Immer noch Tut-Tut-Tut - DER SPIEGEL
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Telefon Immer noch Tut-Tut-Tut

Die Bonner Regierung verkündete das Ende der Telefon-Not zwischen Ost und West - zu früh.
• aus DER SPIEGEL 29/1991
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Bundespost lud zum Feiern - beim Festakt in Dresden telefonierte Ministerpräsident Kurt Biedenkopf (CDU) mit Tokio. Am vorletzten Sonnabend war »Telekom-Tag« in der früheren DDR, denn in acht ostdeutschen Großstädten gingen nagelneue Vermittlungszentralen für das Telefonnetz in Betrieb.

Ein sogenanntes Overlay-Netz, eine Art fernmeldetechnischer Autobahn, sei nun fertiggestellt, prahlte die Telekom. 24 000 Fernsprechleitungen zwischen West- und Ostdeutschland stünden neu zur Verfügung. Postminister Christian Schwarz-Schilling (CDU) verkündete »für die östlichen Bundesländer eine neue Ära im Telefondienst«.

Die frohe Botschaft für die unterversorgten Telefonkunden hatte allerdings einen Haken: Hinterher blieb fast alles wie zuvor.

»Rauschen, Knacken, Besetztzeichen« meldeten die Zeitungen landauf, landab vom Telefonhörer und berichteten, die Ostdeutschen wählten »sich auch weiterhin die Finger wund« (Deutsche Presse-Agentur). Postkunden zählten mit: 20 bis 30 Wählversuche von Potsdam nach Berlin, sogar 120 bis zum Freizeichen von Ost-Berlin nach Bonn.

SPIEGEL-Korrespondenten in der Ex-DDR meldeten ebenfalls Schwierigkeiten, in Leipzig sogar über lange Phasen Besetztzeichen schon nach der ersten Null. Ähnliches berichteten Sekretärinnen in den Ost-Büros großer Unternehmen, die tagsüber noch immer vergebens versuchen, in den Westen zu wählen.

»Herr Minister, es macht immer noch Tut-Tut-Tut«, spottete die Ost-Berliner Super-Zeitung und bedachte Schwarz-Schillings Sprüche ("Das Besetztzeichen wird nur noch in Spitzenzeiten zu hören sein") mit der Schlagzeile: »Die Telefon-Lüge!«

Mit einer Schwindelkampagne hatte die Telekom allerorten falsche Hoffnungen geweckt. In Rostock feierten Tausende Bürger den Schritt ins »neue Telefonzeitalter«, auch in Chemnitz, Leipzig, Erfurt gab's Straßenfeste, und die nachher so empörte Super-Zeitung hatte sich zunächst ebenfalls täuschen lassen: »Tut-tut-tut ade!«

In Wahrheit handelte es sich bei dem gefeierten Overlay-Netz keineswegs um die endgültige Zukunftslösung. Das »neue Telefonnetz in modernster Digital-Technik« (Bild) ist im Grunde lediglich ein großes Provisorium, das »über das alte, marode Netz gestülpt« wurde, wie Schwarz-Schilling beschrieb.

Da die digitale Gesamtlösung, vom Postminister unter dem Stichwort »Telekom 2000« angekündigt, zu lange auf sich warten läßt, entschloß sich die Bonner Telefonbürokratie zu einer Zwischenlösung, die sie allerdings schon vor einem Jahr hätte anbieten können. So überbrückte sie die Ost-West-Schneise der früheren Zonengrenze teilweise mit Satelliten- und Richtfunkstrecken, die früher zu mobilisieren gewesen wären.

Zunächst schien es, als würde das Overlay-Netz zum Telekom-Tag nicht einmal fertig. Das Fernmeldetechnische Zentralamt (FTZ) in Darmstadt räumte Anfang Juni in vertraulichen Amtsschreiben ein, bei der »Bereitstellung des Ü-Netzes«, also der überregionalen West-Ost-Verbindungen, seien »Verzögerungen eingetreten«, die den weiteren Netzausbau auch innerhalb der neuen Bundesländer »behindern«. Für die Telefonverbindungen zwischen alten und neuen Bundesländern, hieß es in dem Schreiben, solle »ein sog. Minimumnetz« geschaltet werden.

