JAPAN / ARBEITSKRÄFTE Immer knapper
Früher standen die japanischen Produkte im Ruf, billig und minderwertig zu sein«, schrieb das US-Wirtschaftsmagazin »Fortune«, »heute sind sie nur noch billig,« Künftig drohen sie teurer zu werden.
Vom Transistorradio bis zum Stahlwerk vermochte Japan dem Rest der Welt nahezu alles zu verkaufen. Seine Konkurrenten auf dem Weltmarkt schlug es oft mit konkurrenzlos niedrigen Preisen.
Doch eine der wichtigsten Quellen des Erfolgs, ein scheinbar unerschöpfliches Reservoir billiger Arbeitskräfte, versiegt,
Noch nie waren Arbeitskräfte in Japan so knapp wie heute. Allein im letzten Jahr blieben 1,8 Millionen Facharbeiterstellen unbesetzt. Auf jeden Arbeitslosen warteten drei freie Jobs. Mittelschulabgänger konnten zwischen fünf offenen Stellen wählen, Abiturienten sogar zwischen sechs. 41 Prozent aller Wirtschaftszweige hatten nicht genügend Beschäftigte.
»Die Arbeitskräfte-Verknappung muß zwangsläufig zunehmen«, klagte Tadayoshi Yamada, Top-Manager der Yawata Iron & Steel Corporation, des größten japanischen Stahlerzeugers, »und wird Mitte der siebziger Jahre in aller Schärfe zu spüren sein.«
Wächst die Wirtschaft wie bisher, braucht Japan, so schätzt der japanische Arbeitgeberverband, in etwa fünf Jahren neun Millionen neue Arbeiter -- aber nur eine Million Schulabgänger wird dann verfügbar sein. Heute arbeiten in Japan rund 52 Millionen Menschen, davon 17 Prozent in der Landwirtschaft.
Der Engpaß am Arbeitsmarkt drückt die Löhne nach oben. Schon haben die Gewerkschaften eine Offensive gestartet, die Lohnerhöhungen um durchschnittlich 16 Prozent bringen soll (gegenüber jährlichen Lohnsteigerungen von zehn bis 14 Prozent seit 1965).
Für den Fall, daß die Lohnkosten weiter steigen, prophezeiten US-Wirtschaftsexperten bereits frohlockend »eine Verschlechterung der Wettbewerbsposition japanischer Waren auf dem Weltmarkt.
Die Industrie-Bosse im fernöstlichen Wirtschaftswunderland stellen im fünften Jahr der Hochkonjunktur bekümmert fest, daß sie Personalmangel nur zum Teil und viel zu langsam durch Rationalisierung und Automation ausgleichen können -- wenn überhaupt.
Japans Inlands-Fluggesellschaft etwa, die All Nippon Airways, mußte in Europa auf Piloten-Suche gehen, weil sie 200 Plätze in ihren Flugzeugkanzeln nicht besetzen konnte.
Die Gesellschaft bot dabei Gehälter, die zwischen 30 und 40 Prozent über denen lagen, die einheimische Piloten beziehen. Für Japans internationale Fluggesellschaft, die Japan Air Lines, fliegen ebenfalls ausländische Piloten -- etwa 200.
Fast ein Drittel aller japanischen Unternehmen mußte letztes Jahr Aufträge an andere Firmen des In- und Auslands weitergeben, weil Arbeiter fehlten.
Arbeitermangel könnte sogar, so fürchtet der Stahlindustrielle Yamada, Japans ehrgeiziges Ziel umwerfen: bis etwa 1973 mit einer Jahresproduktion von 113 Millionen Tonnen Stahl auf der Weltrangliste der Stahlproduzenten weiter an die USA und die Sowjet-Union, die heute vor Japan mit weitem Abstand die ersten Plätze halten, aufzuschließen.
Den Weg, den andere Industriestaaten wie etwa die Bundesrepublik gingen, um neue Arbeitskräfte zu gewinnen, will Japan nicht einschlagen. Trotz aller Weltoffenheit lehnt es die Anwerbung von Gastarbeitern etwa aus Südkorea oder Formosa ab. Zu groß ist Japans Widerwillen, Fremde in seine traditionsverhaftete Gesellschaft aufzunehmen. Schon die Aussicht, daß Arbeitslose von der Insel Okinawa herbeiströmen könnten, beunruhigt manche Japaner. Denn die Insel-Bevölkerung ist den Japanern zwar verwandt, aber eine Mischung aus verschiedenen asiatischen Rassen.
Und ehe sie Ausländer anwerben, ziehen Nippons Firmen-Bosse es vor, Fabriken im Ausland zu errichten.
Japans Arbeitskräftemangel hat vor allem zwei Gründe: sinkende Geburtenrate und längere Schulausbildung.
Heute kommen auf 1000 Japaner pro Jahr nur noch 18 Geburten, 1947 waren es noch 34. Die Zahl der Geburten ging zurück, seit Tokio 1948 ein Gesetz erließ, das Schwangerschaftsunterbrechung bei »geistigen Störungen oder wirtschaftlichen Schwierigkeiten« erlaubt.
Heute sind 42 Prozent aller Japaner unter 25 Jahre alt, 1985 werden es, so erwarten Experten, nur noch 27 Prozent sein; die Arbeitsbevölkerung wird in den nächsten zehn Jahren um jährlich weniger als zwei Prozent wachsen.
Japans Wirtschaft erwartet daher radikale Veränderungen in den Arbeitsbeziehungen und in der Sozialstruktur des Landes.
Bisher wählte der Japaner seinen Arbeitsplatz in der Regel auf Lebenszeit. Mit seinem -- patriarchalisch aufgebauten -- Unternehmen identifiziert er sich wie mit seiner Familie, Entlohnt wird er weniger nach Leistung, Verantwortung und Art seiner Tätigkeit, sondern nach Alter und Dauer seiner Betriebszugehörigkeit. Ein erheblicher Teil seines Einkommens sind besondere Sozialleistungen und Gratifikationen des Unternehmens. Die Folge ist eine nahezu völlige Immobilität und Abhängigkeit vom einmal gewählten Arbeitgeber.
Unter dem Zwang, neue Arbeitskräfte anzuwerben, erstreben immer mehr japanische Firmenchefs und Gewerkschaftsbosse mehr Mobilität, leistungsorientierte Bezahlung und -- für Japan revolutionär -- Einstellung auch verheirateter Frauen. Das Pensionsalter soll von 55 Jahren auf 80 oder gar 65 erhöht werden -- zur Befriedigung vieler Arbeiter, denn die staatliche Altersversicherung ist unzureichend.
Für Japan bisher typische, aber unproduktive Jobs verschwinden immer mehr: Ein Kaufhaus an Tokios Ginza beispielsweise beschäftigt junge Mädchen, deren einzige Aufgabe es ist, sich an den Rolltreppen vor den Besuchern zu verneigen und sie mit zarter Stimme willkommen zu heißen. Doch dieser Beruf stirbt aus, »so sicher, wie der Kimono dem Minirock weicht« ("Business Week").
Und der Automobilgigant Nissan Motor Co. etwa will auf eine mittelalterlich anmutende Verkaufs-Tradition verzichten: durch Vertreter von Tür zur Tür Automobile wie Bürsten feilzubieten.