AFFÄREN Im Prinzip ja
Viktor Modler, Leiter des » Katholisehen Lagerwerks in Recklinghausen. galt immer als besonders gläuhigcr Christ und honoriger Bürger -- mit allerlei Orden und Ehren bedacht.
Die amerikanische Columbia-Universität verlieh ihm einst die Ehrendoktor wurde für seine Verdienste um den deutsch-amerikanischen Jugendaustausch. Und als er voriges Jahr 65 Jahre alt wurde, kam eigens ein Weihbischof aus Münster »um Gratulieren. Gelegentlich hatte der Heilige Vater selbst einen Orden überreichen lassen. Das prolane Bundesverdienstkreuz, 1. Klasse, hatte er längst. Doch neuerdings interessiert sich der Staatsanwalt für Viktor Modler.
Nun, auf seine alten Tage, ist der fromme Mann in böses Gerede gekommen. Beim Umgang mit Steuergeldern und Fördermitteln soll sein » Katholisches Lagerwerk« nach dem Krieg ursprünglich als Flüchtlingshilfe gegründet, später aber auch in der politischen Fortbildung aktiv -- nicht nur sündhaft schlampig. sondern womöglich sogar betrügerisch umgegangen sein. Wegen Betrugsverdacht hat die Wirtschaftsstrafabteilung bei der zuständigen Bochumer Staatstsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren eingeleitet.
Millionenbeträge hat Modlers Instituion in last drei Jahrzehnten vor allem für staatsbürgerliche Schulungskurse vom Familienministerium Lind mehr noch vom Innerdeutschen Ministerium angefordert und auch ausgegeben. Allein 20 000 Übernachtungen mit Vollpension rechnen die katholischen Bildungsburger alljährlich ah. Doch ob es damit immer seine Richtigkeit hat, wird nun von Ministerien, katholischen Organisationen und dem Staatsanwalt untersucht.
Die Kontrolle über solche Mittel ist schwer. Denn das Geld wird nicht direkt von den Ministerien angewiesen, sondern über eine Zwischenstation. dem bei der Katholischen Bischofskonferenz für Jugendseelsorge zuständigen »Jugendhaus Düsseldorf. Das wiederum ist dem Verein zur Förderung katholisch-sozialer Bildungswerke verantwortlich Lind muß außerdem noch mehr als ein Dutzend anderer christlich-katholischer Institutionen überwachen. Da mag schon mal ein bißchen Geld versickern.
Daß die Überwachung beim Lagerwerk lückenhaft war, wurde Ende letzten Jahres unversehens auf einem völlig anderen Gebiet deutlich. Per Zufall stieß ein »Jugendhaus«-Mitarbeiter auf Merkwürdigkeiten bei » Begegnungsmaßnahmen« des Lagerwerks, die »einer hohen Vertraulichkeit unterliegen«, wie ein »Jugendhaus«-Mann erläutert. Die Begegnungen finden nämlich in der DDR statt.
Für einen DDR-Reisenden, im Auftrag des Lagerwerks zu Besuch bei einigen Christen drüben, hatte Modler zwar sämtliche Spesen einschließlich der Visa-Gebühren berechnet, ihm jedoch nichts ausbezahlt. »Das war eine vergleichsweise unbedeutende Summe«. sagt ein »Jugendhaus«-Mitarbeiter, »das waren weniger als tausend Mark.« Zwar versuchte sich Modler noch herauszureden. daß er das Defizit für Päckchen in die DDR ausgegeben hätte, doch danach kam vergleichsweise Bedeutendes zutage.
Ein langjähriger Freund, der bisweilen politische Vorträge hielt, sollte letztes Jahr auf Modlers Bitte an Eides Statt versichern, er habe im Jahre 1978 an achtzehn Zwei-Wochen-Seminaren in einem lagungshotel im Bayerischen Wald als Referent teilgenommen. Fünfzig Jugendliche hätten ihm jeweils zugehört.
An einem Montag im Januar vorigen Jahres zum Beispiel sollte er laut Tagungsprogramm morgens über »Deutschland nach dem II. Weltkrieg« Lind nachmittags über »das Grundgesetz der BRD (md die Verfassung der DDR« referiert haben. Tatsächlich aber, so erinnerte er sich anhand seines Tagebuchs, habe er an diesem Tage ein Gespräch in mit dem CDU-Generalsekretär Heinrich Geißler und dem CDU-Wehrexperten Manfred Wörner »über die Sicherheitspolitik« geführt.
So fiel die Bescheinigung, die das mißtrauisch gewordene »Jugend haus« he ruhige ii sollte, à la Eriwan aus: Im Prinzip, so der Modler-Freund, habe er 1978 wohl referiert, nur hätten die Kurse nicht zwei Wochen. sondern fünf Tage gedauert. Es seien auch jeweils nicht 50, sondern nur 18 Teilnehmer gewesen, und überhaupt habe er auch nicht an 18, sondern nur an zwei Seminaren teilgenommen.
»Willkürlich aus den Teilnehmerlisten ausgewählte Personen, wurden daraufhlin vom »Jugendhaus«-Geschäftsführer Helmut Klimke angeschrieben. Von 40 Leuten, so das Ergebnis, »hat nur eine Person ihre Teilnahme bestätigt«.
Der Vorsitzende der Christlichen Gewerkschaft Deutscher Eisenhahner Peter Hahn, dessen Mitglieder bei Modlers Schulungskursen sowohl als Teilnehmer als auch als Vortragende gern gesehen waren, ließ (las »Jugendhaus« wissen, daß Referenten »teilweise Honorare in sehr geringer Höhe erhalten« hätten. So gering waren (hie Summen, daß die christlichen Eisenbahner das Geld gleich dem Verein spendeten, trotzdem aber blanko quittierten -- auch »sofern sie Geld erhalten haben, haben sie eine Blankoquittung unterschrieben«. Hahn, (her selbst als bezahlter Referent in den Unterlagen des Lagerwerks auftaucht, hat nach eigenem Bekunden weder vorgetragen noch Geld bekommen.
Für Kontrolleur Klimke lag daraufhin der Schluß nahe, daß die Seminarilsten des Lagerwerks »nicht dem Nachweis der richtliniengemäßen Verwendung öffentlicher Mittel zugrunde gelegt werden können«. Er fordert deshalb 542 646,86 Mark zurück -- alles, was in den letzten fünf Jahren gezahlt worden ist.
Weitaus höher aber sind die Summen, die das Ministerium für Innerdeutsche Beziehungen in dieser Zeit ausgeworfen hat. Nach ersten Hochrechnungen waren es rund drei Millionen Mark, deren Verwendung das Lagerwerk nun detailliert belegen muß.
Werkführer Modler selbst war vorige Woche nicht mehr zu erreichen. Aus seinem Büro meldet sich nur noch ein automatischer Anrufbeantworter.