Im Gerüst - DER SPIEGEL
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CARY-NACHLASS Im Gerüst

• aus DER SPIEGEL 18/1958
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

In einem verdunkelten Oxforder Zimmer lag der anglo-irische Schriftsteller Joyce Cary auf einem eigentümlich hergerichteten Bett. Von der Decke hingen Schnüre herab; sie endeten in großen Haken, an denen lederne Manschetten befestigt waren. Die Ledermanschetten umschlossen die dünnen Handgelenke des Schriftstellers und hielten seine Hände hoch, damit er einen Bleistift führen könnte.

Vor ihm, in bequemer Reichweite der Finger, befand sich eine andere Vorrichtung: eine Rolle von Manuskriptpapier, die sich selbsttätig langsam abwickelte, so daß Cary schreiben konnte, ohne Seiten wenden zu müssen.

Dieses düstere Bild bot sich im Januar vorigen Jahres, zwei Monate vor Carys Tod. Der erfindungsreiche Autor hatte alle die Vorrichtungen selbst ersonnen, um trotz seiner Krankheit - einer fortschreitenden Lähmung - weiterarbeiten zu können. Cary, Autor von fünfzehn in zahlreiche Sprachen übersetzten Romanen - sein erfolgreichstes Buch, »Des Pudels Kern«, wird gegenwärtig mit Alec Guinness in der Hauptrolle verfilmt - wünschte bis zum letztmöglichen Augenblick vor seinem - wie ihm bekannt war - dicht bevorstehenden Tode noch möglichst viel zu schreiben.

In seinem Lehngerüst hängend, beschäftigte sich Cary damit, eine Vortragsserie über »Kunst und Wirklichkeit« für den Druck zu redigieren. »An meinen Vorträgen werde ich insgesamt noch zwei bis drei Stunden zu arbeiten haben«, erläuterte er seinen Besuchern. Seine Kräfte reichten damals jeweils nur noch für ein paar Minuten ununterbrochener Tätigkeit aus. Es gelang ihm wirklich, seinen Plan einzuhalten; dieser Tage ist in England eine Buchausgabe seiner Vorträge erschienen.* Sie gehen auf eine Einladung zurück, die Cary im Jahre 1955 von der Universität Cambridge erhalten hatte: Die Hochschule wünschte, der Schriftsteller möge sich in Vorlesungen über das Problem der Intuition, der Eingebung, äußern.

Diese Vorlesungen hatte Cary zwar noch zu Papier gebracht, aber nicht mehr selber halten können: Einer seiner Neffen verlas sie an seiner Stelle. Zu dieser Zeit war Cary bereits klar geworden, daß ihn keine ärztliche Kunst mehr retten konnte.

Die ersten Symptome seiner Krankheit hatten sich im Sommer 1955 eingestellt: Cary mußte plötzlich feststellen, daß er nicht mehr in der Lage war, seine Zehen. zu bewegen. Diese sonderbare Erscheinung führte er zunächst auf einen Flugzeugunfall zurück, den er kurz zuvor in Griechenland erlitten hatte. Cary befürchtete, daß dabei sein Rückgrat verletzt worden sei, ohne daß er es sogleich bemerkt hätte.

Bald aber wurde Cary eines Schlimmeren belehrt. Es stellte sich heraus, daß er an einer speziellen Form von fortschreitender Muskelatrophie litt, einer noch nicht vollständig erforschten, fast immer tödlichen Krankheit, die selten auftritt. Jährlich werden den Ärzten im Durchschnitt nicht mehr als sechs neue Fälle bekannt.

Das Leiden wird von einer - möglicherweise durch Viren verursachten - Erkrankung der Vorderhornzellen des Rückenmarks ausgelöst. Ein Muskel nach dem anderen stirbt ab, in einem Prozeß, der bei den Extremitäten beginnt und sich allmählich über den ganzen Körper ausdehnt. Wieder und wieder spürt der Patient ein leichtes Prickeln auf der Haut: Es ist die letzte Zuckung eines Muskelfäserchens vor dem Absterben.

Als Arme und Beine den Dienst versagten, ersann Cary seine Schreibkonstruktion. In den ersten Monaten konnte er seine Gedanken noch diktieren. Später, als der Muskelschwund auch die Stimmbänder anzugreifen begann, benutzte er das rollende Manuskript. Abgemagert, mit tiefliegenden Augen, einen alten grauen Pullover über dem Pyjama, lag der Achtundsechzigjährige in seinem Bett. Viele Engländer bewunderten damals die Standhaftigkeit, mit der Cary seiner Auflösung entgegensah: Er starb im März 1957.

