Immer Asthma - DER SPIEGEL
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KUBA GUEVARA-TAGEBUCHER Immer Asthma

• aus DER SPIEGEL 29/1968
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Vierhundert Kubaner, Angestellte und Studenten, gingen in Klausur. Neun Tage lang machten sie geheimen Schichtdienst in Kubas staatlicher Druckerei, dann -- am vorletzten Montag -- war ihr Auftraggeber nicht mehr nur Star-Revoluzzer, sondern auch Verleger-Star.

Als erster veröffentlichte Amateur-Verleger Fidel Castro ein Werk, von dem sich seine Profi-Kollegen einen neuen Bestseller erhofft hatten: die Tagebücher seines einstigen Kampfgefährten Ernesto ("Che") Guevara. Druckhäuser in aller Welt hatten -- wie einst bei Swetlana Stalins »Briefen an einen Freund« -- Riesensummen geboten, obwohl sie das Manuskript nicht kannten; Castro druckte es, obwohl er weder Urheberrecht noch Ur-Manuskript besaß.

Als einen Tag später auch das Castro-freundliche US-Magazin »Ramparts« in 325 000 Exemplaren (Preis: 75 Cents) Auszüge aus den letzten Guevara -Gedanken verbreitete, war klar: Castro hatte jene rechten bolivianischen Offiziere überrundet, in deren Panzerschrank die Original-Notizen des Dr. Che Guevara verwahrt sind.

Im Wettlauf um Termine und Tantiemen hatten die Bolivianer anfangs lange Zeit in Front gelegen. Denn kaum war der »Che"sus der Linken am 9. Oktober vorigen Jahres liquidiert worden (SPIEGEL 17/1968), da tauchten auch schon die ersten Nachlaß-Händler in Bolivien auf: Vertreter finanzkräftiger Zeitschriften- und Buchverlage aus aller Welt.

Sie alle lockte das Geschäft mit Guevara. Denn längst war der bärtige Revoluzzer nicht mehr nur unbekannter Instrukteur einer kleinen Partisanen-Schar, längst war sein Mythos aus dem Urwald gedrungen, war der Techniker der Revolution zum Idol der Protest-Generation zwischen Berlin und Buenos Aires, zwischen Rom und Rio geworden. Und der tote Che wurde gar ihr Heiliger, dessen Bildnis Schüler und Studenten klein im Knopfloch und groß über ihren Köpfen tragen.

Das erste Angebot auf die letzten Worte dieses Partisanen-Propheten lag bei 125 000 Dollar. Die Offerte unterbreitete der in Ungarn geborene US-Photograph Andrew St. George -- den Guevara einst als CIA-Agenten bezeichnet hatte und der den Bolivianern bei der Identifizierung des toten Che zu Diensten gewesen war -- im Namen der US-Agentur Magnum Photo Inc. Die wiederum vertrat ein Konsortium, zu dem so potente Unternehmen wie die »New York Times« und der New Yorker Buchverlag Doubleday zählten.

Auch »Paris Match«, die »Sunday Times« und die »Times of India« boten eifrig mit, die bolivianischen Buch-Verkäufer spekulierten schließlich auf 200 000 Dollar plus Tantiemen.

Da erschien ein französisches Mannequin a. D. im bolivianischen La Paz: Michéle Ray, 29, die nicht mehr für Coco Chanel schreitet, sondern für die Revolution schreibt. Sie »fand es bizarr und ungerecht, daß das Tagebuch dieses Mannes, der sein Leben dem Kampf gegen den amerikanischen Imperialismus gewidmet hatte, von eben diesen Imperialisten ausgebeutet, bereinigt und möglicherweise gefälscht werden sollte«. Und sie riskierte einen Bluff.

Von dem Pariser Links-Verleger Jean-Jacques Pauvert autorisiert, beim Guevara-Geschäft -- bescheiden -- mitzuhalten, bot sie 400 000 Dollar.

Tatsächlich zog Magnum sein Angebot Mitte Dezember zurück.

Doch das war nicht Michéles Erfolg. Der Grund für den US-Rückzug: Auf Kuba hatten Guevaras Erben unter Führung von Witwe Aleida March de Guevara Einspruch gegen den Verkauf der Tagebücher erhoben. Den Amerikanern schien das Copyright· nicht mehr genügend gesichert.

