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»Idealer Tummelplatz für Industriespione«

Der deutschen Wirtschaft entstehen jährlich Milliarden-Verluste durch Industriespionage. In allen Branchen sind Berufsagenten und Amateure auf der Jagd nach Konstruktionsunterlagen, Produktionsverfahren und Marketingkonzepten. Die meisten Späher stehen nicht im Sold kommunistischer Länder, sondern arbeiten im Auftrag westlicher Konkurrenz-Unternehmen. Durch die Fortschritte der Elektronik verfügt das Agentenheer über eine Vielzahl technischer Hilfsmittel, durch die ein wirksamer Betriebs- und Geheimnisschutz immer schwieriger wird.
• aus DER SPIEGEL 13/1972
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Auf der Düsseldorfer Interkama-Messe fingen Techniker beim Installieren einer Rundfunkanlage auf einer unbekannten Sendefrequenz merkwürdige Gesprächsfetzen ein. Als sie den Ton schärfer einstellten, wurden sie plötzlich Zeuge eines vertraulichen Messegesprächs: Deutlich vernahmen die Zufallshörer, wie ein Aussteller mit einem Kunden Preise und Rabatte aushandelte.

Die sofort alarmierte Messeleitung ließ 30 Minuten später einen Peiltrupp der Bundespost nach dem geheimnisvollen Sender fahnden, in Halle drei auf dem Stand der Essener Firma Electronic GmbH & Co. KG wurden die Beamten fündig: Hinter einer Kabinentapete entdeckten sie einen Mini-Spion (Branchenjargon: »Wanze") in Zigarettenschachtel-Format. Welcher Konkurrent die Signale des Senders empfing, konnten die Beamten jedoch nicht herausfinden, da die Wanzentöne in einem Umkreis von 250 Metern von jedem normalen Radioapparat mit UKW empfangen werden können.

Mehr Glück auf der Jagd nach Schnüfflern der Konkurrenz hatten Detektive des Fürther Großversandhauses Quelle. Seit Januar dieses Jahres mußte sich das Landgericht in Frankfurt unter dem Aktenzeichen 2/60402/71 mit »einem der erstaunlichsten Fälle von Wirtschaftsspionage«, so Rechtsanwalt Alfons Vogt, beschäftigen. Auf Antrag von Quelle sollten die Richter klären, auf welch geheimnisvolle Weise das Schmuckversandhaus Klingel in Pforzheim in den Besitz von 327 500 Sammelbesteller-Adressen des Fürther Konzerns gekommen ist.

Die Fürther Fahnder, die für ihre Recherchen im Fall Klingel über 300 000 Mark ausgaben, legten dem Gericht Beweise vor, wonach die Pforzheimer das Adressenmaterial für 164 000 Mark von einer Schweizer Briefkastenfirma »gekauft« haben. Lieferant des wertvollen Materials waren Quelle-Angestellte, die aus Firmenschränken und -schreibtischen einen Zentner Mikrofilme, Magnetbänder, Lochkarten und Geschäftsbriefe verschwinden ließen. Vor Gericht beziffern die Quelle-Anwälte den Verlust mit über einer Million Mark. Das von Quelle zusammengetragene Belastungsmaterial beeindruckte die hessischen Richter so sehr, daß sie am 8. März die Firma Klingel dazu verurteilten, den gesamten entstandenen Schaden zu ersetzen.

Gefaßt wurde auch das Spionage-Pärchen Gerda Müller* und Hans Haberle*. Begonnen hatte die Affäre, als die Münchner Sekretärin Gerda Müller wegen drückender Schulden eine »Nebenbeschäftigung in kaufmännischer Tätigkeit« suchte. Auf ihr Inserat meldete sich der Fachschriftsteller Haberle aus Stuttgart. Gegen gutes Honorar ließ der angebliche Experte für Raumfahrttragen von der dienstbeflissenen Bürodame Manuskripte abtippen und Artikel aus amerikanischen Fachzeitschriften übersetzen.

Durch den Feierabend-Job entwickelte sich zwischen Fräulein Gerda und dem behäbigen Schwaben bald ein so freundschaftliches Verhältnis, daß der Schriftsteller seine Schreibdame zu einem Stellungswechsel zur Münchner Flug- und Raumfahrtfirma Bölkow bewegen konnte. Den Arbeitsplatz bei Deutschlands größtem Flugzeug- und

* Die Namen wurden geändert.

Raketenbauer schwätzte Haberle der Dame mit dem Hinweis auf, bei Bölkow gäbe es immer reichliche Informationen für seine publizistische Tätigkeit.

Mit ihrem Arbeitseifer machte sich Gerda Müller in der neuen Firma jedoch bald verdächtig. Sicherheitsbeamte des Werkes erwischten sie beim Sammeln geheimer Unterlagen und enttarnten ihren Auftraggeber als Industriespion der Deutschen Demokratischen Republik.

Die Affären von Düsseldorf, Fürth und München gehören zu den wenigen Fällen von Industriespionage. die in der letzten Zeit bekannt wurden. Daß Hunderte ähnlicher Fälle nicht an die Öffentlichkeit drangen, liegt vor allem an der Furcht vieler Firmen, unangenehm aufzufallen.

Denn nach Meinung von Walter Heidenreich, Leiter der »Koordinierungsstelle für Sicherheitsfragen in der gewerblichen Wirtschaft«, wollen die meisten Unternehmer entdeckte Spionagefälle »aus Angst vor Imageverlusten nicht an die große Glocke hängen«.

Nach Ermittlungen von Fachleuten ist in der Bundesrepublik ständig ein Heer von Berufsspionen und Amateuren auf der Jagd nach Konstruktionsunterlagen, Produktionsverfahren« Marketing-Konzeptionen und anderen Betriebsgeheimnissen. Beamte des Bonner Innenministeriums beziffern allein die Zahl der auf westdeutschem Territorium operierenden ausländischen Agenten auf über 1500. Der für die betroffenen Unternehmen angerichtete Schaden wird auf jährlich drei Milliarden Mark geschätzt.

