Illusionen
Der aufschlußreiche Artikel »Unheimliche Akte Sibirien« in Heft 29 des »Spiegel« gibt zusammen mit den Berichten über die westeuropäische und die amerikanische Rüstung in den vorhergehenden Heften einen Eindruck von den Kräften, die zum Weltkrieg Nr. 3 aufmarschieren.
So angst und bange einem dabei werden kann - man muß dem »Spiegel« doch dankbar sein für die offene Art der Darstellung. Ich bin froh, daß man heutzutage von der früher bei uns so gern praktizierten Vogel-Strauß-Politik abgekommen ist.
Wie weit diese Illusionsmache selbst in Lebensfragen der Nation bei uns ging, konnte ich 1939/40 als unbeteiligte Zuschauerin beobachten.
Ein halbes Jahr vor Beginn des Ostfeldzuges reichte der lettische Journalist Berlings, ein hervorragender Kenner der Sowjetunion, dem Auswärtigen Amt einen sachlichen Bericht über die wahre militärische Stärke der USSR ein. Ueber das Büro Likus in der Behrensstraße gelangte der Bericht auf Ribbentrops Schreibtisch und weiter in die Reichskanzlei. Wider Erwarten, denn der Herr Reichsaußenminister pflegte Informationen, von denen er annehmen mußte, daß ihr Inhalt unerwünscht sei, gar nicht erst »höheren Orts« vorzulegen.
Hitler las den Bericht, griff zu seinem in der Wilhelmstraße gefürchteten grünen Stift und kritzelte »Schwindler« an den Rand. Mit drei Ausrufungszeichen. Um ein Haar entging der lästige Mahner Berlings für dieses Mal dem KZ (in dem er dann später doch noch landete).
Welche Behandlung der deutsche Botschafter in Moskau, v. Schulenburg, in der Reichskanzlei erfuhr, ist bekannt. Des deutschen Reiches Außenpolitik wurde nach vorgefaßten Meinungen gemacht. Was nicht in den Rahmen paßte, wurde ignoriert. Man machte sich selbst und dem ganzen kritiklosen Volk Illusionen, die wir bezahlen mußten.
Bremen
HERTA MANTEUFEL