FAHNDUNG / TREBLINKA Immer Angst
Im Jahre 1945 gab ein Überlebender des Arbeits- und Vernichtungslagers Treblinka bei Warschau dem Russen Wassili Grosman zu Protokoll: »Wir kennen den einäugigen Swiderski, einen Deutschen aus Odessa, getauft »Hammervirtuose«. Er war als großer Spezialist im »kalten Morden« angesehen.«
Und weiter heißt es in einer Grosman-Dokumentation »Die Hölle von Treblinka« über den SS-Wachmann Franz Swiderski: »Eben er tötete durch Schläge mit dem Hammer innerhalb von einigen Minuten 15 Kinder Im Alter von acht bis dreizehn Jahren dafür, daß sie nicht in der Lage waren, länger zu arbeiten.«
Ein Vierteljahrhundert nach den Bluttaten von Treblinka kommt Swiderski jetzt vor Gericht: Anfang November holten Beamte des Düsseldorfer Landeskriminalamts den Einäugigen in Kirchenlamitz bei Hof von der Werkbank und eskortierten ihn an den Rhein. Ein Versteckspiel, mit dem er sein halbes Leben lang Erfolg gehabt hatte, war zu Ende.
Franz Swiderski, heute 47, hatte als russischer Soldat Im Juli 1941 ein Auge verloren und war wenig später in deutsche Kriegsgefangenschaft geraten. Doch bald bot sich dem Zwanzigjährigen Gelegenheit zu einem besseren Leben: Er bewarb sich als »Hilfswilliger« (Hiwi) bei seinen Bewachern und konnte so vom Gefangenenlager in ein SS-Ausbildungslager übersiedeln. Im Lager Treblinka errang Swiderski dann als Führer einer bewaffneten Bewachertruppe von zehn Ukrainern seinen Ruf als »Hammervirtuose«.
Nach Aussagen von Treblinka-Insassen verkörperte der deutschstämmige Russe in deutschen Diensten, der seit seiner Verwundung eine schwarze Augenklappe trug, die schiere Gewalt. Vor seiner Truppe zitterten 1000 Juden und 500 im Arbeitslager untergebrachte Polen, die -- wie es Im SS-Amtsdeutsch hieß -- »zur Vernichtung bestimmt« waren. Unter Swiderskis Kommando erschossen und erschlugen die von Gegnern zu Hiwis umgestülpten Ukrainer wahllos Häftlinge.
In Warschau kaufte sich Swiderski später ein Glasauge und legte die auffällige Augenklappe ab. Als Treblinka geräumt wurde, zog er bis Kriegsende mit einem Ausländer-Bataillon kreuz und quer durch Mitteleuropa. Nach kurzer Zeit in amerikanischer Gefangenschaft drückte Captain Richard W. Pomery In Hof die beiden Daumen des Einäugigen, der sich nunmehr Franz Zerr nannte und statt Odessa Litzmannstadt als Geburtsort angab, auf die Entlassungspapiere. Bei einem Bauern In Kirchenlamitz kam er als Knecht unter.
1948 heiratete Swiderski In Kirchenlamitz, erlernte vom Schwiegervater das Seilerhandwerk und brachte, Inzwischen Handwerksmeister, das schwiegerväterliche Geschäft zur Blüte. Der Bruch mit der NS-Vergangenheit schien endgültig. Ehefrau Elfriede, die nichts von der Vergangenheit Ihres Mannes wußte: »Er hatte immer nur vor den Russen Angst.«
1959, nachdem die Grosman-Dokumentation von der Zentralstelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen In Ludwigsburg ausgewertet worden war, fahndete die Düsseldorfer Staatsanwaltschaft ("Wir haben ihn seit eh und je in der Kartei") erstmals nach Swiderski. Doch mehr als ein Einbürgerungsantrag seines Vaters aus dem Jahre 1944 fand sich nicht. Buchautor Grosman war gestorben,
* Auf dem Weg in die Gaskammer.
und die meisten Treblinka-Überlebenden waren im europäischen Osten unerreichbar. Selbst der Treblinka-Prozeß von 1964/65 von dem Düsseldorfer Schwurgericht brachte die Ermittler nicht auf Swiderskis Fährte.
Nach sieben Jahren schließlich kam Fahndungshilfe von unerwarteter Seite: Sowjetische Dienststellen sandten Swiderskis Personalbogen und Lichtbild und teilten mit, der Gesuchte lebe als Franz Zerr in Kirchenlamitz. Vermutlich waren die Russen Zerr alias Swiderski durch Briefe auf die Spur gekommen, die er an verschleppte Angehörige nach Sibirien geschrieben hatte.
Staatsanwalt Alfred Spieß, 49, Ankläger Im Treblinka-Verfahren, ließ seither den Entdeckten beobachten; noch hatten die Verfolger keine Beweismittel. Erst nach Kontakten mit der polnischen »Hauptkommission zur Verfolgung von Hitlerverbrechen« erhielten sie die Protokolle, aus denen Grosman einst seine Dokumentation zusammengestellt hatte. Vernehmungen von Zeugen in Deutschland, Israel, den USA und Polen lieferten schließlich genügend Gründe für einen Haftbefehl.
Unverzüglich fuhren die Düsseldorfer nach Oberfranken. Zerr gab sofort zu, Swiderski zu sein.
Zerr-Sohn Hermann, 19, konnte die Anschuldigungen gegen seinen Vater nicht glauben: »Vater machte doch hier gute Geschäfte mit Juden.«