Als Indiz für die rege Schnüffelei in deutschen Betrieben werten Regierungsbeamte die Tatsache, daß in den vergangenen zwei Jahren über 100 000 Abhörgeräte vom sendergespickten Kugelschreiber (Preis: 295 Mark) bis zum Aktenköfferchen mit Abhördose (Preis: 620 Mark) verkauft wurden.

Die internationale Gilde der Industriespione hat ihre Fertigkeiten und Techniken so verfeinert, daß sie heute in der Lage ist, »das gesamte wissenschaftliche und technische Potential der Bundesrepublik auszuforschen«, so Bundesanwalt Felix Kaul.

Die Meister des dunklen Gewerbes sitzen vor allem in den Metropolen der Industrieländer: Tokio, New York, London, Paris und Zürich. Getarnt als seriöse Rechtsanwälte, Unternehmensberater, Marktforscher, Werbeagentur-Chefs oder Makler schleusen sie Berufsagenten in jede gewünschte Firma ein, bestechen ungetreue Angestellte und heuern für Spezialaufgaben gewiefte Ganoven an.

Welche Summen bei den einzelnen Aufträgen im Spiel sind, zeigt der Fall »American Cyanamid Corporation«. Aus den gut bewachten Labors der Firma entwendeten Agenten wertvolle Mikrobenkulturen. Durch den Diebstahl entstand ein Umsatzverlust von mehreren hundert Millionen Mark. Spione aus Italien hatten die Unterlagen, verpackt in Zigarettenattrappen, außer Landes geschafft und später meistbietend an die Konkurrenz verkauft.

»Gefährlichste Bedrohung der Industrie«.

Zehn Millionen Mark verlangte ein US-Agent für Pläne, Muster und Einzelteile einer Nylonfäden-Maschine, die er aus der Entwicklungsabteilung der US-Firma Du Pont de Nemours herausgeschmuggelt hatte.

Ein amerikanisches Gericht in Hartfort verurteilte Dr. Ariès zu 83 Millionen Mark Schadenersatz nebst Zinsen, weil er sich mit Hilfe eines gut organisierten Spionagenetzes aus den Geheimakten und Safes von drei amerikanischen Firmen wertvolle pharmazeutische Rezepte besorgt hatte. Nachdem der jetzt in Paris lebende Chemiker seinen Häschern entkommen war, meldete er in 40 Ländern eigene Patente an.

Technische Großprojekte wie das anglo-französische Überschall-Flugzeug Concorde locken Industriespione gleich rudelweise an. In französischen Gefängnissen saßen gleichzeitig über ein Dutzend ertappte Profis, die von Concorde-Wächtern bei ihrer Spionagetätigkeit in flagranti überrascht wurden.

Prominentester Kundschafter, der den Detektiven in die Falle ging, war der Russe Sergej Pawlow, Direktor des Pariser Aeroflot-Büros. Bei seiner Festnahme in der Avenue de Ségur Nummer 15 entdeckten Polizeibeamte haufenweise Material über Konstruktionsdetails der Concorde.

Die alarmierende Zunahme der Werkspionage in aller Welt veranlaßte die amerikanische Fachzeitschrift »Popular Mechanics« zu der Feststellung: »Früher sprach man von der Werkspionage nur im Flüsterton, heute aber wissen wir, daß sie die gefährlichste Bedrohung der Industrie darstellt.«

Der amerikanische Bestseller-Autor Vance Packard ("Die große Verschwendung") sieht in der Industriespionage gar »eine große Gefahr für unsere Gesellschaftsordnung«. Zum gleichen Schluß kommt die sowjetische Zeitschrift »Der junge Techniker«, nach deren Meinung »die Industriespionage die völlige

Auflösung des Kapitalismus herbeiführen wird«.

Die Prophezeiung des Moskauer Journals mag ideologischem Wunschdenken entsprechen. Tatsächlich gibt es heute aber kaum noch ein Unternehmen, das nicht versucht, seiner Konkurrenz in die Geheimschubladen zu schielen. Vielen Firmenchefs scheint die Existenz ihres Unternehmens auf die Dauer nur gesichert, wenn sie über ihre Mitbewerber lückenlos informiert sind.

Auf legale Weise lassen sich Konkurrenzinformationen zum Beispiel durch Marktforschungs-Institute beschaffen. Die Experten dieser Firmen liefern ihren Auftraggebern gegen gutes Honorar binnen kurzer Zeit Daten und Fakten der Mitbewerber: Marktanteile, Umsätze, Vermögensverhältnisse, Geschäftsverbindungen, Exportquoten und nicht selten ganze Marketing-Konzeptionen.

Zu den anrüchigen, aber nicht strafbaren Methoden, mit denen sich Unternehmen Informationen beschaffen, gehört das Aushorchen von Stellenbewerbern. Die durch fingierte Inserate angelockten Kandidaten werden in Vorstellungsgesprächen geschickt über ihre bisherige Tätigkeit und die Pläne ihrer Arbeitgeber ausgefragt.

Manager auf der schiefen Bahn.

Am Rande der Legalität wandeln auch jene Markenartikel-Hersteller, die sich mit Hilfe von Vertrauensleuten im Handel ständig über Aktionen der Konkurrenz auf dem laufenden halten. Gelegentlich werden die illegalen Informationskanäle aber auch dazu benutzt, die Konkurrenz auszutricksen.

Als die Hamburger Seifen- und Putzmittelfabrik Palmolive zum Beispiel ihr Waschmittel »Weißer Ritter« in einem Teilgebiet der Bundesrepublik einführen wollte, verbreitete sie bei Händlern im Großraum Frankfurt die Nachricht, der Start fände in Hessen statt. Die im Sold des Waschmittel-Konzerns Henkel stehenden Vertrauensleute machten sofort Meldung an die Konzern-Zentrale in Düsseldorf. Prompt warf Henkel vor dem angekündigten Debüt des Palmolive-Waschmittels ebenfalls ein neues Pulver auf den hessischen Markt.

