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BERLIN / SED Immer dabei

• aus DER SPIEGEL 22/1968
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Morgens marschierten sie Arm in Arm durch West-Berlins Arbeiterbezirke. Sie riefen: »Wir sind eine kleine radikale Minderheit« und sangen die »Internationale": »Wir sind die stärkste der Partei"n.«

Abends trafen sie sich in der Hasenheide, dort, wo einst Turnvater Jahn dem deutschen Volk die Kniebeuge beigebracht hatte. Im roten Traditionslokal »Neue Welt« verzehrten sie Lachs- und Schinkenstullen. Sie tranken Bier, riefen »Prost« und schwangen das Tanzbein.

Eine Elf-Mann-Kapelle intonierte »Wochenend und Sonnenschein": West-Berlins SED und die Außerparlamentarische Opposition (Apo) feierten zum erstenmal gemeinsam -- junge Rebellen und alte Genossen.

Das war am 1. Mai, und spätestens seitdem geht in West-Berlin die Furcht um' Walter Ulbricht, 74, marschiere und tanze im Geiste mit. Der Regierende Bürgermeister Klaus Schütz klagte: »Die SED hat eine neue Plattform gefunden.« Und die »Berliner Morgenpost« aus dem Hause Springer meldete:,, Spätestens seit dem 1. Mai ist aktenkundig, daß sich die Rädelsführer der gegendemokratischen Opposition mit den Kommunisten verbunden haben.«

Tatsache ist: Wann immer Berlins Studenten in Hörsälen wie auf der Straße für Teufel und Dutschke, gegen Schütz und Pattakos, für Hochschulreform und gegen die Amerikaner in Vietnam zu Felde zogen -- stets war West-Berlins SED dabei.

Die 8000-Mann-Partei schickte beispielsweise -- im Februar dieses Jahres -- den FDJ-Funktionär Walter Rudert mit einer Rede zum Vietnam-Kongreß in der Technischen Universi-

* Studenten der TU Berlin.

tät (TU). Sie versorgte die Studenten während des Oster-Aufruhrs mit illustrierten Extra-Blättern ihrer »Wahrheit«. Sie schockierte manchen der eigenen Genossen mit Sympathie-Kundgebungen für zottelmähnige Anarchisten. West-Berlins SED-Chef Gerhard Danelius, 55, vor 2000 SED-Mitgliedern: »Freiheit für Teufel.«

West-Berlins Altkommunisten nutzten den Aufstand der Jungakademiker zu einem Versuch, aus dem Getto muffiger Parteizirkel auszubrechen und der Isolation zu entfliehen, in die sie nach dem Mauerbau 1961 geraten waren. Bei den Wahlen der 60er Jahre kam die SED in West-Berlin über 1,4 (1963) und zwei Prozent (1967) nicht hinaus. Die Partei, seit 1966 unter der Firma »SED-Westberlin« formell unabhängig von Ost-Berlin, blieb, wider Willen, außerparlamentarische Opposition.

Aber nicht einmal dieser Begriff stammt von ihr. Es war der DDR-Flüchtling Rudi Dutschke, der am 10. Dezember 1966 im Berliner Tiergarten zum erstenmal zur »außerparlamentarischen Opposition« gegen die bürgerliche Gesellschaft aufrief. Und sein Appell galt keineswegs den Marxisten-Leninisten der West-Berliner SED. Denn in den Augen der Apo-Ideologen, die fast alle zum SDS gehören, ist die SED ein Revisionisten-Klub, der an Volksfront denkt statt an Revolution, der von Mitbestimmung redet statt von Räte-Herrschaft. Und den DDR-Sozialismus nennen sie bürokratisch autoritär« (Dutschke) oder schlicht »beschissen« (SDS-Mann Tumann Fichter).

Trotz dieser Kritik der revolutionären Brauseköpfe sahen die alten Genossen eine Chance, ihrer Partei im Sog der akademischen Rebellion wieder Einfluß zu verschaffen. Und während untere Parteichargen mit der Apo »Ho-ho-ho-Tschi-minh« riefen, lud Parteichef Gerhard Danelius die Danelius-Kritiker Rudi Dutschke und Wolfgang Lefèvre zu Rotwein und Kaffee in seine Zehlendorfer Wohnung.

Der Vorsitzende der Bindestrich-Partei, der das Funktionärs-Handwerk im Ost-Berliner ZK-Apparat erlernte, ging allen Konflikten vorsichtig aus dem Wege. Auf direkte Apo-Angriffe antwortete er mit langatmigen Artikeln im Parteiblatt. Dem unrealistischen Wunsch führender Genossen in der östlichen Halbstadt, die schwächliche Diaspora-SED zum Vortrupp der Außerparlamentarier zu machen, widersetzte er sich mit Erfolg.

Nur mit Moskauer Genossen bekam er Streit. Danelius mit der Silbermähne (Parteispitzname: »Papa Dan") protestierte, als die »Literaturnaja Gaseta« im November 1967 über die langhaarigen Apo-Kabarettisten von der Kommune schrieb: »Zu Helden dieser Szene wurde ein Lumpenpack unter der Führung eines gewissen Fritz Teufel.«

Zwei Monate nach dem Danelius-Einspruch berichtigte sich das Moskauer Poeten-Blatt: Die »langhaarigen und ungewöhnlich gekleideten jungen Leute« spielten »in der Formulierung des neuen Bewußtseins in West-Berlin eine besonders aktive Rolle«.

