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ATOMMÜLL Immer dabei

Daß Transportbehälter mit nuklearem Material verstrahlt sind, war ein offenes Geheimnis - nicht bloß für Wissenschaftler, wie Angela Merkel behauptet.
• aus DER SPIEGEL 23/1998
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Schneidig versuchte Bernd Schmidbauer Schwung in die Runde zu bringen: »Raus in die rauhe Wirklichkeit, Vertrauen wiederherstellen«, befahl der Staatsminister im Kanzleramt seinem Auditorium. »Sonst kommen wir alle in den Sack und werden gemeinsam geprügelt.«

Die Aufforderung zur Gegenwehr, die Schmidbauer am vergangenen Dienstag in München dem Deutschen Atomforum, in dem Sicherheitsexperten, Kraftwerksbauer und -betreiber vereint sind, vortrug, ist nur zu berechtigt. Denn die Nukleargemeinde und ihre Fürsprecherin, die Bonner Umweltministerin, geraten in Erklärungsnot.

Seit Angela Merkel eingestehen mußte, daß Nuklearcontainer aus deutschen Kernkraftwerken verstrahlt in der französischen Wiederaufbereitungsanlage La Hague eintrafen, stemmt sich die Ministerin mit einer einzigen Botschaft gegen Rücktrittsforderungen: Sie selber habe erstmals am 24. April von den Vorkommnissen erfahren. Ihre Beamten, gab Merkel mit einiger Verzögerung zu, hätten das ominöse »Phänomen« zwar gekannt, aber nur aus Fachdiskussionen, als theoretisches Problem.

So ähnlich argumentiert auch die Stromwirtschaft. Während sich die Kraftwerker an den Atomstandorten seit 1986 in immer neuen Anläufen vergebens um Abhilfe mühten, wollen die Strombosse von den kostenträchtigen Anstrengungen auf »Technikerebene« nichts erfahren haben.

Die Zweifel am Nichtwissen der Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft wachsen. Praktiker und Techniker rätseln seit langem daran herum, warum Transportbehälter mit Atommüll in La Hague mit erhöhter Strahlung ankommen. Und Merkels Beamten etwa blieb das nicht vorenthalten.

Schon im November 1980 hatten Vertreter der britischen Atombehörde Ukaea vor Fachleuten über Versuche berichtet, mit stählernen Hauben gegen das ominöse »Ausschwitzen« radioaktiver Isotope aus den Behältnissen vorzugehen. Ort der Handlung war das Internationale Kongreßzentrum in West-Berlin. Von nun an entwickelten sich die mysteriösen Befunde zum Dauerthema auf den Jahreskonferenzen der Atomtransporteure.

1989 drängten in Washington die Autoren einer vom US-Energieministerium veranlaßten Untersuchung auf Klärung. Ein besseres Verständnis der physikalischen Grundlagen sei überfällig, um endlich die Grenzwerte einzuhalten, die langen und teuren Umschlagzeiten an den Atomstandorten zu verkürzen und die Strahlenbelastung der Beschäftigten zu reduzieren.

Entgegen der Behauptung der Stromwirtschaft, nicht deutsche Castoren, sondern ausschließlich die von den französischen Wiederaufarbeitern bereitgestellten Container seien auf der Fahrt nach La Hague infiziert worden, berichteten die US-Wissenschaftler seinerzeit auch über Kontamination an Transportbehältern vom Typ Castor V/21.

Der Internationalen Atomenergiebehörde IAEO in Wien blieben die Schwierigkeiten der Nukleartransporteure keineswegs verborgen. Bereits 1985 formulierte die »Transsac«, ein Komitee aus internationalen Fachleuten, Transportrichtlinien, in denen vor den Grenzwertüberschreitungen an der Außenhaut der Brennstoffbehäl-

* Links: mit der französischen Umweltministerin Dominique Voynet vergangenen Dienstag in Straßburg; rechts: Wischtest auf Radioaktivität.

ter gewarnt wurde, und zwar »am Ende der Reise«. Die Transportrichtlinien der Wiener Atombehörde werden weltweit an alle Instanzen verbreitet, die mit der Atomwirtschaft zu tun haben. Auch zwei prominente deutsche Adressen finden sich auf dem Verteiler: das Bundesamt für Strahlenschutz in Salzgitter und dessen vorgesetzte Behörde, das Merkel-Ministerium in Bonn.

Das überrascht wenig. Denn ausgerechnet ein Deutscher sitzt derzeit dem Gremium der Wiener Behörde vor: Wilhelm Collin, Leiter der Abteilung »Endlager und Transport« im Bundesamt für Strahlenschutz, der Genehmigungsbehörde für alle Atomtransporte in Deutschland.

Deutsche Beamte waren immer dabei, wenn in Wien neue Regularien für die »nuclear community« ersonnen wurden. Neben den Experten aus dem Umweltministerium ist auch ein Fachmann für Gefahrguttransporte, entsandt von Verkehrsminister Matthias Wissmann, dabei.

In ihrer Not ging Merkel Anfang vergangener Woche die Nukleartransporteure der Firma NTL hart an. Die Nachfolgerin des Hanauer Skandalspediteurs Transnuklear, im Mehrheitsbesitz des Essener Stromriesen RWE, wickelt als Cogema-Partner den deutschen Atompendelverkehr mit Frankreich und Großbritannien ab. Die NTL, schimpft Merkel, habe »stillgehalten«, obwohl sie die Anlaufstelle »für die Infos von französischer Seite« gewesen sei.

Der Hinweis brachte Merkels hessische Kollegin Priska Hinz auf den Plan. Ergebnis der Recherchen der grünen Ministerin: Seit 1986 erhielt NTL Berichte aus La Hague über Kontaminationen an Behältern und Transportgerät. Zwei Jahre später nahm die Cogema auch die deutschen Kraftwerksbetreiber in den Verteiler auf.

Doch die, so ergaben die Nachforschungen der Hinz-Beamten, bestellten den Service wieder ab. Im März 1990 unterrichtete die Cogema die NTL schriftlich über den merkwürdigen Storno-Wunsch der Atomstromer.

* Links: mit der französischen Umweltministerin DominiqueVoynet vergangenen Dienstag in Straßburg; rechts: Wischtest aufRadioaktivität.

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