Die Henkel-Leute ahnten freilich nicht, daß sie einer Palmolive-Finte erlegen waren. Das in Hessen ausgestreute Gerücht diente nämlich nur dazu, die Konkurrenz vom beabsichtigten Einführungsmarkt Bayern fernzuhalten.

Mitunter können es sich Manager nicht verkneifen, vor ihren Gegnern mit den Ergebnissen ihrer emsigen Spionagetätigkeit zu protzen. Auf einer Vertreterkonferenz der amerikanischen Sei -- fen- und Waschmittelfirma Procter & Gamble in Saarbrücken, bei der den Mitarbeitern zum erstenmal das Waschmittel Dash vorgestellt wurde, meldete sich der Bote einer Konkurrenzfirma« der dem Versammlungsleiter ein verschnürtes Päckchen übergab.

Als die Schnüre fielen, kam ein komplettes Dash-Paket zum Vorschein. Dabei hatte Procter & Gamble das Projekt unter der höchsten Geheimhaltungsstufe laufen lassen. Um der Konkurrenz das Ausspähen unmöglich zu machen, waren Produkt und Packung eigens im Ausland hergestellt und erst in der Nacht vor der Saarbrückener Tagung über die Grenze gebracht worden.

Auf der Jagd nach Betriebsgeheimnissen gleiten an sich honorige Manager immer häufiger auf die schiefe Bahn. Wenn alle legalen Möglichkeiten erschöpft sind, scheuen sie nicht einmal vor Bestechung, Einbruch und Erpressung zurück. Sie selber nennen solche Methoden freilich lieber »aggressive Marktforschung«.

So hatte der Marketing-Direktor einer norddeutschen Genußmittel-Fabrik keine Skrupel, gegen ein Honorar von 8000 Mark wichtige Konkurrenzunterlagen stehlen zu lassen. Für diesen Preis besorgte ihm der Angestellte einer westdeutschen Werbeagentur ein neuartiges Kaffeeprodukt der deutschen Coca-Cola GmbH in Essen nebst Packungsentwürfen und Verkaufsstrategie.

Neuerdings ist nicht einmal die Beerdigungsbranche vor geschäftsschädigender Schnüffelei sicher. So wunderte sich im vergangenen Jahr die Direktorin eines Bestattungsunternehmens im französischen Perpignan über einen plötzlichen Umsatzrückgang, obwohl das Standesamt nach wie vor rund 120 Tote pro Monat meldete. Klagte Madame Brison, Direktorin des Instituts »Pompes funèbres du Roussillon": »Wenn wir nach einem Telephonanruf einen unserer Vertreter in das Haus des Verstorbenen schickten, war meistens schon die Konkurrenz da.« Kein Wunder: Die Kollegen von der »Pompes funèbres générales« hatten in der Telephonzentrale der Konkurrenz eine Abhöranlage installiert.

Das in allen Branchen wuchernde Spionageunwesen ist freilich keine Erfindung des 20. Jahrhunderts. Auf tüchtige Späher mochten Handelsherren und Gewerbetreibende schon vor 3500 Jahren nicht verzichten. Einer der ältesten Fälle von Werkspionage ereignete sich um 1500 vor Christi Geburt. Damals gelang es den Indern, das strenggehütete Geheimnis der chinesischen Seidenherstellung zu lüften. Als Agentin fungierte eine chinesische Prinzessin. die von einem schmucken Edelmann aus Indien angeworben worden war. Trotz scharfer Grenzkontrollen gelang es der Dame. dem Geliebten einige Seidenraupen zu überbringen. Die wochenlange Reise hatten die gefräßigen Raupen im üppigen Blumen-Kopfschmuck der Prinzessin überlebt.

3200 Jahre später war das Reich der Mitte bevorzugtes Ziel europäischer Spionage. die es auf die chinesische Porzellanproduktion abgesehen hatte. Dem französischen Jesuiten-Pater d'Entrecolles gelang es am Anfang des 18. Jahrhunderts, in die hermetisch abgeschirmte Porzellanstadt Kingtehtschen einzudringen. Die Festung beherbergte damals eine Million Arbeiter, die in 3000 Porzellanöfen das weiße Gold brannten.

Der fromme Herr brauchte freilich ein Jahrzehnt, ehe es ihm gelang, Rohstoff- und Produktionsunterlagen in sein Heimatland zu schmuggeln. Das Diebesgut aus China verhalf der französischen Porzellanherstellung zu einem kometenhaften Aufstieg.

Als der deutsche Alchimist Johann Friedrich Böttger unabhängig von den Chinesen und Franzosen eine eigene Methode zur Produktion von Weißporzellan im sächsischen Dresden entwickelte, strömten aus aller Welt Geheimnisjäger ins Königreich Sachsen.

Alten Chroniken zufolge beschafften sich die Porzellan-Spione ihr Wissen auf die angenehmste Weise: Sie verführten Frauen und Töchter von Porzellanmachern. Nach zeitgenössischen Berichten gab es 50 Kilometer im Umkreis von Dresden kaum ein Gasthaus, das nicht mit Spionen und Geheimagenten belegt war. Die königlichen Konstabler verhafteten zeitweise so viele Schnüffler und vermeintliche Verräter, daß die Gefängnisse sie kaum fassen konnten. Die Agentenhatz nutzte jedoch wenig, denn bald entstanden in Berlin, Wien, Kopenhagen, St. Petersburg und Venedig neue Porzellan-Manufakturen.

Noch abenteuerlicher war die Spionage-Historie -- nach Recherchen des französischen Schriftstellers Jacques Bergier -- um den begehrtesten Werkstoff des Industriezeitalters: Stahl. Daß England im 18. Jahrhundert zum führenden Stahlproduzenten der Welt aufrückte, verdankte es nicht zuletzt dem Dichter, Komponisten und Hüttenbesitzer Foley. Unzufrieden mit der Qualität seines Harteisens, begab er sich, als fahrender Sänger verkleidet, auf eine Spionage-Tournee quer durch Europa. Die in Deutschland. Böhmen, Norditalien und Spanien zusammengetragenen Informationen reichten aus, den besten europäischen Stahl zu kochen.