In seinen Vorträgen, die nun etwa ein Jahr nach seinem Tode erschienen sind, untersucht Cary vor allem das Phänomen der künstlerischen »Intuition« und deren Verwirklichung im Kunstwerk, wobei er nicht immer betont wissenschaftlich argumentiert: »Ein Hieb auf die Nase ist keine Kunst, aber die Worte, mit denen wir ihn zu rechtfertigen suchen, könnten gewiß Kunst sein«, scherzt er.

Das eigentliche Problem des Künstlers sieht Cary darin, den ursprünglichen künstlerischen Plan - die sogenannte »Intuition« - möglichst unverändert in Worte, Farben oder Töne zu übersetzen: »Ein kalter Gedanke muß mit einem warmen Gefühl fertig werden.« Cary findet: »Alle seriösen Künstler predigen« - manche predigten eine Ideologie, andere eine unpolitische Weltanschauung, alle, jedoch eine Moral. »Wir beurteilen den Wert eines Werkes letzten Endes nach seiner Offenbarung einer moralischen Wirklichkeit.«

Nun bemerkte allerdings auch Cary, daß sich auf solche Weise, offenbarte »moralische Wirklichkeiten« oft gegenseitig widersprechen oder ausschließen. Cary konfrontierte miteinander den russischen Romanautor Leo Tolstoj (1828 - 1910), bei dem alle Tragödien durch die Natur des Menschen begründet sind, und den englischen Autor Thomas Hardy (1840 - 1928), in dessen Werk das Walten eines blinden Schicksals geschildert wird, das alle menschlichen Tragödien verschuldet.

Den Widerspruch zwischen den beiden Dichtern fand Cary verwirrend. Daß dagegen etwa zwei Maler das gleiche Landschaftsbild verschieden wiedergeben - wie etwa der italienische Städte-Maler Canaletto und der Engländer Turner den Canal Grande in Venedig - beunruhigte Cary weniger. Jeder von ihnen, fand Cary, habe »eine Wahrheit entdeckt; so wie ein Chemiker ein neues Element entdeckt«, und beide Wahrheiten ergänzten einander.

Noch fünfzehn Romane

Carys etwas verwegene Exkursionen auf das Gebiet der Ästhetik wurde von »Times Literary Supplement«, dem prominenten englischen Literaturblatt, mit leicht gönnerhaftem Wohlwollen quittiert. »Als ein ganz persönlicher Monolog« des Künstlers, schrieb das Blatt, seien Carys Gedanken immerhin von einigem Wert.

Allerdings sind Carys theoretisierende Vorträge nicht das letzte Buch, das aus seiner Hinterlassenschaft veröffentlicht wird. In seinen Schubladen fanden, sich Dutzende von Erzählungen und Fragmente zu nicht weniger als fünfzehn Romanen.

Eine Auswahl aus diesen Novellen wird vorbereitet. Noch vor ihr, wahrscheinlich im Frühjahr 1959, soll aber Carys Roman »The Captive and the Free« - zu deutsch: »Der Gefangene und der Freie« - erscheinen, den Cary noch auf seinem Lager zu Ende führen konnte.

In diesem Roman beschäftigt sich Cary vor allem mit seiner eigenen, sehr speziellen Religion. Besuchern am Krankenbett hatte er bereits angedeutet, er glaube an die Existenz einer persönlichen Macht, die größer sei als der Mensch, aber er sei kein Christ im üblichen Sinne. Cary rechnete nicht auf ein Weiterleben nach dem Tode.

»Ich glaube, mein Tod ist mein Ende«, sagte er, »und es schmerzt mich, die Welt zu verlassen, es schmerzt mich sehr. Wir haben keine Seele im landläufigen Sinn. Leib und Seele sind, beides Erscheinungen des Universums... Sie stellen keine Gegensätze dar - davon bin ich überzeugt.« Erschöpft schloß Cary seinen Vortrag: »All das wird in dem Roman stehen.«

* Joyce Cary: »Art and Reality«; Cambridge University Press; 182 Seiten; 18 s. 6 d.

Gelähmter Schriftsteller Cary 1957: »Alle Künstler predigen«

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