Im Herzen der Hure - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 93 / 129

SÜDAFRIKA Im Herzen der Hure

Seit über zwei Jahren versucht die »Wahrheitskommission«, die Verbrechen des Apartheid-Regimes aufzuarbeiten. Die Anhörungen der Opfer sind beendet, die der Täter dauern an. Doch die Versöhnung von Schwarzen und Weißen findet nicht statt. Von Birgit Schwarz
Von Birgit Schwarz
• aus DER SPIEGEL 24/1998
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Zwei Weiße, die Schwarze gemordet haben: Der eine hat heute unter Schwarzen mehr Freunde als unter Weißen. Den anderen feiern seine Mitbürger in der konservativen Farmerkleinstadt Warmbad als Helden, weil er so eifrig tötete, daß er sich weder an die Zahl noch an die Namen all seiner Opfer erinnern kann.

Beide haben jahrelang einem Regime gedient, das die Minderwertigkeit von Farbigen für gottgegeben hielt und die Bekämpfung Andersdenkender zum heiligen Krieg erklärte. Und beide waren überzeugt, »Volk und Vaterland« gegen den Kommunismus und einen Feind verteidigen zu müssen, der drohte, ihre Rasse, ihr Haus und ihre Kinder zu vernichten.

Dirk Coetzee leitete eine geheime Operationsbasis für schwarze Spitzel, welche die Befreiungsbewegung unterwandern sollten - Vlakplaas genannt. Paul van Vuuren war Mitglied einer Todesschwadron der Sicherheitspolizei. Für ihren Diensteifer wurden sie vom Apartheid-Staat mit Treuemedaillen ausgezeichnet. Nach der Machtübergabe an ihre einstigen Widersacher haben sie vor Südafrikas Wahrheitskommission Amnestie für ihre Taten beantragt.

Die Kommission untersucht seit zwei Jahren Menschenrechtsverletzungen aus der Apartheid-Zeit und gewährt Straffreiheit für politisch motivierte Verbrechen - vorausgesetzt, die Täter legen volle Geständnisse ab; Reuebekundungen sind nicht erforderlich.

Während angeblich Gewissensbisse und die Einsicht in das Scheitern des weißen Gewaltregimes Coetzee schon früh dazu trieben, seine Geschichte zu erzählen, würde van Vuuren noch schweigen, hätte nicht ein Komplize gesungen. Und so wird er noch heute in seiner Stammkneipe mit Schulterklopfen begrüßt und zum Bier eingeladen, während Coetzee unter ehemaligen Kameraden als Verräter gilt.

Der redselige einstige Vlakplaas-Kommandeur hatte erstmals im November 1989 die Existenz von Killerkommandos bei der Polizei offenbart. Damals hatte das Apartheid-Regime bereits erste Gespräche mit seinem prominentesten Gefangenen, Nelson Mandela, und dessen Freiheitskämpfern im Exil aufgenommen. Doch an eine Machtübergabe war noch nicht zu denken. Und so detonierten Coetzees Bekenntnisse aus dem »Herzen der Hure«, wie er das mörderische System heute nennt, mit der Sprengkraft einer Bombe. Ein weißer Polizist bestätigte, was jahrelang von offizieller Seite bestritten worden war: daß Spezialeinheiten der Sicherheitsbehörden Todesurteile vollstreckten, für die es keine richterlichen Entscheidungen gab.

Ein ehemaliger schwarzer Mitarbeiter Coetzees hatte den rundlichen Buren beschuldigt, die Ermordung eines Anwalts der Widerstandsbewegung Anfang der achtziger Jahre befohlen zu haben. Coetzee bewahrte damals das Waffenarsenal seines 40köpfigen Killerkommandos im Kofferraum seines Autos auf: 40 Kilogramm Sprengstoff, Handgranaten, fünf Maschinengewehre, Pistolen mit Schalldämpfern, Strychnin und Leichensäcke.

Wie ein Raubüberfall hatte der Mord an dem Anwalt Griffiths Mxenge aussehen sollen. »Keine Feuerwaffen«, habe seine Anordnung gelautet, sagt Coetzee. Mxenge wurde regelrecht abgeschlachtet. Er verblutete an über 40 Stichwunden, anschließend wurden ihm die Eingeweide herausgetrennt.