Was Foley im 18. Jahrhundert zum Multimillionär machte, wurde für Friedrich Krupp, den Begründer der Kanonen-Dynastie, zum Fiasko. Um an das Geheimnis des englischen Stahls heranzukommen, assoziierte er sich mit dem internationalen Werkspion Frierich Nicolai, der in einem westfälischen Lokalblatt seine guten Dienste angeboten hatte.

Der kenntnisreiche Kumpan, der sich bei Krupp unter anderem mit gefälschten Empfehlungsschreiben einführte, ließ sich zwar fürstlich honorieren, blieb seinem Partner aber die gewünschten Stahlrezepte schuldig. Nachdem Krupp sich von Nicolai getrennt hatte, mußte er seine Firma schließen.

Friedrichs Sohn Alfred hatte mehr Erfolg. 1838 nistete er sich im Londoner Hotel »Sablonnière« als Mr. A. Crup ein. Der elegante Gentleman aus Germany verschaffte sich bald ein Entree zu den Salons der guten Gesellschaft, in der damals viele Stahlfabrikanten verkehrten. Nachdem er die Konkurrenz gründlich ausgehorcht hatte, kehrte er nach Essen zurück und präsentierte der Fachwelt wenig später den berühmten Krupp-Stahl.

Weil Krupp in England erfahren hatte, wie leicht Spionen bisweilen Geheimnisse zufallen, machte er sich im eigenen Unternehmen zum Vorkämpfer der industriellen Spionageabwehr. Dem Kanonen-Gießer mußten nicht nur Arbeiter und Angestellte den Treueid schwören, sondern auch alle Spione, die für ihn bei der Konkurrenz arbeiteten. Während Krupp jeden verdächtigen Arbeitnehmer mit Strenge verfolgte, mochte er selbst als reicher Fabrikant auf lukrative Diebereien bei der Konkurrenz nicht verzichten. So ließ er bei einer Firma die Konstruktionsunterlagen für eine Maschine zur rationellen Herstellung von Löffel und Gabeln entwenden.

Für Krupps Unternehmer-Kollegen war es dagegen nahezu unmöglich, in den Essener Büros und Werkhallen an Geheimnisse heranzukommen. 1872 kodifizierte der Stahlmonarch für seinen Herrschaftsbereich eigene Sicherheitsvorschriften. »Wie hoch auch immer die Kosten sein mögen«, ereiferte sich der Erfinder des deutschen Werkschutzes, »alle Arbeiter müssen ständig von energischen und erfahrenen Männern überwacht werden. Krupps Sicherheits-Organisation fand unter den deutschen Industriellen bald zahlreiche Nachahmer. Immer mehr Unternehmen steckten in den folgenden Jahrzehnten militärdiensterfahrene Männer in schwarze, blaue oder mausgraue Uniformen und ließen von ihnen Maschinen und Konstruktionsbüros überwachen.

Noch heute beruht die Sicherheit in den meisten Betrieben auf uniformierten Wächtern. Bei den deutschen Ford-Werken in Köln zum Beispiel sind 135 uniformierte Werkschützer und drei Zivilbeamte ständig unterwegs.

»Alles wird dem Zufall überlassen.«

Die mit Gummiknüppeln und Schäferhunden patrouillierende Streitmacht kann heute freilich bestenfalls kleine und größere Diebereien von ungetreuen Werksangehörigen verhindern. raffinierten Industriespionen ist sie jedoch nicht gewachsen. Mokiert sich Helmut Szesny, Inhaber der Frankfurter Werkschutz GmbH: »90 Prozent der deutschen Werkschützer sind Obernachtwächter und gar nicht in der Lage, das geistige Eigentum der Firmen zu schützen.«

Auch nach Ansicht von Sicherheitsexperten der deutschen Industrie sind die meisten Betriebe in der Bundesrepublik zwar gegen Gelegenheitsdiebstähle ihrer Angestellten ausreichend gesichert, gegen die existenzgefährdende Ausspähung von Betriebsgeheimnissen jedoch sträflich ungeschützt. Klagt Walter Heidenreich, Leiter der »Koordinierungsstelle für Sicherheitsfragen in der gewerblichen Wirtschaft« in Köln: »Es ist ein Malheur, daß die meisten Firmenchefs alles dem Zufall überlassen.«

Obwohl Heidenreichs Koordinierungsstelle und die vier Außenbüros in Stuttgart, Mainz, Essen und Hamburg von der Industrie finanziert werden, ist die Neigung der Unternehmen, sich über die Methoden der Werkspionageabwehr unterrichten zu lassen, »außerordentlich gering«.

Wegen Geldmangels mußte 1968 sogar die Vorgänger-Organisation der Koordinierungsstelle, die »Gemeinschaft zum Schutz der deutschen Wirtschaft« (GSW) eingestellt werden. Auch heute sind die Unternehmer nicht bereit, ihre Abwehrstelle mit den erforderlichen Mitteln auszustatten. Selbst Heidenreichs Job war den Industrie-Kapitänen keine volle Planstelle wert: Der pensionierte Sicherheitsbeauftragte von BBC und Ex-Abwehrsoldat in Hermann Görings Luftfahrtministerium ist in dem Kölner Büro nur halbtags beschäftigt.

Amerikanische Abwehr-Agenturen als Vorbild.

