Im Sinne Brechts - DER SPIEGEL
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Gesellschaft Im Sinne Brechts

Ein Dorf in der Toskana spielt seit 25 Jahren Stücke über die eigene Wirklichkeit - und stoppt so die Abwanderung.
• aus DER SPIEGEL 30/1992
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es hallte ein bißchen, als ein kleiner, klobiger Tisch in der Stille des Sonntagabends mitten auf dem Dorfplatz von Monticchiello abgesetzt wurde. Gemessen an den berühmten, großartigen Piazzen der Toskana - Siena, Florenz, Arezzo - ist Monticchiellos Piazza San Martino bescheiden: ohne Dom, Rathaus, Läden oder ein Cafe, ein Rechteck, gebildet von vier, fünf alten Häusern aus Fels und Sandsteinquadern.

Zwei Stunden später stehen sechs simple Holztischchen auf der Piazza. Dorfbewohner trödeln herbei und setzen sich. Es wird ein wenig getrunken, geredet und gelacht. So sieht es aus, wenn Monticchiello feiert.

Plötzlich leuchtet ein Scheinwerferlicht über der kleinen Versammlung auf. Ein bärtiger Mann tritt in die Mitte und schafft mit einer Handbewegung Ruhe. Ein Alter erhebt sich und singt, zwischen den Tischen umherwandernd, eine selbstverfaßte Ballade. Jemand hält eine Rede, aus der hervorgeht, daß hier ein Fest der »creta«, der Krume, gefeiert wird.

Die Blaskapelle spielt auf. Dann trägt ein Fremdling, mißtrauisch beäugt von den Einwohnern, beunruhigende Nachrichten vor: von einer Welt draußen, die sich schrecklich verändert und Monticchiello isoliert hat. Und plötzlich wirkt das Dorfidyll bedroht.

Schwarze Stellwände verdecken die Tische. Die Gespräche verstummen. Das Licht geht aus und wenig später wieder an: Die Tische, die Menschen sind verschwunden. Auf dem leeren Dorfplatz erscheint ein Labyrinth, gebildet aus den Stellwänden. Nun wird erkennbar, daß »creta« auf die griechische Insel Kreta und den Irrgarten anspielt, in dem das stierköpfige Ungeheuer Minotaurus eingesperrt war.

»Ein Faden von Kreta« heißt das Stück. Seit dem vergangenen Wochenende führt das toskanische Dorf Monticchiello sein selbsterdachtes Spiel einem aus ganz Italien anreisenden Publikum vor, wie jeden Sommer, seit 25 Jahren. Von den 280 Einwohnern wirken 50 mit.

Teatro Povero, Armes Theater, nennt sich diese Bühnenkunst. Sie ist anspruchslos und zugleich einzigartig, Studienobjekt von Wissenschaftlern.

»Revolutionär im eigentlichen Sinn von Brecht«, nannte die Repubblica das Arme Theater von Monticchiello. Den polnischen Theaterguru Grotowski faszinierte es ebenso wie den großen italienischen Maestro Giorgio Strehler.

Das Dorf, das hinter einer mittelalterlichen Festungsmauer auf einem Hügel des Orcia-Tals in der südlichen Toskana liegt, begann in den späten sechziger Jahren zum Theater zu finden - um sich selbst zu retten.

Ringsum verfielen Dörfer und uralte Höfe. Die Bauern flohen aus dem feudalen System der Halbpacht, das in Italien bis in die achtziger Jahre existierte, der »mezzadria": Der Boden, die Häuser und Stallungen gehörten dem Grundherrn. Als Pacht mußten die Mezzadri dem Padrone die Hälfte aller Erträge abgeben.

Mit der Technisierung der Landwirtschaft wurden viele Bauern im Orcia-Tal und anderswo von ihren Höfen vertrieben. Andere zogen weg, weil sie die archaische Abhängigkeit von einem Grundherrn nicht mehr ertragen wollten.

Die Einwohnerzahl von Monticchiello sank so von rund 1000 auf unter 300. »Als wir anfingen, ging es um unser Überleben hier«, sagt Andrea Cresti, der seit 25 Jahren mitspielt und seit 12 Jahren die Regie führt. »Wir wollten das Dorf, das dabei war, unterzugehen, in der Erinnerung erhalten und denjenigen, die blieben, den Rücken stärken.«

Zunächst wählten die Theatermacher einen historischen Stoff, doch das gefiel nur wenigen. »Wir mußten die Geschichte spielen, die uns selbst in den Knochen steckt«, sagt Alpo Mangiavacchi, 60, Klempner im Dorf und einer der Hauptdarsteller von Anfang an. So kamen die Bewohner von Monticchiello auf die Themen der jüngeren Vergangenheit, die sie aus eigener Erfahrung nachspielen konnten: die Kämpfe der Partisanen gegen die Faschisten im Dorf; der gescheiterte Aufstand gegen die Grundbesitzer; Konflikte in den Familien um die Frage, ob der Hof aufgegeben werden soll.

Inzwischen werden die Stücke auch gemeinsam entworfen. Irgendwann gegen Weihnachten trifft sich das Dorf in einem ehemaligen Getreidespeicher und diskutiert über mögliche Themen. Material wird gesammelt, der Umriß eines Dramas entwickelt.

Danach machen sich vier Textschreiber ans Werk, bis am Ende eine Fassung entsteht, in der sich alle Beteiligten, mehr oder minder, wiederfinden können: »Autodramma« hat Giorgio Strehler diese Form von Erfahrungstheater genannt.

Das Labyrinth, Thema dieses Jahres, soll die allgemeine Verwirrung wiedergeben, die nach dem Zusammenbruch des Kommunismus und der Ideologien auch in Monticchiello herrscht.

Über den Schluß des Stücks waren die Bewohner uneins: Da nimmt nämlich einer der Gäste vom Fest der »creta« ein Stück Lehm und formt einen Menschen daraus, andere folgen, bis der Festplatz von lauter kleinen Figuren aus Lehm bevölkert ist.

»Wir müssen doch eine Art Ausweg anbieten«, verteidigt ein junger Mitspieler die symbolische Rettung Monticchiellos durch seine Scholle.

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