Wie so viele ähnliche Fälle wäre auch dieser nie aufgeklärt worden. Erst als ein schwarzer Vlakplaas-Spitzel auszupacken begann, um den eigenen Kopf zu retten, wurde die Wahrheit ruchbar. Coetzee hätte, wie seine Kollegen, alles abstreiten und den Spitzel einen Lügner nennen können. Statt dessen floh er aus Südafrika und erzählte auf der Ferieninsel Mauritius dem südafrikanischen Journalisten Jacques Pauw seine Geschichte.

In den Monaten nach seinem Geständnis sah sich Coetzee nicht nur als Mörder und Giftmischer entlarvt, er wurde auch als Lügner und Psychopath gebrandmarkt. Dreieinhalb Jahre lang war er vor den Nachstellungen seines Vlakplaas-Nachfolgers Eugene de Kock auf der Flucht. Der schickte ihm mit Sprengstoff präparierte Kopfhörer ins Exil. Als Absender der tödlichen Sendung war ein mit Coetzee befreundeter Anwalt vermerkt. Coetzee ließ das Paket zurückgehen, weil ihm der Zoll zu hoch erschien, und die Kopfhörer sprengten dem vermeintlichen Spender den Schädel weg.

Schutz gewährte dem geständigen Mörder Mandelas Afrikanischer Nationalkongreß (ANC); Coetzee lernte jene Männer als »intelligente Gentlemen« schätzen, die er zuvor für »brutale Wilde« gehalten hatte. Heute ist der jugendlich wirkende 52jährige Ex-Pilot mit dem Stifthaarschnitt einer der Kronzeugen der Wahrheitskommission. »Es war ein harter Kampf«, sagt er, »und er dauert noch an.«

Die Kommission, die bisher Unentdecktes ans Licht bringen und Rätselhaftes aufklären soll, ist das Ergebnis langwieriger Verhandlungen zwischen schwarzen Befreiungskämpfern, die militärisch nie siegten, und weißen Regierungsvertretern, die am Ende politisch kapitulierten. 48 engbeschriebene Seiten umfaßt der Nationale Einheits- und Versöhnungsakt, der den Tätern von einst Straffreiheit gewährt, als Gegenleistung aber Geständigkeit verlangt.

Die »Mutter aller Gesetzesnovellen«, wie der Akt im Volksmund heißt, trat am 19. Juli 1995 in Kraft. Seither hat die Kommission unter dem Vorsitz von Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu 20 000 Opfer und Hinterbliebene gehört. Über 7000 Amnestiegesuche sind bis zum Ablauf der Antragsfrist eingegangen.

Es gibt kein Richterpult und auch keine Anklagebänke. Juristen, Menschenrechtler, Priester und Psychologen hören Männer an, die sich selbst unter Anklage stellen. Die Kommissionsmitglieder sitzen an langen Tischen in öffentlichen Sälen, in die nur selten weiße Zuhörer kommen. Sie sammeln keine Indizien, führen keine Beweise und fällen keine Urteile, wohl aber

* Mit dem Bild seines ermordeten Bruders.

nehmen sie Geständige ins Kreuzverhör. Es

hat bewegende Szenen gegeben und ungebändigten Schmerz.

Und immer wieder tritt dabei Coetzee als Zeuge auf. Seinem Bedürfnis, sich seinen Alptraum von der Seele zu reden, um die Vergangenheit endlich hinter sich zu bringen, hat die Kommission viele ihrer Erkenntnisse zu verdanken. Wer sich nicht stellt und dennoch als Mittäter entlarvt wird, muß mit Strafverfolgung rechnen. Deshalb haben Coetzees Bekenntnisse schließlich auch Männer an die Öffentlichkeit gezwungen, die, wie Paul van Vuuren, weder Schuld noch Reue empfinden.

Immer wieder wird Coetzees Glaubwürdigkeit in Zweifel gezogen: Er sei ein Phantast. Das hat den Mann mürbe gemacht, der sich der Wahrheit schon stellte, als deren Enthüllung noch lebensgefährlich war.

Mehr als einmal hat er nach einem Lügendetektor verlangt, nach »einer Maschine, die verläßliche Antworten liefert«. Immerhin, bisher hat sich noch alles, was er 1989 zu Protokoll gegeben hat, als wahr erwiesen: die Existenz staatlicher Killerkommandos, die Stromstöße und die nassen Säcke, mit denen Beamte Geständnisse erpreßten, die Biergelage, mit denen die Mörder sich die Zeit vertrieben, während neben ihnen die Leichen ihrer Opfer brannten.

