ENTWICKLUNGSHILFE / DED Immer bescheiden
Die »zahlreichen Gemüse- und Kartoffelfelder« erinnern einen deutschen Landwirt in Chile »ein wenig an deutsche Bauernhöfe«. Ein »alter Tempel; der kurz vor dem Zusammenbruch stand«, war der Arbeitsplatz für eine deutsche Technische Zeichnerin in Nepal. Aus dem afrikanischen Busch klagte eine deutsche Krankenschwester: »Erst nach vier Wochen konnte ich saubere Wäsche von schmutziger unterscheiden.«
Mit solchen Botschaften von Heimweh und Hygiene-Mangel, aber auch mit frohgemuter Kunde (fünf deutsche Krankenschwestern aus Nigeria: »Wir sind eine unschlagbare Clique") vermelden Bundesdeutsche aus allen Teilen der Welt, daß sie ausgezogen sind, das Helfen zu lernen: als Abgesandte des »Deutschen Entwicklungsdienstes« (DED).
Sie ziehen Kohl in Äthiopien und Telephonstrippen in Kamerun, beraten werdende Mütter im Iran, lehren indische Handwerker rationelle Fertigungsmethoden, demonstrieren in Chile einen landwirtschaftlichen Musterhaushalt und bauen Wohnungen in Tansania.
Sie leben mit »Mäusen, Kakerlaken und Skorpionen«, wie ein Schriftsetzer am Kabul-Institut für Technische Lehrer, der bei »den einfacheren Kollegen entsetzliche, Angewohnheiten« entdeckte. Sie ziehen, mit Brennholz und Kerzen im Gepäck, in der Regenzeit wochenlang durch unwegsames Land, wie eine Hebamme, die im indischen Dorf Chandrapur stationiert ist und unterwegs »Wurzeln und Blätter aus den Wäldern« verzehrt.
Sie sind versehen mit einem bescheidenen Salär aus der Bundeskasse (etwa 450 bis 550 Mark im Monat) und mit einem visionären Geschichtsbild, das ihnen DED-Schirmherr Heinrich Lübke mit auf den Weg gab: »Auf der Waage der Geschichte und in den Herzen der notleidenden Völker wiegt diese entschlossene Bereitschaft, in fernen Ländern mitzuarbeiten ... mehr als die auch dringend notwendigen finanziellen Hilfen.«
Genau 1016 Deutsche (628 Männer und 388 Frauen) sind bis jetzt auf die Waage geklettert. Als »Soldaten des Friedens« führen sie mittlerweile in 22 Ländern einen »Feldzug nüchterner Bescheidenheit«, wie Heinrich Lübke, ganz Kämpfer, die Samariter-Safari nennt. Jüngster Friedenssoldat: der Molkereifachmann Richard Hofmann, 21, aus Bayern, der in Brasilien moderne Prüf- und Produktionsmethoden lehrt. Ältestes Expeditionsmitglied: die Lehrerin Traude Harder, 48, aus Hamburg; sie bringt indischen Kindern Nähen, Körperpflege und Singen bei.
Noch immer nimmt sich die Truppe bescheiden aus
> gegenüber dem amerikanischen »Peace Corps«-.Vorbild: Die Amerikaner, die drei Jahre vor den Deutschen ihren Hilfsdienst starteten, haben rund 14 000 Friedenskämpfer in über 50 Ländern im Einsatz;
> gegenüber den Wünschen der Entwicklungsländer: Der DED prüfte bisher rund 1400 Projekt-Vorschläge aus 24 Ländern. Die Zahl der unbearbeiteten Vorschläge ist, so DED-Geschäftsführer Johannes Reinhold, »mindestens dreimal so groß«.
Heinrich Lübke meint, daß man von der Bundesrepublik bei 58 Millionen Einwohnern die Entsendung von rund 4000 Freiwilligen erwarten müsse. Die Planung der DED-Zentrale in Bad Godesberg begnügt sich mit der Hälfte: Bis 1971 soll die Hilfstruppe so verstärkt werden, daß ständig 2000 Freiwillige im Einsatz sind. Geschätzte Kosten pro Jahr: 60 Millionen Mark.
Immerhin, zu einem Zeitpunkt, da der Peace-Corps-Gedanke, ein typisches Produkt der Ära Kennedy, in« seinem Ursprungsland Amerika kaum noch propagiert wird, stellt die Bundesrepublik von allen europäischen Ländern die größte Helfertruppe -- obwohl der Bund im vergangenen Jahr nur 17 Millionen Mark für den DED bewilligte (DED-Rundbrief: »Der Bund war blank -- schlicht blank!"); obwohl ständige Kompetenz-Querelen den Apparat der guten Tat immer wieder lähmten.
Mehr als ein halbes Dutzend Geschäftsführer wurden in den Gründerjahren beim DED verschlissen, um den sich zu viele Leute mit zu wenig Consensus kümmern*. Derzeit residieren in der Godesberger Zentrale als gleichberechtigte Partner der evangelische Sozialdemokrat Johannes Reinhold, 42, und der katholische Christdemokrat Dr. Peter Molt, 38.