Zwar erkennt Kuba das Welturheberrechtsabkommen nicht an, doch Aleida March und die Kubaner erinnerten sich nun daran, daß Partisanen-Prophet Guevara gebürtiger Argentinier war.

Außerdem hatten die US-Aufkäufer mittlerweile entdeckt, daß es nicht nur das Tagebuch im Panzerschrank gab, sondern zahllose Duplikate: Bolivien-Präsident Barrientos, die CIA und bolivianische Offiziere hatten sich Photokopien anfertigen lassen. »Wenn man 5000 Dollar in kleinen Scheinen zur Hand gehabt hätte«, so Andrew St. George, »dann hätte man die Bücher Blatt für Blatt auf der Straße kaufen können.«

St. George erstand offenbar eine Kopie -- nun nicht mehr für Magnum, sondern für ein neues Konsortium, dem Londons »Sunday Telegraph« und Springers »Bild am Sonntag« angehörten. Beiden verkaufte St. George schließlich eine Serie -- mit viel St. George neben Guevara.

Nach dem ersten Copyright-Protest aus Kuba wurden Boliviens Generale Immer lauter -- und immer bescheidener. Sie dröhnten, die Tagebücher seien eine »Kriegsbeute«, der Erlös nur ein bescheidener Ersatz für den Schaden, den Guevaras Guerrilleros angerichtet hätten. Zugleich aber rückten sie immer weiter von ihrer ursprünglichen Forderung (mindestens 125 000 Dollar) ab -- bis sie schließlich für das Klagebuch Guevaras ("Ich habe Asthma, und ich weiß nicht, was ich dagegen tun kann") einen Käufer fanden: den New Yorker Verlag Stein & Day, Inc. Dessen Angestellter Thomas Lipscomb, der den Handel in La Paz perfekt machte, zum SPIEGEL: »Wir werden unser Copyright verteidigen, auch gegen Guevaras Witwe.«

Doch als in New York noch nicht einmal die Pressen liefen, wurden Ches Notizen auf Kuba bereits in Buchform gratis verteilt.

Fidel Castro hatte den Text nicht gekauft: Von den vielen bolivianischen Privat-Photokopien war ein Satz offenbar auch dem Kubaner zugespielt worden -- nur 13 Tage-Blätter fehlten. Vergebens gifteten die Bolivianer zunächst: »Fälschung.« Dann gaben sie zu: Auch Castros Text war authentisch.

Neben den Generalen von La Paz vergab nun auch Castro -- der Guevaras 60 000 letzten Wörtern 7000 eigene als Vorwort voranstellte -- das Copyright an Guevaras Gedanken und Erinnerungen ("Zum erstenmal nach ungefähr sechs Monaten nahm ich heute ein Bad"). Um ihnen eine hohe Auflage zu garantieren, zahlte Castro sogar zu: Für seine Insulaner machte er die kostenlose Bücher-Börse zum Volksfest; den ausländischen Verlegern seiner Wahl nimmt er lediglich fünf Prozent der Einnahmen ab -- für Guevaras Witwe und die Sache der Revolution.

Zu diesen Auslands-Verlagen gehören »Ramparts« (USA), François Maspero (Frankreich), Feltrinelli (Italien), die Revista Punto Final (Chile) und der Münchner Trikont-Verlag.

Trikont-Chef Erich von Derschatta versandte zunächst Probeblätter in spanischer Sprache -- zur kostenlosen Bedienung und als Werbung für sein geplantes Buch.

Dann besann er sich eines Besseren: Er bat um Angebote für die Nachdruckrechte. »Das Copyright«, so Derschatta in einem Brief an etwaige deutsche Interessenten, »wurde dem Trikont-Verlag für die deutsche Ausgabe zugebilligt. Castro erwähnt das in seinem Vorwort.«

Der Brief kam zu spät: Aus der spanischen Derschatta -Sendung hatte die Münchner »Abendzeitung« bereits Che-Zitate übersetzen lassen und abgedruckt. Derschatta: »Ein Betriebsunfall.« Immerhin überwies die »Abendzeitung« dem Buch-Händler noch 500 Mark Honorar.

Der SPIEGEL erwarb schließlich das Recht, Auszüge aus Guevaras Tagebüchern abzudrucken -- als dokumentarische Ergänzung zu einer Analyse des französischen Schriftstellers Jean Larteguy über Macht und Mythos der Guerillas. Die Serie beginnt im nächsten Heft.

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