BAYERN-WAHLEN Im Wald
Eine ebenso wundersame wie willkommene Kunde drang unlängst in die Büros der Münchner Landesleitung der Freien Demokratischen Partei: Im Landkreis Kötzting habe sich, so wurde berichtet, ein FDP -Kreisverband aufgetan, der sich zahlreicher Mitgliedschaft erfreue und fast sicher sei, bei den bevorstehenden Landtagswahlen - am nächsten Sonntag - einen Kandidaten durchzubringen.
Den Münchner Freidemokraten schien diese Nachricht anfangs unglaubwürdig: Der Landkreis Kötzting ist ein uriges Gebiet im Bayrischen Wald, dessen Eingeborenen liberale Gedankengänge seit alters so fremd sind, daß die FDP bislang gar nicht erst versucht hatte, dort Fuß zu fassen.
Doch die Nachricht, die einen jeden Parteiführer zu Wahlzeiten doppelt froh stimmen mußte, war korrekt. Trotzdem wissen die Münchner Freidemokraten bis heute noch nicht, ob sie sich über den unverhofften Zuwachs freuen sollen oder nicht.
Diese Zweifel hängen mit der langen und ungewöhnlichen Kette von Ereignissen zusammen, die dem Aufblühen des liberalen Geistes im Bayrischen Wald voraufgingen. Es begann damit, daß dem Landkreis Kötzting nach dem Kriege in Gestalt eines Revierförsters, der vom Volksmund »Jager -Wiggerl« gerufen wird, eine Art ungekrönter König erwuchs, dessen Macht vornehmlich in den Fäusten seiner Anhänger ihr Fundament hatte. Wo immer der »Jager-Wiggerl« auftauchte, stets umgab ihn eine Schar knorriger Gestalten, die - vorsorglich mit feststehenden Messern ausgerüstet - allzeit bereit war, dort nachdrücklich einzuspringen, wo die rednerischen Gaben ihres Anführers nicht ausreichten.
Mit solchen Hilfsmitteln schaffte es der »Jager-Wiggerl« mühelos, 1949 als Repräsentant der Bayernpartei (BP) in direkter Wahl in den Bonner Bundestag delegiert zu werden. Alsbald erlangte er, der den bürgerlichen Namen Ludwig Volkholz führt, einen Ruf, der seinem heimatlichen Ruhm keinerlei Abbruch tat, das Bonner Parlament aber veranlaßte, ihm einen Verzicht auf sein Bundestagsmandat nahezulegen.
Volkholz hielt das nicht für nötig, und so endete seine politische Karriere erst, nachdem ihm der Bundestag die Immunität entzogen hatte; er wurde wegen Beihilfe zum Meineid verurteilt und landete in einem Etablissement, das seinen näheren Verwandten durchaus vertraut ist: Sein Vater ist wiederholt vorbestraft, sein Bruder wegen Raubmords zum Tode verurteilt und zu lebenslänglich Zuchthaus begnadigt; von seinen drei Schwestern, die weit und breit als äußerst entgegenkommende Mädchen bekannt waren, fiel eine einer Messerstecherei zwischen Ausländern zum Opfer, während die beiden anderen immer wieder mit der Sittenpolizei in Konflikt gerieten; seine Mutter schließlich hat wegen Kuppelei langwierige Scherereien erdulden müssen.
Die Bayernpartei eliminierte den »Jager-Wiggerl« aus ihren Reihen. Im Mai 1957 wurde er begnadigt und freigelassen; im März 1958 war er, noch nicht im Besitz seiner bürgerlichen Ehrenrechte, schon wieder Bezirksvorsitzender der Kötztinger BP. Bald darauf wurde Ludwig Volkholz für den Stimmkreis Regen-Kötzting zum BP-Kandidaten für den Bayrischen Landtag nominiert.
Allein, Niederbayerns BP-Kreisvorsitzender Alfons Gassner war dagegen; er tat den Delegierten kund, ein Mann ohne bürgerliche Ehrenrechte dürfe nicht in ein Parlament einziehen. Neue Abstimmung: Die Waldler, ihrem »Jager-Wiggerl« wie eh und je treu verbunden, wählten nun dessen Frau Paula Volkholz. Daraufhin schloß Gassner den Ludwig aus der Bayernpartei aus.
Die Waldler-Treue erwies sich als unerschütterlich; Dutzende muskelstarker Bajuwaren verließen geschlossen die BP. Ihr fester Wille, wenigstens der Paula zu einem Landtagssitz zu verhelfen, führte zu der einleuchtenden Überlegung: »Die Sozis san uns z'rot, die Hundhammer-Manndln z'schwarz, und mit dena Flüchtlingen gengat mir net z'samm; woas bleibt uns nacha?«
Die Folge solchen Nachdenkens war, daß bald darauf zur Landesleitung der FDP in der Münchner Landwehrstraße Gerüchte drangen, in Kötzting, dem weißen Fleck auf der liberalen Landkarte, gebe es plötzlich über 200 FDP-Mitglieder. Landesvorsitzender Albrecht Haas eilte hin und kam gerade zurecht, um der Konstituierung eines FDP-Kreisverbandes beizuwohnen. Anschließend wurde einstimmig Frau Paula Volkholz als Landtagskandidatin nominiert.
Nach kurzer Überprüfung der Vorgeschichte kamen der Landesleitung Bedenken; sie erhob Einspruch gegen die Kandidatenwahl - freilich ohne rechten Nachdruck. Der FDP fehlte der ernsthafte Wille, formale Ungenauigkeiten rigoros auszunützen und den neuen Kreisverband samt seiner Landtagskandidatin abzuwürgen - zumal sich die Meldungen von Kötztinger BP-Übertritten zur FDP erfreulich häuften. Zwar führten die Einsprüche aus München dazu, daß die Kandidaten-Wahl zweimal wiederholt werden mußte, am Ergebnis änderte sich jedoch nichts: Paula Volkholz wird am nächsten Sonntag für die FDP kandidieren.
Aus welcher Sicht im Hause Volkholz die Politik betrachtet wird, läßt sich den Reden des »Jager-Wiggerl« aus seiner Abgeordneten-Zeit entnehmen. Damals pflegte er führende Politiker der CSU und der SPD als »Abschaum der Menschheit« zu bezeichnen und zu versichern: »Wenn alle anderen hohen Herren längst nicht mehr auf ihren Stühlen sitzen werden, ich werde alle überdauern. Denn hinter mir steht das Volk, hinter mir steht der Bayrische Wald.«
Neukandidatin Paula Volkholz
Ehrbarer Ersatz ...
Altkandidat Volkholz
... für den »Jager-Wiggerl«