Über Desinteresse an »Abwehrmaßnahmen gegen Spionage« klagt auch der Kasseler Gerd Mihm, Inhaber der nach eigenen Angaben größten europäischen Industrie-Spionage-Abwehr-Firma »G. & F. Mihm OHG, Civil-Intelligence-Agency«. Um Unternehmer-Kundschaft muß der Ex-Gehilfe des amerikanischen CID in der Bundesrepublik mit der aggressiven Anzeigen-Überschrift werben: »Wann haben Sie endlich ausgeschlafen?«

Wenn es nach Mihm ginge, müßte jeder größere deutsche Betrieb Klient einer Abwehr-Agentur sein. Denn nach seinen Beobachtungen werden festangestellte Sicherheitsbeauftragte »von der Belegschaft binnen kürzester Zeit erkannt und als Polizisten oder Spitzel abgetan«. Mihm: »Die meisten Leute der betrieblichen Abwehr finden sich wohl oder übel mit dieser Rolle ab und beschränken sich auf summarische Untersuchungen und die Ausarbeitung von Sicherheitsrichtlinien, die meist nicht beachtet werden.«

Im Gegensatz zu den wenig effektiv arbeitenden Sicherheitsbeauftragten der Firmen können Mihms geschulte Agenten dank ihrer Anonymität und kriminalistischen Fähigkeiten schon eher zum Erfolg kommen. Entweder werden Mihms Mitarbeiter getarnt als Angestellte in gefährdete Abteilungen eingeschleust oder sie heften sich außerhalb der Fabrikmauern in James-Bond-Manier an die Fersen verdächtiger Personen. Mihm: »Meine Männer finden schnell heraus, ob jemand über seine Verhältnisse lebt oder mit zwielichtigen Personen verkehrt.«

Unternehmern, denen Mihms Individualbeobachtung zu teuer ist, dient der Kasseler eine von ihm selbst entwickelte Infrarot-Alarmanlage Marke »Luxomat« zum Standardpreis von 1209 Mark und 72 Pfennig an. Der Strahlendetektiv läßt die Alarmglocken läuten, sobald ein ungebetener Besucher in die durch Lichtschranken abgesicherten Sperrzonen eindringt.

Ein »erprobtes Team erfahrener Werkschutzpraktiker, Sicherungstechniker ... und Wirtschaftskriminalisten« (Prospekt) hält für die deutsche Industrie auch Helmut Szesny bereit. Spezialität seiner Frankfurter »Werkschutz GmbH« sind »Werkschutz-Training. Sicherheits-Analysen und Betriebsüberwachung«.

Die deutschen Abwehr-Firmen nehmen sich neben amerikanischen Branchen-Unternehmen freilich wie bescheidene Handwerksbetriebe aus. Pinkerton, Amerikas bedeutendste Detektiv-Agentur, zum Beispiel beschäftigt mehr als 5000 Spezialisten für die Abwehr von Industriespionage. Zu den ständigen Kunden der Detektei gehören rund 400 der größten amerikanischen Unternehmen.

Fast ebenso rührig ist die Firma Wackenhut in Miami City. Sie unterhält in den Vereinigten Staaten und in Südamerika 95 Büros. in den Tresoren der Mammut-Detektei lagern allein neun Millionen Dossiers von Personen und Unternehmen, die auf professionellen Geheimnisschutz angewiesen sind.

Besonders geschätzt sind bei amerikanischen Firmen auch die Dienste ehemaliger FBI-Agenten, für deren Vermittlung in der New Yorker Madison Avenue Nr. 274 ein besonderes Büro gegründet wurde. Die Zentrale veröffentlicht jährlich eine Liste aller abgemusterten FBI-Agenten. Bis jetzt konnten sich 4500 ausgediente Beamte ein Zubrot in der Industrie verdienen.

Wenig Schutz für geheime Staatsaufträge.

In der Bundesrepublik wird ein derartiger Aufwand nicht einmal von jenen Unternehmen für notwendig gehalten, die geheime Staats- und Rüstungsaufträge abwickeln. Wer für Verteidigungs- oder Wissenschaftsministerium arbeiten will, muß sich in Lieferverträgen lediglich den milden Sicherheits- und Oberwachungsvorschriften des Wirtschaftsministeriums unterwerfen. Die Schöpfer des Reglements vertrauten vor allem auf die seit Kaisers Zeiten üblichen Amtsstempel »vertraulich«, »geheim« und »streng geheim«. Konstruktionszeichnungen und andere Unterlagen, die den roten Aufdruck tragen, müssen nach Feierabend in »Panzerschränken mit Kombinations- und Sicherheitsschloß« aufbewahrt werden.

Das für geheime Staatsaufträge zuständige Überwachungsamt ist das von Ministerialrat Hans-Hermann Sommer geleitete Referat ZS im Bundeswirtschaftsministerium. Kontaktleute für Sommers Beamte sind die Sicherheitsbeauftragten der Betriebe, die zwar von den Unternehmen selbst eingesetzt werden, für ihre Zuständigkeit bei geheimen Staatsaufträgen aber ein Plazet des ZS-Referats bedürfen.

Zusammen mit den Sicherheitsbeauftragten überprüft die Sommer-Gruppe jede Person, die an geheimen Staatsaufträgen mitwirkt und deshalb als sogenannter »Geheimnisträger« eingestuft wird. Die Prozedur stützt sich im wesentlichen auf die Auswertung eines siebenseitigen Fragebogens. Darin müssen die Kandidaten nicht nur einen lückenlosen Nachweis über »Wohnsitze oder gewöhnliche Aufenthalte von Ehegatten und Verlobten« in den letzten zehn Jahren, sondern auch genaue Angaben über »Auslandsreisen oder -aufenthalte« machen.

Bei diesem bürokratischen Abfragesystem ist es kein Wunder, daß die Bonner Prüfungstechniker selbst Berufsspione zu Geheimnisträgern aufsteigen lassen. Im Frankfurter Battelle-Institut zum Beispiel arbeitete jahrelang der Diplomingenieur Josef Eitzenberger an geheimen Staatsaufträgen, obwohl er seit Ende der 50er Jahre im Solde osteuropäischer Agentenzentralen stand.