Beide sehen sich und den DED von einem »Netz von Bestimmungen« -- wie der Verdingungsordnung für Lieferungen und Leistungen -- umgeben, die schnelles, undogmatisches Pionier-Handeln unmöglich machen, etwa den prompten Ersatz eines im Busch zu Schrott gefahrenen Jeeps.
Reinhold: »Die meisten der bindenden Bestimmungen, denen das Handeln im 20. Jahrhundert unterliegt, sind Denkergebnisse des 19. Jahrhunderts, deren Wurzeln in die Zeit des Großen Kurfürsten reichen, als auf unserer
* Gesellschafter des im Juni 1963 als GmbH (Stammkapital: 20 000 Mark) gegründeten DED sind der Bund (95 Prozent der Anteile) und der Arbeitskreis »Lernen und Helfen In Übersee«, ein Zusammenschluß von mehr als 40 kirchlichen, parteigebundenen und privaten Entwicklungshilfeorganisationen (fünf Prozent). Im elfköpfigen Verwaltungsrat sind neben katholischer und evangelischer Kirche, CDU und. SPD noch fünf Bundesministerien vertreten.
Landkarte ungefähr in der Gegend von Afrika auf weißem Grund zu lesen stand: hic sunt leones.«
Dort, wo die Löwen sind, haben die DED-Helfer -- tätig an 70 »Projekten« in 22 Ländern -- andere Probleme. Westdeutschlands Arbeitsmissionare sind weitgehend auf sich gestellt, auf Pionierpfaden marschieren sie ins fremde Land. Wenige bleiben in den Städten, die meisten sitzen mitten in Busch oder Steppe.
Sie kraxeln -- wie die Krankenschwester Hildegard Fürst, 44, in Bolivien -- wöchentlich einmal zweieinhalb Stunden lang in ein 3500 Meter hoch gelegenes Andendorf hinauf. Sie sehen sich -- wie die Pflegerin Antje Müller, 44, in einem nigerianischen Hospital ungewöhnlichen Ereignissen ausgesetzt: Ein dankbarer Patient wollte der jungen Deutschen seine zehnjährige Tochter zum Geschenk machen.
Es sind vornehmlich praktische Bundesbürger, die für den DED in die Entwicklungskontinente ziehen. Handwerker, Landwirte, Techniker und Ingenieure bilden den Kern der Truppe; bei den weiblichen Berufen dominieren die Krankenschwestern. Anders als beim US Peace Corps, das sich zu 90 Prozent aus College-Absolventen zusammensetzt, scheuen bundesrepublikanische Akademiker das einfache Leben in der Fremde. Ihr Einsatz scheitert »hauptsächlich, am Problem der Honorierung« (Reinhold).
So soll der deutsche Entwicklungshelfer sein: gesund und ohne Vorstrafen, mündig und ohne Beziehungen »zu einer Gruppe, die durch das Bundesverfassungsgericht als verfassungsfeindlich erklärt worden ist«, ledig und kinderlos. Verheiratete (ohne Kinder) werden nur verpflichtet, wenn beide Partner zum Hilfsdienst drängen. Abgeschlossene Berufsausbildung ist erwünscht.
58 000 Bundesbürger haben bislang Interesse am DED-Einsatz bekundet -- getrieben von Abenteuerlust, Erinnerung an den unbesiegten Busch-General Lettow-Vorbeck, aber auch von dem Pfadfinder-Impuls, für eine gute Sache zu arbeiten. 5500 blieben als ernsthafte Bewerber übrig; von ihnen bekam bis., lang nicht einmal jeder fünfte Reise-Papiere, neuerdings nach einem Zwölf-Wochen-Kursus mit Grundausbildung in den DED-Ausbildungsstätten Berlin-Charlottenburg und Wächtersbach (Spessart).
Der Jurist und Landwirt Dietrich Graf Kalckreuth« 49, Leiter der Ausbildungsstätte Wächtersbach, trainiert zur Zeit im Schloß der Fürsten zu Ysenburg und Büdingen 80 Helfer »auf Überleben«. Fünf Ausbilder helfen ihm, die Freiwilligen »möglichst alles, was sie beruflich gelernt haben, vergessen« zu lassen und »ganz unten wieder anzufangen": Sekretärinnen, lernen, wie man Regale zimmert, Krankenschwestern basteln an Mopedmotoren, Techniker backen Brot im selbstgemauerten Backsteinofen. Derart auf »minimalste Erwartungen« getrimmt, rüstete sich beispielsweise der Elektro-Ingenieur Ewald Karl, 26, mit 20 Meter Kabel und zwei Kochtöpfen aus, bevor er die Reise ins Landesinnere Tansanias antrat.
