Martin Morlock IMMER NEUTRAL
Ein Schneider aus Ulm wurde berühmt durch eine vertikale und daher, laut Galileischem Gesetz, verhängnisvolle Ortsveränderung. Ein Schneider aus Stuttgart erlangte Glorie vermöge einer von ihm bewirkten horizontalen Bewegung: der des Argentiniers Rattin vom Spielfeld in die Umkleidekabine.
Während im Londoner Lustviertel Soho deutsche Reisepatrioten, genannt »Schlachtenbummler«, nach Mitternacht rat- und fassungslos an geschlossenen Lasterhöhlen vorüberpilgern, nicht ahnend, daß sie schon für drei Shilling ordentliches Mitglied eines ganznächtlich geöffneten Striptease-Clubs werden könnten, liegt Schneidermeister und Schiedsrichter Rudolf Kreitlein, 46, im Zimmer Nr. 639 des Kensington Close Hotels und träumt sich als Held jenes Weltmeisterschaftstages zurück, da England über Argentinien triumphierte.
Nicht der kleinste Alp drückt seine Schwabenbrust, denn wenn überhaupt etwas, hat er der englischen Presse das für ihn Günstige entnommen. So versetzen ihn die Fragen, die ich zu schicklicher Stunde an ihn richte, nachgerade in Erstaunen.
Ob er, des Spanischen nicht mächtig, womöglich einen allzu temperamentvoll geäußerten Sympathie-Erweis des Argentiniers mißdeutet habe.
Nein, erfahre ich. Der Spieler mit der Rückennummer 10 sei ganze fünf Meter neben ihm hergelaufen und habe eine Entscheidung reklamiert - »das allein ist schon eine Unsportlichkeit; wenn ich ihn nicht hinausgeschmissen hätte, dann hätte er so weitergemacht«. Überdies habe Rattin den Schiedsrichter »angebrüllt«. Und das genüge.
»Manche Beobachter glauben, Sie seien etwas zu nervös gewesen. Wie denken Sie darüber?«
»Wäre ich nervös gewesen, hätte ich Rattin nicht hinausgestellt.«
»Ist es ein banges Gefühl, bei einer World-Cup-Begegnung Schiedsrichter zu sein?«
»Wenn ein Schiedsrichter Angst hat, wird er es nie zu einer Spitze bringen. Ein Schiedsrichter braucht Mut und Energie und muß Nerven haben wie Stahl.«
»Halten Sie es für richtig, daß bei Fußball-Weltmeisterschaften der Unparteiische einer Nation angehören darf, die noch im Rennen liegt?«
»Man soll doch nicht unterstellen, daß jemand von uns eine Mannschaft bewußt benachteiligt. Ein Schiedsrichter ist immer neutral; er sollte sogar ein Spiel der eigenen Mannschaft pfeifen können.«
Goldene Worte aus dem Munde eines, der schon mit 18 Jahren die Schiedsrichterprüfung ablegte und - nach jedesmal unermüdlichem Waldlauf training in Stuttgart -Degerloch - so wichtige Ballschlachten wie das deutsche Pokal -Endspiel zwischen dem HSV und Borussia Dortmund, das Fifa -Jugendturnierfinale zwischen England und Nordirland in Wembley, das Weltmeisterschafts-Qualifikationsspiel Schottland - Italien in Glasgow oder das Treffen zwischen Real Madrid und Partizan Belgrad um den Europa-Cup lenkte.
Eine allzu menschliche Regung freilich will auch der Neutrale Kreitlein nicht in Abrede stellen: Immer wenn es ihm gelungen ist, ohne Leibesschaden zur Gattin zurückzukehren, überkommt ihn Freude. Denn: »Die Hauptsache ist doch ein gesundes Familienleben.«
Auch das Berufsleben, nahe beim Stuttgarter Fernsehturm in einem Herren- und Damenschneideratelier sich vollziehend, verlangt intakte Körperteile, zumal mir Meister Kreitlein, nach einer Vorrede über die Untunlichkeit des Eigenlobs, versichert: »Ich bin nicht nur ein guter Schiedsrichter, auch in meinem Beruf kann ich was.« Beweis: zwei Goldmedaillen und »mehrere erste Preise«.
Einen dritten, schlagenden Beweis habe ich bei unserem Gespräch ständig vor Augen: Rudolf Kreitleins blauen Fußballbundesblazer.
Als der DFB mit der Einkleidung der bundesdeutschen World-Cup-Delegation ein Unternehmen in einer süddeutschen Mittelstadt meinte betrauen zu müssen, obgleich dessen Eigentümer keinen Freistoß, geschweige einen Elfmeter zu verhängen weiß, schlug dem für Textilien zuständigen Kameraden das Bundesgewissen, und er schickte nicht das fertige Ausgehgewand nach Stuttgart, sondern nur den Stoff, so daß Herr Kreitlein an seine äußere Erscheinung selbst Hand anlegen konnte. »Die habe genau gewußt, daß ich sonst alles wieder aufgetrennt hätt'.«
Genüßlich öffnet der Unparteiische die Metallknöpfe seiner Oberbekleidung und läßt mich tiefen Einblick in die Brieftaschengegend nehmen, wo in schwungvollem Schriftzug das Firmenzeichen prangt: »Meine Kunden sind stolz, auf ihrer linken Innentasche den Namen Kreitlein tragen zu dürfen.«
Kreitlein