Jahrzehntelang boten Tresore, Stahlschränke und Kontrollen einen gewissen Schutz gegen professionelle Industrie-Spione. Seit die Elektronikindustrie jedoch in der Lage ist, Sender und Abhörgeräte im Miniformat herzustellen, steht verborgenen Lauschern ein breites Sortiment von technischen Hilfsmitteln zur Verfügung.

So ist es selbst für einen technischen Laien völlig problemlos, Telephongespräche abzuhören. Im Büro seines Opfers braucht der Späher nur die Mikrophonkapsel des Telephonhörers durch ein gleich aussehendes Ersatzteil mit Mini-Sender auszutauschen. Jedes Telephongespräch kann dann bis zu einer Entfernung von 100 Metern mit jedem normalen UKW-Radio (Frequenz zwischen 102 und 104 Megahertz) abgehört werden. Die Lebensdauer des Mini-Senders ist praktisch unbegrenzt, denn als Energiequelle dient ihm der Telephonstrom. Preis der 50 Gramm schweren Telephon-Wanze im deutschen Handel: 240 Mark.

Als Schlager für das Geschäftsjahr 1972 bieten Spionageausrüster das »drahtlose FM-Miniatur-Mikrofon im Aschenbecher an. Im Boden des »formschönen Aschenbechers aus »Porzellan« (Prospekttext) befindet sich ein batteriegespeistes »Hochleistungs-Sendemikrofon« mit einer Betriebsdauer von 150 Stunden, das bis zu einer Entfernung von 250 Metern ein einwandfreies Mithören von Konferenzgesprächen ermöglicht.

Agenten, die Wert darauf legen, Gespräche im sicheren Abstand von einem Kilometer zu belauschen, wählen aus dem Wanzensortiment am besten den »TRM 100 Super«, der in jede Streichholzschachtel paßt. Der nur 180 Mark teure Lauscher läßt sich sogar in Blumenvasen unterbringen. Er gilt als »absolut tropensicher, unempfindlich gegen Störfelder und ... wasserdicht«.

»Ungeahnte Möglichkeiten bei Verhandlungen, Gesprächen, Konferenzen, Absprachen usw.« bietet laut Prospekt der Hamburger Micro-Electronic GmbH & Co. KG ein Kugelschreiber mit »Subminiatur-Mikrofon«. Der »echte Knüller« übermittelt garantiert »jedes Wort klar und deutlich bis zu einer Entfernung von 100 Metern«. Preis: 295 Mark.

Paradestück des Hamburger Abhörgeräte-Großhändlers Erwin Reichenberger ("Mein Jahresumsatz liegt bei einer Million Mark") ist der nicht einmal briefmarkengroße »Transmitter« (Branchenjargon), mit dem sich aus einem geschlossenen Raum selbst im Flüsterton geführte Gespräche über 250 Meter Entfernung übertragen lassen. Die Konstrukteure dienen das Gerät mit dem Hinweis an, es sei noch funktionsfähig, wenn es längere Zeit in »einer Tasse Kaffee« versteckt war.

Bietet sich Industriespionen keine Möglichkeit, ihre Wanzen in Konferenzzimmern und Büros diskret zu plazieren, ist das kein Grund zur Traurigkeit. Seit kurzem halten deutsche Händler einen sogenannten »elektronischen Stethoskop-Sender« bereit. Mit einer Saugvorrichtung kann der nur 58 Millimeter hohe und 38 Millimeter breite Sender blitzschnell an Fenstern, Türen und Mauern befestigt werden. Das hochentwickelte »Spezial-Körperschall-Mikrofon« überträgt »Sprache oder Geräusche« bis zu einer Entfernung von 1000 Metern.

Wem das von zwei Dutzend westdeutschen Händlern in Katalogen angepriesene Arbeitsgerät noch zu simpel erscheint, kann sich bei versierten Spezialisten mit Maßanfertigungen eindecken. Gut im Geschäft ist zum Beispiel Herben Krüger aus Altenfurt bei Nürnberg, der sich als »Vater des deutschen Mini-Spions« bezeichnet. Sein Gesellenstück lieferte der 61jährige im Krieg mit der Konstruktion des ersten »lenkbaren Flakgeschosses«, wofür er vom Rüstungsminister Albert Speer »persönlich mit 25 Zigaretten, Marke R 6« (Krüger), belohnt wurde.

Hochkonjunktur für Minispion-Händler.

Inzwischen sind Krügers Bastlerprodukte in eingeweihten Kreisen so gefragt, daß seine in- und ausländischen Auftraggeber nur Ware bekommen, wenn sie »entsprechend zahlen«. Seine neueste Konstruktion hat der Tüftler amerikanischen Weltraumforschern abgeguckt: ein Mini-Spion, der seine Sendeenergie durch Solarzellen erhält. Störungsfrei über »Jahr und Tag« arbeitet die fränkische Wanze freilich nur, wenn sie in der Nähe einer Lichtquelle versteckt wird, zum Beispiel auf einer Gardinenstange oder einem Bilderrahmen.

Nicht im Licht stehen möchten hingegen viele Liebhaber von Krügers Bastlerkünsten. Manager, die der Werkstatt des Meisters in der Siedlerstraße 65 einen Besuch abstatten wollen, parken ihre Limousinen grundsätzlich »ein paar Straßenzüge« entfernt. Krüger: »Das merke ich besonders im Winter, wenn die Herren ohne Mantel kommen.«

Beim Kauf selbst geben sich Industriebosse oder deren Abgesandte in der Regel betont harmlos. Oft deuten sie an, sie wollen das Gerät nur zu Juxzwecken erstehen. »Die erzählen immer etwas von einer Erbtante, die belauscht werden soll«, so Krüger.

Hersteller und Händler von Mini-Spionen werden auch in Zukunft Hochkonjunktur haben, denn nach deutschem Gesetz können Lauschgeräte von jedermann ohne große Formalitäten gekauft werden. In den Lieferbedingungen zum Beispiel heißt es: »... der Besteller wird darauf hingewiesen, daß in der Bundesrepublik Mikro-Elektronik-Geräte ohne Export- und Ausfuhrnachweis erworben, jedoch nicht in Betrieb genommen werden dürfen.«

Kein Fall für den Staatsanwalt.