Detailliert beschreibt Coetzee das schaurige Feuerritual, mit dem das Vlakplaas-Team die Spuren seiner Aktivitäten beseitigte: »Man darf nicht im Wind sitzen, dann riecht man auch nichts.« Doch tatsächlich, fügt er hinzu, unterscheide sich der Geruch röstenden menschlichen Fleisches nicht sonderlich von dem gegrillter Steaks.

Heute empfindet er bei dem Gedanken an jene langen Abende im Busch Ekel und Entsetzen. Damals hat er weggesehen und seine Untergebenen die Leichen so lange über dem Feuer drehen lassen, bis nur noch Asche übrig war. »Und doch werde ich diese Leichen bis an den Rest meiner Tage mit mir herumschleppen müssen.«

Erzählungen wie diese hätten ihm »die ganze Schrecklichkeit« offenbart, zu der Menschen fähig seien, meint Bischof Tutu. Zwei Jahre lang hört sich der Kirchenmann nun schon die Schilderungen von Mord und Totschlag an. Dennoch hält der nach Präsident Mandela wohl bekannteste Schwarzenführer Südafrikas auch heute am Gospel der Versöhnung fest. »Ich wäre kein Priester, wenn ich den Glauben an die Möglichkeit des Wandels aufgegeben hätte.« Wo Scham sei, da sei auch Hoffnung.

Die Angehörigen des 1981 auf Anordnung Coetzees ermordeten ANC-Anwalts Mxenge teilen die neutestamentarische Ethik nicht, auf der die Arbeit der Wahrheitskommission beruht. Sie wollen Vergeltung, bevor sie vergeben können. Und sie sind nicht die einzigen, die damit das Versöhnungskonzept in Frage stellen.

Gemeinsam mit der Familie von Steve Biko, eines schwarzen Bürgerrechtlers, der 1977 nach Verhören durch die Sicherheitspolizei an den Folgen einer Kopfverletzung gestorben war, wollen die Brüder Mxenges den Internationalen Gerichtshof in Den Haag anrufen. Der soll prüfen, ob es Rechtens ist, geständige Mörder ohne Urteil und ohne Strafe davonkommen zu lassen.

»Gerechtigkeit« hatte Tutu, als er noch Generalsekretär des südafrikanischen Kirchenrats war, den 15 000 Menschen versprochen, die zu Mxenges Beerdigung erschienen waren. Die »Regierung des Volkes« werde dafür sorgen, daß dieses Verbrechen gesühnt werde. Nun ist diese Regierung bereits vier Jahre an der Macht. Doch viele Schwarze finden, daß noch keine Gerechtigkeit stattgefunden hat. »Der Bischof hat uns den Rücken gekehrt«, sagt Churchill Mxenge, der jüngere Bruder des ermordeten Anwalts.

Der Preis ist hoch, den das neue Südafrika, vor allem aber die Opfer des Apartheid-Staats und deren Angehörige, für den politischen Kompromiß bezahlen. Denn der stellte das individuelle Bedürfnis nach Vergeltung hinter das kollektive Interesse am nationalen Friedenserhalt.

Als Mandela im Februar 1990 nach fast 28 Jahren aus der Haft entlassen wurde, hatte der Oberbefehlshaber der burischen Streitkräfte 75 000 Mann kampfbereit hinter sich. Ohne Amnestieversprechen wäre ein friedlicher Machtwechsel undenkbar gewesen, sagt Tutu.

So werden geständige Killer heute ebensowenig eine Bestrafung fürchten müssen wie zu Zeiten des Regimes, dem sie willig dienten. Ohne ihre Aussage allerdings würden die Hinterbliebenen oft bis heute nicht wissen, unter welchen Umständen ihre Angehörigen umkamen.

Das offizielle Ziel - Versöhnung - hat diese Art der Wahrheitsfindung nicht erreicht. Eines jedoch haben die öffentlichen Amnestieanhörungen bewirkt: Die einst privilegierte Minderheit Südafrikas kann sich nicht länger dem Selbstbetrug hingeben, die Greuel seien nur die Exzesse einzelner gewesen. Sie muß erkennen, daß sie mitverantwortlich ist für den Schrecken, mit dem ihre gewählten Regierungen fast fünf Jahrzehnte den Machterhalt und den Lebensstandard der Weißen verteidigten.

