PROZESSE / MANSON Immer gesessen
In der 23. Woche und am 99. Tag des Prozeß-Grusicals in der Hall of Justice von Los Angeles kam der Hauptangeklagte doch noch zu Wort -- zornig, aber auch beschwörend und gelegentlich sogar den Tränen nahe.
»Ich habe niemanden getötet und auch nicht befohlen, daß irgend jemand getötet werden soll«, beteuerte jener Charles Manson, 36, in dem die amerikanische Öffentlichkeit schon Monate vor Beginn des Prozesses den intellektuellen Urheber der Abschiachtung von sieben Menschen sahen.
Eher einem jungen Mann von der Tankstelle an der nächsten Ecke ähnlich als dem satanischen Messias eines Mörderkults, erwies sich Manson, der kurz zuvor seinen Bart hatte abnehmen und das schulterlange Haar hatte schneiden lassen, als hervorragender Verteidiger in eigener Sache: »Ich habe mein Leben im Gefängnis und ohne Eltern verbracht ...«
Doch Charles Manson hielt -- in Abwesenheit der zwölf Geschworenen -- einen Monolog. Keines seiner Worte wird die Jury erreichen, bevor sie, vermutlich noch im Dezember, ihr »Schuldig« oder »Nicht schuldig« spricht. Denn am 97. und 98. Sitzungstag war es Manson und seinen drei Mitangeklagten noch einmal gelungen, die Mängel des amerikanischen Strafprozesses sichtbar zu machen.
Hartnäckig bestanden die Angeklagten Susan Atkins, Patricia Krenwinkel und Leslie van Houten, im Jargon der Boulevard-Blätter die »Sklavinnen« Charles Mansons, darauf, im Zeugenstand auszusagen. Doch ihre Verteidiger waren nicht bereit, sie aufzurufen. Vergebens ließ Richter Older die Angeklagte Atkins vortreten und befahl ihrem Verteidiger Shinn, seiner Mandantin Fragen zu stellen. Shinn: »Ich habe keine Fragen, Euer Ehren.«
Richter Older, vor die Wahl gestellt, entweder neue Verteidiger zu berufen (und damit den Prozeß von vorn zu beginnen) oder selbst anstelle der Verteidiger Fragen zu stellen (und damit wahrscheinlich einen Revisionsgrund zu schaffen) oder aber den Angeklagten zu erlauben, sich selber Fragen zu stellen und diese zu beantworten (was eine groteske, die Annullierung des Urteils mit Sicherheit herbeiführende Lösung gewesen wäre), entschied sich für einen Ausweg, dem es an jedem prozeßrechtlichen Sinn gebricht: Er ließ Erklärungen der Angeklagten in Abwesenheit der Jury zu, eine unmögliche Möglichkeit, von der nur Charles Manson Gebrauch machte: »Ich will aussagen, gleichgültig, ob vor den Geschworenen oder ohne die Geschworenen.«
Was dem Angeklagten Manson gleichgültig sein »mag, ruiniert den Respekt vor dem Fair Trial, dem Strafprozeß der Vereinigten Staaten, endgültig. In einem Strafprozeß, den bereits kein geringerer als Präsident Nixon unzulässig beeinflußt hatte, indem er kurz nach der Eröffnung den Angeklagten Manson öffentlich für schuldig erklärt (SPIEGEL 35/1970), kam einer von vier Angeklagten fast zwei Stunden lang zur Person und zur Sache zu Wort, ohne daß seine Aussage irgendeinen Einfluß auf die Entscheidung der Geschworenen haben wird. Ein schlimmeres Beispiel dafür, daß dieser amerikanische Strafprozeß rechtsstaatlichen Vorstellungen nicht mehr genügt, konnte kein Kritiker erwarten.
»Ich habe schon immer in eurer Gefängniszelle gesessen«, monologisierte Charles Manson in Los Angeles. »Wenn ihr draußen Fahrrad fuhrt, saß ich in eurer Zelle, sah aus dem Fenster, betrachtete Bilder in Zeitschriften und wünschte, ich könnte zur Schule gehen oder ins Konzert ... und hätte ich nicht in der Einsamkeit meiner Gefängniszelle den Sonnenschein gesehen, so wäre ich mit der Gefängniszelle zufriedener gewesen als mit eurer Gesellschaft.«
Doch die Frage, ob Charles Manson, dieses Produkt einer Gesellschaft, die gegen das Verbrechen nach Law and Order ruft, während sie Armut, Chancenlosigkeit und Unbildung duldet und damit zu immer ärgeren Verbrechen anstiftet, wirklich die Ermordung von sieben Menschen befohlen hat, ist nicht ergründet worden: Tet Watson, bei den Morden in der Villa der Schauspielerin Sharon Tate und im Haus des Ehepaars La-Bianca neben den weiblichen Angeklagten als einziger Mann beteiligt, wurde während des Prozesses für geisteskrank und verhandlungsunfähig erklärt.
Und auch die Frage, ob die sieben grauenvollen Morde nicht vielleicht der Aktivität des geisteskranken Watson zur Last zu legen sind, wird wohl nie beantwortet werden. Klagte Manson in Los Angeles: »Ihr braucht einen sadistischen Unhold, weil ihr selbst so beschaffen seid ...«