RHODESIEN Immer grausamer
Die Leichen lagen am Rande eines Cricket-Platzes, acht Männer und Frauen. vier Kinder. Die Körper waren mit Bajonetten zerstochen, die Gesichter und Schädel mit Gewehrkolben und Äxten zerschmettert.
Es handelte sich um weiße Mitglieder einer britischen Missionsstation nahe der südrhodesischen, an der Grenze zu Mosambik gelegenen, Stadt Umtali. 20 schwarze Guerrilleros, so berichtete ein Entkommener, hätten das Massaker angerichtet.
250 schwarze Missionsschüler hätten sie auf einem Spielplatz zusammengetrieben und über das Versagen der Interimsregierung aufgeklärt. Danach seien die schwarzen Krieger über die nahe Mosambik-Grenze verschwunden.
Rhodesiens trotz schwarzer Beteiligung noch immer weiß geführte Regierung wollte sicherstellen, daß die Welt von der Greueltat erfuhr. Leichen sowie Mordwerkzeuge -- Äxte und Knüppel -- blieben unverändert liegen, bis Reporter und Photographen aus der Hauptstadt Salisbury mit Sondermaschinen eingeflogen waren.
Bei einem anderen Massaker, Mitte Mai, waren Schwarze die Opfer. Mindestens 52 Bewohner eines schwarzen Stammesgebiets, unweit von Fort Victona, starben, als Regierungssoldaten das Feuer auf vermeintliche Guerrilleros eröffneten. In diesem Fall blieben die Umstände ungeklärt -- und auch, ob statt der offiziell zugegebenen 52 nicht vielmehr, wie etwa Bischof Abel Muzorewa weiß, 105 Zivilisten ums Leben kamen.
Alle Appelle an die Regierung, die von ihren Soldaten angerichtete Massenerschießung zu untersuchen, verhallten damals ungehört.
Bischof Muzorewa, einflußreichstes schwarzes Mitglied der Übergangsregierung, resignierte: »Der Nachrichtenwert ist wohl immer größer, wenn es sich um Weiße handelt.« Die Äußerung des Bischofs zeigt die Spannungen in der von dem weißen Premier Jan Smith und den Schwarzen-Führern Muzorewa, Sithole und Chirau geleiteten Übergangsregierung. Noch sieht es nicht so aus, als hörten die Guerilleros der militanten Afrikanerführer Nkomo und Mugabe tatsächlich auf die Friedensappelle der Gemäßigten, so wie diese immer behauptet hatten. Im Gegenteil: Der Buschkrieg wird von Woche zu Woche grausamer.
So starben vergangene Woche, angeblich durch schwarze Guerrilleros, Gregor Richert und Bernhard Lisson, zwei deutsche Jesuiten-Missionare.
Gerade aber die Geistlichen in Rhodesien, die katholischen voran, sind bisher am mutigsten unter allen Weißen für die Sache der Schwarzen eingetreten. Gerade sie haben das von der weißen Obrigkeit an den Afrikanern begangene Unrecht stets am schärfsten angeprangert.
Warum die Missionare jetzt zur Zielscheibe der Untergrundkämpfer geworden zu sein scheinen, ist den meisten Rhodesiern unerfindlich. Doch dies ist nur eines der Rätsel in einem Land, dessen weiteres Schicksal niemand mehr vorherzusagen wagt.
Unzufriedenheit mit der Übergangsregierung herrscht bei Weißen und den meisten Schwarzen, die noch im März die Vereinbarung des Machtwechsels als Schritt zu einer friedlichen Lösung begrüßt hatten.
Der Guerillakrieg entmutigt vor allem die Weißen. Während die Politiker der Übergangsregierung ständig von neuen Schritten zur »Deeskalation des Kriegs« reden, gibt gleichzeitig das militärische Oberkommando immer höhere Zahlen von schwarzen und weißen Opfern bekannt.
In den Restaurants und Cafés der Hauptstadt Salisbury, früher immer voll besetzt, finden sich kaum noch weiße Gäste. Die in der Mittagszeit sonst so belebten Straßen der Innenstadt erscheinen heute ungewöhnlich verlassen.
Unzufriedenheit macht sich auch in den schwarzen Vorstädten breit. Bisher hatten die meisten Bewohner Rhodesiens sich abwartend verhalten. Aber von Tag zu Tag sehen sie deutlicher, daß die Politiker »nur Spielchen miteinander treiben, miteinander reden und reden« -- so ein enttäuschter Schwarzer.
Ausgeblieben sind versprochene Schritte zu Reformen, ausgeblieben ist auch die Abschaffung der Wehrdörfer, in denen ein grausames Kriegsrecht das Schicksal der Bewohner oft von der Laune eines weißen Rekruten abhängig macht.
Über den Krieg erfahren die Rhodesier nur, was die militärische Zensurbehörde durchgehen läßt, und die sperrt oft sogar Verlautbarungen ihrer neuen Vorgesetzten Muzorewa und Sithole.
Wie unter diesen Umständen die Wahlen veranstaltet werden können, die laut Plan noch vor dem Ende dieses Jahres den Weg ins zukünftige Simbabwe ebnen sollen, bleibt fraglich.
Angesichts der Bedrohung durch die Guerrilleros wird der Regierung wohl nichts anderes übrig bleiben, als jedes Wahllokal durch Truppen streng bewachen und den Transport der Wähler sichern zu lassen. Die Freiheit der Wahl wird damit in Frage gestellt.
Die vordringlichste Aufgabe der gemischten Übergangsregierung in Salisbury bleibt es, so Londons »Financial Times«, »eher die Unterstützung durch die Schwarzen zu gewinnen als die Moral der Weißen aufrechtzuerhalten«.
Selbst die weißen Offiziere Rhodesiens bekennen sich inzwischen schon zu dieser Ansicht. »Wir können den Politikern zwar die Plattform sichern«, drängte ein weißer Truppenführer, »aber jetzt müssen sie endlich einmal in Bewegung kommen.«