Als Tausende Angehörige von Apartheid-Opfern im zweiten Jahr nach dem Machtwechsel vor Fernsehkameras weinend vom Verschwinden ihrer Männer, Väter und Söhne berichteten, hieß es in Burenkreisen noch: »Die Schwarzen übertreiben.« Heute fühlen sich viele Weiße immerhin genötigt, ihr Mitläufertum mit Ahnungslosigkeit zu entschuldigen.

Und obwohl auch dies nicht ganz der Wahrheit entspricht, mag die Schrecklichkeit dessen, was meist nachts in abgelegenen Gebieten geschah, die Vorstellungskraft biederer Bürger tatsächlich überstiegen haben.

Wer will einem normalen Mitmenschen schon zutrauen, daß er einen 220-Volt-Generator an die gefesselten Hände und Füße eines Gefangenen anzuschließen vermag, den Schalter umlegt und unbewegt zusieht, wie der Stromschlag durch die Glieder seines Opfers fährt, wie dessen Körper erzittert, wie Schaum vor den Mund tritt und Blut aus den Ohren rinnt?

Paul van Vuuren ist so ein normaler Mensch - weder ein geborener Sadist noch sonstwie pervers, das haben psychologische Gutachten erwiesen. Ein zärtlicher Vater, der seinen zweijährigen Sohn abgöttisch liebt und von diesem nicht minder heftig zurückgeliebt wird. Und er wirkt nicht einmal unsympathisch mit dem Stoppelbart, den er sich anstelle des für Südafrikas weiße Polizisten typischen Schnauzers wachsen ließ.

»Es war Krieg«, rechtfertigt van Vuuren die Hinrichtung der drei ANC-Aktivisten Andrew Makope, Jackson Maake und Harold Sefolo im Juli 1987 auf einem Feld bei Pretoria. »Hätten wir sie nicht umgebracht, hätten sie früher oder später uns erwischt.«

Als van Vuuren Ende 1985 nach einem Studium der Kriminologie und einem Jahr gewöhnlichen Polizeidienstes um seine Versetzung zu einer Spezialeinheit bat, brannten die schwarzen Townships. ANC-Anhänger lynchten vermeintliche Kollaborateure des Apartheid-Regimes mit brennenden Autoreifen, die Exilführung der Befreiungsbewegung hatte zum bewaffneten Widerstand auch gegen weiße Zivilisten aufgerufen. »Diesen Leuten hätte ich nie die Macht überlassen wollen«, so van Vuuren.

Nacht für Nacht fuhr er mit zwei Kollegen, dem Weißen Jacques Hechter und dem schwarzen Vlakplaas-Spitzel Joe Mamasela, in gestohlenen Autos durch die Townships rund um Pretoria. Die drei Maskierten griffen jeden auf, der als Sicherheitsrisiko galt. »Wir waren das Exekutionskommando des nördlichen Transvaal«, sagt van Vuuren nicht ohne Stolz. Gelungene Morde wie jene an Maake, Makope und Sefolo feierten sie als Sieg über das Chaos und den Antichristen. Heute weiß van Vuuren nicht einmal, in wie vielen Fällen er Amnestie beantragt hat. In 40? Es mögen auch 60 Morde gewesen sein.

Es herrschte Notstand im Burenstaat, und die Polizisten im besonderen Auftrag waren Ankläger, Richter und Henker zugleich. Nicht ein einziges Mal wurde das Killerkommando zur Rechenschaft gezogen, weder vom Polizeichef noch vom Nationalen Sicherheitsrat, dessen Vorsitzender damals Präsident Pieter Willem Botha war, auch nicht von Vertretern der regierenden Nationalen Partei, obwohl der Befehlshaber der Einheit mit der Lizenz zum Töten, Jack Cronje, regelmäßig Bericht erstatten mußte.

Solange ihre Blutsbrüderschaft bestand, hat keiner von ihnen je Skrupel empfunden. Nicht das Gewissen hat van Vuuren vor die Wahrheitskommission getrieben, sondern die Angst, den Rest seines Lebens hinter Gefängnismauern verbringen zu müssen. Denn sein Helfershelfer Mamasela hatte die Seiten gewechselt und gab sein Wissen der neuen schwarzen Regierung preis.