Käufer, die sich bei der Benutzung dieser Apparaturen erwischen lassen, riskieren laut Paragraph 298 Strafgesetzbuch im Höchstfall eine Gefängnisstrafe bis zu sechs Monaten. Im Rahmen einer Gesetzesänderung soll die Höchststrafe jetzt auf drei Jahre angehoben werden. Eine Ermittlungspflicht der Staatsanwaltschaft gibt es freilich nicht, denn die Justizbehörden greifen bei diesem Delikt nur auf Antrag der Geschädigten ein.

Die Bonner Gesetzgeber konnten sich bislang zu einem generellen Herstellungs- und Verkaufsverbot von elektronischen Lauschern nicht durchringen. Ein von SPD und CDU 1967 eingebrachter Gesetzentwurf, der die Wanzenproduktion nur in Ausnahmefällen vorsah, fiel in den Ausschüssen als praxisfremd durch.

Bei den Diskussionen im Wirtschaftsausschuß stellte sich nämlich heraus, daß von diesem Verbot auch alle Diktier-, Gegensprech- und Betriebsfunkanlagen betroffen würden. Nach dieser Bestandsaufnahme fanden sich die Ausschußmitglieder lediglich dazu bereit, dem Bundestag ein Werbeverbot zu empfehlen.

Ohne technische Hilfsmittel lassen sich phantasievoll versteckte Mini-Sender nur selten lokalisieren. Um gefährdete Räume zu entwanzen, bedienen sich die modernen Kammerjäger häufig eines Spezial-Abhörsuchgerätes (Preis: 680 Mark), das freilich nur eingeschaltete Kleinstsender aufspüren kann. An den in sicherer Entfernung lauschenden Zuhörer heranzukommen, ist dagegen in der Regel nicht möglich.

Der Techniker Günter Wahl, Autor eines Buches über die Abwehr von Mini-Spionen, kam nach längeren Recherchen zu dem Ergebnis: »Wenn Verdacht besteht, kann wohl ... das Sendegerät lokalisiert und unschädlich gemacht werden, aber die Suche nach dem Initiator ist mit Hilfe der Technik nicht möglich.

Während hauptberufliche Industriespione den Abwehrsteilen der Betriebe nur selten ins Netz gehen, werden Amateure öfter erwischt. Zu den überführten gehören vor allem unzufriedene Angestellte, die der Konkurrenz geheime Firmenunterlagen zuspielen wollen. Die Gelegenheitsspione verraten sich aber meist schnell durch dilettantisches Vorgehen.

So glaubte ein Buchhalter der Kölner Ford AG, bei den Rüsselsheimer Opel-Werken mit entwendeten Gehaltsrichtlinien seiner Firma 20 000 Mark herausschlagen zu können. Die Opel-Leute. denen das Kölner Gehaltsgefüge ohnehin bekannt war, gingen zum Schein auf das Angebot ein, verständigten jedoch den Arbeitgeber des Möchtegern-Agenten. Die Affäre endete in einer Milchbar am Kölner Hauptbahnhof, wo ihn statt des erwarteten Geldbriefträgers von Opel die Kriminalpolizei begrüßte.

Mit einer Verhaftung endete auch der Versuch eines Neckermann-Sachbearbeiters, dem Versandhaus Quelle geheime Unterlagen aus dem zum Druck vorbereiteten Katalog 1972 zu verkaufen. Da er an seinem Arbeitsplatz nur an einige Katalogteile herankam, wandte er sich hilfesuchend an die Frankfurter Unterwelt.

Um das Material zu komplettieren, warb der Versandhaus-Bedienstete einen versierten Einbrecher an, der dem Büro eines Neckermann-Prokuristen einen nächtlichen Besuch abstattete. Auch bei den Verhandlungen mit Quelle mischten die Ganoven mit. Nachdem die Fürther das Material gründlich gesichtet und eine Geldforderung von 120 000 Mark zur Kenntnis genommen hatten, alarmierten sie die Kriminalpolizei und ihren Frankfurter Konkurrenten. Bei den zum Schein geführten Übergabeverhandlungen auf dem Züricher Flughafen Kloten wurde das Gauner-Team verhaftet.

Ertappte Wirtschaftsspione brauchen keine Angst zu haben, allzulange im Gefängnis sitzen zu müssen. Die Justiz kann sie in der Regel nur nach dem Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb (UWG) aburteilen. Laut Paragraph 17 UWG wird »Geheimnisverrat« höchstens »mit Gefängnis bis zu drei Jahren und mit Geldstrafen oder mit einer dieser Strafen« geahndet.

Dieses Strafmaß gilt insbesondere für »Angestellte, Arbeiter oder Lehrlinge«, die Geschäftsgeheimnisse »unbefugt an jemand zu Zwecken des Wettbewerbs oder aus Eigennutz oder in der Absicht, dem Inhaber des Geschäftsbetriebs Schaden zuzufügen, mitteilen«. Wird dem Täter nachgewiesen, »daß das Geheimnis im Ausland verwertet werden soll, oder verwertet er es selbst im Ausland«, kann sich die Haftstrafe bis auf fünf Jahre erhöhen.

Selbst wenn ein Industriespion zum Staatsgeheimnis erklärte Unterlagen mitgehen läßt, droht ihm als Höchststrafe nur fünf Jahre Gefängnis. Ein Bankräuber. der ohne Waffengewalt einen Tresor ausräumt, riskiert zehn Jahre Gefängnis.

Neuestes Spionage-Ziel: Computer-Zentralen.

Das geringe Risiko ermuntert die Spionage-Zunft, sich an immer größere Objekte heranzupirschen. Neuerdings haben sie es vor allem auf Computerfirmen und Rechenzentren abgesehen. Dort finden die Agenten auf Magnetplatten und Bändern alle Betriebsinformationen gespeichert, die früher in Aktenschränken der Abteilungen lagerten.