Doch das FTZ tat alles, um den »in der Öffentlichkeit festgeschriebenen Termin für die Einschaltungen des Netzes (06.07.91) einhalten zu können« (Brieftext). Den Termin hatte Telekom-Vorstandsmitglied Dieter Gallist vorgegeben: »In der ersten Juli-Woche«, verkündete er bereits im April in der Presse, könne nach dem Ausbau des Overlay-Netzes »nahezu reibungslos telefoniert werden«.

In einer »Aufholaktion« sei es gelungen, die anfänglichen Verzögerungen wettzumachen, versichert FTZ-Abteilungsleiter Reiner Kostka in Darmstadt. Besondere Sorge hatte den Postlern der Einsatz von Rechnerprogrammen etwa bei neuen Glasfaserstrecken von Berlin nach Niedersachsen und Bayern bereitet, deren geplante Starttermine Anfang Juni von den beauftragten Industriefirmen überschritten wurden. Doch »in der Summe«, versichert Kostka, sei »das gesamte Volumen geschaltet worden wie vorgesehen«. Die Teams hätten in Schichten teilweise »24 Stunden am Tag« gearbeitet.

Von Beginn an war aber klar, daß durch das digitale Overlay-Netz nur ein Zwischenstück der Telefonstrecken ausgebaut worden ist: der Bereich der Fernverbindungen. Jeweils am Anfang und am Ende der Strecke, beim Anrufer wie beim Angerufenen, existiert auf Ortsebene noch immer das von Schwarz-Schilling kritisierte »alte, marode Netz« in überholter Analogtechnik.

»Wir müssen«, erläutert FTZ-Kostka sein Schnittstellenproblem, »erst einmal aus dem Stadtgebiet« und seinem maroden Netz heraus und die Fernverbindungen erreichen. Danach muß sich der Ruf wiederum in das Ortsnetz des angerufenen Fernsprechers einfädeln. Auf manchen Telefonstrecken klappt das schon; aber daß es »da und dort im analogen Ortsnetz noch Engpässe« gibt, mag auch Kostka »nicht ausschließen«.

Haben Gallist und sein Vorstandschef Helmut Ricke am Telekom-Tag einen technischen Torso hochgejubelt? »Es sind vielleicht zu hohe Erwartungen geweckt worden«, erfuhr die Super-Zeitung nach dem fortdauernden Tut-Tut von dem kleinlauten Schwarz-Schilling, aber bis zum Jahresende werde »jeder Telefonbesitzer eine tadellose Verbindung haben«.

Das ist schon deshalb unwahrscheinlich, weil das Overlay-Netz in nächster Zeit zusätzlich strapaziert wird. Die Telekom will allein in diesem Jahr 500 000 neue Telefonanschlüsse in der Ex-DDR schalten. Dadurch werden die neuen Fernleitungen, die teilweise schon jetzt kaum die volle Auslastung verkraften können, gleich wieder überlastet. Experten sagen daher noch jahrelange Telefon-Engpässe für die neuen Bundesländer voraus.

Der mundfertige Tempomacher Gallist, der früher bei dem Elektrounternehmen Bauknecht Hausgeräte verkauft hatte, ist von seiner Zuständigkeit im Telekom-Vorstand für die Ex-DDR inzwischen entbunden worden. Zum Nachfolger berief Vorstandschef Ricke den bisherigen Bundesbahnvorstand Wilhelm Pällmann, 57.

Pällmann wird bei Schwarz-Schillings Bonner Postdienst-Behörde für erhebliche Schwierigkeiten und Verzögerungen im Bahnpostverkehr zwischen Ost- und Westdeutschland verantwortlich gemacht. o

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