Töten fiel ihm leichter, als sich öffentlich zu seinen Taten zu bekennen, sagt van Vuuren. Seit er als Massenmörder bloßgestellt ist, hat er eine Neun-Millimeter-Pistole stets griffbereit. Doch nie wieder werde er für eine Partei oder eine Rasse töten.

Van Vuuren fühlt sich benutzt und verraten. Die politisch Verantwortlichen von einst bezeichnen Männer wie ihn nunmehr als »faule Eier«, ihren mörderischen Diensteifer nennen sie eine »Verirrung«.

Das Mitleid, das van Vuuren nie für seine Opfer spürte, empfindet er heute für sich selbst. Wenn er in den Spiegel blickt, sieht er einen ergrauten 36jährigen, »der im Herzen 66 ist«. Die Witwe des mit Elektroschocks hingerichteten ANC-Aktivisten Sefolo suchte während der Anhörung vergebens nach Anzeichen von Mitgefühl im ausdruckslosen Gesicht des Täters.

Fast neun Jahre lang hat Elisabeth Sefolo nach ihrem verschollenen Mann gefahndet. Weder die Polizei noch die Wahrsagerinnen, von denen sie sich Aufschluß erhoffte, haben ihr je eine klare Antwort geben können. Immer wieder glaubte sie, seine Schritte vor der Tür ihres Township-Hauses zu hören. Heute weiß sie, daß sie nicht einmal seine Leiche wird heimführen können. Die Killer hatten Sefolos leblosen Körper auf eine Tretmine gelegt und diese dann gezündet; es sollte so aussehen, als habe er sich beim Verlegen von Minen selbst in die Luft gesprengt.

Als die Mutter von vier Kindern vor die Kommission trat, um erstmals öffentlich die Geschichte vom Verschwinden ihres Mannes zu erzählen, erhoffte sie sich Erleichterung. Doch die ist ausgeblieben. Niemand hat sich bisher die Mühe gemacht, die Witwe an den Tatort zu führen, damit sie dort einen Gedenkstein aufstellen kann. Und niemand, der an der Tat beteiligt war, hat jemals um Verzeihung gebeten. »Wozu?« fragt van Vuuren. »Wir haben keinen Unschuldigen getötet.«

Reue ist eben keine Voraussetzung für eine Begnadigung. Und je überzeugender ein Mörder begründen kann, daß seine Tat politisch gewünscht und notwendig war, um so größer sind seine Chancen, straffrei davonzukommen. Auch das macht die Versöhnung schwierig und hat der Kommission den Vorwurf eingebracht, das Rechtsempfinden im Lande zu zersetzen.

Für die Hinterbliebenen, sagt einer, der selber Opfer ist, sei die Tatsache, daß gewissenlose Killer freie Bürger bleiben, schwer zu akzeptieren. Als Überlebender könne er immerhin für sich selbst entscheiden, ob er verzeihe oder nicht. Michael Lapsley hat sich gegen den Haß entschieden. Eine Briefbombe riß ihm im April 1990 beide Hände ab, Anti-Terror-Spezialisten des Regimes hatten ihm die gefährliche Post zugeschickt. »Wenn ich heute noch von Rachedurst verzehrt würde, dann hätten sie nicht nur meinen Körper zerstört, sondern auch meine Seele«, sagt der Anglikanerpriester.

In Workshops, die Lapsley landesweit für Angehörige von Apartheid-Opfern veranstaltet, versucht er seine Erfahrung zu vermitteln: Wenn der Haß die Seele auffresse, gewännen die Täter die Schlacht noch nachträglich. Mit diesem Gedanken, sagt die Witwe Sefolo, habe der Priester mehr zu ihrer Heilung beigetragen als die Kommission. Die wolle zwar die Wahrheit aufdecken, überlasse es aber den Betroffenen selbst, mit dieser fertig zu werden.

Lapsley überlebte den Anschlag nur, weil er das Paket, das die Bombe enthielt, nicht an seinem Schreibpult, sondern an einem niedrigen Couchtisch öffnete. Zwei Edelstahlzangen sind seither in seine vernarbten Unterarmstümpfe montiert. Mit ihnen gestikuliert Lapsley heute so selbstverständlich wie einer, der noch Finger hat.

