verrats anklagen würden, wenn ich mich ihnen in ihrem Kampf gegen die Vietnamesen nicht anschlösse.

SPIEGEL: Was also werden Sie tun?

SIHANOUK: Für mich ist es ein Drama, eine Tragödie. Ich möchte nicht, daß noch mehr kambodschanisches Blut vergossen wird. Es ist ohnehin schon reichlich geflossen. Andererseits jedoch kann ich nicht umhin, mich der Vereinten Front anzuschließen, denn es gibt Leute, die bereit sind, zu kämpfen -- für mich zu kämpfen. An der thailändischen Grenze stehen etwa 2000 Sihanouk-Anhänger, ausgerüstet mit nur wenigen Gewehren und einiger feuchter Munition. Sie bitten um Hilfe.

SPIEGEL: Haben Sie diese Bewegung ins Leben gerufen?

SIHANOUK: Nein, ich habe ihre Bewegung nicht ins Leben gerufen. Im Grunde bin ich mit ihnen auch nicht einverstanden, ich halte sie für unvernünftig. Dennoch kann ich sie nicht im Stich lassen. Ich muß ihnen Waffen, Medizin und Geld beschaffen. China hat versprochen, mich dabei zu unterstützen.

SPIEGEL: Welche Rolle wollen Sie in der Front übernehmen?

SIHANOUK: Ich möchte nicht ihr Chef sein. Die Superpatrioten wollen kämpfen, und ich werde ihnen helfen. Aber ich möchte nicht in die Geschichte eingehen als ein Mann, der für noch mehr Blutvergießen unter den Kambodschanern verantwortlich ist. Ich trete der Bewegung daher schlicht als Mitglied bei und nicht als ihr Führer.

SPIEGEL: Was erwarten Sie von dieser Vereinten Front?

SIHANOUK: Keinen Sieg. Die Vietnamesen haben zunächst die Franzosen, dann die Amerikaner besiegt. Wie also könnten wir sie besiegen? Die Vietnamesen kennen Kambodscha wie ihre eigene Westentasche, schließlich kämpfen sie dort seit 30 Jahren. Militärisch können wir sie also nicht besiegen. Wir können ihnen aber genügend Schwierigkeiten machen, so daß sie am Ende vielleicht zu Verhandlungen bereit sind.

SPIEGEL: Und wie wollen Sie das bewerkstelligen?

SIHANOUK: Es ist nur eine Hoffnung. Wir hoffen ganz einfach, daß Hanoi einen politischen Kompromiß akzeptiert, bei dem das Land neutralisiert wird und unter internationaler Aufsicht allgemeine Wahlen stattfinden.

SPIEGEL: Das wird Hanoi nie akzeptieren.

SIHANOUK: Natürlich wird es Probleme geben. Selbst wenn Vietnam der Uno-Resolution Folge leistete und morgen sämtliche Truppen abzöge, würde es Probleme geben. Es käme sofort zu einem neuen Bürgerkrieg. Wer aber könnte ihn stoppen? Die Blauhelme der Unotruppen etwa? Ich beurteile die Zukunft meines Landes keineswegs optimistisch. Ich bin mir durchaus bewußt, daß Kambodscha ein zweiter Libanon werden könnte, gefangen in einem Krieg, dessen Ende nicht abzusehen ist.

SPIEGEL: Und wie beurteilen Sie die Zukunft Sihanouks?

SIHANOUK: Mein Volk hat mich noch nicht vergessen, denn die alten Zeiten unter Sihanouk waren die besten, die es je erlebt hat. Seit ich von Lon Nol gestürzt worden bin, gibt es in Kambodscha weder Frieden noch materiellen Wohlstand. Ich bin nicht vollkommen. Ich habe Fehler gemacht. Dennoch glaube ich, daß ich unter all den schlechten Führern, die Kambodscha in der letzten Zeit hatte, der am wenigstens schlechte bin. Mein Volk wird mich nicht vergessen.

SPIEGEL: Vorerst wohl nicht, aber was werden Sie tun?

SIHANOUK: Im nächsten Jahr werde ich, wenn Thailand es mir erlaubt, die Grenzgebiete bereisen, um dort mit den Widerstandsgruppen zusammenzutreffen. Bis dahin werde ich warten. Noch ist für mich der Zeitpunkt nicht gekommen, die politische Arena zu betreten, da die Roten Khmer immer noch als die legitimen Vertreter des kambodschanischen Staates anerkannt sind. S.115

SPIEGEL: Warum soll eine Vereinte Front geschaffen werden?

SIHANOUK: Weil die Chinesen es so wollen. Sie drängen auf Bildung der Vereinten Front -- und zwar sofort --, um damit die Position des antivietnamesischen Widerstands vor der internationalen Kambodscha-Konferenz zu stärken. So werde ich mich der Front anschließen und habe mich ihr nicht in den Weg gestellt. Eine führende Rolle aber kann ich in ihr nicht übernehmen.

SPIEGEL: Warum nicht?

SIHANOUK: Weil ich eine Minderheit bin. Die Mehrheit glaubt an einen Sieg der Vereinten Front. Die Roten Khmer behaupten, daß sie in den vergangenen zwei Jahren bereits zwei Fünftel des Landes befreit haben und in weiteren drei Jahren, 1984 also, Pnom Penh befreien werden. Ich kann dazu nur sagen, bravo, bravo. Son Sann behauptet sogar, daß die Vietnamesen in vier Jahren besiegt sein werden. Auch hier kann ich nur applaudieren. Alle sagen mir: »Wir werden siegen, siegen.« Ich bin also wie ein Papagei, der nachplappert: »Wir werden siegen, siegen.«

SPIEGEL: Angeblich haben Sie vergangenes Jahr die Haltung der Vietnamesen zu einem möglichen Kompromiß sondieren lassen. Als Antwort sollen Sie den Bescheid erhalten haben: »Verlassen Sie China. Gehen Sie nach Frankreich, um dort zu bleiben, dann werden wir verhandeln.« Stimmt das?

SIHANOUK: Nein. Ich habe niemanden zu einer Sondierung entsandt. Nachdem ich vier Briefe an Hanois Pham Van Dong geschrieben habe, deren Empfang er nicht einmal bestätigte, habe ich zu den Vietnamesen nie wieder Kontakt aufgenommen.

SPIEGEL: Sie wollen nichts mit Hanoi zu tun haben?

SIHANOUK: Ich habe den Chinesen und allen anderen erklärt, daß ich mich mit Hanoi nicht aussöhnen und nicht in die Volksrepublik Heng Samrins zurückkehren werde. Natürlich werde ich auch nicht zurückkehren, wenn Pol Pot und Khieu Samphan wieder an die Macht kommen sollten. So dumm bin ich nicht.

SPIEGEL: In welchem Lande wollen Sie denn leben?

SIHANOUK: Wenn Kambodscha nicht befreit wird, werde ich in China leben und in Korea sterben. Ich habe in der Nähe von Pjöngjang bereits einen hübschen kleinen Hügel entdeckt. Er ist von Pinien umstanden und überblickt einen kleinen See. Ein schöner Platz für meine Asche. Dort wird es sich der tote Sihanouk dann wohl sein lassen.

S.114Zusammenarbeit zwischen den Roten Khmer, Sihanouk-Anhängern undGuerillas des Antikommunisten Son Sann.*

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