Eingedenk der Mahnung eines Helfers aus Afrika ("Wer hier kein Englisch kann, ist ein Hanswurst"), büffeln die Lehrlinge neben der jeweiligen Landessprache eine der Weltsprachen (Englisch, Französisch, Spanisch, Portugiesisch). Doch der Erfolg ist oft kärglich. »Die Sprachkenntnisse unserer Freiwilligen sind so schlecht, daß die Lebensmittelhändler bei uns inzwischen Deutsch gelernt haben«, spottete kürzlich der DED-Beauftragte für die Elfenbeinküste, Dr. Mohr, auf einer Tagung.
Mit mehr Mut als Wissen ausgerüstet, schwärmen die deutschen- Friedenssoldaten flach zwölf Wochen Ausbildung und zwölf Tagen Urlaub in die Fremde -- im Gepäck einen Katalog von Verhaltensregeln und Ratschlägen. Sie sollen »immer bescheiden« auftreten, nicht »mit Angehörigen des anderen. Geschlechts gemeinsam wohnen« und jedenfalls »im Falle der Schwangerschaft ... unverzüglich« Meldung machen, keine »Kritik am Gastland« üben und sich nicht in politische Angelegenheiten mischen.
Dafür mischte sich mitunter. die Politik ein: Als Anfang 1964 die Gewürzinsel Sansibar mit der Republik Tanganjika den neuen Staat Tansania bildete und ein Jahr darauf die DDR-Botschaft -- als Generalkonsulat deklariert -- von Sansibar in die neue Landeshauptstadt Daressalam übersiedeln sollte, zog die Bundesrepublik ihre Militärberater aus Tansania zurück. Tansania-Präsident Nyerere konterte und forderte Abzug aller deutschen Hilfskräfte. Die 35 DED-Helfer packten die Koffer, blieben aber darauf sitzen -- und nach 14 bangen Tagen hätten sie die Ostafrikaner vom privaten und unpolitischen Charakter ihrer Mission überzeugt. Sie durften wieder arbeiten.
Nicht die Politik, die Liebe lichtete die Reihen der Hilfstruppen ein wenig: Zehn von, bisher 35 vorzeitig zurückgekehrten Helfern fuhren »wegen Heirat« wieder nach Hause, 14 müßten »wegen menschlichen oder fachlichen Versagens« (Reinhold) aus dem Dienst gezogen werden -- mehrere davon hatten den Lockungen dunkelhäutiger Schönheiten über Gebühr nachgegeben. Die legale Liebe freilich erntete Lob. 15 Paare heirateten in Busch und Wüste und beschlossern beim DED zu bleiben.
Das heißt: harte Arbeit, oft unter primitivsten Bedingungen. In Brasilien trommelte ein Helfer 400 freiwillige Eingeborene zusammen und rodete mit ihnen eine 1000 mal 100 Meter messende provisorische Flugzeuglandebahn; er schwang die Machete, bis er sein »Messer nicht mehr festhalten« konnte.
Mitunter freilich wuchs sich die traditionelle deutsche Tüchtigkeit (Helfer-Meldung: »Nochmals sacht ein wenig Arbeit weggemacht") aus zu jener Art, an der die Welt genesen soll; so bei einer Krankenschwester, die sich in einem afrikanischen Hospital mit der Vorstellung einfand, »mal zu zeigen, was arbeiten ist«, und beim farbigen Personal »mangelndes Pflicht- und Selbstbewußtsein« konstatierte.
»Ich kann mir kein Volk denken«, hatte John F. Kennedy geschmeichelt, als er die Deutschen für den Arbeitskampf zu gewinnen suchte, »das diese Aufgabe mit größerem Erfolg und mit größerer Hingabe lösen kann.«
Das hat sich aus der Sicht der DED-Leute nur zum Teil bewahrheitet. Denn die psychologische Cmx für die 1016 deutschen Entwicklungshelfer ist, daß häufig trotz aller Hingabe »ihrer Tätigkeit kein meßbarer Erfolg« (Reinhold) beschieden ist: Ihre Anstrengungen schrumpfen in der Rückständigkeit und Hilflosigkeit der primitiven. Welt oft zu vermeintlich vergeblichen Bemühungen.
In ihrer Hausbroschüre »DED-Briefe« -- halb Erbauungsbrevier, halb Do-it-yourself-Anleitung -- offenbaren die Entwicklungshelfer, wie ihnen zumute ist. Da dichten sie Pionier-Weisheiten ("Der Mond geht schon am Himmel auf, so endet des Entwicklungshelfers Tageslauf") und berichten nüchtern über »Blinden- und Taubstummenfürsorge«. Da bekunden sie Heimweh ("Schließlich weinte ich bitterlich") und unterrichten sich, in einem »Kleinen Indien ABC«, in Scherz und tieferer Bedeutung: K wie Kasten ("gibt es in Indien viele"), W wie Würmer ("werden Sie sicher einmal bekommen").
So offenbart sich Pfadfinder-Fidelität und Frustration der Deutschen, die »Wege in ein besseres Leben« schlagen wollen. Unrasiert und fern der Heimat helfen sie lernen und lernen sie helfen. Heinrich Lübke riet ihnen: »Trinken Sie in den Tropen nicht zuviel!«