Was den gebürtigen Neuseeländer für den weißen Sicherheitsapparat so gefährlich machte, war seine Überzeugungskraft. Während sich die Killerkommandos auf einem Kreuzzug zur Verteidigung der christlichen Zivilisation wähnten, predigte er, daß das Apartheid-Regime in jeder Hinsicht unchristlich sei. »Mein Sturmgewehr war meine Zunge«, sagt er. Das reichte, um ihn zum Terroristen zu stempeln.

Als ANC-Aktivist, sagt Lapsley, habe man immer damit rechnen müssen, den Kampf mit dem Leben zu bezahlen. Womit er nicht gerechnet hatte, war ein Dasein als Krüppel. Doch heute empfindet er sich als »Sieger«. Lebend sei er für jene, die sich am liebsten in kollektives Vergessen flüchten würden, schwieriger zu ertragen als tot: »Ich bin ein Mahnmal für das, wozu dieser vermeintlich so gottesfürchtige Staat fähig war.«

Deswegen und weil endlich der Versuch gemacht wird, eine »neue moralische Ordnung« zu schaffen, ist er vor die Kommission getreten, um seine Geschichte zu erzählen - obwohl er Strafverfahren vorgezogen hätte. Man hätte die Verurteilten ja danach amnestieren können.

Viele Täter haben sich den Ermittlungen der Wahrheitskommission entziehen können: Militär und Sicherheitsdienst ließen ganze Aktenberge im Reißwolf vernichten; die politisch Verantwortlichen distanzieren sich von ihren Handlangern und verweigern wie der Ex-Präsident Pieter Willem Botha (Spitzname »Krokodil") die Kooperation; die Handlanger selbst, die Richter, Ärzte und Geheimpolizisten, sind größtenteils noch immer im Dienst.

Die ganze Wahrheit über jene Zeit, in der einzig die Hautfarbe über Freiheit und Unfreiheit entschied, wird der Ende Juli fällige Bericht der Kommission nicht ans Tageslicht bringen. Zu viele Amnestieanträge sind noch unbearbeitet, zu wenig ist immer noch über die eigentliche Kommandostruktur des Apartheid-Staates bekannt. »Wir werden uns am Ende mit einer Interpretation dessen zufriedengeben müssen, was wahrscheinlich geschehen ist«, sagt Bischof Tutu. Und es sei eben höchst unwahrscheinlich, daß Männer wie Coetzee oder van Vuuren nur Ausnahmen gewesen seien. »So viele Ausnahmen kann es nicht gegeben haben.«

Tutus Aufforderung an seine weißen Mitbürger, zu ihrem »feigen Mitläufertum« zu stehen, haben dem Bischof und der Kommission mehr als einmal den Vorwurf der Parteilichkeit eingebracht. Und daß Spitzenvertreter des ANC, die während des Befreiungskampfes Lynchjustiz übten und Bomben in Supermärkte warfen, eine Generalamnestie erhalten haben, hat die Glaubwürdigkeit des Gremiums nicht gestärkt, auch wenn Tutu inzwischen eine gerichtliche Überprüfung dieses Beschlusses anordnen ließ.

Was immer die Wahrheitskommission herausfinden werde, ihre Schlußfolgerungen hätten nicht die geringste Bedeutung, ließ Pieter Willem Botha unlängst wissen. Der vorletzte Präsident des Apartheid-Regimes hält die Arbeit der Wahrheitskommission für »eine Hexenjagd«. Die Mehrheit der weißen Bevölkerung Südafrikas teilt seine Ablehnung offensichtlich: Nur 18 Prozent glauben einer Umfrage zufolge, daß die Kommission »fair« sei.

Unzweifelhaft ist, daß nach Abschluß der Anhörungen Südafrikas Geschichte in Teilen neu geschrieben werden muß. Aber können Täter und Opfer, wie Tutu hofft, wirklich jemals zu einem Gefühl nationaler Einheit finden?

Die Unverbesserlichen werden den scharfzüngigen Anglikanerpriester Lapsley wohl immer für einen Terroristen, den geständigen Vlakplaas-Kommandeur Coetzee für einen Verräter und den gewissenhaften Killer van Vuuren für einen Helden halten.

* Mit dem Bild seines ermordeten Bruders.

Zur Ausgabe
Artikel 93 / 129

Mehr lesen über