Immer Pech - DER SPIEGEL
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Lübke Immer Pech

• aus DER SPIEGEL 44/1966
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Kabarettist Dieter Hildebrandt suchte Antwort auf die Frage: »Was ist ein Pharisäer?«

Angeschlossen war das Deutsche Fernsehen. In einer Direktübertragung aus dem Münchner Brettl-Raum der »Lach- und Schießgesellschaft« genoß das Tele-Volk am 13. Juli, wie die Pharisäer so der Titel des Programms – den Notstand probten.

»Ich müßte«, legte Hildebrandt los, »aus dem Religionsunterricht eigentlich wissen, was ein Pharisäer ist. Aber ich bin im Dritten Reich aufgewachsen, da haben wir in Religion immer über Hindenburg gesprochen.«

Und in plötzlicher Erinnerung daran, daß wenige Tage zuvor Bundespräsident Dr. Heinrich Lübke in München den 17. Internationalen Milchwirtschaftskongreß eröffnet hatte, erlaubte sich Hildebrandt eine »zusätzliche Bemerkung«. »In entscheidenden Momenten unserer Geschichte«, so improvisierte er, »haben wir immer Pech mit unseren Staatsoberhäuptern. Damals ein Militär, heute ein Milchwissenschaftler.«

So durfte nicht gescherzt werden: Bald nach der Sendung hielt Lach- und Schieß-Chef Sammy Drechsel eine Mitteilung des bayrischen Fernsehdirektors Dr. Clemens Münster in Händen, mit Live-Sendungen könne das Kabarett nun nicht mehr rechnen. Die Milch-Pointe, so Münster, sei nicht zu billigen. Und jetzt, vorletzte Woche, forderte auch Kirchenrat Gerhard Hildmann, Vorsitzender des Fernseh- und Richtlinienausschusses im bayrischen Rundfunkrat, künftig dürfe – um eine »gewisse Kontrolle« zu haben – die Münchner Lachsendung nur noch als Bandaufnahme verbreitet werden.

Die Münchner TV-Aufseher fanden nicht allein das Hildebrandt-Solo despektierlich. Auch zwei Szenen des Hildebrandt-Kollegen Hans Jürgen Diedrich, die gleichfalls das Staatsoberhaupt betrafen, erregten ihr Mißvergnügen.

Diedrich als Berliner, der die Münchner Olympischen Spiele organisieren will: »Seht zu, det der Lübke nich wieder die Eröffnungsrede hält. Der braucht so lange, bis er merkt, wo er ist, det sich alle Termine verschieben, und die Schlußfeier fällt uff'n Montag.«

Und Diedrich an anderer Stelle: »In der Bundesrepublik ist das Volk Kaiser, aber weil nicht jeder Kaiser sein kann, wählt sich angeblich das Volk ein Staatsoberhaupt nach seinem Ebenbild.«

Während Kabarett-Chef Drechsel in München Besprechungen über die Fernsehzukunft seiner Truppe begann, zog die »Lach- und Schießgesellschaft« auf Tournee und reicherte ihr Pharisäer-Programm um eine weitere Lübke -Pointe an:

Dieter Hildebrandt letzte Woche in seinem neuesten Solo: »Wir haben 'ne ganze Menge Tabus, zum Beispiel das dritte Tor beim Spiel gegen England. War das Ding nun drin oder war es nicht drin? Keiner hat's gesehen. Der einzige, der's gesehen hat, war unser Bundespräsident. Mit den Augen scheint's bei ihm zu stimmen.«

Aber: »Solches darf man nun auch nicht mehr live sagen. Ich finde das durchaus richtig, eine gerechte Entscheidung. Aber, gleiches Recht für alle. Ihn hätten sie schon lange nicht mehr live reden lassen sollen.«

Letzte Auskunft der Münchner Sendegesellschaft: »Es ist noch ganz intern, aber es gibt gar keine Unstimmigkeiten.«

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