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FDP Immer da

Die FDP -- Bundestagsabgeordnete Ingrid Matthäus-Maier machte eine Blitzkarriere -- obwohl die linke Juristin keinem Streit mit ihrer Parteispitze aus dem Weg ging.
• aus DER SPIEGEL 48/1979
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Zwei Tage saß der Rechtsanwalt

Gerhart Baum im Bundestag, dann wurde er Staatssekretär. Nach drei Jahren hatte der Anwalt Martin Grüner den Sprung vom einfachen Abgeordneten zum Staatssekretär geschafft; sein Kollege Andreas von Schoeler, auch Jurist, brauchte vier Jahre, bis er -- mit 28 -- zum Staatssekretär avancierte.

Daß für politische Karrieren allemal das FDP-Parteibuch am besten ist, demonstriert nun auch Ingrid Matthäus-Maier: Sie übernimmt, als Nachfolgerin der nach Düsseldorf abgewanderten Lieselotte Funcke, eines der wichtigsten parlamentarischen Ämter in Bonn: den Vorsitz des Bundestags-Finanzausschusses.

Bei einer stärkeren Personaldecke der Liberalen hätte die 34jährige Ex-Richterin aus Münster -- bei allem Sachverstand und Ehrgeiz -- einen so schnellen Aufstieg kaum geschafft. Ihr Handikap ("Frauen haben es schwerer, weil man ihnen sehr viel genauer und kritischer zuhört") wird durch den Umstand gemildert, daß keine andere Partei ihren Leuten so viele Spitzenjobs zu vergeben hat wie die FDP, deren 40 Abgeordnete unter anderem vier Minister und vier Staatssekretäre, einen Fraktionschef und einen Bundestagsvizepräsidenten stellen.

Wo eine Partei so angestrengt nach politischen Talenten Ausschau halten muß, gedeihen Blitz-Karrieren wie die von Ingrid Matthäus-Maier. Außerordentlich zielstrebig und fleißig, wie auch ihre innerparteilichen Gegner anerkennen, hat sie ihre Vorstellungen durchzusetzen versucht.

Dabei ging die ehemalige Vorsitzende der Jungdemokraten keinem Streit mit ihrer Parteispitze aus dem Weg.

Kaum war sie im Bundestag, hängten aufgebrachte Liberale der Jung-Parlamentarierin ein Parteischiedsgerichtsverfahren an: Ingrid Matthäus hatte die Praktiken des Extremistenerlasses als Gesinnungsschnüffelei verurteilt -- damals, Ende 1976, galten solche Äußerungen als parteischädigend.

Dann geriet sie in der Energiepolitik mit ihrer Parteiführung über Kreuz. Da die Sicherheit der Kernkraftwerke nicht hundertprozentig gewährleistet sei und der Atomstaat daher ein Netz von Überwachungs- und Sicherungsmaßnahmen knüpfen müsse, sei die Entscheidung der Partei für die Kernenergie »falsch«.

Zusammen mit fünf Fraktionskollegen wollte Ingrid Matthäus im vergangenen Dezember die Atompolitik der Koalition in einer Bundestagsabstimmung scheitern lassen. Erst eine Rücktrittsdrohung der FDP-Minister zwang die widerspenstige Liberale zur Parteiräson.

Mit gleichem Einsatz kämpfte sie, um die verschärften Strafrechtsbestimmungen aufzuheben, die während der Terrorismus-Hysterie erlassen worden waren. Sie stritt bei der Reform des Abtreibungsparagraphen 218 für die Fristenlösung und setzte sich nachdrücklich für die Gleichbehandlung von Mann und Frau ein: »Männer«, so Frau Matthäus, seien »nicht das Maß aller Dinge«.

Die 34jährige schlug sich auf vielen Schauplätzen, und immer war sie gut vorbereitet -- ob sie, wie zu Beginn ihrer Karriere, sich um Hochschulpolitik kümmerte oder später um die Steuer- und Finanzpolitik. Jetzt, wo sie den Vorsitz im Finanzausschuß übernimmt, muß sie eben, wie sie sagt, »noch besser Bescheid wissen als bisher« und »noch besser organisieren«.

Mag sie auch, wie sie bereits ankündigte, im Mai ihr zweites Kind erwarten, ihr Privatleben steht ihrer beruflichen Ambition nicht im Wege. Wie keine andere Politikerin lebt Ingrid Matthäus Emanzipation vor.

Schon 1972 hatte sie, als Judo-Vorsitzende, in ihrem »Manifest zur Frauen-Emanzipation« gefordert, Mann und Frau sollten berufstätig sein und sich gemeinsam um Haushalt und Kindererziehung kümmern.

Emanzipation a la Matthäus: Ihren Mann, den Heidelberger Diplom-Mathematiker Robert Maier, hätte sie gern als ihren Bundestags-Assistenten nach Bonn geholt. Der Plan scheiterte, weil das Parlament keinen Präzedenzfall schaffen wollte, der auch anderen Abgeordneten die Möglichkeit geschaffen hätte, Familienangehörige aus Steuergeldern zu beschäftigen.

So hat, da es nicht anders geht, Maier seinen Job an der Heidelberger Universität aufgegeben und sich 18 Monate Langzeiturlaub genommen, um sich der Familie zu widmen und überdies seiner Frau bei zwei Wahlkämpfen zu helfen -- bei den NRW-Landtags- und den Bundestagswahlen im nächsten Jahr. Schließlich hat sich Maier noch um die Wohnungen in Bonn und Münster zu kümmern.

Nicht zuletzt war Ingrid Matthäus-Maier in die Politik gegangen, weil, wie sie einmal begründete, »Verfassung und Verfassungswirklichkeit auseinanderklaffen, zum Beispiel bei der Gleichberechtigung von Mann und Frau. Und wenn einem etwas nicht gefällt, sollte man dazu beitragen, es zu ändern«.

Für sich hat Frau Matthäus das Problem gelöst -- mehr noch, die klassische Rollenverteilung umgedreht. Morgens, um sechs Uhr, klagt sie, stehe sie auf, meist komme sie »gegen Mitternacht nach Hause«. Da wird die rastlos beschäftigte Politikerin zuweilen gefragt, wann sie denn überhaupt ihre Familie sehe. Vielleicht häufiger als andere berufstätige Mütter, pflegt sie dann zu antworten.

Und auf die verwunderte Frage, wie das denn möglich sei, hat sie die Antwort: »Meine Familie ist immer da, wo ich mich beruflicherweise befinden muß.«

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