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SOWJET-TRAWLER Immer die Dummen

• aus DER SPIEGEL 42/1962
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Friedlich schaukelte der 3600 Tonnen große sowjetische Fischdampfer »Schokalski« auf der Dünung des südlichen Pazifiks, dicht am Rande der Gefahrenzone der jüngsten amerikanischen Atomversuche bei der Weihnachtsinsel.

Jeden Tag um die Mittagsstunde überflog ein Neptun-Patrouillenflugzeug der US-Navy den Trawler. Und täglich bot sich den US-Aufklärern dasselbe Bild: Russische Fischer faulenzten an Deck der »Schokalski«, spielten Faustball oder sonnten sich und winkten dem Piloten freundlich zu.

Eines Tages aber, nach der Routine-Begegnung um die Mittagsstunde, drehte die US-Maschine hinter dem Horizont bei, nahm zum zweitenmal Kurs auf den sowjetischen Fischdampfer und flog dabei ganz dicht über der Wasserfläche, um jeder möglichen Entdeckung durch Radar zu entgegen.

»Und so erwischten wir sie«, freute sich anderntags ein Marinesprecher. »Alle Antennen waren ausgefahren, die Suchschirme ihrer Überwachungsgeräte ungetarnt. Wir haben wundervolle Photos bekommen, auch von den überraschten Iwans selbst, die dem Piloten mit den Fäusten drohten.«

3000 sowjetische Fischdampfer von der Art der »Schokalski« sind als sowjetischer U-2-Ersatz ständig auf allen Weltmeeren unterwegs. Eine große Zahl von ihnen wurde in den letzten Jahren auf Werften der US-Alliierten Westdeutschland, England, Japan und Dänemark gebaut.

Die sowjetische Fischereiflotte wurde zur größten und modernsten der Welt. Sie belegt zwar in der internationalen Fischfangstatistik nur den vierten Platz, steht jedoch weitaus an erster Stelle beim Sammeln militärisch wichtiger Informationen.

Allein 600 an Heringen wenig interessierte Nachrichtenfischer kreuzen vor der Ost- und Südküste der Vereinigten Staaten.

Ende September erhielten die Trawler -Besatzurgen die frohe Botschaft, daß sie sich künftig die weite Heimreise in die Sowjet-Union ersparen könnten. Ein Vertrag Chruschtschows mit Fidel Castro sichert den roten Aufklärern 150 Kilometer vor der US-Küste in der Bucht von Havana einen Hafen, in dem künftig 130 dieser Schiffe gleichzeitig versorgt, aufgetankt und repariert werden können.

Der Stützpunkt soll 1963 fertig werden und mit Docks und Funkstationen ausgestattet sein, so daß er auch als vollwertige Basis für U-Boote und andere Kriegsschiffe Verwendung finden kann.

»Kuba ist das Sprungbrett für aggressive und subversive Aktionen geworden«, empörte sich Amerikas Uno-Chefdelegierter Adlai Stevenson, »die eine ungeheure Gefahr für den ganzen amerikanischen Kontinent darstellen.«

Sowjetische Trawler kreuzen im gesamten Nato-Seegebiet des Nordatlantiks und vor den küstennahen amerikanischen Raketen-Schießplätzen Cape Canaveral und Vandenberg, im pazifischen Atomversuchsgebiet und im Mittelmeer, wo sie als ständige Begleiter der 6. US-Flotte auftreten.

Die sowjetischen Fischdampfer sind mit Radar- und Funkgeräten, elektronischen und photographischen Apparaten sowie zusätzlichem militärischem Material ausgerüstet. Das ermöglicht dieser riesigen Flotte, wie der amerikanische Marine-Publizist Fregatten-Kapitän Bernard M. Kassel enthüllte,

- den Funkverkehr zwischen westlichen Flottenverbänden und deren Heimathäfen sowie zwischen amerikanischen Luftwaffenbasen und deren Befehlszentralen in den USA abzuhören;

- sämtliche amerikanischen Raketenstarts zu registrieren;

- die Fahrten der amerikanischen Polaris-U-Boote zu überwachen;

- die Uferbeschaffenheit und die Strömungsverhältnisse vor den westlichen Küsten für eigene Flottenoperationen kartographisch festzuhalten;

- im Ernstfall wichtige Funk- und Kabelverbindungen zu stören;

- strategisch wichtige Gewässer zu

verminen und

- die amerikanischen Atomtests auszuwerten.

Für die Überwachung der US-Atomversuche benutzen die Russen besonders ausgerüstete Fischdampfer, die Strahlungsmeßgeräte, Hubschrauber und meteorologische Raketen an Bord haben. Sie holen sich damit Luftproben aus großen Höhen über dem Versuchsgebiet.

»Ohne Zweifel«, so klagte die amerikanische Marinezeitschrift »United States Naval Institute Proceedings«, »macht die Sowjet-Union - im Vergleich zu unseren dürftigen Leistungen (etwa 45 Schiffe) - vollen Gebrauch von ihrer Fischereiflotte sowohl auf wirtschaftlichem als auch auf wissenschaftlichem und militärischem Gebiet.«

Proben ihres vielfältigen Könnens haben die sowjetischen Trawler mehrfach geliefert:

Im Sommer 1957 diente der 2452 Tonnen große, in der Bundesrepublik gebaute Fischdampfer »Kasan« als Flaggschiff einer Flottille, die für die sowjetische Kriegsmarine neue Seekarten des Südatlantiks herstellte.

Im Frühjahr 1959 wurde der russische Fischdampfer »Noworossisk« von der US-Fregatte »Roy O. Hale« nahe der Stelle ertappt, wo kurz zuvor die fünf wichtigsten Transatlantik-Kabel durchschnitten worden waren.

Auch 1960 wurden sechs Atlantikkabel durchschnitten, und zwar an einer Stelle, an der zur gleichen Zeit 200 sowjetische Trawler fischten. Dabei wurde auch das Kabel unterbrochen, das Washington direkt mit dem Nato -Oberkommando in Europa verbindet.

Der US-Geheimdienst vermutete damals, daß die Russen testen wollten, welche anderen - abhörsicheren - Nachrichtenverbindungen den USA bei einem Verlust der Atlantik-Kabel notfalls zur Verfügung stehen (um auch diese im Ernstfall stören zu können).

Die zumeist mit Reservisten der sowjetischen Kriegsmarine bemannten Fischdampfer scheuen sich auch nicht, Maschinenschaden vorzutäuschen, um in einen interessanten Nato-Hafen einlaufen zu können.

Im Gegensatz zu Chruschtschow, der amerikanische U-2-Aufklärer mit Raketen vom Himmel holen lassen kann, ist Kennedy gegen die roten Spionage -Fischer vor seinen Küsten machtlos, solange sie in internationalen Gewässern bleiben.

Resümierte US-Senator Kenneth

Keating: »Bei dieser Geschichte sind wir immer die Dummen.«

Fischdampfer »Vega« vor New York: Nato-Kabel durchschnitten

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