Zu Ostern endlich, so schien es, machte sich diese Danelius-Taktik bezahlt. Als nach dem Dutschke-Attentat Berlins Apo alle Schütz- und Springer-Gegner zum Sturm auf das Establishment rief, war die SED nicht mehr nur auf der Straße dabei.

Zum erstenmal erlangten ihre Vertreter, die Mitglieder des Parteivorstands Dietmar Ahrens, 38, und Bruno Kuster, 43, Sitz und Stimme im Stabsquartier der Rebellen, im -- inzwischen wieder aufgelösten -- »Zentralen Ausschuß« der Apo. Und der gelernte Bauarbeiter Klaus Feske, 33, Vizevorsitzender im SED-Kreis Reinickendorf, assistierte dem Apo-Anwalt Horst Mahler.

Die Genossen betätigten sich als Betreuer neugieriger Journalisten, ermittelten Prügel-Polizisten und beteiligten sich tatkräftig an den Vorbereitungen für den gemeinsamen Mai-Aufmarsch. Doch der April war noch nicht zu Ende, da bröselte die »Antifaschistische Einheitsfront«, von der Danelius voreilig geschwärmt hatte, schon wieder auseinander. Im Moabiter Druckhaus Norden, wo viermal wöchentlich die SED-»Wahrheit« angefertigt wird, verweigerte die Belegschaft den Druck der Apo-Maizeitung.

Die kommunistischen Drucker nahmen Anstoß an einem Beitrag, der sich mit der kommunistischen Vergangenheit des rechten Sozialdemokraten, Parlamentsvorstehers und DGB-Funktionärs Walter Sickert auseinandersetzte. Sätze wie: »Sein ausgeprägtes Elitedenken erlernte Walter in der KPD nach 1928«, empfanden die Genossen als Verunglimpfung der Parteigeschichte.

An der Bewältigung ihrer Vergangenheit nicht interessiert, verwies die SED die unwillkommenen Historiker an andere Druckereien. Und wofür ihr Danelius -- als ersten materiellen Beitrag zum gemeinsamen Kampf -- politischen Rabatt einräumen wollte, mußte die Apo nun, beim »Spandauer Volksblatt«, voll bezahlen: 3234 Mark.

Im Apo-ZK präsentierten die zornigen KP-Forscher wenige Tage später den Danelius-Delegierten die Quittung. Während Walter Ulbricht von Jena her der »außerparlamentarischen Widerstandsbewegung« voller »Hochachtung« alles Gute wünschte, weigerten sich die Apo-Führer, auf der Mai-Kundgebung SED-Redner sprechen zu lassen.

Und am 1. Mai, beim Marsch durch die Karl-Marx-Straße, schritten nur in den ersten Reihen Apo- und SED-Genossen Arm in Arm. Weiter hinten im Zug wahrten die Marschblöcke der Außerparlamentarier und Kommunisten Distanz. Kein Aposit rief mit den DDR-Treuen: »Es lebe die antifaschistische Einheitsfront.« Aber alle Apositen pfiffen die DDR aus, als per Lautsprecher bekanntgegeben wurde, dem Ost-Berliner Protest-Poeten Wolf Biermann sei die Teilnahme am Mal-Meeting verboten worden.

Tags darauf verschärfte Bürgermeister Klaus Schütz den Zwist der außerparlamentarischen Alliierten. Mit seiner Behauptung, die SED habe bei der Außerparlamentarischen Opposition »eine neue Plattform« gefunden, nötigte er die Apo zum Dementi. Um den Vorwurf der SED-Abhängigkeit zu widerlegen, bestimmte sie ihr Verhältnis zu den Kommunisten nun in aller Öffentlichkeit:

* Apo-Sprecher Knut Neyermann: »Selbstverständlich keine Einheitsfront mit der SED.«

* Apo-Anwalt Horst Mahler: »Wir unterscheiden zwischen Aktionseinheit und Einheitsfront.«

* Apo-Führer Dr. Klaus Meschkat: »Die Außerparlamentarische Opposition ist in ihrer Vielfalt ... eine stärkere politische Kraft in dieser Stadt als die SED, und wir müssen selbstverständlich jeden Führungsanspruch dieser Partei, wenn er direkt oder indirekt angemeldet werden sollte, zurückweisen.«

* Die linkssozialdemokratischen »Falken« forderten die Jugendorganisation der SED, die FDJ, dazu auf, sich zum »Wesen des Stalinismus« zu äußern. Und der SDS gar verlangte als »Voraussetzung für die Aktionseinheit« von der SED den Nachweis, daß sie überhaupt eine revolutionäre Partei ist. SED-Chef Danelius ließ sich nicht provozieren. Er reagierte auf die Zumutungen der ultralinken Apo-Fraktionen mit der Routine des gelernten Taktikers. Um den gefährdeten Kontakt zu erhalten, erklärte er sich zur ideologischen Grundsatzdebatte bereit und kam der Apo auch terminologisch entgegen. Statt der »Einheitsfront«, dem außerparlamentarischen Polit-Kartell, empfiehlt er nun die »Aktionseinheit«, das lockere Gelegenheitsbündnis.

Für soviel Konzilianz hatte Danelius gute Gründe: Im Umgang mit der unruhigen Jugend, so berichtet der Parteivorsitzende stolz, habe West-Berlins altersschwache SED seit Anfang 1967 fast 1200 Junggenossen gewonnen.

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