EUROPA-VERTEIDIGUNG Im Notfall
Obwohl noch keine sowjetischen Panzerspitzen über die Elbe vorfühlten, haben Führungsstäbe der potentionellen Europa-Verteidiger USA, Frankreich und Italien bereits den Rückzug auf die Pyrenäen angetreten. In Madrid - weit vom sowjetischen Schuß - stürzten sie sich in eine mysteriöse Tätigkeit, und gut informierte Beobachter glauben, daß sie ein Hauptquartier für den Notfall aufbauen wollen. Norweger, Dänen und Holländer - näher am Schuß - stehen schmollend abseits. Die Kluft droht die NATO-Einigkeit zu sprengen.
Am 10. November traf in Madrid eine italienische Offizierskommission unter Führung des Generals Ettore Musco und des Obersten D. Lavatini ein. Die Briten schickten eine sechsköpfige Delegation, in der sich Luft-Kommodore J. Fressanges befand. Die Führung dieser Equipe soll der stellvertretende Chef des Stabes bei Montgomery, Generalmajor Llewelyn Wansbrough-Jones übernehmen.
Vier Belgier sind auch bereits da, und als Chef einer sechs Offiziere starken französischen Delegation erwartet man General Goisland de Montsabert.
Goisland ist zwar Abgeordneter der Sammlungsbewegung de Gaulles (R. P. F.). Er hatte daher bereits seinen Abschied bekommen, ist aber seit einem halben Jahr (wie auch andere de Gaulle-Anhänger im französischen Offizierskorps) wieder im Dienst und arbeitet im Mobilmachungsamt des Verteidigungsministeriums. Für Spanien ist Goisland der richtige Mann. Er ist der Vorsitzende einer parlamentarischen Gruppe, die die Freundschaft zwischen Frankreich und Spanien auf ihr Panier geschrieben hat.
Als inoffizieller Verbindungsmann der Madrider Offiziersansammlung zu deutschen Stellen in Bonn fungiert der ehemalige deutsche Luftwaffen-Attaché in Spanien, General Doerr. Der unterhielt bisher in Madrid ein Übersetzungsbüro und erteilte Sprachunterricht. Nachdem ihm der Versuch, in das Waffengeschäft einzusteigen, mißglückt ist, hat der General wieder mal einen Job, der auf seine alte Uniform zugeschnitten ist.
Die Briten haben der Offiziersversammlung in Madrid bereits einen Spitznamen gegeben. Sie nennen sie im Generalstäbler-Jargon in Erinnerung an glorreiche Kriegstage »SHAEF«. So hieß seinerzeit Eisenhowers Europa-Hauptquartier (Supreme Headquarters of Allied European Forces). Heute deuten sie »SHAEF« als »Spanisches Hauptquartier der alliierten Truppen für den Notfall« (Spanish Headquarters of Allied Emergency Forces).
Britische Offiziere in London deuteten vor ihrer Abreise nach Madrid an, daß es Aufgabe der internationalen Offiziers-Kommission in Madrid sei, für den Fall der Nicht-Ratifizierung des Vertrages über die Europäische Verteidigungs-Gemeinschaft (EVG) eine Europa-Verteidigung von der Basis der bereits bestehenden spanisch-portugiesischen Eingreif-Armee (ejercito de maniobras) zu organisieren.
Ähnlich äußerte sich der italienische General Ettore Musco: wenn der EVG-Vertrag nicht zustande komme, dann müsse das Madrider Offizierskollegium in eine offizielle Organisation verwandelt werden.
Der Franzose Goisland erklärte, daß der Widerstand der französischen Militärs gegen die EVG von lauwarm über heiß nun glühend geworden sei. Komme die EVG nicht zustande, dann müsse das Verteidigungszentrum automatisch nach Südwesten zurückverlagert werden.
Ähnlich der amerikanische Generalmajor MacCloskey: wenn die EVG nicht ratifiziert wird, können die Westmächte östlich des Rheins nur Vorposten-Stellungen beziehen.
Die holländischen, dänischen und norwegischen Generalstäbe haben sich nicht bereit erklärt, ihre Offiziersdelegationen nach Madrid zu schicken. Für sie besteht kein Interesse an Verteidigungsplänen, die die Preisgabe des ostrheinischen Raumes zur Voraussetzung haben.