Gelingt es den Dunkelmännern der Kybernetik, in die Computerzentrale einzudringen, können sie praktisch das gesamte Firmenwissen mit Planungs-, Produktions-, Personal- und Marktunterlagen in einer Aktentasche nach Hause tragen. Wenn ein Agent von den Magnetbändern heimlich Kopien anfertigt, merkt die betreffende Firma nicht einmal. daß ihr gesamtes Know-how in den Besitz der Konkurrenz übergegangen ist.

Zu den wenigen bekanntgewordenen Computer-Affären zählt ein Magnetbanddiebstahl beim Verlag der »Encyklopaedia Britannica«. Drei Angestellten der US-Firma war es gelungen, rund drei Millionen auf Magnetbändern gespeicherte Kundenadressen zu vervielfältigen und an die Konkurrenz zu verkaufen. Dadurch entstand ihrem Arbeitgeber ein Schaden von über zwölf Millionen Mark.

Noch empfindlicher kann ein Unternehmen geschädigt werden, wenn es Spione fertigbringen, ein speziell für die Firma entwickeltes Computerprogramm zu kopieren. Bei Englands größter Luftverkehrsgesellschaft BOAC zum Beispiel entwendeten Angestellte sämtliche Programmierungs-Unterlagen eines weltweiten Platzreservierungssystem und verkauften es an bisher unbekannt gebliebene Luftreeder.

In die Entwicklung des komplizierten Programms, mit dessen Hilfe binnen Minuten freie Flugzeugsitze auf allen Airports der Welt ermittelt werden können, hatten die BOAC-Manager über 30 Millionen Mark gesteckt. Das neue System sollte der Gesellschaft bis 1980 einen Rationalisierungs-Gewinn von rund 400 Millionen Mark bringen.

Millionenverluste durch Computerspionage mußte auch der amerikanische Elektronik-Konzern IBM hinnehmen. Auf bisher ungeklärte Weise war die Konkurrenz »Memorex« in den Besitz von Konstruktionsunterlagen eines neuen Plattenspeichers gekommen, an dessen Entwicklung ein IBM-Forschungsteam ein ganzes Jahr lang gearbeitet hatte.

Seit die IBM-hasse wissen, daß ihre Datenzentralen und Produktionsstätten durch Berufs- und Amateurspione in zunehmendem Maße gefährdet sind, haben sie ihre Sicherheitsbestimmungen verschärft. Bei der deutschen IBM (22 500 Beschäftigte) zum Beispiel wurde das Kontingent der hauptberuflichen Sicherheitsbeauftragten auf 200 erhöht, weitere 600 Mitarbeiter müssen neben ihrer normalen Arbeit Agentenjäger-Dienste leisten.

Im Rahmen der verschärften Sicherheitsvorkehrungen ordneten die deutschen IBM-Bosse an, daß für den zentralen Computer in Sindelfingen alle vier Wochen ein neuer Geheimkode festgesetzt wird. Die EDV-Anlage gibt ihre Informationen nur frei, wenn die Benutzer Datenausweise und Geheimkodes In den Schlitz stecken.

In den Zellen des elektronischen Denkers ist für jeden Informationsberechtigten genau gespeichert, welche Daten er der Anlage entnehmen darf. So ist es beispielsweise einem Personalleiter unmöglich, Angaben aus dem für ihn gesperrten Bereich »Verkauf« oder »Entwicklung« zu bekommen. Die an den Maschinen arbeitenden Programmierer und Operatoren bleiben neuerdings keine Minute unbeobachtet: Ihre Vorgesetzten lassen sie ständig durch Fernsehkameras überwachen.

Spionageabwehr ist den Chefs zu teuer.

Firmen, die sich keine große Rechenanlage leisten können und zusammen mit anderen Unternehmen einen Gemeinschaftscomputer benutzen, sind heute besonders gefährdet. Da sie ihre gespeicherten Informationen je nach Bedarf per Telephon abrufen. braucht ein Kundschafter der Konkurrenz nur das zum Computer führende Telephon- oder Fernschreibkabel anzuzapfen.

FDV-Experten haben inzwischen einen ganzen Katalog von technischen Maßnahmen ausgetüftelt, die den Diebstahl von Datenmaterial erschweren sollen. Zu den simpelsten Kontrollen gehört der sogenannte Ausweisleser. Jeder Computer-Benutzer muß sich bei ihm mit einer Magnet-Karte, die ständig wechselnde Buchstaben-Kombinationen aufweist, legitimieren.

In extremen Fällen kann der Computer sogar veranlaßt werden, dem Benutzer Erkennungsfragen zu stellen, zum Beispiel: »Wann ist Ihre Großmutter geboren?« Nur wenn die Antwort des diensttuenden Operators mit der beim Computer gespeicherten Großmutter-Personalie übereinstimmt, ist die EDV-Anlage abfragebereit.

Die meisten Firmenchefs der Bundesrepublik betrachten solche Sicherheitsmaßnahmen als unnötige Geldausgabe. Nach einer Untersuchung der Frankfurter Management-Beratungsfirma Diebold räumten 75 Prozent aller Befragten ein, in ihrer Firma hätte jeder Angestellte ungehinderten Zutritt zur EDV-Zentrale. Nach der gleichen Studie wurden zwei Drittel aller EDV-Angestellten noch nie durch eine »interne Revision« belästigt. Kommentar des Diebold-Experten: »Eine derartige Unbekümmertheit jagt Wissenden einen Schauder über den Rücken.«

Zu einem noch schärferen Urteil kommt Spionage-Abwehrchef Mihm aufgrund seiner jüngsten Erfahrungen: »Wenn das Desinteresse an Sicherheitsfragen anhält, wird Deutschland noch lange ein idealer Tummelplatz für Industriespione aus aller Welt sein.«

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